Aus dem Leben eines Sehenichts von Gerhard Polzin, 2010, EngelsdorferGerhard Polzin

1. Ich-chen - 1945
(Leseprobe aus: Aus dem Leben eines Sehenichts, autobiografisches Buch, 2010, Engelsdorfer Verlag).

Eines eisigen Montags Anfang Januar 1945 erblickte ich das Licht der Welt. Die Gegend, in die ich hineingeboren wurde, war malerisch, doch die Zeiten waren mies. Es fehlte an allem. Vier Monate sollte ich mich noch mit dem Krieg und viel länger noch mit seinen Auswirkungen herumschlagen -- Ruhr, Mangelernährung, unzureichende Gesundheitsbetreuung -- all das konnte ich schließlich doch überwinden. So wuchs ich denn auf meiner schönen Heimatinsel Rügen heran -- ein wenig halbwild -- wie die Zeiten, doch kindlich unbeschwert. Zwar entdeckte man im Laufe der Jahre -- wer und wie weiß ich nicht -, dass es mit meinen Augen ein paar Probleme gab, doch mich selbst störte das erst, als ich eine Brille tragen und hin und wieder zu einem in Stralsund ansässigen Augenarzt musste. Das war beides sehr lästig. Das Tropfen gegen zu hohen Augendruck konnte ich auch nicht leiden, und so wurde es von mir möglichst oft sabotiert und von den Erwachsenen nicht selten wegen anderer Dinge vergessen
. In Stralsund merkte man das, und es gab so manchen Anpfiff. Bis zu meinem siebenten Lebensjahr ging trotzdem alles einigermaßen gut, doch dann ... wenige Tage vor meinem achten Geburtstag sah ich plötzlich überall Regenbögen, wo gar keine waren. Das Kerzenlicht am Weihnachtsbaum schillerte in vielen Farben und wohin ich auch sah, in der Mitte war ein dunkler Fleck, der sich von Tag zu Tag vergrößerte. Als mir die Sache mulmig wurde, sagte ich es meiner Mutter. Sie wunderte sich und versprach, gleich nach den Feiertagen der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Anfang des neuen Jahres fuhren wir nach Stralsund. Der Arzt war entsetzt und "verfrachtete" mich auf der Stelle ins Krankenhaus. Was er meiner Mutter noch alles gesagt haben mag, weiß ich nicht. Ich wurde jedenfalls wieder und wieder nach einem möglichen Grund für meine fast völlige Erblindung ausgeforscht. Ja, da war ich vor Weihnachten mal beim Schlittenfahren mit meinem Freund gegen einen Baum geknallt, wenn ich mi
ch recht erinnerte, doch Stürze kamen schließlich häufiger vor ... . Dr. St. sprach von Netzhautablösung, und alle waren sehr bedenklich. Acht Wochen verbrachte ich im Krankenhaus am Sund. Die Operationen waren fürchterlich, doch die Schwestern lieb und die Ärzte sehr nett und sehr bemüht. Weil sie keine Verbesserung erreichten, wurde ich sogar mit einem jungen Arzt per Bahn zu einem Professor nach Rostock geschickt. Als auch das nichts brachte, drang Dr. St. darauf, dass meine Mutter mich in die Charite nach Berlin brächte. Es wurde wirklich alles versucht, was damals möglich war, um mein Augenlicht doch noch zu retten. Vergebens! Bis auf einen kleinen Rest war's damit vorbei. Wie will man heute sagen, wer oder was letzlich den Ausschlag für diese Katastrophe gegeben hat? Vermutlich kam da einiges in den Nachkriegswirren zusammen.

Ab Juni 1953 jedenfalls wurde die Blindenschule in Königs Wusterhausen bei Berlin meine Erst- und Lietzow auf Rügen nur noch meine Zweitheimat. Wohl kam ich in den Ferien nach Hause, doch blieb nun irgendwie immer das Gefühl, eine Art Gast zu sein. Zwar heulte ich jedes Mal, wenn es wieder in die Ferne ging, aber trotzdem war KW mehr und mehr das Normale.
Dass sich im Laufe der nächsten Jahre auch mein Sehrest ganz allmählich verflüchtigte, wurde mir in der gewohnten Umgebung eigentlich gar nicht so richtig bewusst. Nur wenn man sich in einer fremden Gegend aufhielt, merkte man plötzlich, dass eine Orientierung mit den Augen nicht mehr möglich war. Das wurde einem bei so mancher schmerzhaften Kollision nachdrücklich klar. Vielen KW-er Freunden ging es jedoch nicht anders. So hatte die ganze Sache irgendwie auch etwas von Normalität. Man gewöhnte sich an diese Art zu leben.

Dies schreibe ich, damit man beim Lesen der anschließend geschilderten Erinnerungen, Gefühle und Vorgänge (MEMotionen) ein wenig nachempfinden kann, was mich dabei so bewegt hat. Zum besseren Verständnis möchte ich auch noch anmerken, dass Trauer und Selbstbemitleidung unter jungen Blinden eher zu den raren Gefühlen gehören. Späterblindete Menschen haben da oft andere Emotionen bei der Verarbeitung
von Problemsituationen. Es ist und bleibt zwar auch für einen im Kindes- oder Jugendalter erblindeten Menschen ein schmerzlicher Einschnitt ins Leben, doch "arrangiert" man sich, nimmt sozusagen die Herausforderung an und macht das Beste draus. Wir alle, die wir davon unmittelbar betroffen sind, wissen dennoch auch von so mancher Beule - im wahrsten wie im übertragenen Sinne des Wortes - zu berichten. Na, und das Berichten soll nun auch gleich beginnen.

Da allerdings nicht wenige Menschen, wie ich selbst auch, Vorworte und Vorbemerkungen gar nicht lieben und meist einfach überblättern, nutze ich diese Stelle (listigerweise) für das "Unvermeidliche" an organisatorischer Information: Seit rund 25 Jahren betätige ich mich ab und zu als Verseschmied. Da ist mittlerweile einiges zusammengekommen. Zum Schmunzeln und zum Nachdenken über Inhalt und Autor füge ich Kostproben zwischen die Abschnitte ein. Gelegentliche Bezüge zu den vorangehenden bzw. nachfolgenden Texten sind nicht zufällig. Für die drei "Werke" in meiner Heimatsprache habe ich auf eine Übersetzung oder gar Nachdichtung verzichtet. Schlimmstenfalls können diese ja verständnislos oder besser noch verständnisvoll übergangen werden.    

Übrigens, nicht alles, was hier erzählt wird, hat ursächlich mit dem Mangel an "Durchblick" zu tun - oder doch? Sollte jemand, der dabei war, seiner Ansicht nach etwas anders oder zu anderer Zeit erlebt haben bzw. vermissen, dem möchte ich sagen: Wer kann und will sich nach so vielen Jahren schon noch so genau an alles erinnern!


Das Schicksal

Droht dir auch mal des Schicksals Zorn,
pack unverdrossen es beim Horn,
zeig so dir selbst und zeig dem Tag,
was man im Leben doch vermag.

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