Warten, was der Fluss so bringt von Fritz Popp, 2002, Haymon

Fritz Popp

WARTEN, WAS DER FLUSS SO BRINGT
(
Leseprobe aus der Titelgeschichte: Warten, das der Fluss so bringt, Schwarze Geschichten, 2002, Haymon)

Warum ich hier geblieben bin?
In diesem Nest?
Eine gute Frage, aber ich höre sie beileibe nicht zum ersten Mal.
Also, ich hätte als Arzt in jedem Krankenhaus die besten Aufstiegschancen gehabt, die allerbesten. War ja schon mitten in der Ausbildung zum Facharzt, und damals gab es ja noch viel zu wenige davon. Von Ärzteschwemme keine Spur. Bin dann aber doch zurückgegangen nach Gumperting, hierher, in dieses Kaff, meine Heimatgemeinde, als mein Vorgänger, der alte Dr. Stöttinger, Gott hab in selig, ganz unvermittelt gestorben ist. Ja, auch Ärzte sterben.
Mein Heimatdorf! Ein 1600-Seelen-Dorf! Dorf! Kaff! Exil! Und das freiwillig! 1600 Seelen mit Geschwüren, Ausschlägen, Brüchen. Verbogene, verbrannte, gebrochene, zerquetschte Seelen. 1600 Seelen, was sag ich: 1600 Körper! Die Seelen sind mir immer fremd gewesen und natürlich auch nicht mein Gebiet. Zumindest nicht in meiner Ausbildungszeit. Heute müssen die jungen Ärzte ja auch ein bisschen Psychologie und anderen Schabernack lernen. Sollen sie, das verlängert die Ausbildungszeit und bremst vielleicht die Ärzteschwemme.
Keine Seelen also.
1600 Körper. Leiber.
Meine Leibeigenen.
Ja, Leibeigene, mit Haut und Haaren.
Ein Nest mit 20 Begräbnissen pro Jahr und fast ebensovielen Geburten.
Gumperting!
Anus mundi sagten wir in unserer Studienzeit.
Und ich: der Albert Schweitzer von Gumperting.

Mein Gott, waren meine Eltern stolz auf mich! Noch stolzer, als wäre ich Pfarrer geworden. Stolz war zwar eine Sünde, aber auch die einzige Waffe meiner Mutter. „Der Karl, unser Bub, ja, meiner, wird der neue Gemeindearzt“. Das konnte sie den Nachbarn nicht oft genug unter die Nase reiben. Die Praxis vom Dr. Stöttinger hab ich ja übernehmen können. Hat natürlich die Gemeinde zur Verfügung gestellt. Eine Apotheke dazu, das hab ich mir ausbedungen, die gehört dazu, damit es sich rentiert. Ganz im Sinne der Patienten und der ländlichen Gesundheitsvorsorge, übrigens. Die Apotheke hat früher meine Frau betreut, jetzt macht das das Fräulein Schachinger. Die stammt nicht aus Gumperting. Eine der vielen Zugezogenen, die sich entlang der Bundesstraße angesiedelt haben. Immer mehr wird die Gemeinde eine Schläfergemeinde: man arbeitet in der Stadt, geht aus in die Stadt, lebt dort, nur zum Schlafen eben kommt man hierher in die aufgepropften, einfallslosen Reihenhaussiedlungen. Und am Wochenende fliegt jeder aus. Gibt ja auch nichts hier. Eine kulturelle Wüste, ein Katastrophengebiet. Genau, das ist gut: ein Katastrophengebiet. Meines.
Im Hauptort: 3 Gasthäuser, eine Kirche, ein Geschäft, sonst nix. So schaut´s aus! Nicht einmal eine Tankstelle! Mein Lambarene. Eine Gemeindebibliothek - so klein, daß nur zwei Leut reinpassen. Wenn einer ein Buch aus dem Regal nimmt und umblättert, wird es eng. Und von den Büchern ganz zu schweigen. Eine Busch-Bibliothek eben. Zumindest vor 15 Jahren, da war ich das erste und letzte Mal drinnen. Kino in 12 km Entfernung, das nächste einigermaßen ernstzunehmende Theater 70 km weit weg. Ohne Fernseher, Satellitenempfang und Video nicht auszuhalten. Gumperting besteht aus 25 Dörfern. Das kleinste Dorf hat 4 Häuser, davon 2 Quasi-Ruinen. Wohnen aber noch alte Leut drin. Und Hühner. In der Stube! So schaut´s aus! Sie haben ja keine Vorstellung.

Rezension I Buchbestellung I home III09 LYRIKwelt © Fritz Popp/Haymon-Verlag