Flüchtiges Türkis von Andrea G. Pinketts, 2006, dtv

Andrea G. Pinketts

Flüchtiges Türkis
(Leseprobe aus: Flüchtiges Türkis, Roman, 2006, dtv - Übertragung Sven Christian Siegmund)

Kaum flutscht man aus der Gebärmutter heraus, da besorgen sie es einem auch schon von hinten: So läuft das nun mal.
Gerecht ist das zwar nicht, aber wen interessiert das schon. Es wäre besser, man würde vorgewarnt, dann wäre diese Erfahrung während des Stillens nicht ganz so traumatisch.
Schade, dass kein Neugeborenes, ja nicht einmal der Wunderfötus, der ich einmal war, imstande ist, diese Zeilen zu lesen und auch noch zu verstehen.
Das Neugeborene ist ein zukünftiger, noch illiterater Toter. Nicht einmal sein Instinkt kann es retten. Es ist ein ziemlicher Ignorant im Bonsaiformat, der noch keine Buchstaben kennt, aber die Musik des Lebens spürt, so wie ein Hund das Erdbeben vor den Erdbebenopfern wittert.
Die Geburt ist nicht immer ein willkommenes Geschenk, vor allem, wenn man in einem Müllcontainer landet, der randvoll ist mit Zeitungspapier und Überresten organischer und nichtorganischer Art: Besser, man forscht da nicht so genau nach. Tomaten und Blut, Sardinen und Blut, Erdbeeren und Blut. Und dann noch ein paar Kondome – halterlose Strümpfe für das männliche Glied.
Das Geschenk scheint sich jedoch aus Noten zusammenzusetzen, mit denen man ein Musical schreiben kann. Do Re Mi Fa Sol La Si Do. Die Tonleiter aufwärts übersteht nur das Do. Fügst du aber dem Do ein Ut und dem Ut ein Des hinzu, so ergibt sich ein »Do Ut Des«, und das sind die einzigen Noten für eine vorschriftsmäßige Existenz.
»Ich gebe, damit mir gegeben werde.« So spricht ein gesitteter und unbescholtener Opportunist.
Ich flutsche heraus, damit mich jemand penetriert und mir so das Eindringen vormacht, mit dem ich den Nächstbesten, wahrscheinlich ohne seine Einwilligung, belohnen werde. Bei jedem Herausflutschen gibt es ein Geschenk, eine hübsche Schleife, blau für Buben, rosa für Mädchen. Aber kein farbloses Band für Schwule und Lesben, die noch gar nicht wissen, dass sie es sind.
Rosa und blau. Die Schleife ist das, was das Neugeborene von der Nabelschnur zurückbehält. Ein schön geschlungener Knoten, der jegliches Gedärm vor Neid erblassen lässt und erst nach dem Tod aufgeht. Ein schwarzes Band, Trauerflor.
Der Tod ist türkis, aber nur vielleicht. Er setzt ein Ende, aber verpflichtet zu nichts. Türkis ist nicht nur die Farbe des Himmels, eines verlorenen, aber wiederauffindbaren Paradieses, sondern auch die der Hölle, die sich stets in greifbarer Nähe befindet.
Das Türkis ist flüchtig. Der Tod läuft langsam, damit man ihn einholen kann.
Um das Türkis zu erreichen, was immer es auch ist, braucht man Zeit.
Und die hatte ich nicht.
Er wartete gerade auf die Acht (im Sinne von Straßenbahn), und es war neun (im Sinne von neun Uhr abends).
Eine Einundzwanzig fuhr vorbei, dann eine Vierzehn. Darauf folgten noch eine Einundzwanzig und, wundersamerweise, abwechselnd eine Reihe Einundzwanziger und Vierzehner.
Er hatte es nicht eilig, und schon gar nicht nach sechs Monaten und zwanzig Jahren Knast.
Er erinnerte sich nur an die sechs Monate, die er den zwanzig Jahren vorzog, weil er sie in der Erwartung, aus San Vittore rauszukommen, um nach Saint Tropez zu gehen, Minute für Minute, Sekunde für Sekunde ausgekostet hatte. Aber er war in Mailand geblieben. Jetzt konnte er endlich selbst bestimmen, wo er sich aufhalten wollte.
Er irrte mit irrem Blick umher, durch Straßen, die die Via Giambellino kreuzten und sich mit ihr vermischten. Eine Mischung aus Rotwein, Bitter Orange und blutbeflecktem Weiß.
Es war hoffnungslos. Die Erinnerungen, die Trümmer der Erinnerungen, die die Opfer unter sich begraben hatten, verhöhnten ihn ohne Unterlass. Sie waren wie tote Fische in den großen Pools der Villen, die in den vergangenen zwanzig Jahren aus dem Giambellino-Viertel, einem verrufenen Vorstadtbezirk, eine Art Dépendance des geschäftigen Herzens von Mailand gemacht hatten.
Was ihn betraf, so hatte er eine raue Schale und einen faulen Kern. Dieser faule Kern war unsichtbar, denn er lag sicher und wohl verwahrt in einem menschlichen Körper verborgen.
Seine genesenden Augen suchten nach etwas, das sie wieder fiebrig aufflackern ließ. Mit seinen Blicken durchbohrte er die lächerlichen Gitter vor den Fensterscheiben. Doch es war hoffnungslos.
An jenem deprimierenden Oktoberabend hatte er nur ein einziges illegales Taxi gesehen. Die Taxifahrer streikten, und in der Luft lag etwas, das genauso eiskalt und brandgefährlich war wie er.
Er hatte das alles längst abgecheckt, hat es abgecheckt, checkte es ab. Er hatte aus dem Gefängnis ausgecheckt und war bereit, wieder einzuchecken.
Aber das Dumme an solchen Wohnvierteln ist, dass jeder in seiner eigenen Wohnung bleibt. Gut geschützt vor den genesenden Blicken, die fiebrig aufzuflackern drohen. Es war hoffnungslos.
Nur eine Bar (erst »Bei Gegè«. Dann »Bei Gegi«. Mittlerweile war nur noch »Bei G.« übrig geblieben), in der die letzten Deppen Karten spielten und darauf warteten, von der Immobiliengesellschaft Fuyimoto aufgekauft zu werden. Und zu verschwinden.
Am Ort des Vergessens von Legenden, die nicht mehr im Umlauf sind, hatte, hat er gesehen, glitt in Gedanken hinter jene Fensterscheiben.
Er hatte gelauscht, lauschte, lauerte auf jene letzten, überflüssigen Bestellungen von Kräuterlikör oder »Anisschnaps mit Wasser, bitte«. Die Zeit war bedeutungslos geworden, dasselbe galt für die Zeiten der Verben. All das war sowieso überflüssig. Auch wer nicht konjugieren kann, kann kopulieren, auch wer komplizierte Konjunktive bilden kann, kann Konjunktivitis bekommen.
Er wartete auf die Acht. Schon viel zu lange häuften sich Einundzwanziger und Vierzehner und wechselten einander ab, aber weit und breit keine einzige beschissene Acht. Das große Geheimnis eines Karussells, von dem ein Stück fehlte.
Statt einer Straßenbahn erregte ein kleines Mädchen seine Aufmerksamkeit. Sie hatte eine sportliche Figur, ohne dabei die nötige Menge Babyspeck vermissen zu lassen. Für jemanden, der noch nie ein Girl Scout gesehen hat, war sie seltsam gekleidet. Braune Kniehosen, blaues Militaryhemd. Eine Schleife, eine Art blaubraunes Tuch, schnürte ihr den Hals zu. Dazu ein Hut, wie ihn Frauen in der Prärie tragen. Ein bisschen Desdemona, ein bisschen Calamity Jane. An den Füßen eine Mischung aus Stiefeletten und Militärboots.
John Saudek, einer der größten Fotografen des einundzwanzigsten Jahrhunderts, mit seinen grotesken, schlüpfrigen Schwarzweißbildern, die er von Hand in einer extrem raffinierten Technik übermalte, so dass sie wirkten wie alte, Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Bordellen aufgenommene Fotografien, wäre total auf sie abgefahren.
Der Mann wurde von der hilfsbegierigen Jungfrau in Uniform angesprochen.
»Entschuldigen Sie. Sie sehen, wenn ich das sagen darf, etwas verwirrt aus. Kann ich Ihnen helfen?«
»Ich warte auf die Acht, aber die lässt schon eine ganze Weile auf sich warten. Hat die immer so viel Verspätung?«
Das Mädchen kicherte: »Schon seit drei Jahren. An ihrer Stelle fährt jetzt die Vierzehn.«
Er hätte sie umbringen können.
Er brachte sie um.

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