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Das Buch der
Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernando Soares
(Leseprobe aus: Livro do desassossego por Bernardo
Soares/Das
Buch der Unruhe des
Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, 1982 - Übertragung Georg Rudolf Lind/2003/2006,
Ammann, hrsg. von Richard Zenith - Übertragung Inés Koebel)
Er hatte seine zwei Zimmer – und
dies ging zwangsläufig auf Kosten einiger unentbehrlicher Dinge – mit einem
gewissen, fast luxuriösen Stil eingerichtet. Sein Augenmerk galt insbesondere
den Stühlen – mit Armlehnen, tief und weich – Vorhängen und Teppichen.
Dieses Interieur habe er sich geschaffen, sagte er, »um die Würde des Überdrusses
aufrechtzuerhalten«. In einem modern eingerichteten Zimmer verwandelt sich der
Überdruß in Mißbehagen, in körperlichen Schmerz.
Nichts hatte ihn jemals gezwungen, irgend etwas zu tun. Seine Kindheit war
einsam gewesen. Er hatte sich nie einer Menschenmenge angeschlossen; nie eine
Hochschule3 besucht; sich nie einer Gruppe zugesellt. Bei ihm war das seltsame
Phänomen eingetreten, das bei so manchen – recht besehen vielleicht bei allen
eintritt: seine Vorstellungen und Instinkte – allesamt auf Trägheit und
Absonderung ausgerichtet – hatten den zufälligen Umständen seines Lebens
Form gegeben.
Nie mußte er sich mit den Anforderungen von Staat und Gesellschaft
auseinandersetzen. Den Anforderungen seiner eigenen Instinkte wich er aus.
Nichts hatte ihn je einem Freund oder gar einer Geliebten zugeführt. Ich war
der einzige, mit dem er in gewisser Weise vertraut geworden war. Doch –
wenngleich ich immer hinter der Maske einer fremden Persönlichkeit gelebt habe,
nämlich der seinen, und vermutete, daß er mich niemals als wahrhaften Freund
betrachten würde – war mir stets bewußt, daß er jemanden an sich ziehen würde,
um ihm das Buch zu hinterlassen, das er in der Tat hinterließ. Auch wenn es
mich anfangs, als ich dessen gewahr wurde, schmerzte, sah ich schließlich alles
unter dem einzigen eines Psychologen würdigen Gesichtspunkt und finde Gefallen
an dem Gedanken, daß ich auf eben diese Weise sein Freund wurde und mich nun
dem Ziel widme, zu dem er mich an sich gezogen hatte: der Veröffentlichung
seines Buches.
Sogar in dieser Hinsicht – die Feststellung ist seltsam – konnten die Umstände,
indem sie jemanden meines Charakters seinen Weg kreuzen ließen, ihm helfen und
waren zu seinem Vorteil.
Rezension I Buchbestellung I home IV06 © LYRIKwelt