Der gezeichnete Hund von Thomas Podhostnik, 2008, LuftschachtThomas Podhostnik

Der gezeichnete Hund
(Leseprobe aus: Der gezeichnete Hund, Roman, 2008, Luftschacht Literaturverlag)

I
Reči nekaj, flüsterte Mutter. Sag etwas. Versteht er
kein Deutsch, fragte die Frau. Ich stand vor ihr in
Socken, auf einem Stuhl. Er versteht sehr gutes
Deutsch. Verstehst du mich, fragte die Frau. Ja,
sagte ich. Wie heißt du? Sivo. Was siehst du? Ein
Kreuz. Ich deckte mit der Hand das rechte Auge
zu, sie hielt das Kärtchen hoch. Ich zuckte mit den
Schultern. Und mit beiden Augen? Ein Stern. Warum
trägt das Kind keine Brille? Aber was, sagte
Mutter. Auf einem Auge ist es fast blind. Ist Ihnen
das nicht aufgefallen? Und was, sagte Mutter. War
er im Kindergarten? Was soll er im Kindergarten?
Er wird nicht mithalten können. Mutter regte
sich auf. Können Sie bitte Deutsch sprechen.
Pojdi, sagte Mutter. Komm. Ich ergriff Mutters
Hand. Die Frau hielt mich an der Schulter fest.
Ich saß in meinem Zimmer auf dem Boden und
spielte mit Matchboxautos. Mutter rief nach mir.
Im Flur stand Vater, er hielt einen Hund auf dem
Arm. Za tebe, sagte er. Für dich. Mutter lehnte
im Küchentürrahmen. Zum Schulanfang, sagte
er. Hvala, sagte ich. Danke. Ich trug den Hund in
mein Zimmer. Eine freche šmrkla sei die Ärztin,
hörte ich Mutter in der Küche. Ne je zurückgeblieben!
Vater saß am Küchentisch und aß Hühnerbrühe.
Ich drückte den Hund an meine Brust, sein
Schwanz schlug mir gegen den Oberschenkel.
Mutter stand am Herd und rauchte. Der Hund
biss mir in die Hand, ich ließ ihn fallen, er jaulte.
Pes, schrie Vater. Vor Schreck warf sich der Hund
auf den Rücken. Ich setzte mich Vater gegenüber.
Mutter breitete eine Zeitung vor mir aus. Lese,
sagte sie, kak znaž. Wie du es kannst. Vater legte
den Löffel aus der Hand. Ich las die Überschrift,
dann Wort für Wort den ganzen Artikel. Vidiž,
sagte Mutter. Sie schimpfte von neuem über die
freche šmrcla. Koza! Nora krava! Vater stand auf
und ging aus der Küche, der Hund lief ihm nach.
Beši, schrie Vater. Hau ab! Der Hund kam zurückgerannt,
rutschte über das Linoleum, zwängte sich
am Waschpulver vorbei und hinter die Waschmaschine.
Schau mal zur Decke, sagte die Arzthelferin. Sie
tröpfelte mir Flüssigkeit ins Auge. Ein Tropfen
rann meine Wange herab über die Oberlippe in
den Mund. Ich versuchte Mutter zu ertasten, die
Arzthelferin griff meine Hand. Der Arzt begrüßte
mich, dann Mutter. Die Arzthelferin führte mich
an einen Stuhl. Sie trat auf ein Pedal und ich fuhr
ein Stück hinauf. Ich musste den Kopf vorstrecken
und das Kinn auf ein Gestell legen. Sie legte
mir ihre Finger an die Schläfen und rückte meinen
Kopf zurecht. Beweg dich nicht, mein Kleiner,
sagte sie und setzte sich auf einen Stuhl an der
Wand mir gegenüber, sie schlug die Beine übereinander.
Sie trug weiße Strümpfe und Sandalen.

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