Ria und Grete
(Leseprobe aus: Kommen und gehen, manchmal
bleiben, 2001, Frankfurter
Verlagsanstalt)
Bei uns werde der Deich halten, bestimmt, hatte Vater gesagt, er halte seit zwanzig
Jahren. Die Zeitung schrieb, daß es im Süden weiterhin regne, daß das Hochwasser
steige, flußaufwärts seien ganze Landstriche überschwemmt. Das Laub hing gelb und naß
von den Bäumen. Es gab keinen Himmel, nur den grauen Lappen Nebel, der nach Mist roch.
Die Turmuhr schlug zwölf, dann heulte die Sirene wie jeden Samstag. Karl schaltete seinen
Handpflug aus.
Ich hatte keine Angst zu ertrinken. Ich war traurig, daß es Winter wurde, da sperrte die
Kälte einen oft ins Haus. Und enttäuscht, weil Ria dicke Bohnen gekocht hatte - die
mochte ich nicht.
Karl trat zur Tür herein, nahm seinen speckigen Hut ab, die Gummistiefel hatte er
draußen gelassen. Er setzte sich an den Tisch, steckte eine filterlose Zigarette an,
strich den verklebten Rest Haare zurecht, mit einer Hand, die noch schmutziger war als
seine Hose. Er trug zwei Paar Socken, durch die Löcher der oberen sah man die unteren,
und sein linker großer Zeh ragte aus beiden. Karl hatte keine Frau, die sie ihm stopfte
an den langen dunklen Abenden im Advent. Jedenfalls behauptete Grete, daß Karls
Junggesellendasein der Grund für die Löcher, für seine ungepflegte Erscheinung sei. Er
fragte: "Was macht die Schule?" Ich sagte: "Gut", ohne von meinem Buch
aufzuschauen, obwohl es langweilig war. Ich wollte mich nicht mit ihm unterhalten. Ich
hoffte, daß er schnell mit dem Pflügen fertig wurde und wieder verschwand, hoffte es
jedoch nur halb so inständig wie Grete, die kaum ein "Ja" oder "Nein"
herausbrachte und einen Blick hatte, als würde sie Rattengift streuen. Ria hingegen
stellte ihm Bier und Weinbrand hin, danach frische Rindfleischsuppe, die eigentlich zum
Sonntag gehörte. Sie hatte sich frisiert am Morgen und kein Kopftuch gebunden, wie sonst
bei der Arbeit. Ihre grauen Haare schimmerten einen Stich violett. Karl mußte dreimal
versichern, daß er weder Maggi noch Salz und auch nicht mehr Eierstich wolle, ehe Ria
sich setzte, ihm schräg gegenüber in gehörigem Abstand, und zuschaute, wie er seine
Suppe löffelte, laut schlürfend und tief über den Teller gebeugt - mir hätte sie das
nie durchgehen lassen. Nach einer Weile fragte sie: "Hatten deine Pflaumen auch
Würmer?"
"Schlimm dies Jahr", sagte Karl, "die Kirschen aber noch schlimmer."
Ich überlegte, warum Ria, Grete und ich später aßen, und fand keinen Grund.
"Willst du noch Suppe?"
"Ja."
"Ich hab auch dicke Bohnen gekocht."
"Dann lieber nicht."
Dicke Bohnen mit Mettwurst waren Karls Leibgericht. Nach der dritten Portion sagte er:
"Danke, ich platz gleich" und pflügte weiter bis vier, da kam er zu Kaffee und
Kuchen herein, obwohl Mist an seinem Ärmel klebte. Um sieben machte Ria ihm Schinkenbrote
mit Gurke, hartem Ei und reichlich Butter. Neben der Bierflasche lag in einem Umschlag
Geld.
"Als Ria und ich so alt waren wie du", sagte Karl, "mußten wir bei
Hochwasser mit dem Kahn zur Schule."
Ich nickte.
"Sonst zu Fuß", sagte Ria, "jeden Morgen eine halbe Stunde in
Holzschuhen."
"Ihr in Holzschuhen, wir nicht."
"Stimmt. Ihr hattet richtige Schuhe."
"Ria und ich sind immer zusammen gegangen."
"Nicht immer."
"Aber meistens."
"Und erst war Messe."
Danach lud er seinen Pflug auf den Anhänger und fuhr nach Hause. Den Umschlag ließ er
liegen.
Nachdem Karl gefahren war, redeten Ria und Grete kein Wort miteinander. Auch am nächsten
Tag nicht. Ihr Schweigen dauerte eine volle Woche, was jedoch nicht ungewöhnlich war.
Daß es in Zusammenhang mit Karls Besuchen stand, ist mir aber erst sehr viel später
klargeworden. Als Kind nahm ich an, daß Ria Karl gern hatte, während Grete ihn eben
nicht mochte, so wie ich Tante Josy nicht leiden konnte, die mein Bruder über alles
liebte. Ich dachte, das Schweigen sei fester Bestandteil ihres Lebens, nicht anders als
der Nußbaum, die Hühner und das Feuer im Herd, und ich störte mich nicht daran, denn
mit mir sprachen sie ja.
Karl kam immer im Herbst und im Frühling mit dem Moped aus Fehn, seinen Holder-Einachser
auf dem Anhänger, um Ria und Grete den Garten zu pflügen, der so groß war, daß sie nur
in ganz schlechten Jahren Gemüse, Kartoffeln oder Obst kaufen mußten. Außerdem kam er
zusammen mit den Nachbarn am letzten Augustsonntag zum Kirmesfrühschoppen, wenn Ria ihren
Himbeer-Baes anbrach. Karl gehörte dazu, er war im Haus nebenan aufgewachsen. Er hatte
Kroov verlassen, weil sein älterer Bruder Gerd von dem Vorrecht auf die
Schuhmacherwerkstatt des Vaters Gebrauch machte, die warf gerade genug für eine Familie
ab. Karl übernahm nach der Meisterprüfung das Geschäft des verstorbenen Schuhmachers
Horst Opgenhoff in Fehn, dessen Ehe kinderlos geblieben war. Bis in die sechziger Jahre
hatte er so sein Auskommen gehabt, aber zusehends die Freude an seinem Beruf verloren.
Niemand ließ sich mehr Schuhe von Hand nähen. Seine Arbeit bestand aus dem Kleben von
Gummisohlen und Absatzflecken, zusätzlich bot er billige Fabrikschuhe an, für deren
schlechte Qualität er sich schämte. Schließlich öffnete er sein Geschäft nur noch von
Montag bis Mittwoch und kaufte sich den Holder-Einachser, um sein Einkommen aufzubessern,
vor allem aber, um nicht den Rest seiner Tage allein in einem Zimmer zu sitzen. Seitdem
pflügte er Gärten. Karl hatte nie geheiratet, was sehr ungewöhnlich war. Ich wunderte
mich manchmal, daß niemand daran Anstoß nahm, weder in Kroov noch in Fehn. Im Gegenteil,
die Älteren schauten traurig, wenn sein Name fiel, und selbst die Männer sagten:
"Er hätte eine gute Frau verdient gehabt." - Nur Grete schimpfte.
Ich verbrachte damals viele Tage bei Ria und Grete: Im Sommer, weil sie den Froschteich
hatten, den schwarzen Spitz Spitz und ein Dutzend Katzen; im Winter, weil Grete
Geschichten erzählte, die sonst niemand kannte, und immer, weil Rias Schokoladenpudding
besser schmeckte als der von Mutter. Sie waren weitläufig mit uns verwandt, aber selbst
Vater konnte nicht genau sagen, wie. Das Haus, in dem sie wohnten, hatte schon ihren
Großeltern gehört. Es stand im äußersten Norden von Kroov, dort, wo der Weg zur alten
Mühle entlangführte, in der wir auf keinen Fall spielen durften, denn sie konnte
jederzeit einstürzen, und außerdem schliefen dort Landstreicher.
Während Grete das Grundstück nur verließ, um zur Kirche zu gehen, fuhr Ria morgens die
Zeitungen aus, führte anschließend Wim Schraat, dem größten Bauern von Kroov, den
Haushalt; am Nachmittag sammelte sie die Mitgliedsbeiträge des Landfrauenvereins oder
Spenden für den Martinszug, und am Wochenende kochte sie für Festgesellschaften. Beide
verbrachten kaum Zeit miteinander und fanden doch jeden Tag etwas, worüber sie sich
stritten, zu dicke Kartoffelschalen, links gefaltete Wäsche oder einen Teelöffel im
falschen Fach. Dort hielt sich der Streit aber selten lange auf, sondern wandte sich rasch
älteren Zerwürfnissen zu, deren Anfänge vierzig, fünfzig Jahre zurücklagen: "In
der Weltgeschichte herumgetrieben hast du dich und dir ein lustiges Leben gemacht. Ich
habe unsere Mutter gepflegt", sagte Grete dann. Und Ria antwortete: "Du hattest
ja als Kind schon Angst, allein zum Bäcker zu gehen, und wehe, es war morgens noch
dunkel."
Grete war 1910 geboren, Ria ein Jahr später. Ihr Vater fiel 1917 in der Champagne. Sie
hatten zwei Brüder gehabt, Walter und Josef. Walter lag auf einem Soldatenfriedhof in der
Normandie; Josef wurde in Rußland vermißt.
Ria und Grete hatten nach der Volksschule als Hausmädchen zu arbeiten begonnen, um sich
auf die Ehe vorzubereiten und die Aussteuer zusammenzusparen. Es gab keinen Mann im Haus,
der Geld heimbrachte. Ria war bei Rechtsanwalt Dr. Urban angestellt gewesen, Grete bei
Baron von Sügricht in Lempe, worum ihre Klassenkameradinnen sie angeblich beneideten,
weil das eine Stadt war, wenn auch keine große. Sie kehrte jedoch nach acht Monaten
zurück: Obwohl Lempe lediglich zehn Kilometer von Kroov entfernt lag, hatte sie derart
unter Heimweh gelitten, daß der Baron ihre verheulten Augen nicht länger ertragen konnte
und sie nach Hause schickte. So erzählte es zumindest Grete selbst. Ria sagte, sobald die
Rede auf den Baron kam: "Der konnte seine Finger nicht bei sich behalten, das war
doch bekannt."
Viele Jahre reagierte Grete darauf höchstens mit: "Sei still, es sitzt ein Kind am
Tisch."
Erst als ich sechzehn oder siebzehn war, zischte sie mit zusammengebissenen Zähnen:
"Und was ist mit Karl!"
Im selben Moment fiel ein gläserner Vorhang Stille ins Zimmer. Rias Kopf wurde rot wie
eine offene Wunde. Dann zischte sie: "Gar nichts!", drehte sich um, schlug die
Tür zu, stieg auf ihr Fahrrad und fuhr davon.
"Was ist denn mit Karl?" fragte ich.
"Sie verrät nichts", sagte Grete, "aber daß Karl schon als Halbwüchsiger
hinter ihr her war, weiß das ganze Dorf. Deshalb ist sie ja damals weg von hier, weil sie
sonst nachgegeben hätte."
"Na und?"
"Ich bitte dich, sie waren nicht verheiratet!"
"Dann hätten sie halt geheiratet."
"Wovon denn? Hatten doch beide nichts in der Tasche."
Ria verließ Dr. Urban nach neun Jahren, um eine Stellung als Wirtschafterin beim
Papierfabrikanten Flinterhoff in M. anzunehmen, der ein Verbindungsbruder von Dr. Urban
war. M. lag siebzig Kilometer von Kroov entfernt. Ria bewohnte eine winzige Kammer unterm
Dach, hatte Dienst von sechs in der Früh bis zehn am Abend, und Herrenbesuch war ihr
strengstens verboten, was sie jedoch nicht störte. Sie war dreiundzwanzig und galt in
Kroov als weitgereist. Wenn sie nach Hause kam, wurden die Nachbarinnen zum Kaffee
eingeladen, damit sie hören konnten, was Ria aus der Fremde berichtete, und sie wunderten
sich zum Beispiel darüber, daß die reichen Leute in der Großstadt nicht etwa viele
Schweine hatten, sondern gar keins.
"Sie hat Karl sogar Briefe geschrieben", sagte Grete, "das hat Henni
Derksen erzählt, und deren Mann Fritz war damals hier Briefträger."
Ria blieb bis zu einem verregneten Tag im Mai 44: Da stieg sie aus dem Luftschutzkeller,
es gab keine Papierfabrik mehr, die Flinterhoffsche Villa war ein Haufen schwarzer Ziegel,
und außer einem zerschrammten Koffer Kleider gehörte ihr nichts.
Sie schlug sich zu Fuß bis Kroov durch. Anders als in M. hatte sie genug zu essen, mußte
das Zimmer aber wieder mit ihrer Schwester teilen, wie als Kind schon.
Walter war tot, Josef vermißt. Von Karl wußte man nur, daß auch er in Frankreich
kämpfte - oder gekämpft hatte.
Unmittelbar nach der Kapitulation wurde Kroov evakuiert. Die Engländer errichteten in der
Nähe von Lempe eine Zeltstadt auf freiem Feld, wo alle Leute der Gegend acht Wochen
zwangsweise untergebracht wurden. Niemand wußte, ob er sein Haus je wiedersehen würde.
Grete weinte die ganze Zeit, aß fast nichts und trug wenig zum Leben bei. Ria hingegen
stahl nachts Gemüse und Kartoffeln auf den umliegenden Äckern, kochte und sorgte dafür,
daß im Zelt Ordnung herrschte. Ihre Tüchtigkeit fiel Dr. Föcking auf, einem verwitweten
Arzt aus K., der während der letzten Kriegstage bei Verwandten in Fehn Medikamente gegen
Nahrungsmittel tauschen wollte und dann nicht mehr zurückfahren konnte, weil K. sich
inzwischen in der französischen Besatzungszone befand.
Als Ria und ihre Mutter mit der völlig abgemagerten Grete wieder ins Haus zogen, waren
die Vorräte geplündert, Tapeten von der Wand gerissen und ein Großteil der Möbel
verfeuert worden.
Zu Weihnachten erhielt Ria einen Brief von Dr. Föcking. Er schrieb, daß sein Haus in K.
nahezu unbeschädigt geblieben sei und die Praxis aus allen Nähten platze. Allerdings sei
seine Haushälterin bei der Bombardierung K.s zu Tode gekommen, weshalb alles ein wenig
verwahrlose, und daran schloß er die Frage, ob Fräulein Ria nicht eine Stellung bei ihm
annehmen wolle: In K. fließe auch der Rhein, die Menschen seien freundlich und das Klima
so mild, daß ringsum ausgezeichneter Wein wachse.
Da in der Gegend von Kroov niemand eine Wirtschafterin suchte und nicht einmal Karls
Eltern eine Nachricht von ihm hatten, sagte Ria Dr. Föcking zu. Ihre Mutter sah das nicht
gerne, denn bis nach K. waren es fast dreihundert Kilometer.
1948 kehrte Karl aus der Gefangenschaft zurück. Er sprach noch weniger als vor seiner
Einberufung, und wenn er getrunken hatte, liefen ihm manchmal die Tränen. Die Leute in
Fehn glaubten, seine Schweigsamkeit rühre vom Krieg her, vermuteten, er habe
Fürchterliches mit ansehen müssen. In Kroov hingegen war man überzeugt, daß der
Hauptgrund für sein Verstummen Rias Weggang gewesen sei. Möglich, daß er im Feld gelobt
hatte, ihr einen Antrag zu machen, vielleicht hatte er seine Angst verloren, war zu allem
entschlossen gewesen. Doch dann, als er vor ihrer Tür stand, halb verhungert, mit
flatternden Augen, öffnete Grete und sagte: "Ria ist fortgegangen, in die Stadt, zu
einem reichen Arzt."
Sie kam selten nach Hause und nie bis nach Fehn. Karl wäre kein Grund gewesen, dorthin zu
fahren, das hätte sich nicht gehört. Und selbst wenn ihr irgendein Vorwand eingefallen
wäre: Wo hätten sie sich treffen sollen? Als anständige Frau ging sie in keine
Wirtschaft, und im Haus eines gleichaltrigen Junggesellen hatte sie nichts zu suchen.
Ria und Karl sahen sich 1959 anläßlich der Beerdigung ihrer Mutter zum ersten Mal seit
achtzehn Jahren wieder. Beim Kaffee saßen sie am selben Tisch, aber da beide nie gelernt
hatten, wie man einem anderen Menschen sein Leben erzählt, schwiegen sie und starrten die
Tischdecke an. Ria war froh, daß sie allen Grund zu weinen hatte, und Karl, als endlich
der Schnaps gebracht wurde. Vier Monate später, Ende November, trafen sie sich zu Gretes
fünfzigstem Geburtstag und trauten sich nicht zu tanzen, weil Ria noch Schwarz trug.
1966 starb Dr. Föcking an Krebs. Ria hatte ihn bis zum Ende gepflegt, ohne dafür im
Testament bedacht zu werden. Seine zehn Jahre jüngere Schwester, die ihn nicht einmal am
Totenbett besucht hatte, ließ ihr einen Monat Zeit, sich eine neue Bleibe zu suchen. Ria
fand, sie habe nun genug von der Welt gesehen, und da ihr ohnehin die Hälfte des Hauses
in Kroov gehörte, kehrte sie zurück. Sie schlief jetzt nicht mehr mit Grete in einem
Zimmer, sondern im Bett der Mutter.
"Karl kommt erst zum Pflügen, seit Ria wieder hier ist", sagte Grete,
"vorher ist er nicht gekommen, obwohl er bei vielen Leuten gepflügt hat. Da sieht
man doch, wo der Hase langläuft."
"Hast du ihn denn gefragt?" wollte ich wissen.
"Um Gottes willen, dann wäre nachher wieder wer weiß was geredet worden."
"Aber Ria hat ihn gefragt, oder?"
"Ja sicher, von selbst kommt der nicht. Ria hat überhaupt keine Hemmungen, der ist
völlig egal, was die Leute denken."
Während der Zeit, in der Grete das Haus allein bewohnt hatte, hatte es keinen
Kirmesfrühschoppen gegeben. Es war überhaupt selten Besuch dagewesen. Grete hatte nicht
die Zeit zum Feiern gehabt, sondern den Garten bestellen müssen, denn es gab wenig Geld.
Und sie hatte über das vorgeschriebene Jahr hinaus Trauer getragen, weil sie nicht
wußte, wie man damit aufhört. Ria setzte bereits im ersten Sommer nach ihrer Rückkehr
wieder Himbeer-Baes auf und lud die Nachbarn ein, damit endlich der Totengeruch aus den
Räumen abzog.
1970 - da war ich zwei - brachte mein Vater mich zu ihnen. Sie sollten tagsüber auf mich
aufpassen, damit meine Mutter arbeiten konnte.
"Verrat bloß nicht, daß ich dir was erzählt habe", flüsterte Grete, als wir
hörten, daß der Schlüssel in die Hintertür gesteckt wurde.
Ria kam mit zwei prall gefüllten Plastiktüten herein, räumte ihre Einkäufe in die
Vorratskammer, ohne ein Wort zu verlieren, und vermutlich schwieg sie die ganze folgende
Woche.
Bis 1988 pflügte Karl bei Ria und Grete, es gab dicke Bohnen mit Mettwurst, und das Geld
ließ er liegen. Am 12. März 1990 schlief Grete wie immer abends um halb zehn ein, und am
Morgen des 13. wachte sie nicht mehr auf. Soweit ich weiß, haben Ria und Karl sich zum
letzten Mal bei Gretes Beerdigung getroffen. Er fuhr kein Moped mehr, und die sechs
Kilometer von Kroov nach Fehn waren auch für Ria inzwischen zu weit.
Kurz vor ihrem 87. Geburtstag saß ich bei ihr in der Küche. Sie wollte mir gerade den
zweiten Baes einschütten, er war vom Vorjahr, als das Telefon klingelte. Ria sagte:
"Ich hab gar keine Zeit", nahm aber trotzdem ab.
"Hallo?" - "Ach du bist es." - "Und? Wie geht es so?" -
"Mir auch gut." - Danach schwieg sie.
Ich schaute aus dem Fenster. Dunkle Wolken hingen über dem Garten. Dort, wo früher die
Kartoffeln gestanden hatten, wuchs Gras. Die ersten Kirschblüten öffneten sich. Der
Rhein hatte Hochwasser, wie immer um diese Zeit. Als Kind hatte ich bei Ria und Grete
keine Angst gehabt. Ihr Haus stand auf einer Kuppe, die noch nie überschwemmt worden war,
seit es in Kroov Erinnerung gab.
"Ich glaube nicht, daß viele kommen, ich hab auch niemanden eingeladen." -
"So, das wird jetzt zu teuer für dich." - "Genau." - "Bis ein
andermal."
"Das war Karl", sagte sie mit leicht geröteten Wangen. Daß sie mir einschenken
wollte, hatte sie vergessen. Dann lachte sie wie ein Schulmädchen, das ein offenes
Geheimnis hatte und hoffte, jemand würde danach fragen.
"Was war damals eigentlich mit Karl und dir?"
Sie sagte nichts, schaute mich statt dessen verschwörerisch an, stand auf und ging die
Treppe zum Speicher hoch. Über mir knarrten die Dielen, es dauerte lange, ehe sie
zurückkehrte. Sie trug eine große Schachtel vor sich her, die mit blaugrauem
Marmorpapier bezogen war, und stellte sie feierlich auf den Tisch, öffnete den Deckel,
schlug ein ebenfalls blaugraues Wolltuch zur Seite, sagte: "Paß aber bitte
auf", so, wie sie mich als Kind ermahnt hatte, und gab mir sehr vorsichtig einen
schwarzen Schuh, der noch nie getragen worden war, einen Halbstiefel mit einfachem Muster,
dessen leichte Unregelmäßigkeit zeigte, daß Karl es selbst ausgestochen hatte. Auf dem
Spann wurden die Schnürsenkel durch Löcher, weiter oben durch eine Reihe Ösen bis zwei
Fingerbreit über den Knöchel gefädelt. Alles war von Hand zugeschnitten und genäht.
Ich hatte noch nie so weiches Leder angefaßt. "Sie sind Karls Meisterstück
gewesen", flüsterte Ria - so leise, als wünschte sie, ich verstünde es nicht.
"Kurz bevor ich zu Flinterhoff gegangen bin, hat er sie mir gemacht: Wenn du schon
gehen mußt, Ria, hat er gesagt, sollst du wenigstens gut gehen."
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