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Elena weiß Bescheid
(Leseprobe aus: Elena weiß Bescheid, Roman, 2009,
Unionsverlag - Übertragung Peter Kultzen).
Also los, den rechten Fuß heben, nur ein paar Zentimeter, nach vorne bewegen,
ein kleines oder großes Stück weit, gerade so, dass er sich am linken
vorbeischiebt, und dann wieder aufsetzen. Das ist alles, denkt Elena. Aber sie
denkt, und ihr Gehirn befiehlt: Bewegen!, und trotzdem tut sich nichts. Der
rechte Fuß rührt sich nicht. Erhebt sich nicht. Bewegt sich nicht nach vorne.
Setzt nicht wieder auf. Rührt sich nicht, erhebt sich nicht, bewegt sich nicht
nach vorne, setzt nicht wieder auf. Nur das. Aber es tut sich nichts. Da setzt
Elena sich hin und wartet. Zu Hause in der Küche. Um zehn fährt der Zug in die
Stadt, den muss sie nehmen; der nächste, der um elf, nützt ihr nichts; um neun
hat sie ihre Tablette genommen, denkt sie, und sie weiß, dass sie deshalb den um
zehn nehmen muss; sobald es dem Medikament gelingt, ihren Körper dazu zu
bringen, den Befehlen ihres Gehirns zu gehorchen. Gleich. Nicht den um elf, bis
dahin hat sich die Wirkung des Medikaments so sehr abgeschwächt, dass sie nicht
mehr vorhanden ist, dann steht sie wieder da wie jetzt, aber ohne die Hoffnung
auf die Wirkung des Levodopa.
Heute will sie niemandem begegnen. Niemand soll sie fragen, wie es ihr geht,
und niemand soll ihr nachträglich sein Beileid wegen des Todes ihrer Tochter
aussprechen. Tag für Tag erscheint jemand, der nicht zur Totenwache oder zum
Begräbnis kommen konnte. Oder den Mut dazu nicht fand. Oder nicht aufbringen
wollte. Wenn jemand so stirbt wie Rita, haben alle das Gefühl, sie müssten an
der Beerdigung teilnehmen. Deshalb ist zehn keine gute Uhrzeit, denkt sie, denn
auf dem Weg zum Bahnhof muss sie an der Bank vorbei, und heute werden die Renten
ausbezahlt, da begegnet sie bestimmt einem ihrer Nachbarn. Mehreren Nachbarn.
Die Bank öffnet zwar erst um zehn, und da fährt ihr Zug gerade in den Bahnhof
ein, und sie tritt, die Fahrkarte in der Hand, an die Bahnsteigkante, um
einzusteigen, aber trotzdem, Elena weiß Bescheid, die Rentner sind schon vorher
da und stehen an, als hätten sie Angst, dass das Geld nur für die reicht, die
zuerst kommen. Um sich die Bank zu ersparen, müsste sie einen Umweg machen,
zuerst bis zur Parallelstraße gehen, aber ihr Parkinson würde einen hohen Preis
dafür verlangen. Parkinson, so heißt das. Elena weiß schon seit Längerem, dass
sie die Herrschaft über einige Teile ihres Körpers verloren hat, über die Füße
zum Beispiel. Da hat er das Sagen. Oder sie. Sie überlegt, ob man bei Parkinson
er oder sie sagen soll, der Name klingt zwar männlich, aber eine Krankheit ist
es trotzdem, und Krankheiten sind weiblich, die Krankheit. Wie die Katastrophe.
Oder die Strafe. Da beschließt sie, ihn »sie« zu nennen, denn beim Gedanken
daran denkt sie »Scheißkrankheit«. Und Scheiße ist auch weiblich, es heißt die
Scheiße, nicht der. Verzeihen Sie den Ausdruck, sagt sie. Also »sie«.
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