Anklage Vatermord
(aus: Anklage
Vatermord, Roman, 2002, Zsolnay/2004,
S. Fischer TB)
Über den Beginn der Bergtour ins Tiroler Zillertal wurde im nachhinein
kaum mehr gesprochen. Immer nur und immer wieder über die späteren Ereignisse. Wer was
gesagt hatte. Wann das gewesen war. Wer wo gesehen wurde. In welchem Aufzug. In welcher
Gemütsverfassung. Was er wohl gedacht haben mochte. Erinnerungsfragmente und
Spekulationen wurden zu immer neuen Szenen zusammengefügt, die doch nie ein
überzeugendes Gesamtbild ergaben oder die ganze Wahrheit enthüllten. Stets blieben
Zweifel und Fragen zurück.
Vom Anfang der Tour wissen wir nur so viel, daß Morduch Halsmann und sein Sohn Philipp in
Jenbach in den ersten Zug der Zillertalbahn stiegen, der um sieben Uhr abfuhr. Beim
Frühstück im Gasthof Goldener Stern, in dem sie übernachtet hatten, hatte Morduch
Halsmann seinen Sohn mit barschen Worten zur Eile angetrieben, weil sie sonst noch den Zug
versäumen würden. Der Kellnerin, die das Frühstück auftrug, war das grobe Benehmen des
Vaters dem erwachsenen Sohn gegenüber in Erinnerung geblieben. Es hatte keinen guten
Eindruck bei ihr hinterlassen. Der junge Mann tat ihr leid. Im Zug waren die beiden keinem
aufgefallen.
In Mayrhofen, der Endstation der Zillertalbahn, schlugen die Halsmanns den Weg nach
Ginzling ein, der in ihrem Reiseführer verzeichnet war: Sie gingen vom Bahnhof durchs
Dorf und weiter zwischen Bauernhäusern bis zur Brücke über den Ziller, dann auf der
anderen Seite des hellgrünen Flusses entlang bis zu einem Gasthof, hinter dem sie in
einen schmalen Feldweg einbogen, der in den Zemmgrund, ein Seitental des Zillertales,
führte. Nach drei Stunden erreichten sie Ginzling, eine kleine Häusergruppe am Zemmbach,
aus der ein spitzer Kirchturm mit rotem Dach ragte. Hinter dem Weiler wurden die Hänge
auf beiden Seiten des Baches, den dichtes Erlengebüsch säumte, immer steiler. Auf den
Wiesen standen Braunvieh, Ziegen und manchmal auch Pferde, semmelblonde Haflinger, die den
Wanderern nachschauten. Am frühen Nachmittag erreichten die beiden Männer den Gasthof
Breitlahner, wo sie Rast einlegten. Es war Samstag, der 8. September 1928.
Der Alpengasthof Breitlahner, an der Stelle errichtet, wo sich das Tal gabelt und der
Zamser Bach in den Zemmbach mündet, war eher ein Alpenhotel als ein Gasthof: Ein
mächtiges, langgestrecktes Holzhaus, zweistöckig, mit gemauerten Fundamenten, einer
geräumigen, verglasten Veranda und vierzig Zimmern. Der Gasthof verfügte schon damals,
wie eine zeitgenössische Anzeige vermerkte, über "eigenes elektrisches Licht",
eine eigene Bäckerei, die das Brot bis nach Ginzling lieferte, und sogar eine
Sodawassererzeugung. Daneben betrieb der Breitlahnerwirt Wilhelm Eder eine Almwirtschaft,
die den Gasthof mit Milch, Butter und Käse versorgte. In der geräumigen Gaststube saßen
Sommerfrischler und Bergsteiger mit einheimischen Bauern, Jägern und Hirten zusammen, und
manchmal kehrte auch Fürst Franz Josef Auersperg mit einer Gesellschaft ein. Der Fürst
besaß im Zillertal ausgedehnte Jagdgründe und war bei der Talschaft sehr beliebt, weil
er bei den großen Treibjagden, die er für seine Gäste veranstaltete, die Männer aus
Ginzling als Helfer beschäftigte und gut entlohnte. Obendrein ließ er den Großteil des
Wildbrets an einheimische Jäger, Treiber oder auch bedürftige Menschen, die sich kein
Fleisch leisten konnten, verteilen und behielt nur die Trophäen und die Decken.
Hinter dem Gasthof überschritten die Wanderer auf einer überdachten Holzbrücke den
Zemmbach und stiegen dann in engen Serpentinen steil bergan. Gegen sechs Uhr abends
erreichten sie das Gasthaus Zur Alpenrose. Weil die Dunkelheit hereinbrach und sie schon
seit dem Morgen unterwegs waren, beschlossen sie, in der Alpenrose zu übernachten. Dem
Wirt Josef Geisler fiel auf, daß Morduch Halsmann für sich und seinen Begleiter, den er
als seinen Sohn vorstellte, zwei Einzelzimmer verlangte. Als ihm erklärt wurde, daß alle
Einzelzimmer belegt seien und es nur noch Doppelzimmer gebe, beharrte er auf dem Wunsch
nach getrennten Zimmern und nahm, ungeachtet der Kosten, zwei Doppelzimmer, was Josef
Geisler, wie er später sagte, stutzig machte, weil Bergsteiger für gewöhnlich sparsame
Gäste waren und jeden Groschen zweimal umdrehten.
Im Gasthof Zur Alpenrose herrschte an diesem Wochenende reger Betrieb, neben Bergsteigern,
die von hier zu
weiteren Touren aufbrachen, waren zahlreiche Sommerfrischler aus Mayrhofen und Ginzling
unter den Gästen, die den in allen Wanderführern als leicht und gefahrlos beschriebenen
Weg bis zur Alpenrose auf sich genommen hatten, um von hier den prachtvollen Blick auf die
Eiswelt des Waxeck- und Horngletschers zu genießen. In der Gaststube wurde Karten
gespielt, getrunken und gelacht, und Morduch Halsmann schloß rasch mit den Leuten an
seinem Tisch Bekanntschaft, von denen ihn manche später als gesellig und unterhaltsam
beschrieben, während andere meinten, er habe sich angebiedert. Josefine Gehwolf aus
München hatte an diesem Samstag, dem Maria-Geburt-Tag, mit dem Chemiestudenten Max Schmid
aus Nürnberg eine Tour auf das Schönbichlerhorn unternommen und war über den
sogenannten Berliner Höhenweg zum Zemmgrund abgestiegen und in der Alpenrose eingekehrt.
Sie erinnerte sich an Morduch Halsmann als einen älteren Herrn mit rundlichem Gesicht,
beginnender Glatze und dünner Goldbrille, hinter der lustige Augen blitzten. Er redete
viel und laut, mit deutlichem Akzent, der den Ausländer verriet, und machte gern Witze,
die manchmal vielleicht etwas gewagt waren, aber schließlich war man auf einer Hütte und
unter Bergkameraden, weshalb sie das nicht weiter übelnahm. Der Sohn war im Gegensatz zum
Vater auffallend einsilbig und wirkte durch sein Äußeres noch fremder als dieser:
gewelltes, schwarzes Haar, nach hinten gekämmt, ein schütteres Oberlippenbärtchen,
schwarze Hornbrillen.
Im Gespräch stellte sich heraus, daß Morduch Halsmann Zahnarzt in Riga war, während
sein Sohn Elektrotechnik in Dresden studierte. Die beiden erklärten, sie wollten am
nächsten Tag "den Schwarzenstein machen", und zwar ohne Führer, weil die Tour
in ihrem Buch als einfach und völlig gefahrlos beschrieben wäre. Josefine Gehwolf gab zu
bedenken, daß viele Gletscher um diese Jahreszeit tückische Spalten und Schründe
aufwiesen, weshalb es ihr doch ratsam erscheine, sich einem Ortskundigen anzuvertrauen,
umso mehr, als die Halsmanns, wie sie selber sagten, kaum Bergerfahrung und auch nur eine
äußerst dürftige alpine Ausrüstung besäßen. Sie hatten weder Steigeisen noch
Eispickel dabei, nur gewöhnliche Wanderstöcke. So könne man auch auf einer an sich
ungefährlichen Tour leicht in sein Unglück stürzen, sagte Josefine Gehwolf. Der ältere
Halsmann gab ihr recht und erklärte sich bereit, ihrem Rat folgend, einen Führer zu
nehmen, ungeachtet der Kosten. Dann fügte er feixend hinzu, sein Sohn würde es
vielleicht gar nicht so ungern sehen, wenn er, der Vater, abstürze, denn er warte ja nur
darauf, ihn zu beerben, doch diesen Gefallen wolle er ihm nicht tun. Die Gehwolf und ihr
Begleiter hielten die Bemerkung für einen Scherz und lachten pflichtschuldig, während
Philipp keine Miene verzog und schwieg. Auf Josefine Gehwolf wirkte er verschlossen und
mürrisch. Am selben Abend machten die Halsmanns noch die Bekanntschaft eines weiteren
Münchner Touristen, der allein unterwegs war und sich bereit erklärte, am nächsten Tag
mit ihnen den 3369 Meter hohen Schwarzenstein zu besteigen - auf diese Weise könnten sie
die Kosten für den Bergführer teilen und kämen billiger davon. Die Führertaxe von der
nahen Berliner Hütte zum Schwarzenstein und zurück war offiziell festgelegt und betrug
zwanzig Schilling.
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