Manuela Pleuger

Der Berg ruft

Fritz war auf dem Weg Milch zu holen. Er machte mit seinen Eltern Ferien bei den Großeltern, die in Bayern in einem schönen alten Bauernhaus lebten. Das Haus hatte eine braunweiße Fassade und zwei riesige Balkons, die mit wunderschönen roten Rosen bepflanzt waren. Rings um dem Haus lag ein Garten mit ebenfalls sehr hübschen Blumen, in dem eine Schaukel, ein Sandkasten, Bänke und eine Rutsche standen. Fritz war begeistert. Besonders faszinierten ihn aber die hohen Berge. Schon als er sie bei seiner Ankunft zum ersten mal gesehen hatte, wollte er sofort dort hinauf. Er dachte das man von dort oben die ganze Welt überblicken kann. Sein Opa hatte ihm versprochen das er schon bald mit ihm eine Bergtour macht. Nur seine Mutter und seine Oma bekamen jedesmal mit der Angst, wenn sie wieder auf dieses Thema kamen.

Fritz hüpfte also über den Gehweg in Richtung Milchgeschäft, das nicht sehr weit weg lag. Die Verkäuferin kannte ihn schon, und gab ihm wie jeden morgen einen großen Lolli. Auf dem nach Hause Weg nahm er die Abkürzung über die Weide. Wie gerne würde er die Schafe und Ziegen mal streicheln. Gerade als er sich vorsichtig einem Lämmchen näherte, das ängstlich mähte, rannte plötzlich eine wütende, alte Geiß mit gesenkten Hörnern auf ihn zu. Erschrocken ließ Fritz die Milchkanne fallen und rannte weg. Da kam ihm ein Junge, etwa in seinem Alter entgegen, der wütend mit der Geiß schimpfte und wieder zur Herde zurück trieb. Dann ging er auf Fritz zu und stellte sich vor: „Hallo! Ich heiße Franz und hüte die Schafe und Ziegen. Entschuldige das Klara dir einen Schrecken eingejagt hatte. Normalerweise ist sie ja friedlich, aber wenn sich jemand ihrer Schnucki nähert, wird sie wild. Aber warum sagst du eigentlich nichts? Hat es dir die Sprache verschlagen?“ Eigentlich wollte Fritz antworten, das er ihn ja noch gar nicht zu Wort hat kommen lassen, aber stattdessen sagte er: „Ich heiße Fritz und mache hier Urlaub bei meinen Großeltern. Stell dir vor, mein Opa will mit mir auf den Berg klettern.“ Fritz Augen leuchteten als er davon erzählte. Doch plötzlich sah er die Milchkanne dort liegen. Die Ziegen und Schafe hatten die ausgelaufene Milch inzwischen aufgeschlabert. Als Franz sah das er weinte, wußte er rat, indem er ihm zeigte wie man Ziegen melkt. Fritz war ihm so dankbar, das die Kanne jetzt wieder voll war.  Die beiden Jungen hatten schnell Freundschaft geschlossen und Fritz versprach, nach dem Frühstück wiederzukommen. Schnell rannte er nach Hause. Seine Familie war froh, das ihm nichts passiert war, nachdem sie von seinem Abenteuer gehört hatten. So schnell wie heute, hatte Franz noch nie sein Brötchen heruntergeschlungen, denn er konnte es kaum abwarten, endlich wieder zur Alm zurück zu rennen. Kaum hatte er den letzten Bissen runtergewürgt, sprang er vom Tisch auf und lief so schnell er konnte zu seinem neuen Freund. Normalerweise hätten seine Eltern ihn getadelt wegen seines schlechten Benehmens, aber in diesem Fall drückten sie beide Augen zu. Schließlich freuten sie sich, das ihr Sohn so schnell Kontakt in der Fremde gefunden hatte. Und als sie sahen, wie er auf der Wiese herumsprang, waren sie fast so glücklich wie ihr Jüngster selbst. Den ganzen Tag verbrachten die beiden auf der Alm und trieben die Herde zusammen. Durch die wilde Toberei war Fritz am Abend so müde, das er schon am Tisch einschlief. Sein Vater brachte ihn ins Bett. Am nächsten Morgen wurde er allerdings sehr unsanft durch einen Schrei geweckt. Als er in der Tür stand, sah er Opa in der Küche auf dem Boden liegen. Von seiner Mutter erfuhr er, das Opa eine Dose vom Schrank herunter holen wollte und deshalb auf einen Stuhl gestiegen ist, der aber sehr wacklig stand. Die beiden Frauen wollten ihm aufhelfen, aber der alte Mann meinte, das er dies auch alleine schaffen würde. Doch als er den Fuß aufsetzte, verzog er schmerzverzerrt das Gesicht. Schnell fuhr Vater ihn zum Arzt. Fritz weinte. Wer sollte denn nun mit ihm auf den Berg gehen? Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Schnell zog er sich an, packte seinen Rucksack voll mit Brot, Wurst und Limo aus dem Kühlschrank und ging dann unbemerkt raus vor die Tür. Draußen fand er den Wanderstab seines Opas, den er auch gleich an sich nahm. Nun machte er sich auf den Weg. Unterwegs traf er Franz, der auch sofort begeistert war und mit seiner Herde sofort loszog. Fritz trug ein weißes T-Shirt, seine schwarze Lederhose und den Hut, den er von seinem Opa bekommen hatte. Nach zwei Stunden hatten sie schon ein gutes Stück Weg geschafft. Doch bis zum Gipfel war es noch weit. Fritz konnte schon nicht mehr. Er wurde immer langsamer. Plötzlich trat er auf einen losen Stein und fiel hin. Beinah wäre er runter gefallen, wenn Franz ihn nicht festgehalten hätte. Beide Jungen hatten einen wahnsinnigen Schreck bekommen. Ganz vorsichtig setzten sie den Weg fort. Gegen Mittag hatten sie den Gipfel erreicht und genossen die Aussicht. Fritz  war begeistert. Dabei aßen sie die Sachen aus dem Rucksack. Gerade als sie wieder hinabsteigen wollten, fing es in der Ferne an zu grummeln. „Oje“, sagte Franz, „ein Gewitter in den Bergen kann gefährlich werden. Schnell in diese Höhle dort hinten.“ Die Jungs führten die Schafe und Ziege in die Richtung in die Franz gezeigt hatte. Das Unwetter schien Stunden zu dauern. Was würde passieren, wenn es nie wieder aufhört? Da vernahm Fritz eine ihm bekannte Stimme, die nach ihm rief. Und im nächsten Moment kam sein Vater um die Ecke. Er hatte eine Straße den Berg hinauf gefunden. Fritz rannte in seine Arme, denn er war so froh. So eine seltsame Karawane hatte bestimmt noch niemand gesehen. Im Auto Fritz, sein Vater und Franz, gefolgt von zehn Schafen und Ziegen. Auf der Fahrt nach unten erzählte der Vater, das sie zuerst einen Schreck bekommen hatten, als Fritz nicht mehr da war, sie sich aber denken konnten, wo er sei. Außerdem hatten die Schafe ja auf dem Weg zum Berg, die Wiese kahl gefuttert.

Zu Hause wurden die Jungs erstmal in trockene Sachen gesteckt und bekamen einen heißen Tee. Der Opa saß im Lehnstuhl. Seinen Fuß zierte ein hübscher Gips, den Fritz und Franz später mit leuchtenden Farben bemalten. Doch plötzlich wurde Fritz traurig: „Also auf dem Berg war es ja sehr schön, aber die ganze Welt hatte ich mir größer vorgestellt.“

Rezension I Buchbestellung II02 © LYRIKwelt