Mit bösen Absichten von Alessandro Piperno, 2006, S.Fischer

Alesandro Piperno

Bepys herrliches Jahrhundert
(Leseprobe aus: Mit bösen Absichten, Roman, 2006, S. Fischer - Übertragung Marianne Schneider)

Bepy spürte mehrere Stunden, nachdem er die Diagnose eines

Blasentumors kassiert hatte, es gab kein Entrinnen, da suchte er

sich aus der unendlichen Zahl schauderhafter Fragen diese aus:

Werde ich noch eine Frau ficken können oder war das schon alles?

Wenngleich das so gesehene Dilemma als eine pathologische

Umkehrung der Prioritäten erscheinen mag, für ihn war in der

äußersten Gefahr das Gespenst einer geschädigten Männlichkeit

schrecklicher als der Horror vor dem Nichts: vielleicht,

weil in seiner Vorstellungswelt Impotenz und Tod zusammenfielen,

auch wenn der Letztere der Ersteren vorzuziehen war,

zumindest wegen des Trostes einer ewigen Abwesenheit ...

Oder vielleicht war der Sprung ins Dunkel, der den Erfolgsmenschen

in den finanziellen Bankrott getrieben hatte, zu blitzartig

gewesen, als dass die Integrität seiner Gefühle keine

Schrammen davongetragen hätte.

Aber warum sollte man den Seiltänzer des ehebrecherischen

Sex – den Verfechter einer beinahe globalen Deportation der

Schwulen auf eine Insel »wo sie unter sich sind« – daran hindern,

sich bis auf den Grund zu sich selbst zu bekennen?

Sein reifer, durch und durch konkurrenzfähiger Schwanz

war bereit, zum letzten Mal im Schein einer alten Flamme

zu erstrahlen: Giorgia Di Porto, Modistin, nicht ganz heimliche

Geliebte aus der Zeit der fetten Kühe, war im Begriff,

die Finsternis von Bepy Sonninos letzten Lebensjahren zu

zerreißen.

Zwischen ihnen beiden war alles in die Brüche gegangen, als

Ada, Bepys verstörte Ehefrau mit der zuckermandelfarbenen

Haut, eines Tages entdeckt hatte, dass die siebzehnjährige Modistin

– verschmitzt und hochnäsig wie Catherine Spaakin

dem Film Il sorpasso – auf den Schnurrbart ihres Gatten urinierte

und dieser die güldene Ammoniakbrühe mit der Inbrunst

eines Säuglings trank. Der Rest ist eine unausweichliche

Klimax: der entgeisterte Schrei Adas, das Gebot der Entlassung

des Nüttchens, der Kauf eines Korallenkolliers bei Buccellati

als Abfindung, der dann de facto das Ende des ausschweifenden

Verhältnisses feierlich besiegelt hatte.

Sechzehn Jahre später.

Als Bepy wieder einmal zum Kauf eines Geschenks für wieder

mal ein Höschen eine Boutique betritt und dabei Giorgia in

leicht erschlaffter Version als Ladenchefin auf sich zukommen

sieht, spürt er in seinem Bauch die unverwechselbare Flamme

hochsteigen, die ihn vor fast fünfzig Jahren zum Mann gemacht

hat. Und wenngleich der orangefarbene Mix aus Lippenstift,

Haarfarbe und Nagellack eine superbe Allegorie des Herbstes

darstellt, wenngleich sie, sah man genauer hin, die letzten zwanzig

Jahre mit dem Versuch vertan hatte, ihrer eigenen Karikatur

immer ähnlicher zu werden, wenngleich der Lederminirock

und der Leopardenbody nicht die geeigneten Zutaten für ein

kräftiges Mädchen sind, das seit mindestens fünf Jahren den

Dreißigsten hinter sich hat, kann er, als sie ihm (und mit welchem

Anflug von Ehrerbietung! und mit welch peinlichem

Mangel an Ironie!): »Herr Doktor Sonnino? ...«, entgegenruft,

nicht widerstehen.

Giorgia rettet ihm das Leben.

So denkt er mit Wonne, als er sie zu einem Spaziergang ein-

lädt. Und während seine Hand eiligst die Laufmaschen am Ärmel

des Kaschmirpullovers zudeckt und sein Herz glühende

Lava speit, fleht Bepy inständig zu Gott, sie möge ihn nicht

bitten, sie im Auto mitzunehmen, denn das wäre ärmlich gewesen

mit seinem jetzigen Kleinwagen: Und genau da – angesichts

des Schauspiels seiner unwiderruflichen Verarmung – begreift

Bepy Sonnino, dass er die Maxime verraten hat, die im

Guten wie im Schlechten über sein Leben entschied: Besser,

man stinkt nach Scheiße als nach Armut!, so hatte er sich in den

letzten fünfzig Jahren obsessiv jeden Tag vorgesagt.

Im selben Schwung, wie er sein Manko feststellt, holt er

spontan aus dem Grundbuch der Erinnerung eines der letzten

mit Giorgia verbrachten Weekends hervor: Wie zauberhaft im

nachtblauen Jaguar, Armaturenbrett aus Nussbaumwurzel, in

Forte dei Marmi die große Straße am Meer entlang zu fahren,

um gleichzeitig vor der Menge der neiderblassten Altersgenossen

mit der Teenager-Geliebten zu prunken!

Gibt es ein männlicheres Privileg, als den Neid der Welt zu

erwecken?

Im Namen dieses Neids unterschreibt Bepy ungedeckte

Schecks, fordert die Grausamkeit der Bankdirektoren heraus,

verlangt von seinen Söhnen und Schwiegertöchtern Darlehen,

die er nie wird zurückzahlen können, verlässt sich aber vor allem

auf seinen Ruf als unerreichbarer Mann, wie er als Ideal ins

Gemüt der gealterten und erstaunlich unreifen GiD (wie er sie

gerne nennt, mit offenem O, genau wie früher) eingemeißelt

ist, und erreicht, nachdem er ihr unerbittlich den Hof gemacht

hat, eines Abends ihre Kapitulation, womit er seine letzte liederliche

Wette gewinnt. Aber in den Geschehnissen, die das

Leben dieses Mannes skandieren, das immer ungewiss zwischen

Unglück und Parodie schwankt, tritt ausgerechnet da das

Ebel auf. Und das Einzige, was sich Bepy, hingerissen von den

erregten Kurven des pseudoaufgeilenden Körpers von GiD, zu

fragen vermag, ist, ob er sie nach einem eventuellen Eingriff

noch unbefangen würde ficken können.

Wie niemand Bepy und Ada Sonnino die Natürlichkeit übel

genommen hatte, mit der sie das Trauma der Geburten ihrer

Sühne verarbeiteten – eines Albinos wie mein Vater und eines

Spinners wie mein Onkel –, so hatten sich alle von den beiden

Weltmeistern in der Kunst der Unterbewertung eine rasche

Anpassung an den finanziellen Ruin erwartet, der abgesehen

davon, dass er sie ins Elend stürzte, auch die Grundfesten ihrer

beinahe unerschütterlichen Bindung unterminiert hatte.

Und tatsächlich hatten es die beiden am Ende doch geschafft,

indem sie – in ihrem senilen Hausstand – ein methodisch grollendes

Lächeln mit Zankereien abwechselten, die buchstäblich

Epoche gemacht hatten: Zum Beispiel das eine Mal, als er,

überstürzt nach Hause gekommen, ihr auf dem Gipfel seiner

Empörung verkündete, er habe den Rabbiner Perugia an der

Kasse eines Supermarktes mit zwei riesigen bunten Packungen

Panettone Schlange stehen sehen.

»Wo steht denn geschrieben, dass ein Rabbiner keinen Panettone

kaufen darf?«

»Ein Rabbiner muss mit gutem Beispiel vorangehen ...«

»Hast du nicht einen Moment gedacht, es könnte ein koscherer*

Panettone sein?«

»Ada, ich meine es ernst ...«

»Finde mir ein Gebot – ein einziges! –, das es einem Juden

verbietet, einen Panettone zu kaufen.«

»Und warum dann nicht gleich eine Krippe? Steht irgendwo

geschrieben, dass ein Jude keine Krippe aufstellen darf?«

* Was dem kasherut entspricht, das heißt der biblischen und rabbinischen

Norm über die Reinheit der erlaubten Speisen und über die Art, sie zu kochen

und zu servieren.

»Dann sag mir, woher weißt du so genau, dass er ihn essen

wollte?«

»Meinst du, er hat ihn zur Zierde gekauft?«

(Man beachte, dass die Sonninos nach jüdischer Art der

Frage den Vorzug gaben, im Gegensatz zur typisch christlichen

der Behauptung.)

Oder der Tag, an dem der Anruf eines Friedhofsbeamten uns

informierte – bevor die Nachricht an die Presseorgane weitergegeben

wurde, um die +bliche abgedroschene Entrüstung zu

erregen – , dass irgendwelche Rowdys nicht nur entehrend mit

Filzstift Hakenkreuze auf unser Familiengrab gemalt hatten,

sondern, noch nicht zufrieden, die mineralisierte Leiche meines

Urgroßvaters, die Eberreste des ehrwürdigen Rechtsanwalts

und Melomanen Graziaddio Sonnino, entwendet hatten:

»Armer Papa!«

»Es sind doch schon zehn Jahre her, dass du ihn nicht mehr

besucht hast ...«

»Deshalb sollte ich mich freuen, wenn er gestohlen wird?«

»Was soll ihm denn daran liegen? Er ist tot.«

Ganz zu schweigen von den Gelegenheiten, bei denen sich

Bepy zu träumerischen Lobgesängen für die großen Künstler

unseres Jahrhunderts hinreißen ließ: Die Passion für die zeitgenössische

Kunst, die bei ihm der Idolatrie nahe kam, vermochte

es nicht nur, zeitweilig die Ketten seines Skeptizismus

zu zerreißen, sondern schien ihn in eine sinnliche Ohnmacht

zu stürzen, die mit seiner beinahe zu sehr ins Licht gerückten

Beherrschtheit kaum zusammenpasste.

»Sag mir, Ada ... Wenn in diesem Augenblick der große Picasso

hier auftauchen würde ... Was würdest du zu ihm sagen?«,

fragte er träumerisch.

»Na, wahrscheinlich würde ich ihn um ein Darlehen bitten!«

Ich muss gestehen, dass mein Lieblingsstreit (vielleicht, weil

ich die Ehre habe, darin die Rolle des neunjährigen Enkels und

fassungslosen Zeugen zu spielen) der ist, bei dem Ada und Bepy,

als sie nach Hause kommen, das blutjunge hübsche ukrainische

Dienstmädchen mit nassem Haar und in Großmutters

Bademantel gehüllt antrafen.

»Darf man wissen, was du vorhast?«

»Aber, Signora, Sie haben doch selbst gesagt, ich soll jeden

Tag das Bad machen.«

»Du willst mich wohl auf den Arm nehmen? Ich habe gemeint,

du sollst es putzen ...«

Und da spürt Bepy, von einer Form pedantischer Galanterie

getrieben, die Pflicht einzugreifen:

»Aber Ada, wir müssen der Kleinen zugestehen, dass deine

Ausdrucksweise ein kleines Missverständnis nicht ganz ausschließen

konnte!«

Und wer weiß, ob dieser Strom zynischer Bemerkungen, mit

dem von Mal zu Mal der eine die Leidenschaften des anderen

zunichte machte, nicht auf seine Weise dazu diente, das

schlimme Gespräch zu verschieben, zu dem ihnen – in einem

halben Jahrhundert Ehe, das der gegenseitigen Untreue und

der gewissenhaften Vergeudung des Geldes geweiht war – immer

noch der Mut fehlte.

Jegliche Anspielung war verboten, der Vorhang fiel, bevor

sich das gewaltige Drama in progress auf der Bühne abspielte, als

wäre die ganze Welt von dem Elixir aus Puder und Kölnisch

Wasser mit Limonenduft betäubt, mit dem Bepy nach der allmorgendlichen

Dusche seine Leistengegend großzügig besprengte.

Sogar der untergründige Schrecken vor dem Unwägbaren

war aus dieser absurden Familie verbannt worden,

abgesehen von einigen rituellen Freiheiten: die Ängste, die

Bepy mitten in der Nacht zerfleischten, weil er auf den Anruf

einer Amtsperson wartete, die ihm einen Autounfall mitteilte,

bei dem einer seiner Söhne ums Leben gekommen sei, denn

eine solche Nachricht hätte mit einem Schlag die menschliche

Geschichte von Bepy Sonnino & Family in ein unsagbares

Dunkel des Leidens verwandelt. Aber wenigstens das blieb ihm

erspart.

Und man musste die beiden auch verstehen!

Nachdem sie auf eine behagliche Jugend hin die Dosis erotischer

Frustration geschluckt hatten, die alles in allem die antijüdischen

Gesetze von 1938 waren, hatten diese Juden der »feinen«

römischen Gesellschaft, buchstäblich angesteckt von der

Epidemie der Nachkriegsfreude, den Schrecken über Benito

Mussolini und Adolf Hitler – und mit welch unglaublicher Improvisation!

– durch eine nachahmende Verehrung für Clark

Gable und Liz Taylor ersetzt. Als hätte das schreckliche Paar

faschistischer Diktatoren nie existiert, als wäre es – in den Herzen

aller italienischen Bepys – zusammen mit den undeutlichen

Gerippen Hunderter von deportierten Verwandten begraben

worden: verschwunden mit der Schar von Vettern, Cousinen,

Schwagern, Schwägerinnen, Schwestern, Schwiegereltern, deren

Eberreste jetzt in ein paar Müllsäcken Platz gehabt hätten,

von denen zu sprechen strengstens verboten war und über deren

Ende man sich insgeheim schämte. Aus dem Gedächtnis

der überlebenden Verwandten noch früher getilgt als vom Angesicht

der Erde: als ob ihre Lumpen und ihre höllische Magerkeit,

ihr anonymer Tod, durch jene entsetzlichen Schwarzweißfotos

bis ins Kleinste belegt, nicht zum Funkeln des

Silbers oder zur Euphorie und zum Brio der Cocktailpartys jener

phantastischen Jahre gepasst hätten. Oder als ob der Wahnsinn

des diabolischen Bösen, der über die UNTERGEGANGENEN

hereingebrochen war, den GERETTETEN eine

unbefangenere Skrupellosigkeit zugestanden hätte: Gab es deshalb

– allein deshalb? – im Milieu von Bepy und Ada keinen

einzigen Mann, der sich nicht dazu berechtigt gefühlt hätte, die

bürgerlichen Gesetze zu verletzen, indem er der Frau seines

besten Freundes oder der minderjährigen Tochter seines liebsten

Kollegen sexuelle Avancen machte?

Offenbar hatte die Hölle das Verbotene abgeschafft. Hätte es

diese kollektive Verdrängung nicht gegeben, wie hätte Großmutter

Ada – der die Nazis zwei kleine Cousinen und ein Dutzend

andere Verwandte vernichtet hatten (auch wenn man in

der Familie aus Feingefühl den euphemistischen Ausdruck

»weggebracht« vorzog) – es sonst geschafft, mit solcher Ergriffenheit

am Ende jedes Sommers dem Trocknen ihrer Hortensien

beizuwohnen?

Nichts Merkwürdiges im Grunde genommen: Bepy und

Ada hatten das Gefühl, die Welt sei ihnen etwas schuldig. Das

ist alles. Gewöhnlich entwickeln die Leute, die knapp am Tod

vorbeigekommen sind, in der Folge des Traumas eine Umsicht,

die sich als Albtraum bei Nacht oder Vorahnung am Tag verbrämt.

Die Sonninos dagegen erteilten sich eine besondere

vollkommene Immunität, die einerseits von der Eberzeugung

getragen wurde, dass, wer den Mut gehabt hatte, ein so riesiges

Unglück durchzustehen, auch dazu ausgerüstet sei, darauf folgende

Schläge von gewiss geringerem Ausmaß zu verschmerzen,

und die andererseits vom Bewusstsein des Rechts auf Wiedergutmachung

getragen wurde, das jegliche monotheistische

Religion und jegliche liberale Gesetzgebung (so offensichtlich

im Widerspruch zu den Gesetzen des menschlichen Schicksals)

garantiert. Die GESCHICHTE sollte ihnen zeigen, dass es besser

ist, mit fünfundzwanzig Jahren von den Nazis verfolgt zu

werden, in der Hoffnung davonzukommen, als mit sechzig

plötzlich ohne Geld in der Tasche dazustehen und im Herzen

einer grausam gleichgültigen westlichen Demokratie der öffentlichen

Missbilligung ausgesetzt zu sein.

Leichtfertigkeit, Sarkasmus, Dreistigkeit, ein Hang zum Sophismus,

zur Irreführung und zu vorgegaukeltem Ansehen,

Unvorsichtigkeit, die Unfähigkeit, die Wirkung jeder einzelnen

Handlung abzuschätzen, Verschwendungssucht, Sexbesessenheit,

Desinteresse für den Standpunkt der anderen, Widerwillen,

die eigenen Fehler anzuerkennen, eine hartnäckig an

den Tag gelegte Charakterstärke, die nichts als Schwäche ist,

und vor allem eine besondere Variante von Optimismus, die

an Unverantwortlichkeit grenzt: Das ist nur eine winzige Dosis

der Mischung, mit der sie dich gewöhnlich bescheißen, indem

sie dich mit dem Rücken zur Wand stellen, das ist die Mikrobe,

mit der sie dir den Organismus vergiften, aber auch das Kokain,

mit dem sie ihm Euphorie einflößen. Wenn ich meinerseits nur

den Mut gefunden hätte, sie auf ihre Verantwortung festzunageln,

wenn ich nur die Frechheit besessen hätte (an der es mir

in den Anfängen meiner Pubertät so sehr gebrach), sie aufzufordern:

»Ich bitte euch, ich flehe euch an, ist denn nicht die Zeit

gekommen, dass ihr eure Fehler eingesteht und der Wirklichkeit

ins Auge schaut?«, dann hätten sie mich – das weiß ich

gewiss – mit Verachtung angesehen, um mich gleich darauf

mit einem philosophischen Witz von der Art: »Der junge Herr

ist gebeten, eine Definition von Wirklichkeit zu geben!«, zu vernichten.

War es denn Bepy beinahe dreißig Jahre früher nicht ausgerechnet

durch diesen allumfassenden Relativismus gelungen,

die Laune der Natur, die mein Vater ist, davon zu überzeugen,

er solle sein Albinowesen als eine einmalige Gelegenheit zur

Unterscheidung und als Markenzeichen seiner zukünftigen

Persönlichkeit betrachten?

Der erzieherische Erfolg, den Bepy unvorhergesehen bei

meinem Vater hatte – und den später niemand anerkennen

wollte –, war genau der überlegten Verdrehung jedes pädagogischen

Paradigmas entsprungen: Bepy hatte sich entschieden,

die Missbildungen und Anormalitäten seines kleinen phosphoreszierenden

Erstgeborenen zu verherrlichen. Und indem er

ihm immer wieder vorsagte: »Du bist einmalig, un-wie-derhol-

bar, dein Haar ist wie bei einem Marsmenschen, deine

Haut ist wie bei einem Eisbären ...«, hatte er nicht ohne Stolz

erlebt, dass sich der so früh entstellte Organismus wunderbar

kräftigte. Man kann sagen, Bepys Geniestreich bestand darin,

dass er die Aufmerksamkeit des kleinen Luca von der Exzentrizität

seines lächerlichen Äußeren ablenkte und auf den Zwang

der formalen Tadellosigkeit umleitete: Wehe, man hatte staubige

Schuhe, eine zerknitterte Bügelfalte, man versperrte einer

Dame den Vortritt, man unterlag dialektisch oder athletisch,

blamierte sich. Denn am ernstesten zu nehmen ist, dass nichts

ernst genug ist, um unsere gefühlsmäßige Anteilnahme zu verdienen

oder unser materielles Wohlbefinden zu schmälern.

Und deshalb muss man reden, reden, darf nie aufhören zu reden,

nicht schweigen, um zuzuhören, nicht zuhören, um nicht

zu schweigen, muss sich die Gabe des letzten Wortes, der unvergesslichen,

schlagfertigen Bemerkung erobern.

Vielleicht hat mir die Erinnerung den Streich gespielt, Bepy

in einen Dekalog guter Verhaltensweisen umzuwandeln, durch

die man mit einem Minimum an Anstrengung das Maximum

an Leben erreicht.

Nehmen wir den Tag, an dem Großvater bei einem Aufenthalt

im Hotel Cristall in Cortina d’Ampezzo nach einem prächtigen

Frühstück im Zimmer – mit all dem glitzernden Hotelkleinkram,

auf den er nicht verzichten kann – meinen Bruder

Lorenzo und mich, noch Kinder, zur Darmentleerung ins Bad

einschließt und uns, gereizt durch unsere Proteste: »Wir müssen

jetzt nicht!« zurechtweist: »Das ist mir scheißegal!« »Opa,

ich flehe dich an, mach die Tür auf!« »Ich verbiete euch, die

Strippe zu ziehen, ich möchte etwas sehen! Das ist eine Frage

der geistigen Ordnung!« Nun gut, er tut nichts anderes als uns

zu zeigen, dass eine gewisse martialische Strenge die richtige

Medizin ist gegen das kindliche Getue unserer Generation und

unserer Zeit.

Bepy ist verrückt, exzessiv, aber auch ein Weltmeister in der

Kunst des Verhöhnens und Verhehlens. Ein Geschöpf, das von

zwei Jahrzehnten Faschismus geschmiedet, dann aber gemildert

wurde durch eine Eberdosis an Scharfzüngigkeit und republikanischem

Humor, ein lebender Widerspruch, den man

aller möglichen Dinge beschuldigen kann, aber nicht, dass er

sich selber je auf drastische Weise untreu geworden wäre.

Sogar als vor ewigen Zeiten Theo, sein Zweitgeborener, ein

wenig über achtzehn, beschlossen hatte, im Sommer eine

kleine Arbeit anzunehmen, um eine Jungsche Psychotherapeutin

bezahlen zu können, die ihm helfen sollte, seinen Wunsch,

nach Israel auszuwandern, nicht mehr als ödipalen oder antipatriotischen

Hass zu betrachten, sondern eventuell als das Streben

eines Erwachsenen (über diesen Genitiv waren die Sonninos

zu Tränen gerührt), der seinem Leben eine Wende geben

wollte ... Selbst bei dieser Gelegenheit hatte Bepy, um sich seinem

Sohn zu widersetzen, zu seinem unvergleichlichen Zynismus

gegriffen:

»Wozu nützt denn eine Analyse? Reicht dir dieser Quatsch

noch nicht? Es sei denn, du hättest eine institutionelle Art und

Weise gefunden, einer Dame deine Sexgeschichten zu erzählen.

Im letzteren Fall hättest du meine Billigung.«

»Hör auf, ich bitte dich, lass mich in Frieden ...«

»Ich meine es ernst. In Israel ist eine Bruthitze. Es gibt kein

Wasser. Giordi Spizzichino erzählte mir, dass die Entsalzungsanlagen

durchschnittlich alle drei Tage kaputt gehen. Das Duschen

am Abend kannst du vergessen. Und du weißt, was diese

Juden kochen, schmeckt widerlich. Weißt du, dass Rachel Loewenthal,

seit sie in Haifa lebt, an chronischem Durchfall leidet?«

Ich stelle euch Bepy vor: Ein Typ, dessen unfreiwilliger Empi-

rismus sich immer in persönlichen Fällen ausdrückte. Er zog aus

seinem Zylinder scharenweise Freunde und Verwandte – alle mit

unwahrscheinlichen Namen –, die getan, gehabt, riskiert, erprobt

hatten, was du, kleiner Einfaltspinsel, gerade erleben wolltest,

einerseits nicht ausgerüstet mit dem sublimen Rettungsring

des Gefühls, den die Eltern auf der ganzen Welt »Erfahrung« nennen,

andererseits Beute deiner eigenen Sentimentalität.

»Ich bin f-f-f -est entsch-sch-sch-lo-ss- ss- ss-en«, stammelte

Theo, als wollte er seinen Vater umbringen, indem er ihn mit

Buchstaben beschoss.

»Aber nein, du bist nicht fest entsch-sch-sch-lo-ss-ss-ssen«,

äffte der ihn ungestraft nach. »So geht es nicht. Erst denkt man

nach und dann entschließt man sich. Weißt du, was du brauchst,

mein Kleiner?«

»Beepyyy ... Ich bitte dich ... sag es mir nicht ...«

»Ein Tennismatch, eine Abreibung mit Kölnisch Wasser und

zum Schluss einen guten Fick. ..«

»Es nützt nichts, Papa! ...Ich hab dir doch gesagt, dass ...«,

zischte Theo dickköpfig mit bebender Stimme, denn er war es

nicht gewohnt, seinem Vater zu widersprechen und er konnte

nicht ernst sprechen, obwohl er sein ganzes Leben darauf verwandt

hatte, sowohl das eine wie das andere zu erlernen.

»Im Tennisclub hat sich dieses Jahr eine Menge hübscher

Frauen eingeschrieben: gerade recht für uns. Wenn du dich

jetzt beruhigst, dich fein machst und vor allem auf deinen Papa

hörst, dann verspreche ich dir, dass du heute Abend ...«

»Ach, Bepy ... Gibt es eigentlich für dich nichts Anderes?«

»Nicht nur, dass es nichts Anderes gibt, ich misstraue sogar

allen diesen frustrierten Versperrten*, die von den Wundern des

Anderen große Worte machen ...«

* i chiusi – spöttische Bezeichnung aus dem röm.-j+d. Jargon; meint die

fehlende Beschneidung der Nichtjuden.

»Der Zufall will, dass mich ausgerechnet in diesem Moment

meines Lebens einzig und allein das Andere interessiert ...«

»Der Zufall will, dass mir das scheißegal ist. Du fährst nicht!

Sag mir wenigstens einen Grund, Herrgott noch mal!«, bäumt

sich der Alte auf, weil er die Wirkungslosigkeit seiner Beweisführung feststellt,

weshalb sich wohl auch sein Gesicht verfinstert.

»Theo, du weißt, ich bin ungeheuer vernünftig. Und

drum brauche ich einen Grund. Wenn du mir diesen scheiß

Grund lieferst, dann kannst du meinetwegen nach Australien

gehen, wenn du Lust hast. Oder mit Armstrong auf den

Mond.«

Eine unangemessene Forderung. Eine rhetorische Frage.

Die Antwort steht im Raum, in Blickweite: in dem offenen

blauen Hemd, das den gekräuseltenWald von Bepys Brust freigibt,

in der Unverschämtheit seines Bizeps, im wässrigen Glanz

seines Lächelns, in seiner Haut, die nach frisch geröstetem Kaffee

und nach Bleichmittel riecht, in seinem unzerstörbaren

Selbstbewusstsein, in seinem naiven, alles zermahlenden Pansexualismus,

in seinem Körper, der unaufhörlich schreit »Ich

hab’s geschafft. Ich kenne das Rezept fürs Leben ...«. Ja, warum

anderswo hinschauen? Die Antwort ist leicht. Er selber ist

die Antwort, die wir suchen. Er, der VATER, und dann Luca,

sein maskierter Abgesandter, sein bechor*. Hier hast du ihn, Opa,

deinen scheiß Grund.

Ohne aber zu vergessen, dass das feldwebelhafte Hervorkehren

gröbster Unempfindlichkeit in erster Linie eine Strategie ist.

Diesen Mechanismus der Selbstverteidigung setzt jeder offenkundig

unredliche Vater in Bewegung, um sich gegen die Zumutung

zu wehren, die einige hochberühmte Scharlatane

»Schuldbewusstsein« nennen: Eine harte Wahrheit wird so auf

die Schnelle umgangen; denn wer anderes – als er, der Vater –

* Erstgeborener Sohn auf Hebräisch.

ist mit seinem Macho-Wesen, seinem außerordentlichen –

wenn auch vorübergehenden – Erfolg im Leben schuld am Unglück

und an der Unzulänglichkeit seines Zweitgeborenen?

Wer hat gegen Ende der fünfziger Jahre den lächelnden Rotzbengel,

der stets hinter unauffindbaren Schallplatten von Eddie

Cochran oder Jerry Lee Lewis her war, in den blassen, düsteren

Jungen verwandelt, der sich nur in seinem religiösen Empfinden

und in dem Wunsch, nach Israel zu fliehen, wiederfindet?

(Aber versinkt man dabei nicht auf eine andere Weise im

schlimmsten Schlamm und Morast des zwanzigsten Jahrhunderts?

Habt ihr noch immer nicht genug von der Schuld der

Väter? Oder vom Zorn der Söhne, ganz zu schweigen von deren

verspäteten Einsichten? Habt ihr die Generationskonflikte

nicht gründlich satt? Er, Bepy, fühlt sich für nichts verantwortlich.

Er will keine Unannehmlichkeiten. Das Leben ist trotz

allem einfach. Die Nazis wollten mich erschlagen, aus mir bis heute

unbekannten Gründen. Ich bin davongekommen. Jung genug, um

noch einmal von vorne anzufangen. Fragt mich nicht, wie oder warum.

Ich bin nicht der Typ, der fertige Antworten in der Tasche hat. Ich

werde mein Glück hinausschreien. Ich werde mein gutes Gewissen heilig

sprechen. Ich werde meine Nachkommen materiell befriedigen.

Dann sind sie dran.)

Doch kann man nicht sagen, dass dieser Zynismus, mit dem

Bepy sein Gewissen reinwäscht, ein kürzerer Weg ist. Im Gegenteil.

Es ist eine kostspielige Operation für ein Gemüt, das

von Natur aus zu nachsichtiger Wechselhaftigkeit neigt. Es ist

einfach eine Wahl des Lagers: Es lebe die Vereinfachung, es

lebe die Gefühlskälte. (Findet mir jemanden, der dem Zauber

seiner eigenen Slogans widerstehen kann, der sich nicht wie

rasend in seine eigene Vorstellung von der Welt verliebt.) Bepy

ist geboren, um zu vereinfachen. Und er begreift nicht – und er

wird es nicht einmal am Ende schaffen, zu begreifen – , dass die

Leichtigkeit manchmal das Vorzimmer zur Gleichgültigkeit

sein kann. Und die Gleichgültigkeit ihrerseits die Wegzehrung

für die Katastrophe.

Und dann entpuppt sich das Leben am Ende für die unmoralischen

und wollüstigen Ehegatten Sonnino – bei ihrer ganzen

Leichtigkeit und der triefenden Rhetorik dieser Leichtigkeit –

als ein schlechtes Geschäft. Aber ohne dass sie ihm die Genugtuung

einer ehrlichen Einsicht gönnen würden.

Denn die Sonninos sind – und man tut gut daran, sich das zu

merken – allergisch auf Innerlichkeit.

Doktor Limentani – Chirurg am Israelitischen Krankenhaus,

Bepys Vetter zweiten Grades, aber auch sein Tennispartner

beim Doppel am Sonntagmorgen im Canottieri-Lazio-Club

– war der Erste, der ihn warnte, womit er den Chor der besorgten

Angehörigen eröffnete, die ihn alle überzeugen wollten,

das Wichtigste sei es, mit dem Leben davonzukommen.

Und bekanntlich ist Feingefühl eine seltene Ware im Hause

Sonnino:

»Die Operation ist unumgänglich, vielleicht haben wir ihn

rechtzeitig erwischt ...«

»Risiko?«

»Das Risiko ist total!«

»Aber nein ... Du weißt doch, was ich meine ... Werde ich

impotent?«

»Herrgott, Bepy, das ist das Schlimmste, was dir bis jetzt passiert

ist.«

»Ich habe dich gefragt, ob ein Risiko besteht.«

»Und ich habe ja gesagt. Nicht nur eines ...«

»Dann nicht!«

»Hör mal, Giuseppe, es handelt sich nicht um einen Scherz,

diesmal ...«

»Nein.«

»Begreifst du, dass das ein Wahnsinn ist? Ein Selbstmord? ...

Es kann sich etwas ändern, man muss nur ... Und außerdem ist

es durchaus nicht gesagt ...«

»Nein!«

»Du bist ein Arschloch, wie gehabt!«

Bepy wählt den Tod: Langsam zerfließt seine Gestalt, die

Muskeln schwinden wie Eis in der Sonne. Giorgia löst sich auf

im Magma eines unstillbaren Verlangens, während Ada wieder

einmal zu seiner Pflege antritt.

Bepy ist nun nicht einmal mehr das ferne Abbild des in die

Jahre gekommenen Machos, der von mir (seinem zwölfjährigen

Enkel) verlangte, ich solle ihm meine Genitalien zeigen, damit

er deren Eignung für zukünftige erotische Schlachten überprü-

fen konnte. Sein Gesicht ist fast völlig von einem stacheligen

Bart überzogen und die vom Morphium glühenden Augen verleihen

ihm eine asketische Aura, die in offenem Widerspruch zu

seinem Wesen und zu seiner Geschichte steht. Ja, Bepys Gesicht

ist wenige Längen vor dem Tod eine herrliche Maske des Mystizismus.

Es ist, als würde die Außenwelt für Bepy zu einer fortschreitenden

Gleichförmigkeit tendieren. Indem er uns verdünnt

und austauschbar wahrnimmt, ist es, als würde er sich

sein Grab in sich selber graben: Er war nie so in sich verschlossen.

Der glasige Blick, den er auf uns wirft, scheint nicht durch

Vorurteile verdorben zu sein. Für ihn sind jetzt meine Großmutter,

meine Mutter, mein Vater, die Philippinin, selbst seine apokalyptischen

Visionen, wie auch jene pechschwarze Blase, die

ihn bald schlucken wird, ein und dasselbe, Abgesandte des milchigen

Chaos, in das sich die Welt verwandelt hat.

Er liegt im Schlafzimmer seiner mit Hypotheken belasteten

Wohnung in Parioli (in die er nach dem Bankrott und dem

kurzen amerikanischen Zwischenspiel umgezogen ist); sie bewahrt

noch den Anschein des Herrschaftlichen, nicht sonderlich

geschädigt von einem abgenutzten Leintuch oder einer abgestoßenen

Tasse, die aber meine Großmutter ebenso zur

Verzweiflung bringen wie das unerbittliche Hinsterben ihres

Mannes. Tief in sein Lager versunken, unempfindlich gegen-

über der Vorstellung der Ausweglosigkeit, selbst sein Zimmer

sieht aus wie eine Apotheke, überall liegen Tablettenschachteln

(vom harmlosen Aspirin bis zu den schweren Schmerz lindernden

Mitteln), macht er nichts anderes als Sätze zu wiederholen

wie »Morgen, wenn es mir besser geht ...«, ohne sich

darum zu kümmern, sie je zu Ende zu sagen. Oder er fixiert

mit träumerischem Blick die michelangeloesken Hinterbacken

meiner Kinderfrau aus Kap Verde, um sich zu träumerischen

Kommentaren hinreißen zu lassen: »Das ist also das Paradies

...« Oder zu seiner Frau gewandt – unsere Gegenwart

nicht beachtend – vielleicht sogar sexuell erregt von ihr: »Sag’s

doch, mit keinem hast du es so genossen wie mit deinem Bepy

...« Auch wenn Giorgia die einzige wirkliche Heldin seines

Deliriums bleibt, mit besonderem Hinweis auf den »unvergesslichen

Mundfick im Jahr neunundsiebzig«. Der Mundfick einer

verliebten Halbwüchsigen mit einem Fünfzigjährigen, der

kurz vor der Schande des Ruins und des Exils steht.

Merkwürdig: Das Obszöne war nie seine Stärke gewesen.

Der Sex schon, aber das Obszöne nie. Aber jetzt – vielleicht,

weil sein Hirn nicht imstande ist, die Vorstellung seiner eigenen

bevorstehenden Nichtexistenz aufzunehmen oder sich einen so

feindseligen Begriff wie den des Fehlens - einer- möglichen - Zukunft

einzuverleiben – scheint er im Obszönen einen Ausweg

gefunden zu haben. Wie kann unser Bepy, ein persönlicher

Feind des Vulgären, der uns beigebracht hat, es zu vermeiden,

sich ihm im ernstesten Augenblick seines Lebens mit einer so

grauenhaften verbalen Inkontinenz überlassen? Tatsache ist,

dass der gesündeste Mensch der Welt nur in der Form einer abstrakten

Hypothese, welche »die anderen« betrifft, an den Tod

gedacht hat. Und sein zotiges Irrereden, das Professor Limentani

mit laizistischem Empirismus und jüdischer Pietas vollkommen

der Wirkung des Medikaments Tangesic zuschreibt, scheint

eher ein Zeichen dafür zu sein, dass sein Gehirn sich weigert,

sich als sterbendes zu akzeptieren: eine Art pathologische Entartung

seines gewohnten wahnwitzigen Optimismus oder,

wenn es euch lieber ist, der endemischen Feigheit unseres Bepy:

Wenn du etwas nicht ändern kannst, dann lösch es aus. Lösch es

aus, Bepy, solange du noch Zeit hast. War das nicht vielleicht

die Stärke deines Lebens? Dein uneingestehbarstes Geheimnis?

Deswegen fährt er fort, sich trotz der Schmerzen und der

manifesten Behinderungen seines Zustands zu rasieren und

Wangen und Haar mit Kölnisch Wasser zu besprühen, auf dieselbe

anrührende und unüberlegte Weise, wie er in den Tagen

nach seinem wirtschaftlichen Zusammenbruch nicht von seinen

luxuriösen Gewohnheiten und unverantwortlichen Einkäufen abließ. 

Als wäre ein Teil seines Körpers und seiner Intelligenz

nicht imstande, einen unerträglichen Umstand zu

registrieren oder als würden sie nach einer Vortäuschung von

Normalität verlangen.

Nun beschäftigt sich Bepy nur noch mit seinem Körper, mit

dessen physiologischem Aufruhr, als wäre sein Körper ein ganzer

Planet geworden, als bestände er aus Tälern, Hochebenen,

Bergen und Ozeanen: Hin und wieder flüstert Bepy, wobei er

auf eine unangemessene wissenschaftliche Terminologie zurückgreift,

»ich muss urinieren« oder »ich muss den Darm entleeren

«, als würde er das Nahen eines Erdbebens oder einer

Eberschwemmung verkünden. Es ist, als ob jetzt, da die Tage

des Körpers gezählt sind, als ob ausgerechnet jetzt, da die Last

des Fleisches schwerer wiegt als das Universum, jetzt, da der

Körper verrückt spielt, jetzt, da der Körper nur sich selbst antwortet,

jetzt, da der große Bepy seinen unverwechselbaren Geruch

von Kölnisch Wasser mit Limonenduft und toskanischer

Zigarre durch den mit krankem Stuhlgang gewürzten Gestank

ersetzt hat, als ob er jetzt plötzlich entdecken würde, dass nie

etwas anderes existiert hat als der Körper, allein und ausschließlich

der Körper.

Ada Sonnino sprach ihre letzten Worte wenige Tage vor ihrem

Tod aus, anlässlich eines unserer Sonntagsspaziergänge in die

Stadtmitte: Sie waren ein Beweis der Unredlichkeit, der eines

Freigeists aus dem achtzehnten Jahrhundert würdig gewesen

wäre, umso exzentrischer, wenn man bedachte, dass er von einer

ungeheuer schicken Achtzigjährigen kam, die das ganze

Geheimnis des einst schönen Mädchens und der einst attraktiven,

reifen Frau in der einsamen Perle versteckt zu haben

schien, die an einem unsichtbaren Weißgoldfaden hängend an

ihrem Hals schimmerte. Damals hatte die Arteriosklerose

schon ihr Gehirn zerrüttet. Die einzige Gehirntätigkeit der abgemagerten

Alten, der einst bezauberndsten jungen Dame der

jüdischen Gemeinde Roms mit einer feinen ägyptischen Nase

und einer blauschwarzen Haarmähne, war jetzt eine Litanei, in

der sie ununterbrochen die Namen der eleganten Geschäfte

aufsagte, als ob sich die Erotomanie, die sie und ihren Gatten

ein Leben lang verzehrt hatte, vierzig Jahre später zu einer unerwartet

verbalen Form sublimiert hätte. Versuchte ihr mit

leuchtenden und dramatischen Erinnerungen voll gestopftes

Gehirn auf diese Weise vor sich selbst zu fliehen? War das die

senile Version ihrer täglichen Strategie der Verheimlichung?

Ein Denkmal für das Vergessen zu Lebzeiten? Wer kann es sagen!

Doch die Kreislaufstörung, die ihr Irrereden verursacht

hatte, ließ manchmal in einer Art metaphysischer Epiphanie

Raum für einige kleine Tropfen Weisheit: Du wusstest aber

nie, ob du sie als Frucht des fotografischen Gedächtnisses eines

kranken Geistes betrachten solltest, der zufällig Sätze von vor

vielen Jahren wiederholt, oder als einen vorübergehenden

Wiedergewinn der Vernunft, das Vorspiel zu einem erneuten

Sturz ins Dunkel.

Kurz, wer ist diese Frau? Diese Greisin, die sich im Chaos

der Via Condotti an meinen Arm klammert, als hätte sie sonst

nichts? Ist es möglich, dass dieses Häufchen zitternder Knochen

alles ist, was von dem bezaubernden Mädchen übrig

bleibt, die ihren Ehemann ruiniert hat, wie alle sagen? Diejenige,

der Bepy nichts abschlagen konnte? Stimmt es, dass

Bepy ihr Schweigen kaufte? Stimmt es, dass Bepy dem Grö-

ßenwahn dieser Dame auf Gedeih und Verderb ausgeliefert

war? Ist sie die tückisch Verantwortliche für den Aufstieg und

den Fall unseres Helden? Die Schwarze Witwe? Ist sie es, nach

der wir suchen, seit wir diese Fahndung begonnen haben? Ist

sie es, die eigentlich angeklagt werden müsste? Niemand hat

vergessen, dass sie nur wenige Tage nach der Abreise ihres

Mannes in die Vereinigten Staaten einen hysterischen Anfall

bekam und, unfähig zu akzeptieren, dass ihr fürstliches Leben

für immer dahin war, zutiefst entsetzt von der Möglichkeit,

dass die Trauernachricht den »Bridge-Freundinnen« der Via

Paisiello zu Ohren kommen könnte, niedergeschmettert bei

der Vorstellung, sie könnten darüber lächeln, so wie sie selbst

tausendmal über das Unglück anderer gelächelt hatte, sich

weigerte, die Pelzmäntel, die ihr Mann gerade gekauft, aber

nicht bezahlt hatte, wieder zurückzugeben. Mein Vater riss

sie ihr aus der Hand, als wollte er ihr zu verstehen geben, dass

die guten Manieren der Reichen der Gewalttätigkeit der

neuen Armen gewichen waren.

Nun gut: Es machte mir einen gewissen Eindruck, als Ada

Sonnino mich mit ihren entgeisterten Augen ansah, nachdem

sie mit lauter Stimme alle Ladenschilder der Via del Babuino

gelesen hatte und sich anschickte, mit denen der Via Condotti

zu beginnen, und wie ein Orakel zu mir sagte:

»Daniel, wenn dich dein Mädchen eines Tages im Bett mit

einer anderen erwischen sollte, dann sag ihr, du hättest gerade

geschlafen, und du wüsstest nicht, wie die kleine Nutte auf

deine Matratze gekommen sei, streite das Offensichtliche ab.

Die Frauen wollen nur angelogen werden ...«

Ich weiß, das sind nicht die erbaulichen Worte, die man sich

von einer Großmutter erwartet, die mit einem Fuß im Grab

steht. Ich weiß wohl, manche werden diesen Standpunkt als

veraltet und für eine Frau erniedrigend beurteilen. Das hat mit

achtem März oder feministischem Kollektiv oder frauenfreundlichen

Illustrierten gar nichts zu tun. Aber es dient als

Hintergrund, um zu begreifen, wie die auf mysteriöse Weise

unauflösliche Bindung zwischen Bepy und Ada sich – nach Bepys

Tod – vom verschwommenen Schuldbewusstsein Adas,

der allein Eberlebenden, nährte: vom Bedauern und der Reue

einer Verblödeten, der es zum Beispiel nicht gelungen war, ihren

Mann von der absoluten Unvermeidbarkeit einer Blasenoperation

zu überzeugen. Wie hatte sie es zulassen können,

dass sich der Unglückliche auf dem Altar seines unerträglichen

Machotums opferte? Warum hatte sie es geschehen lassen, dass

dieser männliche Körper mit seiner satteldeckenrauen Haut –

die sie so sehr erregt hatte, von den fernen Tagen an, als sie

einander mitten in der Rassenkampagne begegnet und, von

den Freundesbomben der Alliierten gesegnet, ihre Verbindung

eingegangen waren – der Ausdörrung anheim fiel?

Zum letzten Mal hatte Bepy nicht nur den äußersten Schritt

getan, ohne sich von düsteren Gedanken, von der dummen

Dürre grundlegender Probleme berühren zu lassen, es war ihm

beinahe auch gelungen, uns davon zu überzeugen, dass die

Männlichkeit ein Gut sei, dem man sein Leben opfern könne.

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