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Warum ich hier geblieben bin?
In diesem Nest?
Eine gute Frage, aber ich höre sie beileibe nicht zum ersten Mal.
Also, ich hätte als Arzt in jedem Krankenhaus die besten Aufstiegschancen
gehabt, die allerbesten. War ja schon mitten in der Ausbildung zum Facharzt, und
damals gab es ja noch viel zu wenige davon. Von Ärzteschwemme keine Spur. Bin
dann aber doch zurückgegangen nach Gumperting, hierher, in dieses Kaff, meine
Heimatgemeinde, als mein Vorgänger, der alte Dr. Stöttinger, Gott hab in selig,
ganz unvermittelt gestorben ist. Ja, auch Ärzte sterben.
Mein Heimatdorf! Ein 1600-Seelen-Dorf! Dorf! Kaff! Exil! Und das freiwillig!
1600 Seelen mit Geschwüren, Ausschlägen, Brüchen. Verbogene, verbrannte,
gebrochene, zerquetschte Seelen. 1600 Seelen, was sag ich: 1600 Körper! Die
Seelen sind mir immer fremd gewesen und natürlich auch nicht mein Gebiet.
Zumindest nicht in meiner Ausbildungszeit. Heute müssen die jungen Ärzte ja auch
ein bisschen Psychologie und anderen Schabernack lernen. Sollen sie, das
verlängert die Ausbildungszeit und bremst vielleicht die Ärzteschwemme.
Keine Seelen also.
1600 Körper. Leiber.
Meine Leibeigenen.
Ja, Leibeigene, mit Haut und Haaren.
Ein Nest mit 20 Begräbnissen pro Jahr und fast ebensovielen Geburten.
Gumperting!
Anus mundi sagten wir in unserer Studienzeit.
Und ich: der Albert Schweitzer von Gumperting.
Mein Gott, waren meine Eltern stolz auf mich! Noch
stolzer, als wäre ich Pfarrer geworden. Stolz war zwar eine Sünde, aber auch die
einzige Waffe meiner Mutter. „Der Karl, unser Bub, ja, meiner, wird der neue
Gemeindearzt“. Das konnte sie den Nachbarn nicht oft genug unter die Nase
reiben. Die Praxis vom Dr. Stöttinger hab ich ja übernehmen können. Hat
natürlich die Gemeinde zur Verfügung gestellt. Eine Apotheke dazu, das hab ich
mir ausbedungen, die gehört dazu, damit es sich rentiert. Ganz im Sinne der
Patienten und der ländlichen Gesundheitsvorsorge, übrigens. Die Apotheke hat
früher meine Frau betreut, jetzt macht das das Fräulein Schachinger. Die stammt
nicht aus Gumperting. Eine der vielen Zugezogenen, die sich entlang der
Bundesstraße angesiedelt haben. Immer mehr wird die Gemeinde eine
Schläfergemeinde: man arbeitet in der Stadt, geht aus in die Stadt, lebt dort,
nur zum Schlafen eben kommt man hierher in die aufgepropften, einfallslosen
Reihenhaussiedlungen. Und am Wochenende fliegt jeder aus. Gibt ja auch nichts
hier. Eine kulturelle Wüste, ein Katastrophengebiet. Genau, das ist gut: ein
Katastrophengebiet. Meines.
Im Hauptort: 3 Gasthäuser, eine Kirche, ein Geschäft, sonst nix. So schaut´s
aus! Nicht einmal eine Tankstelle! Mein Lambarene. Eine Gemeindebibliothek - so
klein, daß nur zwei Leut reinpassen. Wenn einer ein Buch aus dem Regal nimmt und
umblättert, wird es eng. Und von den Büchern ganz zu schweigen. Eine
Busch-Bibliothek eben. Zumindest vor 15 Jahren, da war ich das erste und letzte
Mal drinnen. Kino in 12 km Entfernung, das nächste einigermaßen ernstzunehmende
Theater 70 km weit weg. Ohne Fernseher, Satellitenempfang und Video nicht
auszuhalten. Gumperting besteht aus 25 Dörfern. Das kleinste Dorf hat 4 Häuser,
davon 2 Quasi-Ruinen. Wohnen aber noch alte Leut drin. Und Hühner. In der Stube!
So schaut´s aus! Sie haben ja keine Vorstellung.
Rezension I Buchbestellung I home III09 LYRIKwelt © Fritz Popp/Haymon-Verlag