|
|
Im Rausch der
Stille
(Leseprobe aus: Im Rausch der Stille, Roman, 2005, S.
Fischer - Übertragung Angelika Maass)
1
Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und
deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz
nah sind. Als ich mich einschiffte, kannte ich dieses grausame
Gesetz bereits. Doch es gibt Wahrheiten, die unsere Beachtung
verdienen, und solche, mit denen wir uns besser nicht
befassen.
In der Morgendämmerung zeigte sich uns die Insel zum
ersten Mal. Seit dreiunddreißig Tagen waren die Delfine unserem
Schiff nicht mehr gefolgt und seit neunzehn konnte man
den Dampf aus den Mündern der Besatzung sehen. Die schottischen
Matrosen schützten sich mit Fausthandschuhen, die
bis zum Ellbogen reichten. Ihre Pelze waren so gewaltig, dass
sie an Walrossleiber erinnerten. Für die Senegalesen waren
diese frostigen Breiten eine Strafe, und der Kapitän erlaubte,
dass sie sich Wangen und Stirn zum Schutz mit Bratfett einrieben.
Das Zeug wurde flüssig und drang in die Augen. Ihnen
liefen die Tränen, aber sie beklagten sich nie.
»Ihre Insel. Da, schauen Sie, am äußersten Horizont«, sagte
der Kapitän zu mir.
Ich konnte sie nicht sehen. Nur dieses kalte Meer, das wie
immer von fernen Wolken verhüllt war. Obwohl wir weit im
Süden waren, hatten die Formen und Gefahren der antarktischen
Eisberge während unserer Überfahrt nicht für Turbulenzen
gesorgt. Kein Berg aus Eis, keine Spur jener urwüchsigen,
spektakulären treibenden Riesen. Wir erlitten die
Unannehmlichkeiten
des Südens, aber seine Großartigkeit blieb
uns vorenthalten. Mein Bestimmungsort lag also an der
Schwelle einer eisigen Grenze, die ich nie überschreiten würde.
Der Kapitän gab mir das Fernglas. »Und? Sehen Sie sie
jetzt?« Ja, ich sah sie. Ein Stück Land, das zwischen dem Grau
des Ozeans und dem Grau des Himmels zerdrückt wurde und
von einem weißen Schaumband umgeben war. Sonst nichts.
Ich musste noch eine Stunde warten. Dann wurden, je näher
wir herankamen, die Umrisse für das bloße Auge erkennbar.
Das war nun mein künftiger Wohnort: Eine Fläche, die es
von einem Ende zum andern kaum auf anderthalb Kilometer
brachte, in Form eines L. Der nördlichste Zipfel war eine
Anhöhe aus Granit, dort stand der Leuchtturm. Sie unterstrich
noch seine Kirchturmhöhe. Der Leuchtturm beeindruckte
nicht eigentlich durch seine Größe, doch die geringe
Ausdehnung der Insel verlieh ihm durch den Kontrast geradezu
megalithische Festigkeit. Im Süden, an der Ferse des L, eine
kleinere Erhebung, auf der sich das Haus des Wetterbeobachters
zeigte. Also mein Haus. Die beiden Gebäude waren durch
eine Art schmales Tal verbunden, wo Feuchtvegetation gedieh.
Die Bäume standen dicht, wie eine Herde Tiere, die sich
aneinander drängen, um von den anderen Körpern geschützt
zu werden. Sie waren von Moos bedeckt. Moos, das dicker
war als die Hecken in den Gärten, dazu kniehoch, ein seltsames
Phänomen. Wie dreifarbige Lepra befleckte es die
Stämme: blau, violett und schwarz.
Die Insel war von kleineren Riffen umgeben, die da und
dort aus dem Meer hervorragten. Es war völlig unmöglich,
weniger als dreihundert Meter vor dem einzigen Strand zu
ankern, der sich unterhalb des Hauses erstreckte. Es blieb mir
deshalb nichts anderes übrig, als mich und mein Gepäck ins
Beiboot zu verfrachten. Dass mich der Kapitän an Land begeleitete,
verstand ich als zusätzlichen Freundschaftsdienst.
Nichts verpflichtete ihn dazu. Doch war im Verlauf der Reise
zwischen uns eine Form von Einverständnis entstanden, wie
es sich manchmal zwischen Menschen verschiedener Generationen
entwickelt. Ursprünglich stammte er aus dem Hamburger
Hafenviertel, später wurde Dänemark seine Heimat.
Falls ihn etwas charakterisierte, so waren es seine Augen.
Wenn er jemanden ansah, gab es nichts anderes mehr auf der
Welt. Den Einzelnen beurteilte er mit dem Maßstab eines
Insektenforschers, Situationen als Sachverständiger. Manche
würden das für Härte halten. Ich aber glaube, dass dies seine
Art war, seine Vorstellung von Toleranz zum Vorschein zu
bringen, die er im Hinterzimmer seines Geistes verbarg. Nie
w3rde er seine Nächstenliebe mit Worten eingestehen, aber
ihr galt all sein Tun. Er behandelte mich immer mit der Liebenswürdigkeit
eines beauftragten Henkers. Wenn er etwas
für mich tun könnte, würde er es tun. Wer war ich denn
schon? Ein Mann, der Jugend näher als der Reife, abkommandiert
auf eine winzige Insel, über die Polarwinde fegten. Zwölf
Monate lang sollte ich dort leben, im einsamen Exil, fern jeglicher
Zivilisation, mit einer ebenso monotonen wie belanglosen
Arbeit, nämlich der, die Intensität, die Richtung und
Häufigkeit der Winde aufzuzeichnen. So war es im Abkommen
des internationalen Seewesens festgelegt. Selbstverständlich
war die Bezahlung gut. Doch niemand nimmt einen solchen
Posten wegen des Geldes an.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © S.Fischer