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Flüchtiges
Türkis
(Leseprobe aus: Flüchtiges Türkis,
Roman, 2006, dtv - Übertragung
Sven Christian Siegmund)
Kaum flutscht man aus der Gebärmutter
heraus, da besorgen sie es einem auch schon von hinten: So läuft das nun mal.
Gerecht ist das zwar nicht, aber wen interessiert das schon. Es wäre besser,
man würde vorgewarnt, dann wäre diese Erfahrung während des Stillens nicht
ganz so traumatisch.
Schade, dass kein Neugeborenes, ja nicht einmal der Wunderfötus, der ich einmal
war, imstande ist, diese Zeilen zu lesen und auch noch zu verstehen.
Das Neugeborene ist ein zukünftiger, noch illiterater Toter. Nicht einmal sein
Instinkt kann es retten. Es ist ein ziemlicher Ignorant im Bonsaiformat, der
noch keine Buchstaben kennt, aber die Musik des Lebens spürt, so wie ein Hund
das Erdbeben vor den Erdbebenopfern wittert.
Die Geburt ist nicht immer ein willkommenes Geschenk, vor allem, wenn man in
einem Müllcontainer landet, der randvoll ist mit Zeitungspapier und Überresten
organischer und nichtorganischer Art: Besser, man forscht da nicht so genau
nach. Tomaten und Blut, Sardinen und Blut, Erdbeeren und Blut. Und dann noch ein
paar Kondome – halterlose Strümpfe für das männliche Glied.
Das Geschenk scheint sich jedoch aus Noten zusammenzusetzen, mit denen man ein
Musical schreiben kann. Do Re Mi Fa Sol La Si Do. Die Tonleiter aufwärts übersteht
nur das Do. Fügst du aber dem Do ein Ut und dem Ut ein Des hinzu, so ergibt
sich ein »Do Ut Des«, und das sind die einzigen Noten für eine vorschriftsmäßige
Existenz.
»Ich gebe, damit mir gegeben werde.« So spricht ein gesitteter und
unbescholtener Opportunist.
Ich flutsche heraus, damit mich jemand penetriert und mir so das Eindringen
vormacht, mit dem ich den Nächstbesten, wahrscheinlich ohne seine Einwilligung,
belohnen werde. Bei jedem Herausflutschen gibt es ein Geschenk, eine hübsche
Schleife, blau für Buben, rosa für Mädchen. Aber kein farbloses Band für
Schwule und Lesben, die noch gar nicht wissen, dass sie es sind.
Rosa und blau. Die Schleife ist das, was das Neugeborene von der Nabelschnur zurückbehält.
Ein schön geschlungener Knoten, der jegliches Gedärm vor Neid erblassen lässt
und erst nach dem Tod aufgeht. Ein schwarzes Band, Trauerflor.
Der Tod ist türkis, aber nur vielleicht. Er setzt ein Ende, aber verpflichtet
zu nichts. Türkis ist nicht nur die Farbe des Himmels, eines verlorenen, aber
wiederauffindbaren Paradieses, sondern auch die der Hölle, die sich stets in
greifbarer Nähe befindet.
Das Türkis ist flüchtig. Der Tod läuft langsam, damit man ihn einholen kann.
Um das Türkis zu erreichen, was immer es auch ist, braucht man Zeit.
Und die hatte ich nicht.
Er wartete gerade auf die Acht (im Sinne von Straßenbahn), und es war neun (im
Sinne von neun Uhr abends).
Eine Einundzwanzig fuhr vorbei, dann eine Vierzehn. Darauf folgten noch eine
Einundzwanzig und, wundersamerweise, abwechselnd eine Reihe Einundzwanziger und
Vierzehner.
Er hatte es nicht eilig, und schon gar nicht nach sechs Monaten und zwanzig
Jahren Knast.
Er erinnerte sich nur an die sechs Monate, die er den zwanzig Jahren vorzog,
weil er sie in der Erwartung, aus San Vittore rauszukommen, um nach Saint Tropez
zu gehen, Minute für Minute, Sekunde für Sekunde ausgekostet hatte. Aber er
war in Mailand geblieben. Jetzt konnte er endlich selbst bestimmen, wo er sich
aufhalten wollte.
Er irrte mit irrem Blick umher, durch Straßen, die die Via Giambellino kreuzten
und sich mit ihr vermischten. Eine Mischung aus Rotwein, Bitter Orange und
blutbeflecktem Weiß.
Es war hoffnungslos. Die Erinnerungen, die Trümmer der Erinnerungen, die die
Opfer unter sich begraben hatten, verhöhnten ihn ohne Unterlass. Sie waren wie
tote Fische in den großen Pools der Villen, die in den vergangenen zwanzig
Jahren aus dem Giambellino-Viertel, einem verrufenen Vorstadtbezirk, eine Art Dépendance
des geschäftigen Herzens von Mailand gemacht hatten.
Was ihn betraf, so hatte er eine raue Schale und einen faulen Kern. Dieser faule
Kern war unsichtbar, denn er lag sicher und wohl verwahrt in einem menschlichen
Körper verborgen.
Seine genesenden Augen suchten nach etwas, das sie wieder fiebrig aufflackern
ließ. Mit seinen Blicken durchbohrte er die lächerlichen Gitter vor den
Fensterscheiben. Doch es war hoffnungslos.
An jenem deprimierenden Oktoberabend hatte er nur ein einziges illegales Taxi
gesehen. Die Taxifahrer streikten, und in der Luft lag etwas, das genauso
eiskalt und brandgefährlich war wie er.
Er hatte das alles längst abgecheckt, hat es abgecheckt, checkte es ab. Er
hatte aus dem Gefängnis ausgecheckt und war bereit, wieder einzuchecken.
Aber das Dumme an solchen Wohnvierteln ist, dass jeder in seiner eigenen Wohnung
bleibt. Gut geschützt vor den genesenden Blicken, die fiebrig aufzuflackern
drohen. Es war hoffnungslos.
Nur eine Bar (erst »Bei Gegè«. Dann »Bei Gegi«. Mittlerweile war nur noch
»Bei G.« übrig geblieben), in der die letzten Deppen Karten spielten und
darauf warteten, von der Immobiliengesellschaft Fuyimoto aufgekauft zu werden.
Und zu verschwinden.
Am Ort des Vergessens von Legenden, die nicht mehr im Umlauf sind, hatte, hat er
gesehen, glitt in Gedanken hinter jene Fensterscheiben.
Er hatte gelauscht, lauschte, lauerte auf jene letzten, überflüssigen
Bestellungen von Kräuterlikör oder »Anisschnaps mit Wasser, bitte«. Die Zeit
war bedeutungslos geworden, dasselbe galt für die Zeiten der Verben. All das
war sowieso überflüssig. Auch wer nicht konjugieren kann, kann kopulieren,
auch wer komplizierte Konjunktive bilden kann, kann Konjunktivitis bekommen.
Er wartete auf die Acht. Schon viel zu lange häuften sich Einundzwanziger und
Vierzehner und wechselten einander ab, aber weit und breit keine einzige
beschissene Acht. Das große Geheimnis eines Karussells, von dem ein Stück
fehlte.
Statt einer Straßenbahn erregte ein kleines Mädchen seine Aufmerksamkeit. Sie
hatte eine sportliche Figur, ohne dabei die nötige Menge Babyspeck vermissen zu
lassen. Für jemanden, der noch nie ein Girl Scout gesehen hat, war sie seltsam
gekleidet. Braune Kniehosen, blaues Militaryhemd. Eine Schleife, eine Art
blaubraunes Tuch, schnürte ihr den Hals zu. Dazu ein Hut, wie ihn Frauen in der
Prärie tragen. Ein bisschen Desdemona, ein bisschen Calamity Jane. An den Füßen
eine Mischung aus Stiefeletten und Militärboots.
John Saudek, einer der größten Fotografen des einundzwanzigsten Jahrhunderts,
mit seinen grotesken, schlüpfrigen Schwarzweißbildern, die er von Hand in
einer extrem raffinierten Technik übermalte, so dass sie wirkten wie alte, Ende
des achtzehnten Jahrhunderts in Bordellen aufgenommene Fotografien, wäre total
auf sie abgefahren.
Der Mann wurde von der hilfsbegierigen Jungfrau in Uniform angesprochen.
»Entschuldigen Sie. Sie sehen, wenn ich das sagen darf, etwas verwirrt aus.
Kann ich Ihnen helfen?«
»Ich warte auf die Acht, aber die lässt schon eine ganze Weile auf sich
warten. Hat die immer so viel Verspätung?«
Das Mädchen kicherte: »Schon seit drei Jahren. An ihrer Stelle fährt jetzt
die Vierzehn.«
Er hätte sie umbringen können.
Er brachte sie um.
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