aus: Hoffmanns Erzählungen
Im Jahr 1809 war Hoffmann 33 Jahre alt und lebte
als Musikdirektor des Theaters in Bamberg. Seinen dritten Vornamen hatte Ernst Theodor Wilhelm
in huldigendem Gedenken an Mozart bereits als 28jähriger in Amadeus geändert.
Hoffmann entstammte einer Juristenfamilie in Königsberg. Sein Elternhaus war früh
zerrüttet. Als er zwei Jahre alt war, trennte sich 1778 sein Vater, ein notorischer
Trinker und impulsiver Mann, von der ihrerseits nicht einfachen Mutter, einer hysterisch
überkorrekten, oft in Weinkrämpfe verfallenden Frau. Bei ihr und ihren Verwandten -
einem musikbesessenen Onkel und einer altjüngferlichen Tante - wuchs Ernst Theodor auf.
Seltsame Charaktere waren früh um ihn.
Seine Lebensbahn schien vorgezeichnet. Hoffmann besuchte das Gymnasium, er verschlang Buch
um Buch. Aber er ärgerte seine Altvorderen auch mit auserlesenen Streichen und tollen
Entschuldigungen. Als hochbegabter Jungmusikant wurde er zu den bisweilen dilettantischen
Hauskonzerten des Onkels hinzugezogen.
Sein Jurastudium absolvierte der 19jährige, der bereits phantastische - leider
verschollene - Geistergeschichten schrieb, in Königsberg. Nach einer unglücklichen
Liebschaft war der aufstrebende Regierungsjurist froh, an die Oder nach Glogau versetzt zu
werden. Einem weiteren Examen und einer übereilten Verlobung mit seiner Kusine, die bald
wieder annulliert wurde, folgte Hoffmanns Ernennung zum Referendar am Kammergericht in
Berlin.
In der Metropole befreundet sich Hoffmann mit Künstlern und nimmt Kompositionsunterricht
bei dem berühmten Johann Friedrich Reichardt. Die musische Justizzeit ist kurz. 1800 wird
Hoffmann zum Assessor in der preußischen Provinz Posen ernannt. In der fremdartigen
Umgebung, wo eine kleine deutsche und eine polnische Gesellschaft eher nebeneinanderher
leben, komponiert der junge Regierungsbeamte Hoffmann eine Festkantate zur Feier des neuen
Jahrhunderts mit einer Huldigung an den preußischen König: "Friedrich Wilhelm auf
dem Throne! Welche Hoffnung! hehr und licht!" Zwei Jahre darauf heiratet er die Polin
Marianna Thekla Michaelina Rorer-Trzynska, "Micha", die lebenslang seine
Gefährtin bleiben wird. Über seine Zukunft als Beamter oder als freier Künstler - als
Komponist, Maler oder Schriftsteller - ist Hoffmann weiterhin zutiefst zerrissen. Als er
auf einem Posener Ball zur allgemeinen Belustigung eigenhändige Karikaturen der
preußischen Besatzungsobrigkeit kursieren läßt, wird er strafversetzt.
In Plock, einem Kaff mit 389 Häusern, auf halbem Weg nach Warschau, sitzt Hoffmann
tagsüber tadellos korrekt über Hühnerdiebe und Gewichtsfälscher zu Gericht. Des Nachts
komponiert er Kirchenmusik und schreibt für einen Berliner Theaterwettbewerb das
Lustspiel Der Preis. Was aber seine Zukunftsaussichten und seinen
Seelenzustand betrifft, notiert er: "Anwandlungen von Todesahnungen -
Doppeltgänger."
Eine schwungvolle und muntere Periode seines Lebens verschafft ihm 1804 seine Ernennung
zum Regierungsrat in Warschau. In der Kapitale des geteilten Polen verwirklicht sich sein
vielseitiges Künstlertum mehr denn je. Er komponiert Singspiele und die Bühnenmusik zum
Schauspiel Das Kreuz an der Ostsee. Er gründet die Warschauer
Musikalische Gesellschaft, dirigiert dort selbst und stattet sogar
eigenhändig den Konzertsaal im Mniszekschen Palais mit Wandgemälden aus. Nach Napoleons
Sieg bei Jena und seinem Vormarsch bis nach Polen werden dort die preußischen Behörden
aufgelöst. Auch Hoffmann wird vom preußischen Ministerium entschädigungslos aus dem
Staatsdienst entlassen.
Für Österreich und Wien erhält er kein Visum. Als freischaffender Künstler, bis dahin
ohne nennenswerten Erfolg, siedelt er nach Berlin über. Das Jahr 1807 wird zu Hoffmanns
bitterstem Lebensabschnitt. Seine zweijährige Tochter Cäcilia stirbt. Verleger für
seine Kompositionen findet er trotz aller Bemühungen nicht. Verzweifelt und krank muß
Hoffmann schließlich seinen Jugendfreund Theodor von Hippel um Geld bitten, um nicht zu
verhungern: "Ich mag Dir meine Noth nicht schildern; sie hat den höchsten Punkt
erreicht. Seit fünf Tagen habe ich nichts gegessen, als Brod - so war es noch nie. Jezt
sitze ich von Morgen bis in die Nacht und zeichne Szenen für Werner's Attila, der
in der Realbuchhandlung verlegt wird..."
Die größte Bedrängnis scheint beendet zu sein, als er die Zusage erhält auf seine
Bewerbung, Musikdirektor im kleinen Theater von Bamberg zu werden. Mit geliehenem Geld
reist er am 6. Juni 1808 nach Süddeutschland ab. An der fast bankrotten Privatbühne
gerät sein erster Auftritt als Kapellmeister vor einer überforderten Kapelle zum Fiasko.
Also verlegt sich der 30jährige in Bamberg - "eine schöne, freundliche Stadt"
- fürs halbe Gehalt auf Gelegenheitskompositionen, Bühnenbildentwürfe und die
Spielplangestal-
tung. Als ungewöhnlicher, aber geachteter Mitbürger erteilt der trinkfreudige Ostpreuße
in Bürgerhäusern Musikunterricht. Hoffmann lernt namhafte Wissenschaftler und
Naturphilosophen seiner Zeit kennen. An der Erkundung von Verbindungen zwischen Nerven und
Krankheit, zwischen Wirklichkeit, Traum und Okkultem arbeiten sowohl der Arzt Albert
Marcus wie auch Gotthilf Heinrich Schubert, Verfasser des Buchs Ansichten von der
Nachtseite der Naturwissenschaft. Daß sich in jedem Ich unergründete Tiefen
auftaten, daß hinter der Welt, durch die Napoleons Truppen marschierten und wo die
Beamten ihre Akten öffneten, eine unerforschte Harmonie oder Disharmonie bestimmend war,
war gewiß. Mit Gott war nichts mehr zu erklären.
In Bamberg schrieb Hoffmann seine erste Erzählung. Er, für den die Literatur bisher
hinter der Musik rangierte, widmete sein poetisches Debüt dem 1787 verstorbenen
Komponisten Christoph Willibald Gluck, Ritter des päpstlichen Ordens vom Goldenen Sporn.
Aber war es wirklich dieser verehrte Meister, der sich aus den Zeilen abzeichnete? Es gab
viele Identifikationsmöglichkeiten für eine nebulöse Erscheinung. Immerhin lebten in
einer neuartig großen Stadt Sonderlinge, Geistesgestörte, und womöglich gab es
tatsächlich Pfade aus einer anderen Welt in die diesseitige. Ja, Reinkarnationen, Spiele
der Erbanlagen konnten von niemandem ausgeschlossen werden.
Im Ritter Gluck, dem frühesten Meisterwerk, erweist sich Hoffmann auch als
einer der ersten Beobachter des modernen Kulturbetriebes. Berlin wird in dieser Erzählung
erstmals in der deutschen Literatur zum großstädtischen Hintergrund. Und den Berlinern
geht es in ihrer realistisch-phantastischen Welt nicht gut: wegen Napoleons
Wirtschaftssanktionen müssen sie - und die beunruhigenden Gestalten, die sich unter sie
mischen - statt guten Bohnenkaffees einen Ersatz aus Mohrrübensud trinken. Doch die
Freiluft-Kapelle spielt unverdrossen für die Flaneure, Geister und was sich in einer
keineswegs sicheren Welt laut oder lautlos bewegt.
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