Feuer über dem See
(aus: Unsere Farm am Arrow Lake, Monasheebooks, 2002)
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Feuer über dem See
Andrea ließ den Hammer fallen und
wischte sich den Schweiß von der Stirn. Guys, wenn ihr nicht wollt, dass ich
ohnmächtig vom Dach falle, muss ich mal ne Pause einlegen", sagte sie. Diese
irre Hitze bringt mich noch um!" Sie schwang die Beine über die Dachkante und
kletterte die Leiter hinunter.
Die Guys waren ihre beiden Brüder Michael und Holger.
Während die Eltern mit Nicole, ihrer kleinen Schwester, zum Einkaufen ins Okanagan Valley
gefahren waren, hatten Michael und Andrea sich erboten, das Dach des Hühnerstalls zu
reparieren. Es hatte etliche Löcher, durch die es hineinregnete. Den Hühnern gefiel das
nicht. Sie mochten nicht nass werden. Wenn es regnete, hockten sie in einer trockenen Ecke
zusammen und gackerten verdrossen vor sich hin. Mama war der Meinung, dass nur glückliche
Hühner viele schöne große Eier legten, also musste man sie bei Laune halten.
Wo willst du hin?" rief Michael vom Dach herunter. Holger,
Andreas Zwillingsbruder, musste im Rollstuhl sitzen und konnte bei solchen Arbeiten nur
zuschauen.
Runter zum Dock", war Andreas Antwort. Bei dieser
Affenhitze kann man es ja nur noch im Wasser aushalten." Damit lief sie auch schon
den Pfad zum Seeufer hinunter.
"Hey, pass auf, dass dich kein Bär frisst!" rief Michael ihr
nach.
Und dass dich nicht der Hitzschlag trifft!" tönte Holgers
Stimme hinterher. Trotz des Gelächters der beiden wusste Andrea, dass ihre Brüder sich
nicht lustig über sie machten, sondern ehrlich besorgt um sie waren. Aber das war
Quatsch.
Quatsch!" rief sie deshalb auch zurück, ohne sich dabei
umzudrehen.
Mit ihrem Handtuch über der Schulter und der Wasserflasche in der Hand
lief sie weiter. Nein, vor Bären hatte sie keine Angst, zumindest keine große. Sie hatte
sich eingehend darüber informiert, wie man sich zu verhalten hatte, wenn man unvermutet
einem Bären in die Arme lief. Sie traute sich auch zu, in solch einem Fall die Ruhe zu
bewahren und die Verhaltensmaßregeln zu befolgen.
Respektiere die wilden Tiere, dann respektieren sie auch dich, hatte der
Game Warden, der Wildhüter, ihr eingetrichtert. Siehst du dich plötzlich einem Bären
gegenüber, ziehe dich respektvoll zurück. Ohne zu rennen, ohne zu schreien. Das ist
wichtig. Rennst du schreiend davon, reizt das den Bären und er rennt dir hinterher. Dass
er dich erwischt, ist klar. Niemand schafft es, einem Bären davonzulaufen. Denn auch der
fetteste und tollpatschigste Bär ist schneller als der schnellste Mensch. Und was er dann
mit dir macht, wenn er dich erwischt hat, ist ebenfalls klar. Hamburger macht der aus dir,
junge Lady. Hamburger!
Mit einem leisen Schaudern dachte Andrea an die Worte des Game Warden.
Vorsichtig schaute sie sich nach allen Seiten um. Die Wiese, die zum See hin leicht
abfiel, war gut überschaubar. Erleichtert atmete sie auf, als sie nirgendwo einen
verdächtigen dunklen Punkt erkennen konnte. Nein, es war kein Bär in Sicht! Es war auch
ziemlich unwahrscheinlich, dass ihr hier auf diesem Pfad, so nahe am Haus, einer
begegnete. Aber man konnte nie wissen. Besser, man war vorsichtig.
Dass sie einem Hitzschlag erlag, konnte bei den mörderischen
Temperaturen, die schon seit Wochen hier herrschten, dagegen schon eher passieren. Beinahe
jeden Tag hatten sie über vierzig Grad, und es war immer noch keine Wetteränderung in
Aussicht. Sollte das den ganzen Sommer so weitergehen? Puh, dann konnten sie sich ja noch
auf etwas gefasst machen!
Gut, dass ich meine Sandalen anhabe, dachte Andrea bei sich. Auf dem
heissen steinigen Pfad hätte ich mir sonst glatt die Füsse verbrannt!
Über den halbverdorrten Wiesen und Feldern flimmerte die Hitze, in der
Luft hing ein intensiver Geruch von wilden Kräutern und verbranntem Holz. Die
Rauchschwaden der zahllosen Waldbrände, die durch das heisse trockene Wetter
hauptsächlich durch Blitzschlag bei regenlosen Gewittern entstanden waren, konnte
man deutlich sehen und riechen. Besonders das riesige Feuer im Süden frass sich mit
beängstigender Geschwindigkeit näher. Wie lange würde es noch dauern, bis die Flammen
die Farmen erreicht hatten, die Weiden, die Scheunen, die Wohnhäuser?
Tapfer verdrängte Andrea die Angst, die sich in ihrem Herzen ausbreiten
wollte. Sie war immer ein mutiges Mädchen gewesen. Auch hier, in der kanadischen Wildnis,
würde sie nicht vor Gefahren zurückschrecken, sondern mit aller Kraft gegen sie
ankämpfen!
Inzwischen hatte sie das Seeufer erreicht, wo ihr Grundstück an den
Arrow Lake grenzte. Hier war eine idyllische kleine Bucht miteinem verwitterten Dock, das
als Sprungbrett und Bootsanlegestelle diente. Ein Stück weiter unten lag ein alter
Ruderkahn umgestülpt im Gras. Er musste schon seit ewigen Zeiten hier liegen und sah
ebenso verwittert aus wie das alte Dock. Die Farbe war längst abgeblättert, die
Buchstaben am Bug nicht mehr zu entziffern. Möglich, dass es der Name ´MacLeod´ gewesen
war. So hiessen die Leute, von denen sie die Farm gekauft hatten. Schade, dass keine
Paddel mehr vorhanden waren. Andrea hätte es gereizt, ein bisschen auf dem See
herumzupaddeln. Doch das hatten ihre Eltern ohnehin verboten, mit allem Nachdruck sogar.
Wegen der heftigen Winde nämlich, die urplötzlich aufkommen konnten und den starken
Strömungen in der Mitte des Sees war der Arrow Lake für Ruderboote und Kanus viel zu
gefährlich. Deshalb sah man auch hauptsächlich nur Motorboote und Hausboote auf dem
Wasser. Zum Rudern und Kanufahren waren die kleineren Waldseen, von denen es hier in der
Umgebung jede Menge gab, viel besser geeignet.
Andrea setzte sich aufs Dock, trank einen grossen Schluck aus der
Trinkflasche und ließ die braungebrannten Beine im Wasser baumeln. Gedankenverloren
schaute sie auf den See hinaus. Im Moment spendete die grosse Weide zur Rechten noch
ausreichend Schatten, doch wenn die Sonne um die Ecke herumkam, würde es zu heiss werden,
um länger hier sitzen zu bleiben.
Dann war es oben im Wald am kühlsten. Zum neuen Besitz der Hartmanns
gehörte neben dem Farmland auch ein Stück herrlicher Zedernwald. Dieser wiederum grenzte
an ein ausgedehntes Waldgebiet, das dem kanadischen Staat beziehungsweise der Krone von
England gehörte. Deshalb nannte man es auch Crown-Land. Dieses Gebiet war eine zum Teil
undurchdringliche Wildnis, mit schroffen Felsen und Höhlen, in denen Kojoten und Pumas
hausten, und in denen sicher auch so mancher Bär seinen Winterschlaf hielt. Andrea fand
diesen Wald etwas unheimlich, deshalb mochte sie dort auch nicht gern allein herumwandern.
Einmal, als sie sich dort in die Nähe gewagt hatte, hätte sie vor Schreck beinahe einen
Herzschlag gekriegt. Sie hatte nämlich einen der großen schwarzverkohlten Baumstümpfe
dort, Überbleibsel eines riesigen Waldbrandes, der in 20er Jahren hier gewütet hatte,
zuerst für einen Bären gehalten. Ganz starr vor Angst hatte sie dagestanden und sich
krampfhaft daran zu erinnern versucht, was sie über Begegnungen mit Bären und anderen
wilden Tieren gelernt hatte. Im ersten Moment war alles wie weggeblasen gewesen. Doch dann
hatte sie angefangen, sich Schritt für Schritt zurückzuziehen und den ´Bären´ dabei
im Auge zu behalten. Als dieser sich so ganz und gar nicht bewegt hatte, auch dann nicht,
als sich unter lauten Kreischen eine Krähe auf seinem 'Kopf' niedergelassen hatte, war
sie stutzig geworden und hatte sich den 'Bären' etwas näher angesehen. Mann, war sie
erleichtert gewesen, als dieser sich als harmloser Baumstumpf entpuppt hatte!
Dem gleichen Irrtum war sie schon einmal aufgesessen, als sie mit ihrer
Familie eine Erkundigungsfahrt in die Umgebung unternommen hatte. Andrea musste lachen,
als sie sich daran erinnerte. Da war auch so ein grosser schwarzer Baumstumpf gewesen, auf
einer über und über mit Weidenröschen, die man hier 'Fireweed' nannte, bewachsenen
Lichtung am Hang. Ganz aufgeregt hatte sie ihren Vater gebeten, anzuhalten und ein paar
Meter zurückzufahren, damit sie den Bären fotografieren konnte. An der bewußten Stelle
hatte sie dann das Autofenster heruntergekurbelt, ihren Fotoapparat hochgerissen und wie
verrückt geknipst. Bis ihre Eltern und Geschwister sich vor Lachen ausschütteten und sie
dann endlich merkte, was sie da vor die Linse gekriegt hatte.
Andrea kehrte mit ihren Gedanken wieder in die Gegenwart zurück.
Schnuppernd zog sie die Luft ein. Täuschte sie sich, oder war der Brandgeruch jetzt
stärker geworden?
Zum x-ten Mal wischte sie sich mit dem Handrücken den Schweiß von der
Stirn. Selbst über dem See, wo normalerweise immer ein frischer Wind ging, hing die Hitze
heute wie eine schwere dicke Decke, unter der man kaum mehr Luft bekam. Nie im Leben
hätte sie gedacht, dass es in Kanada so heiss sein konnte! Hatte es nicht immer
geheissen, dass es dort ziemlich kalt war, mit kurzen Sommern und viel Schnee im Winter?
Na, ganz bestimmt nicht hier im Süden British Columbias! Wie die Winter hier waren wusste
sie zwar noch nicht, weil sie noch keinen erlebt hatte, doch dieser heisse trockene Sommer
hatte es jedenfalls in sich. Da hätten sie ja gleich nach Australien auswandern können,
wie es anfangs im Gespräch gewesen war. Doch sie hatten sich für Kanada entschieden,
weil Mama das heisse Klima nicht vertrug.
Und nun das!
Ansonsten wollte sie sich jedoch nicht beschweren. Ganz im Gegenteil!
Andrea liebte dieses Stückchen Land, das nun ihnen gehörte schon so, als hätte sie die
ganzen fünfzehn Jahre ihres Lebens hier verbracht. Wie vertraut ihr das alles in der
kurzen Zeit geworden war! Dabei waren sie erst vor knapp zwei Monaten nach Eagle Creek am
Arrow Lake gekommen. Doch es war ihr schon richtig zur neuen Heimat geworden.
Vor allem der Strand war Andreas auserkorener Lieblingsplatz. Hier
konnte sie stundenlang sitzen und vor sich hinträumen wenn es nicht jeden Tag eine
Menge zu tun gäbe. Natürlich erwarteten die Eltern auch von ihr, dass sie nach Kräften
beim Aufbau der neuen Farm mithalf. Sie tat es auch gern und war mit Eifer bei der Sache.
Immerhin war sie diejenige gewesen, die am meisten darauf gedrängt hatte, dass die
Auswanderungsidee so bald wie möglich in die Tat umgesetzt wurde.
Sehr lange hatte es dann auch gar nicht gedauert, bis sie ihr
Einreisevisum bekommen hatten. Innerhalb von acht Monaten war alles über die Bühne
gelaufen. Antragstellung, Interview bei der kanadischen Botschaft in Bonn, dann die
Einwanderungsgenehmigung, der Verkauf ihres Hauses in Schwabach sowie der meisten Sachen,
die sie besessen hatten, Packen und Verschiffen der wichtigsten persönlichen Dinge, die
sie mitnehmen wollten, der tränenreiche Abschied von Oma und Opa, den anderen Verwandten
und allen Freunden, und schließlich der Flug nach Vancouver, wo sie sich dann als erstes
Dach über dem Kopf ein Wohnmobil gekauft hatten. Mit diesem waren sie dann kreuz und quer
durch British Columbia gefahren, hatten nach hübsch gelegenen Farmen Ausschau gehalten,
sich über Arbeitsmöglichkeiten für Papa informiert, Verhandlungen mit Maklern geführt,
und so weiter. Bis sie dann am einsam gelegenen Arrow Lake gelandet waren. Hier hatte es
ihnen allen am besten gefallen. Sie hatten sich ein zwanzig Hektar grosses Farmgrundstück
am See gekauft, und damit war ihre Auswanderungsträume Wirklichkeit geworden.
Andrea wollte sich schon in den Arm kneifen und lachte dann über sich
selbst. Wie oft hatte sie das schon getan! Nein, es war kein Traum, aus dem sie irgendwann
wieder erwachen und sich zu Hause in Schwabach wiederfinden würde! Sie waren tatsächlich
in Kanada, in Eagle Creek am Arrow Lake, auf ihrer neuen Farm! Hier war von nun an ihr
Zuhause.
Mit grossem Eifer war die Familie Hartmann nun dabei, das alte
Farmhaus zu renovieren, den Garten neu anzulegen und Ställe zu bauen für die Tiere, die
sie sich zulegen wollten. Die Hühner hatten sie bereits beim Hauskauf vom Vorbesitzer mit
übernommen, ebenso den dicken frechen Kater Mickey. Nun wollten sie sich noch ein oder
zwei Hunde zulegen, und natürlich Pferde. Mama wollte eine Ziege für die Milch haben,
doch von dieser Idee hatten die restlichen Familienmitglieder sich wenig begeistert
gezeigt. Ziegenmilch, igitt! Ob sie nun gesund war oder nicht.
Von morgens bis abends werkelten die Hartmanns auf ihrer neuen
Farm herum und fielen am Abend todmüde in die Betten. Es machte ihnen grossen Spaß, sich
das alles mit eigenen Händen selbst zu schaffen. Sogar Holger, Andreas Zwillingsbruder,
der seit jenem schrecklichen Unfall vor drei Jahren querschnittsgelähmt war und sich nur
im Rollstuhl fortbewegen konnte, half mit, so gut er es vermochte. Nur ihre kleine
Schwester Nicole war faul und drückte sich gern vor der Arbeit.
Das Farmhaus und die Nebengebäude konnte man unten vom Dock aus
nicht sehen. Nur entferntes Hämmern war zu hören. Einen momentlang verspürte Andrea ein
schlechtes Gewissen, weil sie Michael die Arbeit allein machen ließ. Doch dann fand sie,
dass sie sich eine Pause redlich verdient hatte. Immerhin war sie schon um sechs Uhr auf
den Beinen gewesen und hatte im Garten Unkraut gerupft, während ihre Geschwister und ihr
Vater noch in den Federn gelegen hatten. Nur Mama war schon aufgewesen und hatte auf der
Veranda bei einer Tasse Kaffee englische Vokabeln gebüffelt.
Andrea stöhnte und wischte sich abermals über die Stirn. Wenn es
nur nicht so irre heiß wäre!
Kein Lüftchen regte sich, die Wasseroberfläche des Arrow Lake
war spiegelglatt und unbewegt. Dann nahm Andrea aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung
wahr.
Sie beobachtete einen Fischadler, der über dem See kreiste und dabei
immer tiefer ging. Dann stach er gezielt ins Wasser und holte einen Fisch heraus. Die
Bewegungen des Adlers waren träge, als wäre es auch ihm zu heiß. Trotzdem hatte er die
Beute erwischt. Doch auch der Fisch zappelte nur leicht. Wahrscheinlich war ihm das Wasser
zu warm. Wer hatte bei dieser Hitze auch noch viel Energie?
Ich werde auch mal ins Wasser stechen, dachte Andrea bei sich. Sie
sprang vom Dock auf und zog sich das farbverkleckste T-shirt, das sie über ihrem gelben
Bikini trug, über den Kopf. Dabei bemerkte sie, dass auch ihre Haare mit Farbspritzern
verklebt waren. Notdürftig zupfte sie die Farbkrusten aus ihren braunen Locken. Autsch,
das ziepte!
Mit einem Anlauf sprang sie dann ins Wasser. Ah, das tat gut! Zwar
war auch der sonst recht kalte Arrow Lake bei dieser Hitze zu einer lauwarmen Brühe
geworden, doch er bot trotzdem noch einigermaßen Erfrischung.
Träge schwamm Andrea um das Dock herum zur Weide und dann zu dem
Felsvorsprung, der den kleinen Strand im Norden vor Blicken schützte. Im Süden dagegen
konnte man kilometerweit den See hinunterschauen, ohne dass Häuser, Straßen und Autos
die Sicht gestört hätten. Nichts als Wasser und bewaldete Hügel waren zu sehen, und die
schneebedeckten Dreitausender im Hintergrund. Und leider auch die
Rauchschwaden der Waldbrände, die einmal dünn und träge dahinzogen, dann wieder dick
und schwarz und drohend aufwallten.
Andrea schwamm auf dem Rücken und schloss die Augen gegen die
Sonne. Abgesehen von den bedrohlichen Feuern war es wirklich ein schönes Fleckchen Erde,
das sie sich da ausgesucht hatten. Allerdings war es auch ganz schön einsam hier, vor
allem für jemand, der aus einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland kam.
Das Brummen eines Flugzeugmotors ließ Andrea wieder aufblicken.
Da kam er wieder, der Wasserbomber! Er tauchte kurz in den See ein und drehte dann mit
seiner Ladung wieder in Richtung der Rauchschwaden ab. Er kam in regelmäßigen
Abständen, wie Andrea und ihre Familie schon seit Tagen beobachtet hatten. Nur gut, dass
der grosse Arrow Lake zwischen den Waldbränden und ihrer Farm lag! Leider war der See
mehr lang als breit, nämlich über zweihundert Kilometer, aber im Eagle Creek Valley
keine zwei Kilometer breit. Andrea wünschte, es wäre umgekehrt der Fall.
Doch da waren auch noch die anderen Waldbrände. Das riesige Feuer
im Süden war die größte Bedrohung für die Bewohner von Eagle Creek und seiner
Umgebung. Würde man es unter Kontrolle bekommen, bevor es die Farmen erreichte?
Wieder spürte Andrea diese dumpfe Furcht in sich aufsteigen. Was
war, wenn niemand das Feuer aufhalten konnte?
Nein, es durfte einfach nicht passieren, dass sie ihre neue Farm
nach so kurzer Zeit schon wieder verloren! Sie hatten in Deutschland alles dafür
aufgegeben, um sich in British Columbia eine neue Heimat aufzubauen. Das durfte nicht
alles den Waldbränden zum Opfer fallen.
Sie werden es in den Griff bekommen, versuchte Andrea sich Mut zu
machen. Sie haben das Fosthall-Feuer unter Kontrolle gekriegt, das Goat Mountain-Feuer und
das Caribou Creek-Feuer, und wie man sie alle genannt hatte, die Waldbrände, die in den
letzten Wochen hier ausgebrochen waren.
Die Rauchentwicklung und der Brandgeruch wurden wieder stärker.
Mit einem mulmigen Gefühl blickte Andrea auf die Qualmwolken, die sich jetzt wie drohende
schwarze Ungeheuer über den Bergrücken herabwälzten. Wenn das Feuer sich nun über die
gesamte Bergseite ausbreitete? Dann würden sie es hier vor Qualm nicht mehr aushalten
können, auch wenn der See dazwischen lag. Gestern war in den Nachrichten sogar die Rede
davon gewesen, dass Eagle Creek und die umliegenden Farmen möglicherweise evakuiert
werden mussten. Doch was dann? Sollten sie ihre neue Farm einfach im Stich lassen?
Nein, niemals im Leben! Das kam gar nicht in Frage. Entschlossen
reckte Andrea das Kinn vor. Sie würde vor dem Feuer ganz bestimmt nicht davonlaufen. Sie
würde kämpfen, und ihre Eltern und Geschwister ebenso.
Sie dachte an ihre Mutter und ihren Vater und an Nicole, die heute
nach Vernon gefahren waren, um Lebensmittel und andere Dinge einzukaufen. Wenn sie
zurückkamen würde es neue Arbeit geben. Denn Mama hatte vor allem einige Kisten Obst zum
Einwecken und zum Marmelade kochen kaufen wollen.
Ob Nicole wieder etwas Neues bekam? dachte Andrea mit plötzlichem
Missmut. Bestimmt! Sie bekam ja immer, was sie wollte, oder zumindest meistens. Andrea
fand, dass ihre kleine Schwester zu sehr verwöhnt wurde und zu wenig dafür tun musste.
Als sie, Andrea, elf gewesen war, hatte sie zu Hause schon ordentlich mit zupacken
müssen. Und sie hatte nicht bei jeder Gelegenheit ein Mitbringsel oder Geschenk bekommen!
Andrea musste husten, so stark war jetzt der Rauch, der zu ihr herüberwehte.
Sie schämte sich ein wenig ihrer Gedanken. Als ob sie im Moment nicht andere Sorgen
hätte als die Frage, ob Nicole in Vernon etwas Neues bekam!
Sie begann, sich Sorgen um die Eltern und die kleine Schwester zu machen. Der
Weg ins Okanagan Valley war weit. Über hundert Kilometer ging es über den einsamen
Monashee Pass, bevor man auf der anderen Seite des Bergzuges die nächste Ortschaft
erreichte. Hatten sie nicht auch dort Waldbrände gemeldet?
Ein neues Geräusch weckte Andreas Aufmerksamkeit. Es war das Tuckern eines
Bootsmotors. Neugierig reckte sie den Hals. Wer mochte da vorbeikommen? Ein Angler aus der
Gegend?
Nein, nicht mitten am Tag, nicht bei dieser Hitze, sagte sie sich dann. Sie
hatte gelernt, dass die Fische nicht bissen, wenn es so heiss war. Da verkrochen sie sich
in den kühlen Tiefen, in Felslöchern oder in den Wurzeln der alten Baumstümpfe auf dem
Grund des Sees. Diese konnte man an seichteren Stellen durch das Wasser schimmern sehen,
ebenso die Fundamente und andere Überreste alter Häuser, die hier einmal gestanden
hatten. Denn der Arrow Lake war ein künstlich angelegter riesiger Stausee und Eagle Creek
ein Ort, der nach der Flutung an anderer Stelle wieder neu aufgebaut worden war. Viele
waren jedoch weggezogen und hatten sich mit dem Geld, das sie von der Stromgesellschaft
bekommen hatten, anderswo niedergelassen. So hatte das Eagle Creek Valley heute wesentlich
weniger Bewohner als damals vor zwanzig Jahren.
Vielleicht gehört das Motorboot Fremden, die sich nach Eagle Creek verirrt
hatten, überlegte Andrea weiter, als das Geräusch näher kam. Ihre Freundin Tracy hatte
gesagt, dass im letzten Sommer deutsche Touristen hiergewesen waren, die sich verfahren
hatten. Genauso war es auch ihnen vor ein paar Monaten ergangen. Auch sie waren nur
deshalb in Eagle Creek gelandet, weil Papa irgendwo die falsche Abzweigung genommen hatte.
Sonst würden sie jetzt auf einer Farm in Nakusp oder Nelson oder sonstwo in den Kootenays
leben. Oder vielleicht auch im Okanagan Valley.
Das Tuckern war jetzt ganz nah. Andrea watete an Land und setzte sich wieder
aufs Dock, gespannt darauf, was sich im nächsten Moment ereignen würde.
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