Nächte
(aus: Eine CD lang, Liebesgeschichten, 2001, Zsolnay)
Über Markus sagte
Petra im Torso zu mir: "Ihm liegt viel an dir. Das habe ich vorige Woche, als wir im
Beisel gesessen sind, gesehen." Sie stellte mir einige intime Fragen, ob er stöhne,
ob ich stöhne und so etwas, und ich beantwortete diese Fragen, weil ich ein wenig
betrunken war, mich schlecht im Magen fühlte, mich aus dem Kreis der vier Menschen, in
dem wir standen, herausgelöst hatte und zu ihr gekommen war, um euphorisch mit den ein
wenig ungewöhnlichen Einleitungsworten, "Petra, ich muß dir etwas erzählen"
etwas herauszusprudeln, auf diese Art neben ihr zu sitzen kam und antwortete, weil kurz
zwischen uns eine Möglichkeit entstanden war.
Im Torso saß ich oft nur dabei, ließ mich hin und wieder in ein Gespräch verwickeln,
von mir aus begann ich keines. Mir war schlecht, irgendwie wollte ich schon wieder nach
Hause, obwohl wir kaum länger als eine Stunde dort waren. Ich fragte mich, warum schon
wieder Alkohol, und ob das immer so sei, diesen Zustand, in den man sich selbst begeben
hatte, so schnell verlassen zu wollen - ich, die fast jeden Tag trank.
Während ich mit dem Rücken zu dem Tisch saß, beobachtete ich niemanden wirklich, hatte
meine Augen nur offen. Als ich mit Reinhard über dessen Reise sprach - wo ich diese
Begeisterung hernahm und dieses Lachen? -, sah ich aus den Augenwinkeln, wie sich Markus
mit Petra unterhielt, die auf dem Tisch saß und die Haltung eingenommen hatte, die sie in
Lokalen immer einnimmt, wenn sie Leute kennt, die dann irgendwann zu ihr kommen, um kurz
mit ihr zu reden. Als hätte ich so etwas
nie gemacht, als wäre ich plötzlich, das erste Mal, in ein Lokal gekommen, wäre das
erste Mal im Auto, nachdem wir in der Küche gesessen waren, Wein getrunken und Chips
gegessen hatten, spät nachts zu einem Konzert gefahren, hätte zum ersten Mal den Stempel
auf meine Hand gedrückt bekommen, bewunderte ich die Gesten, die Petra und Markus
miteinander tauschten, bevor sich Markus zu anderen Leuten stellte und Petra sich wieder
Birgit zuwandte. Bernd kam vorbei und fragte mich, ob ich wirklich so gelangweilt sei, wie
ich aussehe, was ich lachend bejahte (Doch, in so einer Situation war
ich schon gewesen. Die Automatik des Lachens und des Antwortens, auch wenn es vielleicht
nicht die Antwort war, die zu geben gewesen wäre, hatte ich inne.), worauf er, ein
fröhlicher, junger Mann, der mit nichts verriet, was er war oder dachte, mich zum
Tischfußballspiel aufforderte und ich auch sofort mitging. Wir spielten gegen zwei junge
Männer, verloren, hielten uns aber tapfer. Die Automatik des Spielens war mir vertraut,
aber dann saß ich wieder auf dem Sessel, hatte mich Bernd nicht angeschlossen, als wäre
nichts gewesen und im eigentlichen Sinne war auch nichts (gewesen). Petra, Birgit,
Reinhard und auch meine Zigaretten waren verschwunden. Petra hatte davon gesprochen, ins
Frey fahren zu wollen. Ich hatte sie müde angesehen und gemeint, auch ich würde das
jetzt gern wollen, ins Frey fahren, während ich überhaupt nichts wollte, nicht ins Frey
fahren, nicht heimfahren, nicht an diesem Tisch sitzen, nichts, und so schließlich wieder
auf demselben Sessel zu sitzen kam, ohne Zigaretten; aber selbst wie ich Zigaretten
schnorrte, verriet Erfahrung, und wie ich allein auf dem Sessel saß - dazu war jahrelange
Übung (in Wirklichkeit hatten ein paar Tage gereicht) notwendig gewesen. Die drei waren
weg, Markus kam paarmal vorbei, aber ich redete Unverständliches über Resignation und
konnte die Einsprüche von Markus nicht ertragen, verzog den Mund und schnappte mir eine
Zigarette, worauf Markus sich über diese gekünstelte Geste lustig machte. Eigentlich
hätte ich gar nichts mehr sagen sollen, was ich in einem gewissen Sinne auch nicht mehr
tat; wir warfen uns, als Markus noch ein-, zweimal kam, meine tiefe Meditation störend,
Wörter zu, ich lachte, er wohl nicht, doch waren es fröhliche Wörter, gelernt in
Lokalen und in Nächten wie dieser.
Schließlich gab ich mir einen Ruck, stand entschlossen auf und zog meinen Mantel an.
Markus stand bei mehreren Leuten; wo Bernd war, wußte ich nicht; ich näherte mich der
Gruppe, winkte Markus zu, als ich seinen Blick in meine Richtung bemerkte, er nickte, ich
wartete zwei Sekunden, weil ich dachte, ich hätte noch etwas gehört, dann ging ich. Ich
war schon durch die Tür, als ich meinen Namen hörte und mich umdrehte. Markus stand mit
einem Liptauerbrot in der Hand vor mir, ja, ich gehe jetzt, ja, das hat doch keinen Sinn,
ich ging, ohne ihn zum Abschied zu küssen, hinaus in die Kälte, kein Nachtautobus weit
und breit, Wochentag bedeutete, daß ich, selbst wenn ich einen gefunden hätte,
vielleicht lange warten hätte müssen. Also ging ich weiter. Es waren kaum Autos auf der
Straße, meine Stiefel hatten zu hohe Absätze, als daß es ein gemütlicher Spaziergang
werden konnte, in meinem Kopf drehte sich alles, die Straßen waren dunkel wie die Villen,
an denen ich vorbeikam, dunkel waren, am Straßenrand viele Bäume, die kein Licht
durchließen, in meinem Kopf zu viele Gedanken und kein einziger, wenigstens bewegten sich
meine Füße vorwärts, während mir die Tränen in die Augen stiegen. Eine seltsame
Hilflosigkeit machte sich in meinem Kopf breit, die Erwartung eines warmen Bettes mit
einem vertrauten Körper darin, der auf mich warten würde, an den ich mich kuscheln
könnte, wenn
ich nach Hause käme, so daß ich nicht zu weinen bräuchte, irgendwo in einem Bezirk am
Rand der Stadt. Der vertraute Körper existierte nicht, lag weder in meinem Bett noch
befand er sich sonstwo. Die Schwere der Tränen existierte, das Brummen in meinem Kopf,
das kindische Wimmern innerhalb des warmen Mantels, die Pfeile, die den Weg zum Gürtel
mit der Angabe der Entfernung wiesen. So trostlos, wie mich die Straßen ausstießen und
weitertrieben, empfing mich der Gürtel. Sogar das Taxi, das am Straßenrand hielt, war
dunkel und muffig und stellte sich mir nur durch einen unverständlichen Zufall zur
Verfügung. Ich sah nicht auf den Taxameter, ich sah nicht hinaus, ich war nur dieses
wimmernde Kind, das cool und abweisend in einem schwarzen, langen Mantel nach Hause
gefahren wurde. Taxifahren hatte ich nie gelernt. Als wir an Schönbrunn vorbeifuhren,
fiel mir ein, wie ich in einer anderen Nacht mit Markus vollkommen aufgedreht und mich
wohl in seinem Auto fühlend, die Stiefel auf das Handschuhfach gelegt, an dem Schloß
vorbeigefahren war und zu ihm sagte, er müsse jetzt nach links schauen, gleich, gleich
komme Schönbrunn, leuchtend, gelb, hell. Fast jedes Mal, auch in diesem Moment, wenn ich
an Schönbrunn vorbeifuhr, obwohl ich nachts x-mal an Schönbrunn vorbeigefahren war, sah
ich auf das gelbe Schloß, das am Ende der Straße, die wir hinunterfuhren, lag, bevor wir
nach rechts abbogen. Ich gab dem Fahrer sogar Trinkgeld (Trinkgeldgeben lernt man mit der
Zeit), weil er einen kurzen Weg gefahren war, dann stieg ich in die Dunkelheit aus, die
sich seltsamerweise nicht von der unterschied, durch die ich eine halbe Stunde vom Torso
zum Gürtel gegangen war.
Diese Nacht schlief ich nicht gut. Das Läuten des Telefons ließ mich, spät, aufstehen,
es war Markus, der wissen wollte, ob ich gut nach Hause gekommen war, und nur weil ich
gerade eben erst aufgewacht war, konnte ich diesen fröhlichen Smalltalkton sprechen, der
mir schon unmöglich weit weg erschien, als ich den Hörer auflegte und durch die
Balkontür hinaus in den Garten sah.
Am Abend ließ ich mich von Markus
zum Weggehen überreden. Er erzählte mir, wie super mich ein Typ, mit dem ich am Abend
zuvor Tischfußball gespielt hatte, gefunden hatte, was mich wunderte, weil ich kaum mit
ihm gesprochen hatte, so daß ich mich fragte, ob er mich nicht verwechselte, und dieser
Typ habe Markus dann auch Vorwürfe gemacht, daß er mich nicht nach Hause gebracht habe.
Vielleicht durch den seltsamen Kick dieser Geschichte oder durch den Telefonanruf davor
oder durch das Zerschneiden der Pringlesdose in der Küche sagte ich schließlich, ok, ich
komme, aber erst später, erst so um halb zehn, obwohl ich doch alleine sein, einen
gemütlichen Abend verbringen, keinen Menschenkontakt mehr wollte und doch kurz vor einer
Depression stand oder war das nicht genau so? Aber als ich von der U-Bahn-Station durch
leichten Schneefall zu Markus' Wohnung ging, schwebte ich und sang, bewegte sich meine
Seele ganz leicht dem Himmel zu.
Bei Markus saßen einige Leute, wir kifften und tranken Rotwein, von beidem merkte ich
nicht viel, und als es schließlich in ein Lokal gehen sollte, sagte ich, ich gehe nach
Hause, obwohl Markus meinte, er müsse nicht mit, nein, nein, ist schon ok, ich fahre
heim, sagte ich, und nur dadurch, daß der Nachtautobus noch nicht fuhr und die letzte
U-Bahn schon weg war, und nur dadurch, daß Bernd ein Stockwerk zu früh abbog und ich ihm
folgte, er die Sprechstundenzeiten des Arztes studierte, ich ihn diese abfragte und wir
schließlich wetteten, ob er oder ich recht habe, nur deshalb landete ich schließlich
doch wieder in einem Lokal, weil Bernd den Eintritt und auch ein Getränk zahlte. Nur
deshalb saß ich auf dem Barhocker und unterhielt mich mit Julia, der Gitarristin der
Band, die am Tag davor im Torso gespielt hatte, wo ich sie überhaupt nicht bemerkt hatte,
über Tongefäße, weil nämlich die alten Schotten, so hatte es Bernd erzählt, den
Whiskey aus Tongefäßen getrunken hatten, so daß Julia und ich sämtliche Neurosen der
Wiener und Salzburger auf das Tongefäßproblem zurückführten, Bernd allmählich von
Tongefäßen die Nase voll hatte und sich mit Markus unterhielt, aber immer wieder zu uns
zurückkam. Julia war in Hamburg gewesen und leitete irgendein Studio, es war ganz klar,
was sie hatte und was sie war. Sie wurde immer betrunkener. Mir gefiel es, wie wir
plötzlich zu reden begonnen hatten und in unseren Tongefäßsog gezogen worden waren, aus
dem wir nicht mehr herauskamen, obwohl ich wahrscheinlich nie so lange mit Julia Barhocker
gegen Barhocker gesessen hätte, wäre nicht Bernd zu Beginn dagestanden, weil ich den
Anfang vielleicht nicht geschafft und so lieber auf die Tanzenden geschaut hätte, die es
nicht gab; ein leichter Nebel hing im Lokal; von dem Wintergarten, der keiner war - ein
Landhaus war es, mitten in Wien -, kam grooviger Jazz, vielleicht war es auch Louis
Armstrong, und obwohl ich auf dem Barhocker saß und mit Julia über Tongefäße und
Hamburg redete, tanzte ich gleichzeitig eng in dem leeren Wintergarten, wobei es egal war,
mit wem ich tanzte, mit Julia tanzte ich, und auch mit Bernd, vielleicht auch mit Hans,
nach dem Tanz stellten wir uns wieder zu anderen Leuten, ohne daß Sehnsucht nach
dauernder Nähe aufgekommen wäre. Bernd sprach davon, als er wieder bei Julia und mir
stand, daß er ein Lokal aufmachen würde, in dem es so viele Sofas geben würde, daß man
immer über mindestens eines steigen müßte, um zu einem zu kommen, auf dem Platz zum
Sitzen sei, und in so einem Klub könnte man einen Sound wie hier jetzt spielen, weil er
doch auf diesen Sound stehe, aber eben nur, wenn es genügend Sofas gäbe, eben so viele
Sofas, daß man über diese steigen müsse.
Hans wollte gehen und ich mit ihm, weil wir dieselbe Richtung hatten und es an der Zeit
war, nach Hause zu gehen, wo ich doch meine Wohnung überhaupt nicht verlassen hatte
wollen, aber plötzlich war Whiskey im Gespräch und Taxi zu viert, und Julia meinte, sie
könne eine ganze Flasche Whiskey trinken, ohne irgend etwas davon zu spüren. Julia,
Bernd und Paul gingen schon hinaus. Ich verabschiedete mich von Markus, lachend, weil das,
was Wille genannt wird und in diesem Fall mit mir in Zusammenhang gebracht wurde, wieder
einmal nichts von seiner Freiheit zeigte, küßte ihn nicht, sagte, ich wisse nicht, ob
ich jetzt, wohin auch, werden ja sehen, ob sie noch draußen sind, Markus war ernst, und
ich war es nicht. Den Weg hinaus fand ich fast nicht, peinlich wäre es gewesen, wäre ich
zurückgegangen und hätte gefragt, Sperrt ihr mir die Tür auf?, aber dann fand ich die
offene Eingangstür, ging den kurzen Weg durch den Gang, über meine Dummheit lachend, und
da standen sie, und ich sagte, ihr seid ja noch da, Scheiße, lachte wieder, saß
schließlich im Taxi, wir, Julia, Bernd, Paul und ich, fuhren zu Bernd, um Whiskey zu
trinken.
Der Whiskey stand auf dem Tisch, er wurde eingeschenkt, es gab noch genügend Zigaretten,
Paul unterhielt sich mit Bernd und Julia sich mit mir, wobei ich die Versuche, ein
gemeinsames Gespräch zustande zu bringen, irgendwann aufgab und mich fallenließ, Paul,
als ich wieder einmal aufsah, nicht mehr da war, Julia, immer wieder nach ihrem
Whiskeyglas greifend, immer undeutlicher sprach, trank ich mittlerweile langsamer, weil
die gestrige Übelkeit noch in meiner Erinnerung war, und ich nicht wieder total daneben
sein wollte, erzählte Julia das, was sie schon in dem Lokal vorhin immer wieder
angedeutet, zwischen den Zeilen erzählt hatte und vielleicht schon in der Runde durch
ihre seltsam unsicheren Bewegungen, und sie sei doch keine wirkliche Jungfrau, gar nicht
pedantisch, und habe, nachdem in einem Film eine Frau zur anderen gesagt habe, du bist
eine wirkliche Jungfrau, du hast doch sogar dein Gewürzregal alphabetisch geordnet,
deswegen sofort Chaos in ihr vorher geordnetes Gewürzregal gebracht und müsse deswegen
jedes Mal, wenn sie jetzt ein Gewürz suche, daran denken. Über ihre Ehe erzählte Julia
jetzt, über einen anderen Typen, mit dem sie ein Jahr zusammen gewesen war und der sie
verlassen habe, zum ersten Mal, und sie sei doch schon 32, habe ein Typ sie verlassen,
Bernd war irgendwohin verschwunden, ich hatte das Gefühl, als habe er es schon bereut,
uns eingeladen zu haben, und einmal sei sie schwanger gewesen, da habe sie abgetrieben,
aber nie wieder würde sie abtreiben, und sie wisse nicht, ob sie jetzt schwanger sei, und
wenn, dann wisse sie nicht einmal, wer der Vater sei, aber sie wolle ein Kind, bis 35 gibt
sie sich Zeit, und jetzt ist sie vielleicht schwanger, aber sie wisse nicht einmal, wer
der Vater ist, und wie alt bist du eigentlich, und was machst du, und ja, mein Mann war
Philosoph, die Paradoxa, sie habe da ein Buch gehabt, über die Paradoxa, das habe sie
schon interessiert, vieles von dem, was er damals gesagt habe, habe sie noch immer im
Hinterkopf, aber er habe weit entfernt von der Wirklichkeit gelebt, kein Bezug zur
Realität, und daran sei auch die Beziehung gescheitert, und dann war sie eben wirklich
verliebt in diesen anderen, der auch ein Grund dafür war, daß es wirklich aus war mit
dem einen, aber der andere habe sie eben verlassen, und jetzt hänge sie hier herum und
sitze oft zu Hause und hänge herum, dabei wisse sie, daß sie zu zweit sein wolle;
während Bernd kochte, versuchte ich zu trösten, als sie wieder davon sprach, daß sie
vielleicht schwanger sei, man ist in solchen Situationen nicht schwanger, das weißt du
doch, meistens löst sich so etwas auf, dir geht's momentan nur nicht gut, das macht dich
einfach fertig, daß du vielleicht nicht weißt, wer der Vater ist, und daß es dir nicht
gutgeht, sieht man ja auch daran, daß du anscheinend mit Typen schläfst, die dir nichts
bedeuten, und sie meinte, nein, nein, so sei das nicht, und das sei das erste Mal, daß
sie nicht wissen könne, wer der Vater ist, und eine Femme fatale sei sie nicht, und ich
antwortete, wer ist schon eine Femme fatale?, sie konnte ihr Glas kaum noch in der Hand
halten; wir waren zu sehr geübt in der Nacht- und Betrunkenheitskommunikation, um in
dieser Nacht Freundinnen zu werden, auch wenn wir uns hin und wieder berührten, wie sich
Freundinnen berühren.
Bernd drückte mir einen Teller Nudeln in die Hand und Julia auch einen und setzte sich,
um zu essen. Julia redete noch immer, ich aß meine Nudeln, die unglaublich gut
schmeckten, langsam begann sich ein wohliges Gefühl in mir auszubreiten, ich hörte
nebenbei Julia zu, sah mit Besorgnis auf ihre Nudeln, weil ich Angst hatte, sie würde den
Teller zu sehr kippen, aber sie stopfte nur automatisch ihre Nudeln in den Mund, und ich
aß und aß und wurde immer zufriedener. Julia hatte ihren Teller leer gegessen, sagte
kurz entschlossen, sie gehe jetzt schlafen, Bernd ging mit ihr in das andere Zimmer der
Wohnung, um ihr das Hochbett zu zeigen, kam wieder.
Es war kurz nach fünf Uhr morgens, ich wollte meine Nudeln fertig essen und dann mit der
U-Bahn nach Hause. Obwohl ich im Kopf hatte, daß ich meine Nudeln schneller essen sollte,
aß ich im gleichen Tempo weiter, weil es mir gut ging und ich außer den Nudeln nichts
brauchte, sagte aber, ich würde dann gehen, fragte nach der U-Bahn, Bernd erklärte mir
den Weg zur Station, aber ich könne auch hier schlafen, worauf ich meinte, ich hätte
noch Zeit, mich zu entscheiden. Es lief gute Musik, Bernd legte immer wieder neue Sachen
auf, und wir redeten immer weiter, begannen über Ideen zu reden und über die
Nichtverwirklichung dieser und über Taschen aus Lastwagenleinen und über Skibindungen,
über zu langes oder doch nicht zu langes Studium, ich lag auf der Couch, wir rauchten
Camel und tranken nach einer kurzen Phase Wasser - jetzt können wir wieder Whiskey
trinken, sagte Bernd - wieder Whiskey. Ich fühlte mich so vollkommen frei und zufrieden,
mußte nicht gehen und mußte nicht bleiben, sondern redete und hörte zu. Bernd erzählte
über seine Reise in Afrika, ich sagte, das Blöde an solchen Reisen ist, daß man selbst
nicht weg ist; wenn andere wegfahren, sind sie weg, aber man selbst ist nie weg, und er
meinte, nach drei Monaten, dann denkt man nicht mehr an zu Hause, dann ist man wirklich
weg, es passiert irrsinnig viel, aber dann kommt man zurück, und alles ist wieder so wie
vorher, nichts hat sich verändert, und deswegen habe er auch weg müssen aus Salzburg,
weil sich nichts verändert habe, obwohl er gern in Salzburg sei, weil dort Sonne sei und
die Leute sich kennen würden, und nicht so wie in Wien, wo die Leute voneinander
abgekapselt leben; wenn man in Salzburg weggeht, auch allein, dann redet man mit zehn
verschiedenen Menschen, die man vorher nicht gekannt hat. Plötzlich ein lautes Geräusch,
und Julia kam heraus, anscheinend vom Hochbett gefallen, zielte sie schnurstracks auf das
Bett in unserem Zimmer zu, verkroch sich unter der Decke und schlief weiter, wir sahen sie
verwundert an, fragten, ob sie sich verletzt habe, aber sie murmelte nur etwas, und wir
redeten weiter, über das Zimmer, den großen Tisch, den er zum Arbeiten brauche, daß
er oft zu Fuß von der Universität heimgehe, weil irgendein Institut gerade geschlossen
sei und er dann nicht wisse, was er tun solle. Und eigentlich sei es sowieso egal, was man
studiere, er wolle ja das gleiche wie Markus, in Afrika, da habe er Leute getroffen, die
wirklich etwas tun wollten, gerne studiert hätten, aber keine Möglichkeit hatten, hier
können es die Leute und tun es nicht, und so habe er dieses technische Studium
angefangen, nachdem er vorher zwei andere abgebrochen habe, aber jetzt studiere er
wirklich, Julia schnarchte mit Tom Waits um die Wette, ein Gefühl von Freundschaft war im
Zimmer, obwohl es nicht ganz klar zu sein schien, was wir bereit waren zu geben, wir
füllten Whiskey nach und rauchten immer wieder noch eine Zigarette, bis wir schlafen
gingen, es war hell vor dem Fenster geworden, ungefähr acht Uhr morgens, beide aufs
Hochbett kletterten, weil Julia schnarchte, lagen wir nebeneinander, redeten über
Hochbetten und Camus, bis wir irgendwann einschliefen.
Als ich aufwachte, hämmerte es an der Tür, doch ich blieb liegen, versuchte
weiterzuschlafen. Kurz darauf läutete das Telefon. Bernd stand auf, kletterte die Leiter
hinunter, kam zu spät, da läutete sein Handy. Ich hörte Julia und Bernd in der Küche
und kletterte schließlich auch aus dem Bett. Bernd hatte Kaffee aufgestellt und wusch
gerade das Geschirr, Julia ging Frühstück einkaufen. Ich setzte mich in die Küche, wir
redeten über den gestrigen Abend, die Nacht. Julia kam und packte Semmeln, Schinken,
Salami, Käse, Erdbeerjoghurt, Butter und eine Honigmelone aus. Bernd hatte Musik
aufgelegt, der Sound stimmte, das Frühstück war gut, mir war schwindlig, ich konnte kaum
einen klaren Gedanken fassen und zitterte, Bernd hatte gemeint, das komme vom Whiskey, ihm
gehe es genauso. Paul und Markus kamen. Ich war gespannt, ob es irgendwelche Folgen geben
würde, denn ich wußte nicht, wie Markus darauf reagieren würde, daß ich hier bis in
den Morgen getrunken und auch hier geschlafen hatte. Ich ging in die Küche, wechselte ein
paar Worte mit ihm, der etwas distanziert schien. Ich setzte mich wieder auf die Couch im
Zimmer, hörte zu, aß noch ein wenig, rauchte. Und irgendwann saß Markus dann neben mir
auf der Couch und berührte mich leicht, spielte Xylophon, steckte mir das Stäbchen in
die Kniekehle. Markus sagte, er versuche seit Tagen etwas mit mir zu machen, aber nie
klappe es. Ich lachte verwundert.
Mittlerweile war es vier Uhr nachmittags. Julia war mit Rätsellösen beschäftigt, Markus
kuschelte an mir, Paul saß herum, Bernd suchte seine Sachen zusammen.
Wir verließen die Wohnung, Paul wollte in die Stadt, Julia wollte schlafen, Bernd und
Markus wollten jemanden übers Wochenende besuchen, und ich fuhr mit, Klaus abholen, Bernd
hatte mich gefragt, ob ich sie nicht begleiten wolle, und Markus, ob er nicht dableiben
solle, und beides hatte ich abgelehnt, weil ich arbeiten mußte. Als Bernd Klaus holte,
knutschten Markus und ich am Rücksitz des Autos, das zwischen hohen, alten Häusern
stand, die Lichter der Pizzeria leuchteten herein, mein Kopf hatte den Whiskey der Nacht
noch immer nicht abgebaut. Unsere Hände streichelten einander, bis wir vor mein Haus
kamen, es war schon dunkel. Als ich ausstieg, sah Klaus mich nur kurz an, Bernd lachte,
beide sagten Ciao, und Markus blieb seltsam verloren, mich immer noch streichelnd,
zurück. Auf dem kurzen Weg zur Haustür sang ich laut das Lied, das eben im Auto gespielt
worden war. Die Blicke, die ich dafür erhielt, schoß ich zielsicher zurück, mitten ins
Herz.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Zsolnay