Die Haushälterin von Jens Petersen, 2005, DVA

Jens Petersen

Die Haushälterin
(Leseprobe aus: Die Haushälterin, Roman, 2005, DVA).

2

Er hatte das Bad belassen, als lebte meine Mutter noch. Ihr Lou Lou con Cacharel, der rosa Kamm auf der Ablage, kleine weiße Handtücher fürs Gesicht. Sogar ein Päckchen Always Ultra lag noch im Schrank über dem Waschbecken - abgepackt 1987, stand auf der Seite zu lesen. Hin und wieder kamen Frauen und benutzten diese Dinge. Der Spiegel im Parfumflacon sank, in den Zacken des Kammes hingen lange Haare, die Handtücher trugen graue Spuren. Manchmal lag im Mülleimer zerknülltes Papier mit dem Always-Schriftzug.

Da war die Verkäuferin der Schuhboutique am Rathausmarkt.

Im Schaufenster hingen Wildlederboots an Nylonschnüren von der Decke, gehüllt in dünne Pelze aus Staub.

Zwei der leuchtenden Buchstaben über der Eingangstür waren durchgebrannt: SCH..BOUTIQUE. Als sie das erste Mal in unser Haus kam, brachte sie einen kleinen Beutel Paranüsse mit, den sie mir mit hochgezogenen Brauen überreichte. Wenn ich am Rathausmarkt vorbeikam, lief ich hinter den Kirschbäumen auf der anderen Seite entlang, um ihren Blicken zu entgehen.

Diese Frau stand eines Morgens in unserer Küche, in einem Morgenrock meines Vaters, zwinkerte und prostete mir mit Orangensaft zu. Sie ging zum Fernseher und schaltete ihn ein, setzte sich in den Ohrensessel, schlug die Beine übereinander und trank in aller Ruhe den Saft. Ich  drückte mein Ohr an die Wand, um herauszufinden, was er tat, aber ich hörte nur seinen Strahl ans Porzellan prasseln; dann kam minutenlang nichts, bis die Spülung rauschte. Ich stellte mir vor, wie er im Sitzen schlief oder starb, an die Wand gelehnt, oder daß er im trüben Spiegel über dem Waschbecken sein Gesicht betrachtete.

Einmal ging ich auf den Flur und wartete im Dunkeln.

Er kam heraus, schloß die Tür, drehte sich um und fuhr zusammen.

»Ich bin’s.«

»Spinnst du«, sagte er. »Wie spät ist es. Mußt du aufs Klo?« Er roch nach alter Bettwäsche.

»Ich weiß nicht«, sagte ich.

»Du wirst dich erkälten!«

Ich glaubte damals, daß Männer sich von Zeit zu Zeit an einen Tisch setzten und alles miteinander besprachen. Ich hatte das Gefühl, ein solches Gespräch stehe kurz bevor. Aber wir standen um vier Uhr morgens im dunklen Flur, in unseren Pyjamas; ich dachte an seine nackten Füße, an sein Brusthaar oben am Kragen, und plötzlich war er nicht mehr mein Vater, sondern ein Fremder, und ich wollte weg, zurück in mein Zimmer, durchs Fenster nach draußen und über den Zaun.

(...)

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