Verzeihen Sie,ist das hier schon die Endstation? von Erika Pluhar, Hoffmann und CampeErika Pluhar

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Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?
Wie bitte?
Weil alle Leute aussteigen – ich hab Sie gefragt, ob das hier die Endstation ist.
Nein, nein. Ich fahre ja auch noch weiter: Bis zur Endstation.
Ach so. Danke.

Sie sind nicht von hier, was?
Nein. Ich bin zum ersten Mal in Wien. Und ich möchte in den Wiener Wald. Man hat mir gesagt, da könne ich lange spazierengehen.
So lang Sie wollen, ja. Wenn's sein muß, tagelang.
Tagelang wäre ein bißchen zu viel.
Lachen Sie nicht. Ich tu das manchmal.
Tagelang spazierengehen?
Im Sommer, ja.
Es ist Sommer.
Eben.
Also, ich wollte nur auf den – Cobenzl. Heißt das so? Da soll es ein Kaffeehaus geben, mit einer Terrasse und einem schönen Blick über die Stadt.
Sind Sie allein hier?
Ja.

Eigentlich reise ich gern allein, wissen Sie.
Wie meinen?
Was? – Ach so – ich meine – man ist viel aufmerksamer, schaut sich alles viel genauer an. Niemand stört. Und dann verreise ich auch selten. Wenn ich es tue, bleibe ich lieber für mich.
Sie sind mir keine Rechenschaft schuldig.
Was?
Ich meine – so genau wollte ich's gar nicht wissen. – He. Sie müssen jetzt nicht angestrengt aus dem Fenster starren, Sie können ruhig wieder zu mir herschauen. Das da draußen ist nur die Billrothstraße, nichts besonderes, eine Straße wie alle anderen auch. Hier drinnen sitze immerhin ich. Habe ich Sie beleidigt? Das wollte ich nicht.
Ist schon gut-
Nein, anscheinend ist gar nichts gut. Sie sind sauer. Ich kann Sie beruhigen, man ist oft sauer auf mich. Wegen meiner schnellen, dummen Sätze.
Ihre Sätze waren nicht dumm. Ich hab zu viel geredet, Sie hatten recht.
Ach was. – Eigentlich reden wir alle ohnehin zu wenig. Miteinander, meine ich. Es ist eben schwer, Kontakt zu ertragen, stimmt's? – Mir ist es oft schon unerträglich, wenn ein anderer; ein fremder Mensch nur auftaucht.
Sie dürften nicht mit der Straßenbahn fahren.
Das wär's, genau. – Na schaun Sie, Sie lächeln ja wieder. Ich hab es gern, wenn bei Menschen der Humor siegt. Und bei Ihnen tut er das offensichtlich.
Bleibt einem ja nichts anderes übrig.
Eine treffliche Einsicht.

Vor allem bei uns. Wir haben unseren Humor trainieren müssen in all den Jahren. Das Leben war nicht einfach. Und so grau. Es bekommt eben doch eine andere Farbe, wenn man lacht, oder? Charlie Chaplin hat gesagt: Ein Tag, an dem man nicht lacht, ist ein verlorener Tag.
Da kann er recht haben, und ich haufenweise verlorene Tage. – »Bei uns«? Wo ist das denn?
In Prag. Thchechoslowakei, jetzt Thchechien. Ich komme aus Prag.
Und da sprechen Sie so gut deutsch? Irgendein Akzent ist mir ja aufgefallen – aber Sie sprechen fehlerlos.
In meiner Familie wurde immer deutsch gesprochen. Meine Mutter stammte aus Wien, mein Vater hat in Wien studiert.
Und trotzdem sind Sie jetzt zum ersten Mal hier?
Als alte Schachtel, meinen Sie?
Nein, das meine ich nicht. – Daß Sie als Tschechin sogar diesen sehr wienerischen Begriff kennen – »alte Schachtel« – erstaunlich –
Meine Mutter hat ihn oft benützt.
Und wieso bezeichnen Sie sich so?
Bin ich doch.
Sind Sie nicht.

Was Sie sich da so angelegentlich anschauen, ist das Rudolfinerhaus. Ein Spital. Ein sehr teures Luxusspital für reiche alte Schachteln. Also nichts für Sie.
Haben Sie Probleme mit dem Alter – weil Sie plötzlich so stumm geworden sind?
Nein.

Wissen Sie – ich wollte als junge Frau immer so gerne mal nach Wien fahren, und es ging nicht. Jetzt bin ich vierundfünfzig. Ich hätte in den Jahren, seit die Grenzen offen sind, immer einmal herfahren können. Ich habe es nicht getan, aus Zorn.
Man muß nicht jung sein, um nach Wien zu fahren. Diese Stadt ist dem Himmel sei Dank immer noch altmodisch genug, um sich gegen den Jugendkult zu wehren. Ich glaube, für hier wird man nie zu alt.
Für eine gewisse Form des Erlebens wird man zu alt. Man muß jung sein, um zu leben.
Da widerspreche ich Ihnen.

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