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Schwarze Hunde
(Leseprobe aus:
Bestattung eines Hundes, Roman, 2008,
Kiepenheuer & Witsch).
Wir verabredeten uns in einem überlauten Restaurant am Paulinenplatz
(Mandolinenmusik und italienisches Kulissengeschrei). Immerhin Italien, sagte
ich und meinte damit den Wein. Ich wollte das Gespräch in aller Vorsicht
beginnen. Darauf Elisabeth: Svensson hat auch keine Kinder, obwohl er
Kinderbuchautor ist, er scheint ein seltsamer Mensch zu sein, vielleicht
versteht ihr euch. Mir fiel auf, dass Elisabeth nicht rauchte. Ich glaube nicht,
schrie ich zurück und bemühte mich um ein Lachen, er hat einen schwarzen Hund
mit drei Beinen, schwarze Hunde sind mir schon farblich zuwider, schwarze Hunde
stehen am Eingang der Hölle und warten. Elisabeth trank ihr Glas schnell aus und
schenkte uns nach. Deine Sorgen möchte ich haben, sagte sie, vielleicht ist das
eine gute Geschichte. Wir bestellten und sahen in unsere Gläser (Elisabeths
schmaler Hals, wenn sie schluckt wie ein Schwan). Als ich später fragte, warum
es ausgerechnet dieses Wochenende sein müsse, antwortete Elisabeth: Kapazitäten.
Oder wärst du lieber nach Châtenay-Malabry gefahren und hättest Lance Armstrongs
gefrorene Urinproben nach ihrem moralischen Gehalt befragt?
Elisabeth hat meine Sorgen nicht.
Sie bestellte noch einen Wein, dieselbe Rebsorte, diesmal ein Glas (Barbaresco).
Dass wir auch noch einige Flaschen in unserer Wohnung hätten, sagte Elisabeth,
und ich antwortete jetzt nur noch widerwillig: gut. Später öffnete ich dann eine
dieser Flaschen, worauf wir erst in der Küche tranken (unsere Küche) und auch
dort nur wenig sprachen (sie auf dem Ceranfeld, ich auf dem Boden neben den
Weinkisten). Ich ignorierte die zwei schwarzen Recherchemappen zu Svensson auf
dem Küchentisch. Elisabeth wies mich darauf hin, dass sie das Rauchen aufgegebe,
wie auch diese und jene Redakteurin, sie sprach von Yoga und ihrem
achtunddreißigsten Geburtstag. All diese Dinge wisse ich bereits, begann ich,
wir würden nur noch an diesen Oberflächen entlangreden, ich müsse unbedingt mal
wieder mit der Frau sprechen, die ich geheiratet hätte, wir sollten mal wieder
eine gelungene Unterhaltung führen (wir umkreisen ein Kind). Elisabeth stand
auf, stellte ihr Weinglas ab und holte Luft:
Du solltest mal wieder etwas Gelungenes schreiben, Mandelkern!
Damit sie nicht weitersprach, stand ich auf und versuchte, sie zu küssen. Wir
rangen, wir sahen verbissen aneinander vorbei, dann erwischte sie mich mit dem
Ellenbogen an der Oberlippe, im Reflex griff ich ihr Handgelenk eine Spur zu
fest. Ihr ungläubiges Lachen, als ich sie losließ und meine Oberlippe nach Blut
abtastete (uns gerät die Arbeit zwischen unsere Leben). Etwas später und endlich
betrunken landeten wir doch noch auf der Schlafempore, Sex ist bei Elisabeth und
mir seit einigen Wochen eine Frage der Betrunkenheit, und vielleicht mussten wir
die Kondome neben dem Bett übersehen (ihre Pillen in der alten Schulstiftbüchse;
auf der Rückseite drei Namen eingeritzt, sonst habe ich nicht viel aus ihrem
Leben vor mir finden können). Als wir uns umwälzten und ich kurz aus ihr
herausrutschte, sagte Elisabeth: in mir nistet sich heute nichts ein, und jetzt
halt still, Mandelkern! Elisabeth ahnt meine Pläne für die kinderlosen nächsten
Monate und Jahre (sagen konnte ich ihr bisher nichts; es gelingt mir nicht).
Elisabeth weiß: manchmal reicht ein falsches Wort und ich schrumpfe und schwinde
und stehe auf und gehe zum Fenster, nur um auf das dunklere Ende der
Bismarckstraße hinauszusehen und zu sagen, so gehe es nicht (im Sommer kann man
durch das Laub der Kastanien die Laternen nicht sehen). Also hielt ich still
(also beschloss ich, das Flugzeug zu nehmen).
Daniel Daniel
Elisabeth und ich bewohnen eine für meine finanziellen Verhältnisse zu große und
zu teure Altbauwohnung Ecke Bismarckstraße/Mansteinstraße. Schlafzimmer,
Wohnzimmer, Arbeitszimmer. Wir haben im Sommer 2003 geheiratet. Ich liebe
Elisabeth. Ich bin studierter Ethnologe und freier Kulturjournalist. Ich kämpfe,
wie alle kämpfen. Wir haben ein leeres Zimmer, das wir Gästezimmer nennen.
Elisabeth ist eine schöne Frau. Ich fahre einen zwanzig Jahre alten Renault
vier. Vielleicht ist ein anderes Leben ein besseres Leben. Bei unseren Gehältern
ist das einzig Sinnvolle, sagt Elisabeth, wenn ich die Miete bezahle und du das
Telefon. Elisabeth ist die schönste Frau, mit der ich je eine Altbauwohnung
bewohnt habe. Ethnologie hat für mich nichts mit Papua-Neuguinea zu tun. Ich
trage einen Ehering an der linken Hand (gebürstetes Silber). Elisabeth nimmt die
Pille nicht mehr, sie will jetzt ein Kind. Elisabeth ist eine nüchterne Frau.
Sie hat ein Kind bekommen, sie hat es verloren, sie will es noch einmal
riskieren. Da nistet sich nichts ein, sagte Elisabeth. Also hielt ich still.
Elisabeth rief dann Daniel Daniel, sie rief Daniel mitten in mein Gesicht, sie
meinte wohl eine Sekunde lang tatsächlich mich.
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