Fernando Pessoa

Initiation
[Nachdichtung: Paul Celan, Gesammelte Werke. Bd. 5: Übertragungen II. Frankfurt am Main 2000.]

Zypressen – du schläfst nicht darunter:
Nirgends ist Schlaf in der Welt.
Dein Leib: ein Gewänderschatten,
Der dein Wesen verborgen hält.

Die Nacht – der Tod – rückt dir näher:
Der Schatten schrumpft, eh er ist.
Du bist nun eins mit dir selber,
Wenn du das Dunkel durchmißt.

Düster der Krug, wo du einkehrst:
Die Engel entblößen sich dort.
Kein Mantel, die Schulter zu decken –
So setzt du deine Wanderung fort.

Erzengel lauern am Wegrand,
Das Letzte gibst du nun her.
Nun bist du der restlos Entblößte:
Du hast deinen Leib – du bist er.

Zuletzt, in die Tiefe der Höhle:
Die Götter – sie raffen, was bleibt.
Sie sind, du weißt’s deinesgleichen.
Hinweg, äußre Seele, dein Leib!

Gefügt ward, daß deiner Gewänder
Schatten unter uns ruht.
Nicht tot bist du unter Zypressen –
Neuling, es gibt keinen Tod.

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Kommentar (Ulrich Bergmann):

Einstein sagte: „Der Tod ist eine optische Täuschung.“ Aber das ist nur eine unbewiesene Annahme, nichts als Glaube. Einstein sagte auch: „Das Problem zu erkennen ist wichtiger, als die Lösung zu erkennen, denn die genaue Darstellung des Problems führt zur Lösung.“ Siehst du! Aber keiner kann das Problem darstellen, zumal keiner den Tod erlebt oder gar überlebt hat und berichtet hat. So bleibt uns ein dritter Satz Einsteins: „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden.“ Das versucht jeder.

Wenn wir von einer Lebensstufe zur andern wandern, so kommt uns das Neue manchmal so vor, als wären wir gestorben, so fremd wird uns die alte Lebensphase, die wir trotzdem nicht loswerden, auch nicht im Tod.

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