Wilhelm Pfeistlinger

Träumers Traum

Er verspürte einen matten Schimmer zwischen den Lidern. Er hätte nicht sagen können, ob es die ersten Lichtwellen des Morgengrauens oder die wiederaufflammenden Funken seines erwachenden Lebens waren. Er wusste nicht: Wurde es hell oder wurde er wach? Er sah das Licht nicht, er fühlte es. Er fühlte es sich seiner bemächtigen, ihn hinwegraffen, in die dunkle Welt zurückentführen. In der aber war es hell geworden. Er träumte.

Er träumte, neben ihr am Strand eines Meeres zu liegen. Er wachte und ruhte aus an ihrer Seite. Er schlief und lebte auf an ihrer Seite. Er schloss die Augen und schmeckte ihre Gegenwart. Er genoss, wie sie die Sonne genoss, er roch den Duft, den die Hitze ihrer Haut abtrotzte, er hörte sie den Sand mit ihren Fersen formen. Ein stärkeres Knirschen ließ ihn die Augen aufschlagen. Er sah sie lachen und losstürmen. Auf und ab, hin und zurück lief sie, wie sie es tat, als sie zum ersten Mal ans Meer fuhren. Sie war wie damals reiner Jubel. Ihre Freudenjauchzer mischten sich in das Brüllen der Gischt. Er kletterte auf die nahe Klippe, um sie aus der Höhe besser beobachten zu können. „Geliebter“, der Schall, der aus der Kreuzung ihrer Laute mit den Klängen des Wassers hervorging, drang unmissverständlich zu diesem einen Wort verdichtet zu ihm empor, „Geliebter“. Undwiderstehlich. Er stürzte zu ihr hinab und kam erst in ihren Armen zum Stillstand. Es verwunderte ihn, dass es ihn nicht verwunderte, sie so gealtert zu sehen. Ihre Freude war größer als je zuvor. Alles an ihr war Reife, Fülle, Dichte. Die angegrauten Schläfen glichen Ausläufern der wundersam-furchtbaren Tiefe des Meeres, die silbernen Strähnen in ihrem braunen Haar flochten die undurchdringliche Dunkelheit auf in lichte Strömungen der Zeit. Sonne, Mond und Sterne zusammen hätten nicht heller zu scheinen vermocht als der Glanz ihrer Augen, sattgrüne Inseln im Ozean der Heimatlosigkeit. Ihr brauner Körper schmiegte sich an die Schatten, die Himmel, Meer und Erde einander gewährten, Bewegung und Lachen wuchsen aus dem Liebesspiel der Naturgewalten hervor. Er begehrte die alte Frau. Sie war die einzige, die Zeitlose zeitgeboren.

Sie aber berührte ihn sanft an der Hand, holte ihn zu sich heran, zog, selbst niedersinkend, ihn hinab, umfing ihn mit Armen und Beinen, überkreuzte die Füße auf seinem Rücken und hieß ihn wortlos im Takt der strandenden Wogen dem Spiel der Natur die Gewalt der Liebe zurückzugeben. Die Dünen wehten zu Lippen zusammen, stülpten sich zu Mündern und küssten, die Sandkörner verwandelten sich in Fingerkuppen, verlängerten sich zu Händen und liebkosten, die Bäume bogen sich zu Armen, verzweigten sich zu Becken und Beinen und umschlangen, die Töne von Wasser und Wind stimmten sich ab zu Zwiegesang, mündeten in Stöhnen und beteten, die Riffe erweichten, öffneten sich zu Höhlen und gewährten Einlass, die Erde erhitzte sich zum Vulkan, spielte in unauslöschlicher Glut und feierte. Die alte Frau, die er begehrte, war das immerjunge Leben. Das immerjunge Leben war das alte Leben. Die alte Frau war die junge Frau. Einst ist jetzt, Jetzt war einst. Er begehrte das Leben.

In ihr eröffnete sich ihm die Welt. In ihr schlug der Puls der Schöpfung.

Er gewahrte die Natur. Er berührte die Menschheit. Er verstand die Verzweiflung. Er ehrte die Freude. Er überstand die Verschmelzung. Er glitt ab an der Schuld und vertraute auf die Vergebung.

Er versank in sie und ließ sich führen von ihr. Einmal strömten, dann schwebten, einmal rasten, dann wirbelten sie dahin, und doch empfand er ihre Bewegungen, als blieben sie stets auf der Stelle. Sie kreisten in einem fort auf zweifache Weise. Sie drehten sich ineinander und miteinander. Wie Sonne und Erde. Alles, was er sah, war immer dasselbe und immer anders. Er wurde Gefährte von Zeit und Raum und blickte in die Welt wie in ein Kaleidoskop.

 

Umso mehr staunte er, als sie, so ganz mit ihm verwoben, unvermutet innehielt.

„Was gibt es? Was reisen wir nicht weiter?“

„Sieh dort! Was siehst du?“

„Nun, unsere Stadt. Diesmal in Purpur getaucht. Abendröte oder Sonnenaufgang?“

Sie verzog keine Miene und begann zu erzählen:

Du siehst die Stadt des verbotenen Grußes. In ihr herrscht die Kaste der „Unsichtbaren“. Sie übernahm die Macht, als es in der Stadt zu Unruhen und improvisierten Neuwahlen gekommen war, weil einige junge Menschen den Gepflogenheiten des städtischen Alltags widersprochen hatten und, an die Bedeutung des Augenblicks erinnernd, die Republik der Muße hatten ausrufen wollen. Zu diesem Zweck hatten sich die Jugendlichen und einige wenige Ältere in Anlehnung an die Stellen, in denen die Heiligen Schriften vom „Kairos“ sprechen, zur Gruppe der „Kairisten“ zusammengeschlossen. Sie mahnten das Bedenken der Zeit ein, die uns Menschen gegeben, und des Augenblicks, der uns Menschen aufgegeben worden sei. Die Bürger der Stadt verfielen in Ratlosigkeit, bis eines Tages eine Gruppierung, die sich selbst als die Bewegung der „Unsichtbaren“ bezeichnete, keine offiziellen Mitgliederverzeichnisse führte, sich jedoch einer ansehnlichen Gefolgschaft erfreute, einen „Aktionsplan zur Rettung der Stadt vor dem Chaos“ vorlegte, in dem aus derselben Verfallenheit an die Bedeutung der Zeit die entgegengesetzten Schlüsse und Forderungen gefolgert wurden. Um den „Kairisten“ und dem drohenden Absinken in Planlosigkeit wirksam entgegentreten zu können, seien exakte Gegenmaßnahmen in strikter Form anzuordnen. Der Augenblick habe nur den Wert, der den größten gemeinsamen Nenner der Augenblickswerte aller in der Stadtgemeinschaft repräsentiere. Der Höchstwert jeden Augenblicks gleiche dem Wert des für alle Bürger akzeptablen Augenblickswerts. Dieser Höchstwert könne als universaler immer nur niedrig sein. Man kann nur wenig von allen verlangen. Wer daher die Autonomie und Unbegrenztheit der persönlichen Erfüllung propagiere, müsse als Struktur-, Stadt- und Staatsfeind vernichtet werden. Die Zeit könne – im hypothetischen Idealfall - nur dann nicht verschwendet werden, wenn es niemanden gäbe, der sie verschwenden könnte. Der Augenblick werde dann dicht, wenn er leer geworden sei. Diesem Programm folgend schlugen die „Unsichtbaren“ ein Notmaßnahmenpaket vor: Die menschlichen Beziehungen müssten rationalisiert und standardisiert werden. Die für die Aufrechterhaltung des maximalen gemeinsamen Befriedigungswertes weiterhin nötige Artikulation von Gefühlen, Wünschen, Bedürfnissen solle zwar, allein aus ebendiesen Gründen der kommunitären Balance, weiterhin erlaubt bleiben, müsse jedoch strikt in die privateste Form des Zusammenlebens, die Familie verbannt werden. Auch dies sei bereits ein Zugeständnis, im Sinne des gemeinsamen Ganzen allerdings ein unvermeidliches. Sie, die „Unsichtbaren“ selbst, schrieben die Anonymität in ihrer radikalen Form auf ihre Fahnen. Unauffälligkeit war das Ziel, der einzelne habe völlig zurückzutreten hinter die Wirkungen seines Handelns, bis hin zur Unsichtbarkeit.

Die „Unsichtbaren“ gewannen die Wahlen. Am Tag danach wurden umgehend die Kairisten verboten, von da an zwangsbekehrt oder vertilgt. Vergnügungs- und Freizeiteinrichtungen wurden abgeschafft. In Anlehnung an die abschätzige Formulierung der „Kairisten“, die Stadt müsse sich immer mehr zu einem Ort der gebotenen Muße verwandeln, verliehen die „Unsichtbaren“ ihrem Handeln die Zielvorgabe, aus der Stadt eine Festung des verbotenen Grußes zu bauen. Unter den neu eingeführten, mit schwersten Strafandrohungen versehenen Normen befanden sich nämlich nicht nur Verbote wie auch nur ein unnötiges Wort zu sprechen, oder in sämtlichen Foren menschlicher Zusammenkunft, seien es nun öffentliche Ämter, Betriebe oder Plätze, sich zu äußern, ohne von einem der überall präsenten Funktionäre – zumeist ein „Unsichtbarer“ – ausdrücklich gefragt oder ermächtigt worden zu sein. Die Norm, auf deren Einhaltung die „Unsichtbaren“ geradezu versessen waren, die an allen Ecken und Enden der Stadt unübersehbar plakatiert, in den Telekommunikationsmedien unaufhörlich eingemahnt und bei Übertretung rigoros geahndet wurde, lautete: „Grüssen ist unbedingt zu unterlassen! Der Gruß ist abgeschafft!“

Sie schwieg.

„Entsetzlich, diese Geschichte“, unterbrach er die Stille und verstummte.

Er schwieg wie sie.

Du siehst die Stadt in Purpur gehüllt“, fuhr sie nach einer unbestimmbaren Zeitspanne fort. „Von dem Tag an, als die „Unsichtbaren“ die Macht übernommen hatten, bis heute liegt dieser Purpurschleier über der Stadt. Die Bewohner, sogar die Tyrannen selbst, rätseln über den Grund dafür. Willst du ihn wissen?“

„Natürlich, meine Einzige!“

„Sieh mich an, mein Geliebter!“ So hatte sie ihn zuletzt genannt, als sie ihn am Strand rief, damit er hinablaufe und sich mit ihr vereinige. Damals als alles von neuem begann.

„Sieh mich an, Geliebter!“. Er sah sie an:

„Purpur ist keine reine Farbe. Die Asche der verbrannten „Kairisten“ stieg auf, vermengte sich mit dem Himmel zu einem graublauen Gewölk. Das Blut der gesteinigten „Kairisten“ dampfte empor und rötete schließlich das Firmament. Seitdem trägt der Himmel über der Stadt des verbotenen Grußes Purpur.“

„Ihre Dornenkrone“, flüsterte er nachdenklich.

„Die Stadt wird an Finsternis sterben, Geliebter. Der Purpurmantel wird sich nicht öffnen noch lichten, sondern nach und nach dichter und dunkler werden. Bis den Einwohnern alles Licht geraubt sein wird“

„Wie das, die Kairisten sind doch schon zur Gänze beseitigt.“

Das stimmt“, sagte sie und lächelte mild, ein wenig vielleicht vor Freude über seine Aufmerksamkeit, mehr wohl über seine Einfalt. „Du vergisst jedoch das Blut der Täter. Denn an dem Tag, an dem der erste „Kairist“ unter der Herrschaft der „Unsichtbaren“ getötet wurde, kam mit einem Mal die Gesichtslosigkeit über die „Unsichtbaren“. Und mit ihr kamen die Verdammnis zum Sterben ohne Unterlass, die Ungeschlechtlichkeit, die Identitätslosigkeit. Sie wurden weithin sichtbar, weil sie die „Gesichtslosen“ wurden. Ihre Körper unterscheiden sich weiterhin voneinander, doch haben sie alle kein Antlitz. Als sie an diesem denkwürdigen Tag wie gewohnt aus ihren Betten krochen, sprangen oder stiegen, war ihr Gesicht eine weiße Scheibe. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ihre Stimme dringt aus ihrem ganzen Leib. Ebenso sehen, hören, riechen, tasten und schmecken sie mit ihrem ganzen Leib. Unscharf, ungefähr, jedoch viel und, schnell. Sie können nur vorübergehend sterben, ihr Tod ist bloß eine Unterbrechung für einige Monate oder Jahre, denn sie erwachen immer wieder von neuem, ohne dass ihr Bewusstsein an das vorige Leben anschließen könnte. Ihre Erinnerung ist getilgt, ebenso wie ihre Zukunft gegenstandslos sein muss. Ihr Tod, der kein Tod war, ist dennoch ein völliger Bruch. Vermehrung und mit ihr die Geschlechtlichkeit sind sinnlos, weder wächst ihre Population noch nimmt sie ab. Sie sind zur periodischen Auferstehung verdammte Menschenmaschinen. Doch sind sie keine Untoten, die, gestorben ohne tot zu sein , umherirren auf der Suche nach Erlösung oder zur Sühne ihrer Schuld, bis ihnen Gnade gewährt wird oder ihr Pensum abgearbeitet ist. Die „“Gesichtslosen“ sind Unlebendige, die, lebendig tot, töten und getötet werden, auf der Suche nach Glanz, Herrschaft, Leben und Ewigkeit. Jedes Mal nun, wenn einer der „Gesichtslosen“, nachdem er gestorben ist, zur neuen Menschenmaschine aufersteht, stirbt einer der anderen Stadtbewohner, und der Himmel holt sich dessen Blut. Die Zahl der „Gesichtslosen“ bleibt unverändert, doch mit ihrer Unveränderlichkeit nimmt die Zahl der Menschen ab. Einmal wird der Purpurmantel so dicht sein, dass entweder alle verbliebenen Menschen an der Schwere der Verdunkelung zugrunde gehen, oder er wird nur mehr die „Gesichtslosen“ beherbergen.“

Sie schwieg wiederum.

„Gibt es denn keine Rettung für die „Gesichtslosen?“, fragte er, „und mit ihnen für die verbliebenen Menschen ?“, und schmiegte sich enger an sie.

Sie schwieg sehr lange.

„Doch. Wenn wir es wagen wollen ...“

„Was?“

„Aus unserer Umarmung auszubrechen, ohne aufzuhören uns zu umarmen.“

„Wie meinst du das?,“ Er schmiegte sich abermals näher an sie.

„Jedes Paar kann es. Sie müssen sich so festhalten, dass sie sich und einander vergessen. Dann öffnen sich die Falten des Purpurhimmels und sie könnten hinabjagen. Dann hätten die „Gesichtslosen“ die Möglichkeit, ihr Antlitz wiederzuerlangen. Der Anblick inniger Umarmung und der Blick aus inniger Umarmung, sie könnten sie ermutigen, wenn auch niemals überwältigen, die nötige Tat zu setzen.“

„Welche Tat?“

Nunmehr drückte sie ihn fester an sich. „Ein Wort. Ein Wort des Grußes. Sie würden ihr Gesicht wiedererlangen, wenn sie auch nur einmal wieder grüßten. Und mit dem Gesicht die gewöhnliche Sterblichkeit, ihr Geschlecht, ihre Identität und die Hoffnung auf die eine, endgültige Auferstehung.“

„Gut, was hält uns zurück?!“, fragte er in tollkühnem Idealismus.

„Das was uns antreiben könnte: die Liebe. Denn den Anblick von Liebe und den Blick aus Liebe, die Einladung zum Gruß könnten sie auch, bis aufs Unerträgliche zur letzten Entscheidung gereizt, mit der Verweigerung beantworten. Und dies, wie du dir vorstellen kannst, würde den Tod bedeuten. Was will der Liebende aber weniger als den Tod des Geliebten. Es bleibt also die Frage: Wann, bei welcher Entscheidung wäre die Liebe wohl größer? Wann?“


Er ortete deutlich Schimmer zwischen den Lidern. „Ja, wann?“ Er konnte nicht umhin, sich einzugestehen, dass ihn Morgenlicht zu blenden begann. „Weißt du es, Geliebte?“ Jetzt sah er das Licht. „Was wissen wir Geliebter?“ Es ist Tag, er muss auf. „Wissen wir mehr, als wir sehen?“ Er öffnete die Augen, nahm sich vor, den Traum unbedingt festzuhalten, erhob sich ein wenig weniger missgelaunt als an anderen Morgen, schlenderte ins Badezimmer, sah sich in den Spiegel und ...

Träumer verspürte einen eigenartigen Schimmer zwischen den Lidern. „Was?“ Träumer hätte gerne gewusst, ob es die ersten Lichtwellen des Morgengrauens oder die wiederaufflammenden Funken seines erwachenden Lebens waren, die ihm noch die Zeit ließen, für sich festzuhalten. „Ich weiß nur, was ich sehe“. Träumer wusste nicht, ob es schon hell geworden war, er wusste nur, dass sie wieder einmal einander angesehen und geliebt hatten wie in den märchenhaften alten Zeiten, Träumer öffnete mühsam die Augen, sah immer noch nicht, ob er sich dem Licht oder das Licht sich ihm aufdrängte, „am Strand wie damals“, Träumer rieb sich die Augen, wie man es kleinen Kindern beibringt, dass sie es nicht tun sollten, knurrte halblaut vor sich hin „und was war mit dem Spiegel“, blinzelte ein letztes Mal und wand sich ein wenig verwirrter, doch besserer Stimmung als an anderen Morgen aus dem Bett, „sie nennt mich wieder ‚Geliebter’“, stolperte ins Badezimmer, hob die Augen, um die unumgängliche tägliche Qual des ersten Spiegelbildes abhaken zu können, und sah .... 

Sie. Sie stand vor dem Spiegel und stand in ihm. Sie sah sich an und sah Träumer an. Träumer sah sie. „Guten Morgen“ hießen sie einander gleichzeitig willkommen. Er drückte sich sanft von hinten an sie, küsste die eine Schulter, ihren Hals, die andere Schulter und ließ auch nicht von ihr ab, als sie ihre Frage, die im Grunde eine Antwort war, bereits wiederholt hatte: „Müssen wir nicht bald in der Arbeit sein?“

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