Bildnis eines Unsichtbaren von Hans Pleschinski, Hanser-Verlag, 2002Hans Pleschinski

Bildnis eines Unsichtbaren
(Leseprobe aus:
Bildnis eines Unsichtbaren, Roman, 2002, Hanser).

Ich sah keine Veranlassung, mich zwischen Lisa und Volker zu entscheiden; den beiden erging es anders.
Erstmals erlebte Volker meine Freundin auf der Bühne in August Strindbergs düsterem Mysteriendrama Traumspiel. Lisa spielte eine Magd, die beim hektischen Putzen fortwährend nur drohte: "Ich kleistere, ich kleistere, ich kleistere alles zu." Vielleicht aus tieferen Gründen hielt sich Volkers Beifall in Grenzen.
Wir trafen uns trotzdem oft zu dritt. Doch einige Dinge gingen zuende. Lisa war es nach zwei Jahren leid, einen jüngeren, flüchtigen Liebhaber zu hegen. Zudem ertrug sie nicht länger ihr Engagement an einem Theater, in dem annähernd verbeamtete Schauspieler für ein zumeist saturiertes Publikum allabendliche Textwiedergabe betrieben und zumeist erst beim Kantinenbier schwungvoll wurden. Lisa und ich formulierten, auf ihren unabänderlichen Wunsch, ein Schreiben an den Staatsintendanten, in dem es hieß: "Sehr verehrter, lieber Kurt Meisel! Ich schicke Ihnen eine Herde fliegender Kühe, damit sie Ihr Haus zuscheißen. Aus dem Dünger kann dann vielleicht irgendwann wieder Kunst erblühen, die Menschen aufrüttelt. Bei aller Wertschätzung für Ihre früheren Leistungen, so kann es nicht weitergehen. Ich fühle mich unterfordert." Daraufhin wurde ihr gekündigt.
Bereits damals visierte sie eine ultra-avantgardistische Theatergruppe an, die sie alsbald in der Ostschweiz gründete. Die erste Vorstellung der primärbühne fand in einem Gasometer statt, wo zwischen Halleffekten und Satzfetzen die Zuschauer, die mit den Darstellern über Stahlstiegen wanderten, zum Mitmachen und zur Debatte angeregt wurden.
Lisa bestaunte Volkers gedankliche Präzision. Er hatte seine Schwierigkeiten mit ihrer "weiblichen Impulsivität".
"Du hättest mit dem netten Meisel über bessere Rollen verhandeln können."
"Schließen muß man solch ein Haus. In der Kunst brauchen wir keine Nettigkeiten. Da werden neue Raketen stationiert, der Weltuntergang steht bevor, und das Bayerische Staatsschauspiel gibt zum hundertsten Mal Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben."
"Ich verstehe."

Eines Abends Anfang der 80er Jahre saßen wir im Restaurant K.u.K.-Monarchie bei Fritattensuppe und Pusztahendl und ereiferten uns über die DDR. Lisa schätzte den real-sozialistischen Staat, vielleicht weil sie ihn niemals betreten hatte. "Der Osten hat zumindest ein Programm, um eine Gesellschaft gleichberechtigter Menschen zu verwirklichen. Bei uns klaffen Reichtum und Armut immer weiter auseinander. Jetzt haben wir bald eine Million Arbeitslose." Volker und ich verteidigten das freiere, vielfältigere, auch risikoreichere Leben im Westen.
Der Streit über die beiden deutschen Staaten bei Tisch ebbte ab. Doch es blieb ein Unbehagen. Wurde Lisa zur Sozialistin? Sie erhob sich: "Volker, kommen Sie bitte mal mit. Hans, bleib bitte hier sitzen."
Volker folgte ihr zur Theke hinüber. Sie nahmen auf den Barhockern Platz. Ich sah sie heftig miteinander reden, rauchen. Lisa umfaßte, wie es ihre Art war, Volkers Hand, er legte ihr die seine kurz auf die Schulter. Ich konnte mir keinen Reim auf das Gespräch machen. Auf einmal hörte ich beide auflachen. Volker orderte zwei Schnäpse, und sie stießen an.
Meine beiden Freunde kehrten mit einer Heiterkeit, die mir leicht gezwungen erschien, an den Fenstertisch zurück.
"Was gibt's?" fragte ich.
"Wir haben es durchgesprochen." Lisa setzte sich und schob ihren halbvollen Teller beiseite: "Wir haben uns geeinigt. Selbstverständlich bleiben wir Freunde. - Aber ich übergebe dich Volker. Bei ihm bist du ab jetzt besser aufgehoben."
"Wie bitte?"
"Lisa übergibt dich mir." Volker strahlte, wirkte jedoch auch nervös.
Ich war sicherlich nicht lange sprachlos. "Gut. Nur kein böses Blut. Dann möchte ich jetzt auch einen Obstler."
"Mal sehen, ob du ihn erwischst", sagte Lisa zu Volker.
Er zuckte die Achseln. "Laß ihn doch sprudeln."
Das berührte mich zwiespältig. Ich wußte, ich war nicht zu fassen. Ich bemühte mich um Offenheit und hatte keine Vorstellung von bleibender Ruhe. Vielleicht baute ich um so mehr auf eine scheinbar äußerliche Verbindlichkeit, die mir - instinktiv - auf die Dauer brauchbarer zu sein schien als völlige Übereinstimmung von Gefühlen, oder als gnadenlose Klärung und Entzweiung. Ich vertraute, in der Wirrnis des Lebens, auf etwas Altertümliches, auf eine Etikette, auch eine Etikette des Herzens. Es hatte keinen Sinn, einander zu verletzen.
Theorie. Lisa verließ die Stadt und verband sich mit einem Bühnenbildner, der jünger war als ich.

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