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Bepys herrliches
Jahrhundert
(Leseprobe aus: Mit bösen Absichten, Roman,
2006, S. Fischer - Übertragung
Marianne
Schneider)
Bepy spürte mehrere Stunden, nachdem er die Diagnose eines
Blasentumors kassiert hatte, es gab kein Entrinnen, da suchte er
sich aus der unendlichen Zahl schauderhafter Fragen diese aus:
Werde ich noch eine Frau ficken können oder war das schon alles?
Wenngleich das so gesehene Dilemma als eine pathologische
Umkehrung der Prioritäten erscheinen mag, für ihn war in der
äußersten Gefahr das Gespenst einer geschädigten Männlichkeit
schrecklicher als der Horror vor dem Nichts: vielleicht,
weil in seiner Vorstellungswelt Impotenz und Tod zusammenfielen,
auch wenn der Letztere der Ersteren vorzuziehen war,
zumindest wegen des Trostes einer ewigen Abwesenheit ...
Oder vielleicht war der Sprung ins Dunkel, der den Erfolgsmenschen
in den finanziellen Bankrott getrieben hatte, zu blitzartig
gewesen, als dass die Integrität seiner Gefühle keine
Schrammen davongetragen hätte.
Aber warum sollte man den Seiltänzer des ehebrecherischen
Sex – den Verfechter einer beinahe globalen Deportation der
Schwulen auf eine Insel »wo sie unter sich sind« – daran hindern,
sich bis auf den Grund zu sich selbst zu bekennen?
Sein reifer, durch und durch konkurrenzfähiger Schwanz
war bereit, zum letzten Mal im Schein einer alten Flamme
zu erstrahlen: Giorgia Di Porto, Modistin, nicht ganz heimliche
Geliebte aus der Zeit der fetten Kühe, war im Begriff,
die Finsternis von Bepy Sonninos letzten Lebensjahren zu
zerreißen.
Zwischen ihnen beiden war alles in die Brüche gegangen, als
Ada, Bepys verstörte Ehefrau mit der zuckermandelfarbenen
Haut, eines Tages entdeckt hatte, dass die siebzehnjährige Modistin
– verschmitzt und hochnäsig wie Catherine Spaakin
dem Film Il sorpasso – auf den Schnurrbart ihres Gatten urinierte
und dieser die güldene Ammoniakbrühe mit der Inbrunst
eines Säuglings trank. Der Rest ist eine unausweichliche
Klimax: der entgeisterte Schrei Adas, das Gebot der Entlassung
des Nüttchens, der Kauf eines Korallenkolliers bei Buccellati
als Abfindung, der dann de facto das Ende des ausschweifenden
Verhältnisses feierlich besiegelt hatte.
Sechzehn Jahre später.
Als Bepy wieder einmal zum Kauf eines Geschenks für wieder
mal ein Höschen eine Boutique betritt und dabei Giorgia in
leicht erschlaffter Version als Ladenchefin auf sich zukommen
sieht, spürt er in seinem Bauch die unverwechselbare Flamme
hochsteigen, die ihn vor fast fünfzig Jahren zum Mann gemacht
hat. Und wenngleich der orangefarbene Mix aus Lippenstift,
Haarfarbe und Nagellack eine superbe Allegorie des Herbstes
darstellt, wenngleich sie, sah man genauer hin, die letzten zwanzig
Jahre mit dem Versuch vertan hatte, ihrer eigenen Karikatur
immer ähnlicher zu werden, wenngleich der Lederminirock
und der Leopardenbody nicht die geeigneten Zutaten für ein
kräftiges Mädchen sind, das seit mindestens fünf Jahren den
Dreißigsten hinter sich hat, kann er, als sie ihm (und mit welchem
Anflug von Ehrerbietung! und mit welch peinlichem
Mangel an Ironie!): »Herr Doktor Sonnino? ...«, entgegenruft,
nicht widerstehen.
Giorgia rettet ihm das Leben.
So denkt er mit Wonne, als er sie zu einem Spaziergang ein-
lädt. Und während seine Hand eiligst die Laufmaschen am Ärmel
des Kaschmirpullovers zudeckt und sein Herz glühende
Lava speit, fleht Bepy inständig zu Gott, sie möge ihn nicht
bitten, sie im Auto mitzunehmen, denn das wäre ärmlich gewesen
mit seinem jetzigen Kleinwagen: Und genau da – angesichts
des Schauspiels seiner unwiderruflichen Verarmung – begreift
Bepy Sonnino, dass er die Maxime verraten hat, die im
Guten wie im Schlechten über sein Leben entschied: Besser,
man stinkt nach Scheiße als nach Armut!, so hatte er sich in den
letzten fünfzig Jahren obsessiv jeden Tag vorgesagt.
Im selben Schwung, wie er sein Manko feststellt, holt er
spontan aus dem Grundbuch der Erinnerung eines der letzten
mit Giorgia verbrachten Weekends hervor: Wie zauberhaft im
nachtblauen Jaguar, Armaturenbrett aus Nussbaumwurzel, in
Forte dei Marmi die große Straße am Meer entlang zu fahren,
um gleichzeitig vor der Menge der neiderblassten Altersgenossen
mit der Teenager-Geliebten zu prunken!
Gibt es ein männlicheres Privileg, als den Neid der Welt zu
erwecken?
Im Namen dieses Neids unterschreibt Bepy ungedeckte
Schecks, fordert die Grausamkeit der Bankdirektoren heraus,
verlangt von seinen Söhnen und Schwiegertöchtern Darlehen,
die er nie wird zurückzahlen können, verlässt sich aber vor allem
auf seinen Ruf als unerreichbarer Mann, wie er als Ideal ins
Gemüt der gealterten und erstaunlich unreifen GiD (wie er sie
gerne nennt, mit offenem O, genau wie früher) eingemeißelt
ist, und erreicht, nachdem er ihr unerbittlich den Hof gemacht
hat, eines Abends ihre Kapitulation, womit er seine letzte liederliche
Wette gewinnt. Aber in den Geschehnissen, die das
Leben dieses Mannes skandieren, das immer ungewiss zwischen
Unglück und Parodie schwankt, tritt ausgerechnet da das
Ebel auf. Und das Einzige, was sich Bepy, hingerissen von den
erregten Kurven des pseudoaufgeilenden Körpers von GiD, zu
fragen vermag, ist, ob er sie nach einem eventuellen Eingriff
noch unbefangen würde ficken können.
Wie niemand Bepy und Ada Sonnino die Natürlichkeit übel
genommen hatte, mit der sie das Trauma der Geburten ihrer
Sühne verarbeiteten – eines Albinos wie mein Vater und eines
Spinners wie mein Onkel –, so hatten sich alle von den beiden
Weltmeistern in der Kunst der Unterbewertung eine rasche
Anpassung an den finanziellen Ruin erwartet, der abgesehen
davon, dass er sie ins Elend stürzte, auch die Grundfesten ihrer
beinahe unerschütterlichen Bindung unterminiert hatte.
Und tatsächlich hatten es die beiden am Ende doch geschafft,
indem sie – in ihrem senilen Hausstand – ein methodisch grollendes
Lächeln mit Zankereien abwechselten, die buchstäblich
Epoche gemacht hatten: Zum Beispiel das eine Mal, als er,
überstürzt nach Hause gekommen, ihr auf dem Gipfel seiner
Empörung verkündete, er habe den Rabbiner Perugia an der
Kasse eines Supermarktes mit zwei riesigen bunten Packungen
Panettone Schlange stehen sehen.
»Wo steht denn geschrieben, dass ein Rabbiner keinen Panettone
kaufen darf?«
»Ein Rabbiner muss mit gutem Beispiel vorangehen ...«
»Hast du nicht einen Moment gedacht, es könnte ein koscherer*
Panettone sein?«
»Ada, ich meine es ernst ...«
»Finde mir ein Gebot – ein einziges! –, das es einem Juden
verbietet, einen Panettone zu kaufen.«
»Und warum dann nicht gleich eine Krippe? Steht irgendwo
geschrieben, dass ein Jude keine Krippe aufstellen darf?«
* Was dem kasherut entspricht, das heißt der biblischen und rabbinischen
Norm über die Reinheit der erlaubten Speisen und über die Art, sie zu kochen
und zu servieren.
»Dann sag mir, woher weißt du so genau, dass er ihn essen
wollte?«
»Meinst du, er hat ihn zur Zierde gekauft?«
(Man beachte, dass die Sonninos nach jüdischer Art der
Frage den Vorzug gaben, im Gegensatz zur typisch christlichen
der Behauptung.)
Oder der Tag, an dem der Anruf eines Friedhofsbeamten uns
informierte – bevor die Nachricht an die Presseorgane weitergegeben
wurde, um die +bliche abgedroschene Entrüstung zu
erregen – , dass irgendwelche Rowdys nicht nur entehrend mit
Filzstift Hakenkreuze auf unser Familiengrab gemalt hatten,
sondern, noch nicht zufrieden, die mineralisierte Leiche meines
Urgroßvaters, die Eberreste des ehrwürdigen Rechtsanwalts
und Melomanen Graziaddio Sonnino, entwendet hatten:
»Armer Papa!«
»Es sind doch schon zehn Jahre her, dass du ihn nicht mehr
besucht hast ...«
»Deshalb sollte ich mich freuen, wenn er gestohlen wird?«
»Was soll ihm denn daran liegen? Er ist tot.«
Ganz zu schweigen von den Gelegenheiten, bei denen sich
Bepy zu träumerischen Lobgesängen für die großen Künstler
unseres Jahrhunderts hinreißen ließ: Die Passion für die zeitgenössische
Kunst, die bei ihm der Idolatrie nahe kam, vermochte
es nicht nur, zeitweilig die Ketten seines Skeptizismus
zu zerreißen, sondern schien ihn in eine sinnliche Ohnmacht
zu stürzen, die mit seiner beinahe zu sehr ins Licht gerückten
Beherrschtheit kaum zusammenpasste.
»Sag mir, Ada ... Wenn in diesem Augenblick der große Picasso
hier auftauchen würde ... Was würdest du zu ihm sagen?«,
fragte er träumerisch.
»Na, wahrscheinlich würde ich ihn um ein Darlehen bitten!«
Ich muss gestehen, dass mein Lieblingsstreit (vielleicht, weil
ich die Ehre habe, darin die Rolle des neunjährigen Enkels und
fassungslosen Zeugen zu spielen) der ist, bei dem Ada und Bepy,
als sie nach Hause kommen, das blutjunge hübsche ukrainische
Dienstmädchen mit nassem Haar und in Großmutters
Bademantel gehüllt antrafen.
»Darf man wissen, was du vorhast?«
»Aber, Signora, Sie haben doch selbst gesagt, ich soll jeden
Tag das Bad machen.«
»Du willst mich wohl auf den Arm nehmen? Ich habe gemeint,
du sollst es putzen ...«
Und da spürt Bepy, von einer Form pedantischer Galanterie
getrieben, die Pflicht einzugreifen:
»Aber Ada, wir müssen der Kleinen zugestehen, dass deine
Ausdrucksweise ein kleines Missverständnis nicht ganz ausschließen
konnte!«
Und wer weiß, ob dieser Strom zynischer Bemerkungen, mit
dem von Mal zu Mal der eine die Leidenschaften des anderen
zunichte machte, nicht auf seine Weise dazu diente, das
schlimme Gespräch zu verschieben, zu dem ihnen – in einem
halben Jahrhundert Ehe, das der gegenseitigen Untreue und
der gewissenhaften Vergeudung des Geldes geweiht war – immer
noch der Mut fehlte.
Jegliche Anspielung war verboten, der Vorhang fiel, bevor
sich das gewaltige Drama in progress auf der Bühne abspielte, als
wäre die ganze Welt von dem Elixir aus Puder und Kölnisch
Wasser mit Limonenduft betäubt, mit dem Bepy nach der allmorgendlichen
Dusche seine Leistengegend großzügig besprengte.
Sogar der untergründige Schrecken vor dem Unwägbaren
war aus dieser absurden Familie verbannt worden,
abgesehen von einigen rituellen Freiheiten: die Ängste, die
Bepy mitten in der Nacht zerfleischten, weil er auf den Anruf
einer Amtsperson wartete, die ihm einen Autounfall mitteilte,
bei dem einer seiner Söhne ums Leben gekommen sei, denn
eine solche Nachricht hätte mit einem Schlag die menschliche
Geschichte von Bepy Sonnino & Family in ein unsagbares
Dunkel des Leidens verwandelt. Aber wenigstens das blieb ihm
erspart.
Und man musste die beiden auch verstehen!
Nachdem sie auf eine behagliche Jugend hin die Dosis erotischer
Frustration geschluckt hatten, die alles in allem die antijüdischen
Gesetze von 1938 waren, hatten diese Juden der »feinen«
römischen Gesellschaft, buchstäblich angesteckt von der
Epidemie der Nachkriegsfreude, den Schrecken über Benito
Mussolini und Adolf Hitler – und mit welch unglaublicher Improvisation!
– durch eine nachahmende Verehrung für Clark
Gable und Liz Taylor ersetzt. Als hätte das schreckliche Paar
faschistischer Diktatoren nie existiert, als wäre es – in den Herzen
aller italienischen Bepys – zusammen mit den undeutlichen
Gerippen Hunderter von deportierten Verwandten begraben
worden: verschwunden mit der Schar von Vettern, Cousinen,
Schwagern, Schwägerinnen, Schwestern, Schwiegereltern, deren
Eberreste jetzt in ein paar Müllsäcken Platz gehabt hätten,
von denen zu sprechen strengstens verboten war und über deren
Ende man sich insgeheim schämte. Aus dem Gedächtnis
der überlebenden Verwandten noch früher getilgt als vom Angesicht
der Erde: als ob ihre Lumpen und ihre höllische Magerkeit,
ihr anonymer Tod, durch jene entsetzlichen Schwarzweißfotos
bis ins Kleinste belegt, nicht zum Funkeln des
Silbers oder zur Euphorie und zum Brio der Cocktailpartys jener
phantastischen Jahre gepasst hätten. Oder als ob der Wahnsinn
des diabolischen Bösen, der über die UNTERGEGANGENEN
hereingebrochen war, den GERETTETEN eine
unbefangenere Skrupellosigkeit zugestanden hätte: Gab es deshalb
– allein deshalb? – im Milieu von Bepy und Ada keinen
einzigen Mann, der sich nicht dazu berechtigt gefühlt hätte, die
bürgerlichen Gesetze zu verletzen, indem er der Frau seines
besten Freundes oder der minderjährigen Tochter seines liebsten
Kollegen sexuelle Avancen machte?
Offenbar hatte die Hölle das Verbotene abgeschafft. Hätte es
diese kollektive Verdrängung nicht gegeben, wie hätte Großmutter
Ada – der die Nazis zwei kleine Cousinen und ein Dutzend
andere Verwandte vernichtet hatten (auch wenn man in
der Familie aus Feingefühl den euphemistischen Ausdruck
»weggebracht« vorzog) – es sonst geschafft, mit solcher Ergriffenheit
am Ende jedes Sommers dem Trocknen ihrer Hortensien
beizuwohnen?
Nichts Merkwürdiges im Grunde genommen: Bepy und
Ada hatten das Gefühl, die Welt sei ihnen etwas schuldig. Das
ist alles. Gewöhnlich entwickeln die Leute, die knapp am Tod
vorbeigekommen sind, in der Folge des Traumas eine Umsicht,
die sich als Albtraum bei Nacht oder Vorahnung am Tag verbrämt.
Die Sonninos dagegen erteilten sich eine besondere
vollkommene Immunität, die einerseits von der Eberzeugung
getragen wurde, dass, wer den Mut gehabt hatte, ein so riesiges
Unglück durchzustehen, auch dazu ausgerüstet sei, darauf folgende
Schläge von gewiss geringerem Ausmaß zu verschmerzen,
und die andererseits vom Bewusstsein des Rechts auf Wiedergutmachung
getragen wurde, das jegliche monotheistische
Religion und jegliche liberale Gesetzgebung (so offensichtlich
im Widerspruch zu den Gesetzen des menschlichen Schicksals)
garantiert. Die GESCHICHTE sollte ihnen zeigen, dass es besser
ist, mit fünfundzwanzig Jahren von den Nazis verfolgt zu
werden, in der Hoffnung davonzukommen, als mit sechzig
plötzlich ohne Geld in der Tasche dazustehen und im Herzen
einer grausam gleichgültigen westlichen Demokratie der öffentlichen
Missbilligung ausgesetzt zu sein.
Leichtfertigkeit, Sarkasmus, Dreistigkeit, ein Hang zum Sophismus,
zur Irreführung und zu vorgegaukeltem Ansehen,
Unvorsichtigkeit, die Unfähigkeit, die Wirkung jeder einzelnen
Handlung abzuschätzen, Verschwendungssucht, Sexbesessenheit,
Desinteresse für den Standpunkt der anderen, Widerwillen,
die eigenen Fehler anzuerkennen, eine hartnäckig an
den Tag gelegte Charakterstärke, die nichts als Schwäche ist,
und vor allem eine besondere Variante von Optimismus, die
an Unverantwortlichkeit grenzt: Das ist nur eine winzige Dosis
der Mischung, mit der sie dich gewöhnlich bescheißen, indem
sie dich mit dem Rücken zur Wand stellen, das ist die Mikrobe,
mit der sie dir den Organismus vergiften, aber auch das Kokain,
mit dem sie ihm Euphorie einflößen. Wenn ich meinerseits nur
den Mut gefunden hätte, sie auf ihre Verantwortung festzunageln,
wenn ich nur die Frechheit besessen hätte (an der es mir
in den Anfängen meiner Pubertät so sehr gebrach), sie aufzufordern:
»Ich bitte euch, ich flehe euch an, ist denn nicht die Zeit
gekommen, dass ihr eure Fehler eingesteht und der Wirklichkeit
ins Auge schaut?«, dann hätten sie mich – das weiß ich
gewiss – mit Verachtung angesehen, um mich gleich darauf
mit einem philosophischen Witz von der Art: »Der junge Herr
ist gebeten, eine Definition von Wirklichkeit zu geben!«, zu vernichten.
War es denn Bepy beinahe dreißig Jahre früher nicht ausgerechnet
durch diesen allumfassenden Relativismus gelungen,
die Laune der Natur, die mein Vater ist, davon zu überzeugen,
er solle sein Albinowesen als eine einmalige Gelegenheit zur
Unterscheidung und als Markenzeichen seiner zukünftigen
Persönlichkeit betrachten?
Der erzieherische Erfolg, den Bepy unvorhergesehen bei
meinem Vater hatte – und den später niemand anerkennen
wollte –, war genau der überlegten Verdrehung jedes pädagogischen
Paradigmas entsprungen: Bepy hatte sich entschieden,
die Missbildungen und Anormalitäten seines kleinen phosphoreszierenden
Erstgeborenen zu verherrlichen. Und indem er
ihm immer wieder vorsagte: »Du bist einmalig, un-wie-derhol-
bar, dein Haar ist wie bei einem Marsmenschen, deine
Haut ist wie bei einem Eisbären ...«, hatte er nicht ohne Stolz
erlebt, dass sich der so früh entstellte Organismus wunderbar
kräftigte. Man kann sagen, Bepys Geniestreich bestand darin,
dass er die Aufmerksamkeit des kleinen Luca von der Exzentrizität
seines lächerlichen Äußeren ablenkte und auf den Zwang
der formalen Tadellosigkeit umleitete: Wehe, man hatte staubige
Schuhe, eine zerknitterte Bügelfalte, man versperrte einer
Dame den Vortritt, man unterlag dialektisch oder athletisch,
blamierte sich. Denn am ernstesten zu nehmen ist, dass nichts
ernst genug ist, um unsere gefühlsmäßige Anteilnahme zu verdienen
oder unser materielles Wohlbefinden zu schmälern.
Und deshalb muss man reden, reden, darf nie aufhören zu reden,
nicht schweigen, um zuzuhören, nicht zuhören, um nicht
zu schweigen, muss sich die Gabe des letzten Wortes, der unvergesslichen,
schlagfertigen Bemerkung erobern.
Vielleicht hat mir die Erinnerung den Streich gespielt, Bepy
in einen Dekalog guter Verhaltensweisen umzuwandeln, durch
die man mit einem Minimum an Anstrengung das Maximum
an Leben erreicht.
Nehmen wir den Tag, an dem Großvater bei einem Aufenthalt
im Hotel Cristall in Cortina d’Ampezzo nach einem prächtigen
Frühstück im Zimmer – mit all dem glitzernden Hotelkleinkram,
auf den er nicht verzichten kann – meinen Bruder
Lorenzo und mich, noch Kinder, zur Darmentleerung ins Bad
einschließt und uns, gereizt durch unsere Proteste: »Wir müssen
jetzt nicht!« zurechtweist: »Das ist mir scheißegal!« »Opa,
ich flehe dich an, mach die Tür auf!« »Ich verbiete euch, die
Strippe zu ziehen, ich möchte etwas sehen! Das ist eine Frage
der geistigen Ordnung!« Nun gut, er tut nichts anderes als uns
zu zeigen, dass eine gewisse martialische Strenge die richtige
Medizin ist gegen das kindliche Getue unserer Generation und
unserer Zeit.
Bepy ist verrückt, exzessiv, aber auch ein Weltmeister in der
Kunst des Verhöhnens und Verhehlens. Ein Geschöpf, das von
zwei Jahrzehnten Faschismus geschmiedet, dann aber gemildert
wurde durch eine Eberdosis an Scharfzüngigkeit und republikanischem
Humor, ein lebender Widerspruch, den man
aller möglichen Dinge beschuldigen kann, aber nicht, dass er
sich selber je auf drastische Weise untreu geworden wäre.
Sogar als vor ewigen Zeiten Theo, sein Zweitgeborener, ein
wenig über achtzehn, beschlossen hatte, im Sommer eine
kleine Arbeit anzunehmen, um eine Jungsche Psychotherapeutin
bezahlen zu können, die ihm helfen sollte, seinen Wunsch,
nach Israel auszuwandern, nicht mehr als ödipalen oder antipatriotischen
Hass zu betrachten, sondern eventuell als das Streben
eines Erwachsenen (über diesen Genitiv waren die Sonninos
zu Tränen gerührt), der seinem Leben eine Wende geben
wollte ... Selbst bei dieser Gelegenheit hatte Bepy, um sich seinem
Sohn zu widersetzen, zu seinem unvergleichlichen Zynismus
gegriffen:
»Wozu nützt denn eine Analyse? Reicht dir dieser Quatsch
noch nicht? Es sei denn, du hättest eine institutionelle Art und
Weise gefunden, einer Dame deine Sexgeschichten zu erzählen.
Im letzteren Fall hättest du meine Billigung.«
»Hör auf, ich bitte dich, lass mich in Frieden ...«
»Ich meine es ernst. In Israel ist eine Bruthitze. Es gibt kein
Wasser. Giordi Spizzichino erzählte mir, dass die Entsalzungsanlagen
durchschnittlich alle drei Tage kaputt gehen. Das Duschen
am Abend kannst du vergessen. Und du weißt, was diese
Juden kochen, schmeckt widerlich. Weißt du, dass Rachel Loewenthal,
seit sie in Haifa lebt, an chronischem Durchfall leidet?«
Ich stelle euch Bepy vor: Ein Typ, dessen unfreiwilliger Empi-
rismus sich immer in persönlichen Fällen ausdrückte. Er zog aus
seinem Zylinder scharenweise Freunde und Verwandte – alle mit
unwahrscheinlichen Namen –, die getan, gehabt, riskiert, erprobt
hatten, was du, kleiner Einfaltspinsel, gerade erleben wolltest,
einerseits nicht ausgerüstet mit dem sublimen Rettungsring
des Gefühls, den die Eltern auf der ganzen Welt »Erfahrung« nennen,
andererseits Beute deiner eigenen Sentimentalität.
»Ich bin f-f-f -est entsch-sch-sch-lo-ss- ss- ss-en«, stammelte
Theo, als wollte er seinen Vater umbringen, indem er ihn mit
Buchstaben beschoss.
»Aber nein, du bist nicht fest entsch-sch-sch-lo-ss-ss-ssen«,
äffte der ihn ungestraft nach. »So geht es nicht. Erst denkt man
nach und dann entschließt man sich. Weißt du, was du brauchst,
mein Kleiner?«
»Beepyyy ... Ich bitte dich ... sag es mir nicht ...«
»Ein Tennismatch, eine Abreibung mit Kölnisch Wasser und
zum Schluss einen guten Fick. ..«
»Es nützt nichts, Papa! ...Ich hab dir doch gesagt, dass ...«,
zischte Theo dickköpfig mit bebender Stimme, denn er war es
nicht gewohnt, seinem Vater zu widersprechen und er konnte
nicht ernst sprechen, obwohl er sein ganzes Leben darauf verwandt
hatte, sowohl das eine wie das andere zu erlernen.
»Im Tennisclub hat sich dieses Jahr eine Menge hübscher
Frauen eingeschrieben: gerade recht für uns. Wenn du dich
jetzt beruhigst, dich fein machst und vor allem auf deinen Papa
hörst, dann verspreche ich dir, dass du heute Abend ...«
»Ach, Bepy ... Gibt es eigentlich für dich nichts Anderes?«
»Nicht nur, dass es nichts Anderes gibt, ich misstraue sogar
allen diesen frustrierten Versperrten*, die von den Wundern des
Anderen große Worte machen ...«
* i chiusi – spöttische Bezeichnung aus dem röm.-j+d. Jargon; meint die
fehlende Beschneidung der Nichtjuden.
»Der Zufall will, dass mich ausgerechnet in diesem Moment
meines Lebens einzig und allein das Andere interessiert ...«
»Der Zufall will, dass mir das scheißegal ist. Du fährst nicht!
Sag mir wenigstens einen Grund, Herrgott noch mal!«, bäumt
sich der Alte auf, weil er die Wirkungslosigkeit seiner Beweisführung feststellt,
weshalb sich wohl auch sein Gesicht verfinstert.
»Theo, du weißt, ich bin ungeheuer vernünftig. Und
drum brauche ich einen Grund. Wenn du mir diesen scheiß
Grund lieferst, dann kannst du meinetwegen nach Australien
gehen, wenn du Lust hast. Oder mit Armstrong auf den
Mond.«
Eine unangemessene Forderung. Eine rhetorische Frage.
Die Antwort steht im Raum, in Blickweite: in dem offenen
blauen Hemd, das den gekräuseltenWald von Bepys Brust freigibt,
in der Unverschämtheit seines Bizeps, im wässrigen Glanz
seines Lächelns, in seiner Haut, die nach frisch geröstetem Kaffee
und nach Bleichmittel riecht, in seinem unzerstörbaren
Selbstbewusstsein, in seinem naiven, alles zermahlenden Pansexualismus,
in seinem Körper, der unaufhörlich schreit »Ich
hab’s geschafft. Ich kenne das Rezept fürs Leben ...«. Ja, warum
anderswo hinschauen? Die Antwort ist leicht. Er selber ist
die Antwort, die wir suchen. Er, der VATER, und dann Luca,
sein maskierter Abgesandter, sein bechor*. Hier hast du ihn, Opa,
deinen scheiß Grund.
Ohne aber zu vergessen, dass das feldwebelhafte Hervorkehren
gröbster Unempfindlichkeit in erster Linie eine Strategie ist.
Diesen Mechanismus der Selbstverteidigung setzt jeder offenkundig
unredliche Vater in Bewegung, um sich gegen die Zumutung
zu wehren, die einige hochberühmte Scharlatane
»Schuldbewusstsein« nennen: Eine harte Wahrheit wird so auf
die Schnelle umgangen; denn wer anderes – als er, der Vater –
* Erstgeborener Sohn auf Hebräisch.
ist mit seinem Macho-Wesen, seinem außerordentlichen –
wenn auch vorübergehenden – Erfolg im Leben schuld am Unglück
und an der Unzulänglichkeit seines Zweitgeborenen?
Wer hat gegen Ende der fünfziger Jahre den lächelnden Rotzbengel,
der stets hinter unauffindbaren Schallplatten von Eddie
Cochran oder Jerry Lee Lewis her war, in den blassen, düsteren
Jungen verwandelt, der sich nur in seinem religiösen Empfinden
und in dem Wunsch, nach Israel zu fliehen, wiederfindet?
(Aber versinkt man dabei nicht auf eine andere Weise im
schlimmsten Schlamm und Morast des zwanzigsten Jahrhunderts?
Habt ihr noch immer nicht genug von der Schuld der
Väter? Oder vom Zorn der Söhne, ganz zu schweigen von deren
verspäteten Einsichten? Habt ihr die Generationskonflikte
nicht gründlich satt? Er, Bepy, fühlt sich für nichts verantwortlich.
Er will keine Unannehmlichkeiten. Das Leben ist trotz
allem einfach. Die Nazis wollten mich erschlagen, aus mir bis heute
unbekannten Gründen. Ich bin davongekommen. Jung genug, um
noch einmal von vorne anzufangen. Fragt mich nicht, wie oder warum.
Ich bin nicht der Typ, der fertige Antworten in der Tasche hat. Ich
werde mein Glück hinausschreien. Ich werde mein gutes Gewissen heilig
sprechen. Ich werde meine Nachkommen materiell befriedigen.
Dann sind sie dran.)
Doch kann man nicht sagen, dass dieser Zynismus, mit dem
Bepy sein Gewissen reinwäscht, ein kürzerer Weg ist. Im Gegenteil.
Es ist eine kostspielige Operation für ein Gemüt, das
von Natur aus zu nachsichtiger Wechselhaftigkeit neigt. Es ist
einfach eine Wahl des Lagers: Es lebe die Vereinfachung, es
lebe die Gefühlskälte. (Findet mir jemanden, der dem Zauber
seiner eigenen Slogans widerstehen kann, der sich nicht wie
rasend in seine eigene Vorstellung von der Welt verliebt.) Bepy
ist geboren, um zu vereinfachen. Und er begreift nicht – und er
wird es nicht einmal am Ende schaffen, zu begreifen – , dass die
Leichtigkeit manchmal das Vorzimmer zur Gleichgültigkeit
sein kann. Und die Gleichgültigkeit ihrerseits die Wegzehrung
für die Katastrophe.
Und dann entpuppt sich das Leben am Ende für die unmoralischen
und wollüstigen Ehegatten Sonnino – bei ihrer ganzen
Leichtigkeit und der triefenden Rhetorik dieser Leichtigkeit –
als ein schlechtes Geschäft. Aber ohne dass sie ihm die Genugtuung
einer ehrlichen Einsicht gönnen würden.
Denn die Sonninos sind – und man tut gut daran, sich das zu
merken – allergisch auf Innerlichkeit.
Doktor Limentani – Chirurg am Israelitischen Krankenhaus,
Bepys Vetter zweiten Grades, aber auch sein Tennispartner
beim Doppel am Sonntagmorgen im Canottieri-Lazio-Club
– war der Erste, der ihn warnte, womit er den Chor der besorgten
Angehörigen eröffnete, die ihn alle überzeugen wollten,
das Wichtigste sei es, mit dem Leben davonzukommen.
Und bekanntlich ist Feingefühl eine seltene Ware im Hause
Sonnino:
»Die Operation ist unumgänglich, vielleicht haben wir ihn
rechtzeitig erwischt ...«
»Risiko?«
»Das Risiko ist total!«
»Aber nein ... Du weißt doch, was ich meine ... Werde ich
impotent?«
»Herrgott, Bepy, das ist das Schlimmste, was dir bis jetzt passiert
ist.«
»Ich habe dich gefragt, ob ein Risiko besteht.«
»Und ich habe ja gesagt. Nicht nur eines ...«
»Dann nicht!«
»Hör mal, Giuseppe, es handelt sich nicht um einen Scherz,
diesmal ...«
»Nein.«
»Begreifst du, dass das ein Wahnsinn ist? Ein Selbstmord? ...
Es kann sich etwas ändern, man muss nur ... Und außerdem ist
es durchaus nicht gesagt ...«
»Nein!«
»Du bist ein Arschloch, wie gehabt!«
Bepy wählt den Tod: Langsam zerfließt seine Gestalt, die
Muskeln schwinden wie Eis in der Sonne. Giorgia löst sich auf
im Magma eines unstillbaren Verlangens, während Ada wieder
einmal zu seiner Pflege antritt.
Bepy ist nun nicht einmal mehr das ferne Abbild des in die
Jahre gekommenen Machos, der von mir (seinem zwölfjährigen
Enkel) verlangte, ich solle ihm meine Genitalien zeigen, damit
er deren Eignung für zukünftige erotische Schlachten überprü-
fen konnte. Sein Gesicht ist fast völlig von einem stacheligen
Bart überzogen und die vom Morphium glühenden Augen verleihen
ihm eine asketische Aura, die in offenem Widerspruch zu
seinem Wesen und zu seiner Geschichte steht. Ja, Bepys Gesicht
ist wenige Längen vor dem Tod eine herrliche Maske des Mystizismus.
Es ist, als würde die Außenwelt für Bepy zu einer fortschreitenden
Gleichförmigkeit tendieren. Indem er uns verdünnt
und austauschbar wahrnimmt, ist es, als würde er sich
sein Grab in sich selber graben: Er war nie so in sich verschlossen.
Der glasige Blick, den er auf uns wirft, scheint nicht durch
Vorurteile verdorben zu sein. Für ihn sind jetzt meine Großmutter,
meine Mutter, mein Vater, die Philippinin, selbst seine apokalyptischen
Visionen, wie auch jene pechschwarze Blase, die
ihn bald schlucken wird, ein und dasselbe, Abgesandte des milchigen
Chaos, in das sich die Welt verwandelt hat.
Er liegt im Schlafzimmer seiner mit Hypotheken belasteten
Wohnung in Parioli (in die er nach dem Bankrott und dem
kurzen amerikanischen Zwischenspiel umgezogen ist); sie bewahrt
noch den Anschein des Herrschaftlichen, nicht sonderlich
geschädigt von einem abgenutzten Leintuch oder einer abgestoßenen
Tasse, die aber meine Großmutter ebenso zur
Verzweiflung bringen wie das unerbittliche Hinsterben ihres
Mannes. Tief in sein Lager versunken, unempfindlich gegen-
über der Vorstellung der Ausweglosigkeit, selbst sein Zimmer
sieht aus wie eine Apotheke, überall liegen Tablettenschachteln
(vom harmlosen Aspirin bis zu den schweren Schmerz lindernden
Mitteln), macht er nichts anderes als Sätze zu wiederholen
wie »Morgen, wenn es mir besser geht ...«, ohne sich
darum zu kümmern, sie je zu Ende zu sagen. Oder er fixiert
mit träumerischem Blick die michelangeloesken Hinterbacken
meiner Kinderfrau aus Kap Verde, um sich zu träumerischen
Kommentaren hinreißen zu lassen: »Das ist also das Paradies
...« Oder zu seiner Frau gewandt – unsere Gegenwart
nicht beachtend – vielleicht sogar sexuell erregt von ihr: »Sag’s
doch, mit keinem hast du es so genossen wie mit deinem Bepy
...« Auch wenn Giorgia die einzige wirkliche Heldin seines
Deliriums bleibt, mit besonderem Hinweis auf den »unvergesslichen
Mundfick im Jahr neunundsiebzig«. Der Mundfick einer
verliebten Halbwüchsigen mit einem Fünfzigjährigen, der
kurz vor der Schande des Ruins und des Exils steht.
Merkwürdig: Das Obszöne war nie seine Stärke gewesen.
Der Sex schon, aber das Obszöne nie. Aber jetzt – vielleicht,
weil sein Hirn nicht imstande ist, die Vorstellung seiner eigenen
bevorstehenden Nichtexistenz aufzunehmen oder sich einen so
feindseligen Begriff wie den des Fehlens - einer- möglichen - Zukunft
einzuverleiben – scheint er im Obszönen einen Ausweg
gefunden zu haben. Wie kann unser Bepy, ein persönlicher
Feind des Vulgären, der uns beigebracht hat, es zu vermeiden,
sich ihm im ernstesten Augenblick seines Lebens mit einer so
grauenhaften verbalen Inkontinenz überlassen? Tatsache ist,
dass der gesündeste Mensch der Welt nur in der Form einer abstrakten
Hypothese, welche »die anderen« betrifft, an den Tod
gedacht hat. Und sein zotiges Irrereden, das Professor Limentani
mit laizistischem Empirismus und jüdischer Pietas vollkommen
der Wirkung des Medikaments Tangesic zuschreibt, scheint
eher ein Zeichen dafür zu sein, dass sein Gehirn sich weigert,
sich als sterbendes zu akzeptieren: eine Art pathologische Entartung
seines gewohnten wahnwitzigen Optimismus oder,
wenn es euch lieber ist, der endemischen Feigheit unseres Bepy:
Wenn du etwas nicht ändern kannst, dann lösch es aus. Lösch es
aus, Bepy, solange du noch Zeit hast. War das nicht vielleicht
die Stärke deines Lebens? Dein uneingestehbarstes Geheimnis?
Deswegen fährt er fort, sich trotz der Schmerzen und der
manifesten Behinderungen seines Zustands zu rasieren und
Wangen und Haar mit Kölnisch Wasser zu besprühen, auf dieselbe
anrührende und unüberlegte Weise, wie er in den Tagen
nach seinem wirtschaftlichen Zusammenbruch nicht von seinen
luxuriösen Gewohnheiten und unverantwortlichen Einkäufen abließ.
Als wäre ein Teil seines Körpers und seiner Intelligenz
nicht imstande, einen unerträglichen Umstand zu
registrieren oder als würden sie nach einer Vortäuschung von
Normalität verlangen.
Nun beschäftigt sich Bepy nur noch mit seinem Körper, mit
dessen physiologischem Aufruhr, als wäre sein Körper ein ganzer
Planet geworden, als bestände er aus Tälern, Hochebenen,
Bergen und Ozeanen: Hin und wieder flüstert Bepy, wobei er
auf eine unangemessene wissenschaftliche Terminologie zurückgreift,
»ich muss urinieren« oder »ich muss den Darm entleeren
«, als würde er das Nahen eines Erdbebens oder einer
Eberschwemmung verkünden. Es ist, als ob jetzt, da die Tage
des Körpers gezählt sind, als ob ausgerechnet jetzt, da die Last
des Fleisches schwerer wiegt als das Universum, jetzt, da der
Körper verrückt spielt, jetzt, da der Körper nur sich selbst antwortet,
jetzt, da der große Bepy seinen unverwechselbaren Geruch
von Kölnisch Wasser mit Limonenduft und toskanischer
Zigarre durch den mit krankem Stuhlgang gewürzten Gestank
ersetzt hat, als ob er jetzt plötzlich entdecken würde, dass nie
etwas anderes existiert hat als der Körper, allein und ausschließlich
der Körper.
Ada Sonnino sprach ihre letzten Worte wenige Tage vor ihrem
Tod aus, anlässlich eines unserer Sonntagsspaziergänge in die
Stadtmitte: Sie waren ein Beweis der Unredlichkeit, der eines
Freigeists aus dem achtzehnten Jahrhundert würdig gewesen
wäre, umso exzentrischer, wenn man bedachte, dass er von einer
ungeheuer schicken Achtzigjährigen kam, die das ganze
Geheimnis des einst schönen Mädchens und der einst attraktiven,
reifen Frau in der einsamen Perle versteckt zu haben
schien, die an einem unsichtbaren Weißgoldfaden hängend an
ihrem Hals schimmerte. Damals hatte die Arteriosklerose
schon ihr Gehirn zerrüttet. Die einzige Gehirntätigkeit der abgemagerten
Alten, der einst bezauberndsten jungen Dame der
jüdischen Gemeinde Roms mit einer feinen ägyptischen Nase
und einer blauschwarzen Haarmähne, war jetzt eine Litanei, in
der sie ununterbrochen die Namen der eleganten Geschäfte
aufsagte, als ob sich die Erotomanie, die sie und ihren Gatten
ein Leben lang verzehrt hatte, vierzig Jahre später zu einer unerwartet
verbalen Form sublimiert hätte. Versuchte ihr mit
leuchtenden und dramatischen Erinnerungen voll gestopftes
Gehirn auf diese Weise vor sich selbst zu fliehen? War das die
senile Version ihrer täglichen Strategie der Verheimlichung?
Ein Denkmal für das Vergessen zu Lebzeiten? Wer kann es sagen!
Doch die Kreislaufstörung, die ihr Irrereden verursacht
hatte, ließ manchmal in einer Art metaphysischer Epiphanie
Raum für einige kleine Tropfen Weisheit: Du wusstest aber
nie, ob du sie als Frucht des fotografischen Gedächtnisses eines
kranken Geistes betrachten solltest, der zufällig Sätze von vor
vielen Jahren wiederholt, oder als einen vorübergehenden
Wiedergewinn der Vernunft, das Vorspiel zu einem erneuten
Sturz ins Dunkel.
Kurz, wer ist diese Frau? Diese Greisin, die sich im Chaos
der Via Condotti an meinen Arm klammert, als hätte sie sonst
nichts? Ist es möglich, dass dieses Häufchen zitternder Knochen
alles ist, was von dem bezaubernden Mädchen übrig
bleibt, die ihren Ehemann ruiniert hat, wie alle sagen? Diejenige,
der Bepy nichts abschlagen konnte? Stimmt es, dass
Bepy ihr Schweigen kaufte? Stimmt es, dass Bepy dem Grö-
ßenwahn dieser Dame auf Gedeih und Verderb ausgeliefert
war? Ist sie die tückisch Verantwortliche für den Aufstieg und
den Fall unseres Helden? Die Schwarze Witwe? Ist sie es, nach
der wir suchen, seit wir diese Fahndung begonnen haben? Ist
sie es, die eigentlich angeklagt werden müsste? Niemand hat
vergessen, dass sie nur wenige Tage nach der Abreise ihres
Mannes in die Vereinigten Staaten einen hysterischen Anfall
bekam und, unfähig zu akzeptieren, dass ihr fürstliches Leben
für immer dahin war, zutiefst entsetzt von der Möglichkeit,
dass die Trauernachricht den »Bridge-Freundinnen« der Via
Paisiello zu Ohren kommen könnte, niedergeschmettert bei
der Vorstellung, sie könnten darüber lächeln, so wie sie selbst
tausendmal über das Unglück anderer gelächelt hatte, sich
weigerte, die Pelzmäntel, die ihr Mann gerade gekauft, aber
nicht bezahlt hatte, wieder zurückzugeben. Mein Vater riss
sie ihr aus der Hand, als wollte er ihr zu verstehen geben, dass
die guten Manieren der Reichen der Gewalttätigkeit der
neuen Armen gewichen waren.
Nun gut: Es machte mir einen gewissen Eindruck, als Ada
Sonnino mich mit ihren entgeisterten Augen ansah, nachdem
sie mit lauter Stimme alle Ladenschilder der Via del Babuino
gelesen hatte und sich anschickte, mit denen der Via Condotti
zu beginnen, und wie ein Orakel zu mir sagte:
»Daniel, wenn dich dein Mädchen eines Tages im Bett mit
einer anderen erwischen sollte, dann sag ihr, du hättest gerade
geschlafen, und du wüsstest nicht, wie die kleine Nutte auf
deine Matratze gekommen sei, streite das Offensichtliche ab.
Die Frauen wollen nur angelogen werden ...«
Ich weiß, das sind nicht die erbaulichen Worte, die man sich
von einer Großmutter erwartet, die mit einem Fuß im Grab
steht. Ich weiß wohl, manche werden diesen Standpunkt als
veraltet und für eine Frau erniedrigend beurteilen. Das hat mit
achtem März oder feministischem Kollektiv oder frauenfreundlichen
Illustrierten gar nichts zu tun. Aber es dient als
Hintergrund, um zu begreifen, wie die auf mysteriöse Weise
unauflösliche Bindung zwischen Bepy und Ada sich – nach Bepys
Tod – vom verschwommenen Schuldbewusstsein Adas,
der allein Eberlebenden, nährte: vom Bedauern und der Reue
einer Verblödeten, der es zum Beispiel nicht gelungen war, ihren
Mann von der absoluten Unvermeidbarkeit einer Blasenoperation
zu überzeugen. Wie hatte sie es zulassen können,
dass sich der Unglückliche auf dem Altar seines unerträglichen
Machotums opferte? Warum hatte sie es geschehen lassen, dass
dieser männliche Körper mit seiner satteldeckenrauen Haut –
die sie so sehr erregt hatte, von den fernen Tagen an, als sie
einander mitten in der Rassenkampagne begegnet und, von
den Freundesbomben der Alliierten gesegnet, ihre Verbindung
eingegangen waren – der Ausdörrung anheim fiel?
Zum letzten Mal hatte Bepy nicht nur den äußersten Schritt
getan, ohne sich von düsteren Gedanken, von der dummen
Dürre grundlegender Probleme berühren zu lassen, es war ihm
beinahe auch gelungen, uns davon zu überzeugen, dass die
Männlichkeit ein Gut sei, dem man sein Leben opfern könne.
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