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Feuerfreund
(Leseprobe aus:
Feuerfreund, Autobiografischer
Roman, 2010,
Wallstein-Verlag).
Über ein steiniges Feld gehen drei Gestalten. Olivenbäume werfen
kleine kugelige Schatten. Auch im Gelände um die Quinta sind helle Granitbrocken
ein Hinweis auf neueste Brände. Nur da, wo das Feuer nicht hinkam, sind die
Felsen flechtenüberzogen, schwarz grau grün.
Eine Landschaft, als hätte es Steine geregnet. Wer kann da pflügen und pflanzen.
Seit Jahrhunderten werden die Steine aufgelesen. Eine eigene Kunst, sie
unverputzt ineinander zu fügen, so dass haltbare kleine Mauern entstehen. Sie
halten die Erosion des Bodens auf, markieren Grundstücke. Die Hirten hatten
Durchgänge für sich und ihre Kuh- und Ziegenherden. Wenn aus den Mäuerchen
Steine gefallen waren, legte man sie sorgfältig wieder zurück. Wer treibt jetzt,
wo es billiges Futter gibt, seine Tiere noch weit durchs Gelände? Wer hält
Ziegen?
Auch der Ginster ist zur Pest geworden, erklärt die Malerin Lino Rupert und
Marie. Nach jedem Brand wächst er zuerst wieder nach. Er wuchert über die
Schößlinge meiner Kastanien. Er trocknet die Erde zu Staub. Ihr findet, Ginster
blüht schön? Widerliches Unkraut. Ist schwer fortzureißen. Früher konnte man es
zahm halten. Ginster war ein Diener, heizte, deckte im Winter nasse Wege, oder
er wurde ein Hut für die Hütten. Auch der Farn war kein Gegner. Als ich klein
war, brauchte man ihn als Besen, als Streu für die Tiere. Immer fand sich eine
Möglichkeit für das Unmögliche. Jetzt wird vieles eine Plage. Nur die Zicklein
knabbern manchmal frische Triebe vom Ginster, das ist gut. Sie fressen auch von
kleinen eingezäunten Eichen. Nicht gut.
Zwanzig Jahre lang hat Lino in Hamburg gelebt, jetzt ist sie wieder hier. Ihr
Mann, ein deutscher Anwalt, wollte seine Praxis aufgeben, in Portugal im Alter
noch mal neu anfangen. Dann bekam er Angst vor seinem Mut. Dann traf er eine
alte Schulfreundin, so hanseatisch wie er selbst. Lino gab ihm ein halbes Jahr,
dann zog sie allein zurück in ihr portugiesisches Dorf. Eine fünfzigjährige
Malerin und Bildhauerin, ohne Mann, ohne Kind. Ihre Brüder halfen ihr. Sie
hatten auch Fragen. Man spricht aber nicht viel in der Familie, vor allem nicht
von der Vergangenheit. Lino ist ein Granit, ein Fuchsauge, und sie lebt jetzt,
jetzt, jetzt.
Lino nimmt sich Zeit, mit ihren Freunden weite Wege zu machen, Kreise um die
Quinta, und um ihr Dorf. Sie zeigt nach Norden, da liegt die Serra da Estrella,
das Sternengebirge. Sie erklärt nicht nur. Ihre Hände sind nebenher beschäftigt.
Sie reißt Ginsterstauden aus dem Weg, legt Steine zurück in die Mauern, sammelt
Pilze auf und Esskastanien. Nie geht sie ohne Korb aus dem Haus.
Abends gibt es ein Festessen, zu Ehren von Marie und Rupert. Sie achtunddreißig,
er einundsiebzig. Ihr zehnter Hochzeitstag.
Sie haben sich doch kaum erst umgedreht.
Rupert hat einen Vogel aus Papier für Marie gefaltet. Viel später erst entdeckt
sie, dass er ihn beschriftet hat.
Noch einmal zehn?
Na, wolln mal sehn.
Sehr schön, sehr schön
Sagt Else Klöhn.
War einundneunzig - stöhn.
Rupert seufzt unwirsch. Er raucht noch eine letzte. Die Geranien im Salon hat er
wie üblich vormittags gegossen, und abends muss er nicht mehr nach der Post
sehen. Auch das Geschirr ist abgewaschen. Jetzt hilft alles nichts mehr. Jeden
Samstag derselbe Dreck. Er schaltet im schmalen, kalten, immer gelüfteten und
doch muffigen Bad den Heizofen an, auf dem unter Flocken von Staub noch der
Schriftzug PUSTEFIX lesbar ist. Aus dem Schrank in der Schlafkammer sucht er
sich frische Wäsche, zieht in der Küche knurrend die Schuhe aus und den dicken
Pullover, Hemd und Hose. Sträfling auf Socken, er tappt ins Bad. Grüß die
Kinder, sagt er zu Marie, bevor er die Tür schließt. Zur Stunde des Duschens
dreht sie in der Küche den Radiorecorder auf, sehr laut. Chris Barber, hilf. Das
Plätschern im Bad dauert nicht lang. Dann steht er barfuß auf der gebrauchten
Wäsche. Sein Leibchen, das er über dem Unterhemd trägt gegen Rückenschmerzen,
nennt er gern boshaft Fleischteil. Immer zieht er sich schnell wieder an.
Vor dem kaum beschlagenen Spiegel im Bad, er feuchtet den Rasierpinsel an und
schäumt ihn ein mit Pears Soap. Das leichte Schaben des Rasiermessers, der
konzentrierte selbstvergessene Blick. Dann wischt er die Schaumreste ab,
besonders hinter den Ohren. Er greift nach dem Lavendelwasser, klopft sich ein
paar Spritzer aus dem Flakon ins Gesicht. Marie flattert glücklich geschwätzig
um ihn rum, während er Rasierzeug und Waschbecken säubert. Aus dem Weg, sagt er,
und spritzt ihr ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht. Ihr Kuss ist wie ein
Schnabelhieb.
Liebster Gott, wann werd ich sterben. Die Kantate von Bach, die Einladung, für
eine Anthologie über Erfahrungen mit seiner Musik zu schreiben. In einem von
Ruperts frühen Romanen war flüchtig davon die Rede gewesen: Zwei Freunde hörten
das zuversichtliche Singen von Jesus und Gott, von der Nichtigkeit der Welt und
den tollen vergeblichen Sorgen. Meine Zeit läuft immer hin, und des alten Adams
Erben, unter denen ich auch bin, haben dies zum Vaterteil, dass sie eine kleine
Weil, arm und elend sein auf Erden, und dann selber Erde werden. Aus Ruperts
Zimmer das Geräusch der mechanischen Schreibmaschine. Wenn er den Raum verlässt,
bedeckt er den eingespannten Bogen mit Schmierpapier. Nie spricht er über
angefangene Arbeiten, nur aus Fragen und unerwarteten Wendungen in einem
Gespräch lässt sich ahnen, was ihn beschäftigt. Mich rufet mein Jesus, wer
sollte nicht gehen. Nichts, was mir gefällt, besitzet die Welt.
Das hat der Katholizismus dem Kommunismus voraus, sagt Rupert zu Marie, nicht
nur 2000 Jahre Geschichte, auch die Welt hinter der Welt. Mit solcher Verheißung
müsste es sich gut leben lassen.
Sie fragt, meinst du das sehnsüchtig? So gerne bin ich nicht zornig, sagt er.
Nichts, was mir gefällt, besitzet die Welt. Bald nach `45 war er als junger
erschrockener Mensch katholisch geworden.
Er schreibt über den Komponisten Bach. Als sei dem unverlierbar die Wahrheit
erschienen, vielstimmig, im Schrei seiner Arbeit. Von Sinnen singen den Irrtum
der Freude. Liebster Gott, wann werd ich sterben: Der Tod als Trost, fragt
Rupert sich.
Zu Kriegsende die Flucht des jungen Flakhelfers, der nichts verstand. Nach dem
jahrelangen Gebrüll vom Krieg als Sinn erschien dem Jungen der Frieden als
Unsinn. Es war ein Schrecken, zu leben. Rupert schreibt von einem Jungen, der
gedacht hatte, bald bin ich tot. Von einem, der sprachlos ins freie Leben
starrte. Die Welt besitzet nichts, was mir gefällt? Was willst du dich, mein
Geist, entsetzen.
Noch weiter zurück, in die frühe Kindheit. Der kleine Junge im Bett hörte nachts
Stiefeltritte, draußen marschierte SA, sein Vater Nazi, und die Mutter strickte
stumm.
Wer hat gesagt, um die Wunden der Kindheit zu heilen, braucht jeder sein ganzes
Leben.
Im Frühjahr ´45 meldete sich der Vater freiwillig an die Front. Er wurde in
Polen nah Bielikowo erschossen. Rupert sagte in Gesprächen jahrelang, der Vater
sei geschossen worden, als sei der ein toll gewordenes Tier. Jetzt fragt er
sich: Will ich ihm ins Genick rufen?
Rupert schreibt, lieber Vater, lieber Bruder.
Er misstraut der Müdigkeit seines eigenen Alters. Müde, sagt er, nicht milde.
Er erinnert sich an einen Lehrer im Herbst ´45, der verstörten sechzehnjährigen
Nazijungen Musik nahebringen wollte.
Bachs Lied vom guten Vater, dort. Liebster Gott, wann werd ich sterben. Wer
sollte nicht gehen. Genug, dass ich dort reich und selig bin.
Rupert sagt zu Marie: Das ist das kleine Geheimnis der Gläubigen, sie haben den
Trost in der Hand hinterm Rücken. Sie zeigen nach dort. Ist ein Leben jenseits
vom Leben nicht auch ein Schlag ins Gesicht der Welt?
Marie zitiert Marx, die Religion als Seufzer der bedrängten Kreatur.
Ihn interessieren theoretische Debatten aber dieser Tage nicht, er sucht seinen
ersten Zugang zu Bach. Der bringt ihn zu seinem Vater.
Eines seiner Kinder sagt, du schreibst hermetisch, verschlossen.
Rupert brüht frischen Tee. Bach fließt nicht nur, der fliegt, sagt er.
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