Der Tote im Bunker von Martin Pollack, 2004, ZsolnayMartin Pollack

Der Tote im Bunker
(Leseprobe aus: Der Tote im Bunker, Bericht über meinen Vater, 2004, Zsolnay)

1.
Im Frühsommer 2003 fuhr ich mit meiner Frau nach Südtirol, zum
Brenner, um den Bunker zu suchen, in dem vor 56 Jahren mein Vater
tot aufgefunden worden war. Er war erschossen worden. Ich wollte
mehr über die Umstände seines Todes und die Beweggründe in
Erfahrung bringen, die ihn nach Südtirol geführt hatten. Die
Nachforschungen hatte ich jahrelang hinausgezögert, vielleicht aus
einem unbewußten Gefühl der Angst, ich könnte bei der Spurensuche
auf Dinge stoßen, die meine ohnehin schlimmen Erwartungen noch
übertreffen würden. Eines glaubte ich von Anfang an zu wissen: Sein
gewaltsamer Tod war der Abschluß eines Lebens, in dem Gewalt
eine wichtige Rolle gespielt hatte.
Wir waren in Gossensass in einem Café am Marktplatz mit
einem Mann verabredet, der versprochen hatte, uns bei der Suche
nach dem Bunker zu helfen. Peter Kaser ist Künstler und beschäftigt
sich nebenbei mit der Erforschung der italienischen
Befestigungsanlagen entlang der Grenze am Brenner, er verwaltet
selbst einen dieser ausgedienten Bunker, aus dem er einen Kunstort
für Performances und Installationen gemacht hat. Von ihm erfuhren
wir, daß es auf der italienischen Seite vom Brenner über 50 Bunker
und Kassematten gibt, die Mussolini zwischen 1936 und 1942 als
Sbarramento di Brennero, Sperre am Brenner, erbauen ließ, gerichtet
gegen Österreich und Deutschland; militärisch spielten die Anlagen
freilich nie eine Rolle. Die Einheimischen, die wir befragten, kannten
die Geschichte von der Leiche im Bunker, man hatte seinerzeit viel
darüber geredet, doch wo das gewesen war, wußte keiner zu sagen.
Es gebe viele Bunker in der Gegend, sagten sie, und die Geschichte
liege lange zurück. Schließlich gerieten wir durch Zufall an einen
älteren Mann mit dem runden, rosigen Gesicht eines Kindes, der uns
den richtigen Hinweis liefern konnte. Er wohne, sagte er, nicht weit
vom besagten Bunker, sein Vater habe oftmals vom Auffinden der
Leiche erzählt. Das Ereignis habe seinerzeit die ganze Talschaft in
Aufregung versetzt, obwohl die Menschen so kurz nach dem Krieg
ziemlich abgestumpft waren. Anfangs wollte er die Örtlichkeit des
Bunkers nicht preisgeben, sein Vater, so erklärte er, habe ihm
verboten, über jene Ereignisse zu sprechen, damit könne er sich bloß
die Zunge verbrennen. Bei diesen Worten setzte er ein boshaftes
Lächeln auf, wie ein Kind, das seinen Spaß daran findet, andere
hinzuhalten und zappeln zu lassen, doch Peter Kaser ließ nicht locker,
bis er endlich mit der Information herausrückte.
Wir erreichten die angewiesene Stelle auf einer schmalen, parallel zur
Autobahn führenden Straße, sie liegt in Sichtweite der Bahnstation
am Brennerpaß. Von der Autobahn tönte ein an- und abschwellendes
Dröhnen herüber, verstärkt durch die wie ein Schalltrichter
wirkenden Talwände. Neben der Straße war ein ebener Streifen, eine
Sumpfwiese, dahinter stieg der Wald steil den Hang hinauf, Fichten
und Lärchen, dazwischen einzelne Erlen und Birken. Nach wenigen
Schritten stolperten wir über rostigen Stacheldraht, versteckt
zwischen den dicken Blättern von Bärenklau und Kohldisteln, der
aussah wie ein Teil der üppigen Vegetation. Hier sind wir richtig,
sagte Peter Kaser, wo Stacheldraht ist, da ist ein Bunker nicht weit.
Wir machten einen Bogen um hohe Brennesseln, dunkle Inseln im
hellgrünen Krautwerk, mit jedem Schritt scheuchten wir Wolken
winziger Mücken aus dem Dickicht. Auf dem gegenüberliegenden
Berghang mähte ein hagerer Mann mit weit ausholenden
Bewegungen eine abschüssige Wiese, sein braungebrannter
Oberkörper glänzte vom Schweiß. Er hatte sein weißes Hemd
ausgezogen und am Rand der Wiese abgelegt, von weitem sah es aus
wie ein Hund. Unter den Fichten am Waldrand stand eine schwarze
Blechtafel mit verblaßter, zweisprachiger Aufschrift:
„Proprietá Militare Accesso vietato. Militäreigentum Zutritt
verboten.“ Wir kamen zu einer niedrigen, überwachsenen
Steinmauer, dahinter war eine Felsnische, in der ein senkrechter Riß
klaffte: ein spaltbreit offen stehendes Tor, kunstvoll gefertigt aus
graugrünen Glasfibermatten, mit Buckeln und Falten, so daß man es
bei flüchtigem Hinsehen für gewachsenen Fels halten konnte. Das
Tor ließ sich erstaunlich leicht öffnen. Das Ganze hatte etwas von
einem Eingang zu einer altmodischen Geisterbahn an sich, nur daß
wir hier mitten in der freien Natur standen, am Fuß eines dicht
bewaldeten Steilhangs. Das Tor führte in einen kleinen Raum, zwei
mal zwei Meter, moosbewachsene, feuchte Betonwände, die Decke
wieder aus Glasfibermatten. In der Stirnwand war eine Tür aus grün
gestrichenem Eisen, verstärkt mit dicken Gitterstäben, in Augenhöhe
ein mit einer Eisenplatte vermachtes Guckloch. Die Tür war
verschlossen, mit dem Rahmen verschweißt. Wir standen vor dem
Bunker, in dem am 6. April 1947 die Leiche meines Vaters gefunden
wurde.
Wir streiften suchend durch den Wald, um vielleicht einen zweiten,
offenen Einlaß zu finden. Die meisten Militärbunker, erklärte Peter
Kaser, besaßen aus Sicherheitsgründen zwei Eingänge. Der
abschüssige, dick mit Nadeln bedeckte Boden war rutschig, und wir
mußten nach tiefhängenden Zweigen greifen, um nicht den Halt zu
verlieren. Eine dunkle Erhebung im Wald, zehn Meter über dem
Eingang, erwies sich als Teil der unterirdischen Bunkeranlage. Ein
etwa drei Handbreit aus dem Boden ragender Betonring, darauf ein
rostiger Buckel mit vergitterten Sehschlitzen, aus denen uns modriger
Geruch entgegenschlug. Ein Ausguck. Von dieser Stelle aus hatte
man früher über das ganze Tal bis auf die österreichische Seite
schauen können, nun verstellten hohe Fichten die Sicht. In einiger
Entfernung entdeckten wir einen zweiten Ausguck. Später fanden wir
in einem Buch über die Befestigungsanlagen am Brenner einen Plan
des Bunkers, der als Opera 2, Werk Nr. 2 geführt wurde, ein Bunker
mittlerer Größe, ausgestattet mit zwei Maschinengewehren und
einem Panzerabwehrgeschütz. Einen zweiten Eingang fanden wir
nicht, nur einen alten, verfallenen Weg, überwuchert von Stauden
und Bäumen. Vom Weg zum Eingang des Bunkers waren es
vielleicht dreißig, vierzig Meter, steil bergab durch den Wald, es
konnte nicht schwierig gewesen sein, einen leblosen Körper
ungesehen hinunter zu schaffen. Vermutlich wurde mein Vater oben
auf dem Weg erschossen.
Die Leiche wurde am 6. April 1947, ein Sonntag, entdeckt, von der
Frau eines am Brenner stationierten italienischen Eisenbahners, die
mit Mann und Sohn einen Spaziergang in Richtung Albergo Al Lupo,
Gasthof zum Brenner Wolf, unternahm. Der Bub hatte unter den
Bäumen etwas Ungewöhnliches erspäht, vielleicht war das künstliche
Felsentor auch damals offen gestanden. Er war durch den tiefen
Schnee gestapft, um der Sache auf den Grund zu gehen, und die
Mutter war ihm gefolgt. Warum sie in den zu jener Zeit noch offenen
Bunker hineinging, ob aus Neugierde oder ob, trotz winterlicher
Kälte, ein Geruch von Verwesung in der Luft lag, wissen wir nicht.
Gleich hinter dem Eingang stieß sie auf die Leiche. Die zum Fundort
gerufenen Carabinieri stellten auf Anhieb fest, daß Mord vorlag, der
Tote wies zwei Kopfschüsse und einen Schuß in die Brust auf, er
hatte offenbar längere Zeit im Bunker gelegen. Vor dem Eingang
fanden sich einige Habseligkeiten und Papiere, die vermutlich dem
Toten gehört hatten, darunter ein Ausweis für Volksdeutsche,
ausgestellt auf den Namen Franz Geyer, Arbeiter aus dem
slowenischen Ort Krsko, zu deutsch Gurkfeld, Geld oder Wertsachen
hatte er keine bei sich. Schon bei der ersten Untersuchung tauchten
Zweifel an der Identität des Toten auf. Er hatte eine kleine
Tätowierung an der Innenseite des linken Oberarmes und im Gesicht
Narben – Schmisse, wie man sie von schlagenden Burschenschaftern
kennt. Das paßte nicht zu einem Arbeiter. Nachfragen bei den
österreichischen Polizeibehörden in Innsbruck ergaben, daß der
Identitätsausweis gefälscht war, der Tote war kein Volksdeutscher
aus Gurkfeld, sondern der Österreicher Dr. Gerhard Bast,
SS-Sturmbannführer, geboren am 12. Jänner 1911 in Gottschee,
Jugoslawien, zuständig nach Amstetten in Niederösterreich. Er wurde
von der Bundespolizeidirektion Linz als Kriegsverbrecher gesucht,
weil er durch längere Zeit die Linzer Gestapo geleitet hatte – mein
Vater.
Wochen nach Auffinden der Leiche kam ein Kriminalbeamter zu
meiner Großmutter nach Oftering, ein kleiner Ort in der Nähe von
Linz, wohin sie mit ihrem Mann aus Amstetten geflüchtet war, aus
Angst vor den Russen. Oftering lag in der amerikanischen
Besatzungszone. Der Beamte fragte, ob Großmutter ein Bild ihres
Sohnes Gerhard besitze, dieses werde benötigt, um die Identität eines
Mordopfers zu klären. Auf diese Weise erfuhr sie, daß ihr Sohn am
Brenner einem Raubmord zum Opfer gefallen war. Großmutter hatte
kein Bild ihres Sohnes, worauf sie der Polizist aufforderte, in
Begleitung eines Beamten nach Südtirol zu fahren, um das Opfer zu
identifizieren. Als sie hinkamen, war der Tote schon eingegraben.
Die Carabinieri ersuchten Großmutter, die Identifizierung anhand von
Fotografien vorzunehmen, die sie von dem Ermordeten angefertigt
hatten. Sie weigerte sich und sagte, diese Bilder wolle sie gar nicht
ansehen. Darauf fragten die Carabinieri, ob ihr Sohn im Gesicht, auf
der linken Wange, zwei Narben gehabt habe. Das bestätigte sie, es
handelte sich um Schmissnarben von Mensuren. Großmutter erkannte
auch einige ihr vorgelegte Gegenstände als Eigentum ihres Sohnes,
darunter eine Füllfeder, eine Uhr und ein schmales, in blauen
Kunststoff gebundenes Notizbuch, das ihm als Tourenbuch gedient
hatte. Es trug auf der ersten Seite seinen Namen in Kurrentschrift und
den Hinweis: „begonnen am 1. Jänner 1937.“ Diese Auskünfte und
Indizien genügten den italienischen Behörden, um den Totenschein
auszustellen. Später hieß es in den Akten, der Tote sei von seiner
Mutter identifiziert worden, sie dagegen beharrte stets auf der
präzisen Feststellung, sie sei weder Augenzeugin des Todes ihres
Sohnes gewesen noch habe sie ihn tot gesehen. Es klang beinahe, als
klammere sie sich, wider besseres Wissen, an einen Rest Hoffnung,
das verhängnisvolle Geschehen am Brenner könne sich noch als
tragische Verwechslung aufklären.
Als ich mit meiner Frau nach Südtirol fuhr, hatte ich ein Foto des
Grabes dabei, in dem der Tote im April 1947 in der Gemeinde
Brennero/Brenner beigesetzt worden war. Ein schmaler, von rohen
Steinen gesäumter Hügel mit einem weißen Grabstein, auf dem neben
dem Namen und den Geburts- und Sterbedaten des Toten noch stand,
daß er evangelisch gewesen war. Nach dem Gang zum Bunker
besuchten wir den kleinen Friedhof, malerisch um die katholische
Kirche gelegen, ein paar Dutzend Gräber, mehr haben nicht Platz
innerhalb der hohen Mauern, die ihn gegen den Lärm des
umtriebigen Grenzortes abschirmen. Die Kirche trägt den Namen des
heiligen Valentin und besitzt einen romanischen Turm, der streng in
den Himmel zeigt. Auf den Grabsteinen und schmiedeeisernen
Kreuzen stehen meist deutsche Namen, dazwischen ein paar
italienische, das Grab meines Vaters existiert nicht mehr. Seine
Überreste wurden in den sechziger Jahren auf Wunsch meiner
Großmutter exhumiert und nach Amstetten überführt. Ich erinnere
mich an die Beisetzung auf dem Friedhof der niederösterreichischen
Kleinstadt, ich hatte dafür schulfrei bekommen und war aus dem
Salzburgischen angereist, wo ich ein Internat besuchte. Ich weiß nur
mehr, wie unbehaglich ich mich fühlte und wie ich mir Mühe geben
mußte, um mir vor der Amstettner Verwandtschaft und den Freunden
des Toten, die mich vor dem offenen Grab mit mitleidigen Blicken
bedachten, nicht anmerken zu lassen, daß mich das späte Begräbnis
unberührt ließ.
Ich habe keine eigene Erinnerung an den Vater, zum Zeitpunkt seines
Todes war ich noch keine drei Jahre alt, und ich hatte ihn nur ein
paarmal flüchtig gesehen, und auch das weiß ich bloß von meiner
Mutter, die selten von ihm sprach, über unverfängliche Ereignisse,
Nebensächlichkeiten, als sei sie nicht sicher, was sie mir anvertrauen
dürfe und worüber sie besser schwieg.

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