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Die alltägliche Physik des
Unglücks
(Leseprobe aus: Special Topics in Calamity
Physics/Die
alltägliche Physik des Unglücks, Roman, 2006, Viking Books/2007, S.
Fischer)
Einleitung
Dad sagte immer, ein Mensch braucht einen fabelhaften Grund, um seine
Lebensgeschichte aufzuschreiben, wenn er will, dass jemand sie liest.
»Wenn man nicht Mozart heißt oder Matisse, Churchill, Che Guevara,
Bond – James Bond –, dann sollte man seine Freizeit lieber damit verbringen,
mit Fingerfarben zu malen oder Shuffleboard zu spielen, denn außer
deiner Mutter mit den Wabbelarmen und der Betonfrisur und dem Kartoffelbrei-
Blick, mit dem sie dich immer ansieht, möchte niemand die Einzelheiten
deiner jämmerlichen Existenz hören, die zweifellos genauso enden
wird, wie sie begonnen hat – mit einem Ächzen.«
Angesichts so rigider Parameter war ich bisher davon ausgegangen, dass
ich meinen fabelhaften Grund frühestens mit siebzig finden würde, wenn
ich Altersflecken und Rheumatismus habe, einen Verstand so scharf wie ein
Tranchiermesser, ein kompaktes kleines Stuckhaus in Avignon (wo ich 365
verschiedene Käsesorten esse), einen zwanzig Jahre jüngeren Liebhaber, der
auf dem Feld arbeitet (keine Ahnung, auf was für einem – jedenfalls ist es
golden und leuchtet), und nachdem ich, mit ein bisschen Glück, einen kleinen
Triumph auf dem Gebiet der Naturwissenschaften oder der Philosophie
eingeheimst habe, der mit meinem Namen verbunden ist. Und doch kam die
Entscheidung – nein, die zwingende Notwendigkeit –, zum Stift zu greifen
und über meine Kindheit zu schreiben – vor allem über das Jahr, in dem sie
aufgeribbelt wurde wie ein alter Wollpullover – sehr viel früher, als ich gedacht
hatte.
Begonnen hat es mit schlichter Schlaflosigkeit. Da war es schon fast ein
Jahr her, dass ich Hannah tot aufgefunden hatte, und ich dachte, ich hätte es
geschafft, alle Spuren jener Nacht aus meinem Inneren zu tilgen, so wie
Henry Higgins mit seinen gnadenlosen Sprechübungen Elizas Cockney-Akzent ausradierte.
Ich hatte mich geirrt.
Ende Januar lag ich wieder einmal mitten in der Nacht hellwach im Bett.
Im Flur draußen war alles still. Spitze Schatten lauerten in den Ecken der
Zimmerdecke. Ich hatte nichts außer ein paar dicken, anmaßenden Lehrbüchern,
zum Beispiel die Einführung in die Astrophysik, und dem traurigen,
stummen James Dean, der, eingesperrt in Schwarz und Weiß und mit Klebeband
hinten an unserer Tür befestigt, auf mich herunterblickte. Als ich
durch die fleckige Dunkelheit zu ihm schaute, sah ich, in mikroskopischer
Klarheit, Hannah Schneider.
Sie hing einen Meter über dem Boden, an einem orangeroten Verlängerungskabel.
Die Zunge – aufgequollen, kirschrot wie ein Küchenschwamm –
hing ihr aus dem Mund. Ihre Augen sahen aus wie Eicheln oder wie stumpfe
Pennymünzen oder wie zwei schwarze Mantelknöpfe, die Kinder für das
Gesicht eines Schneemanns nehmen würden, und sie sahen nichts. Oder
aber, und genau da lag das Problem, sie hatten alles gesehen; J. B. Tower
schrieb, dass man im Augenblick des Todes »alles, was je existiert hat, auf
einmal sieht« (obwohl ich mich fragte, woher er das wusste, da er in den
besten Jahren war, als er Sterblichkeit schrieb). Und ihre Schnürsenkel – eine
ganze Abhandlung könnte man über diese Schnürsenkel schreiben –, sie waren
burgunderrot, symmetrisch, zu perfekten Doppelknoten gebunden.
Aber als ewige Optimistin (»Die van Meers sind von Natur aus Idealisten
und positive Freigeister«, befand Dad) hoffte ich, dass das eklige Wachliegen
eine Phase sein würde, aus der ich schnell herauskomme, eine Art
Mode, so wie Pudelröcke oder Lieblingssteine, aber dann, eines Abends
Anfang Februar, während ich gerade die Aeneis las, erwähnte meine Zimmerkollegin
Soo-Jin, ohne von ihrem Lehrbuch für Organische Chemie
aufzublicken, dass ein paar Erstsemester auf unserem Flur vorhätten, uneingeladen
zu einer Party außerhalb des Campus zu gehen, die irgendein Doktor
der Philosophie gab, aber mich wollten sie nicht mitnehmen, weil alle
fänden, dass ich in meiner Grundhaltung mehr als nur ein bisschen »düster«
sei: »Besonders morgens, wenn du zu deiner Einführung in die Gegenkultur
der sechziger Jahre und die Neue Linke gehst. Dann wirkst du immer irgendwie
so gequält.«
Das war natürlich nur Soo-Jin, die das sagte (Soo-Jin, deren Gesicht für
Wut und Begeisterung denselben Ausdruck hatte). Ich bemühte mich, die
Bemerkung auszublenden, wie einen unangenehmen Geruch aus einem
Reagenzglas, aber dann fielen mir alle möglichen Dinge auf, die bei mir tatsächlich
düster waren. Zum Beispiel, als Bethany am Freitagabend Leute zu
einem Audrey-Hepburn-Marathon einlud, merkte ich, dass ich im Gegensatz
zu all den anderen Mädchen, die auf ihren Kissen saßen, eine Zigarette
nach der anderen pafften und Tränen in den Augen hatten, eigentlich hoffte,
dass Holly ihre Katze Cat nicht finden würde. Wenn ich mir selbst gegenüber
ganz ehrlich war, dann wollte ich sogar, dass Cat für immer wegbliebe
und ganz allein vor sich hin miaute zwischen den kaputten Holzverschlägen
in dieser schrecklichen Gasse in Hollywood, der bei diesem Sturzregen in
weniger als einer Stunde vom Pazifik verschlungen würde. (Diesen Wunsch
behielt ich natürlich für mich und lächelte entzückt, als George Peppard
fieberhaft nach Audrey Hepburn tastete, die ihrerseits fieberhaft nach Cat
tastete, die aber gar nicht mehr aussah wie eine Katze, sondern wie ein ertrunkenes
Eichhörnchen. Ich glaube, ich gab sogar eins von diesen mädchenhaft
quiekigen »Uuuh«-Geräuschen von mir, das perfekt zu Bethanys Seufzern passte.)
Und damit nicht genug. Ein paar Tage später war ich in meinem Kurs
über Amerikanische Biographie, gehalten von Glenn Oakley, dem Assistenten
mit dem teigigen Maisbrot-Teint und der schrecklichen Angewohnheit,
immer mitten im Wort zu schlucken. Er redete gerade über Gertrude Stein
auf dem Totenbett.
»›Was ist die Antwort, Gertrude?‹«, zitierte Glenn in manieriertem Flüsterton,
die linke Hand erhoben, als hielte er, mit gespreiztem kleinen Finger,
einen unsichtbaren Sonnenschirm. (Er ähnelte Alice B. Toklas, mit dem
Phantomschnurrbart). »›In diesem Fall, Alice, was ist die Fra-schluck-ge?‹«
Ich unterdrückte ein Gähnen, schaute auf mein Heft und sah, dass ich in
Gedanken mit seltsam verschnörkelter Schreibschrift ein sehr beunruhigendes
Wort gekritzelt hatte. Leb wohl. Für sich betrachtet war es banal und
harmlos, klar, aber ich hatte es, wie eine Irre mit gebrochenem Herzen, mindestens
vierzigmal geschrieben, über den ganzen Rand der Seite – und auch
noch ein bisschen über die vorhergehende.
»Kann mir jemand sagen, was Ger-schluck-trude mit diesem Satz ausdrücken
wollte? Blue? Nein? Könnten Sie bitte etwas besser aufpassen? Wie
wär’s mit Ihnen, Shilla?«
»Das ist doch offensichtlich. Sie spricht von der unerträglichen Leere der
Existenz.« »Sehr gut.«
Es sah so aus, als hätte ich, trotz meiner Bemühungen, das Gegenteil zu
tun (ich trug flauschige Pullis in Gelb und Rosa, frisierte meine Haare zu
einem meiner Meinung nach höchst munteren Pferdeschwanz), mich genau
dorthin begeben, wovor ich Angst hatte, seit das alles passiert ist. Ich wurde
immer verkrampfter und verdrehter (nur Stationen auf dem Weg zu komplett
verrückt), eine Frau, die dann mit vierzig jedes Mal zusammenzuckt,
wenn sie irgendwo Kinder sieht, oder absichtlich in einen Schwarm Tauben
fährt, die ganz unschuldig ihre Krümel aufpicken. Sicher, mir lief es schon
immer kalt den Rücken hinunter, wenn ich irgendeine Schlagzeile oder
Werbung las, die mich wider Willen daran erinnerten: »Stahlboss stirbt
überraschend mit fünfzig, Herzstillstand«, »Camping-Ausrüstungen – Räumungsverkaufsfinale
«. Aber ich sagte mir immer, dass jeder Mensch – jedenfalls
jeder, der einigermaßen interessant ist – seine Narben hatte. Und
auch mit Narben konnte man ja eher wie, sagen wir mal, Katharine Hepburn
sein als wie Captain Queeg, was die allgemeine Lebenseinstellung und das
Verhalten anging, und man konnte ein bisschen mehr Ähnlichkeit mit Sandra
Dee haben als mit Scrooge.
Mein Abstieg in die Welt der Dunkelheit wäre vielleicht unaufhaltsam
gewesen, hätte ich nicht an einem kalten Nachmittag im März einen ungewöhnlichen
Anruf bekommen. Es war, fast auf den Tag genau, ein Jahr nach Hannahs Tod.
»Für dich«, sagte Soo-Jin und reichte mir das Telefon, den Blick auf ihr
Diagramm 2114.74 »Aminosäuren und Peptide« gerichtet.
»Hallo?« »Hi. Ich bin’s. Deine Vergangenheit.«
Es verschlug mir den Atem, nein, eine Verwechslung war ausgeschlossen
– die tiefe Stimme, Sex und Highways, halb Marilyn, halb Charles Kuralt,
aber sie hatte sich verändert. War sie früher zuckrig und brüchig gewesen, so
war sie jetzt breiig wie Haferschleim.
»Keine Bange«, sagte Jade. »Ich will nicht mit dir über früher reden.« Sie
lachte, ein kurzes Ha!, wie wenn man mit dem Fuß gegen einen Stein kickt.
»Ich hab aufgehört zu rauchen«, verkündete sie, offensichtlich stolz auf sich,
und dann erzählte sie, dass sie es nach St. Gallway nicht aufs College geschafft
habe. Stattdessen hatte sie sich, wegen ihrer »Schwierigkeiten«, in
eine Institution »à la Narnia« einweisen lassen, wo man über seine Gefühle
redete und lernte, Obst zu aquarellieren. Entzückt berichtete sie, dass auf
ihrem Stockwerk, das heißt, auf dem relativ angepassten dritten Stock (»nicht
so suizidal wie der vierte und nicht so manisch wie der zweite«) ein »echt berühmter
Rockstar« untergebracht war und sie sich »nähergekommen« seien,
aber wenn sie seinen Namen nennen würde, hieße das, dass sie alles preisgäbe,
was sie in dieser zehnmonatigen »Wachstumsphase« in Heathridge Park ge-
lernt hatte. ( Jade betrachtete sich jetzt offenbar als eine Art Kletterpflanze
oder Ranke.) Einer der Parameter für ihre »Graduation« (sie verwendete tatsächlich
dieses Wort, vermutlich fand sie es besser als »Entlassung«), war gewesen,
dass sie ein paar »unerledigte Dinge« regeln sollte.
Ich gehörte also zu den unerledigten Dingen.
»Und du?«, fragte sie. »Wie geht’s dir? Was macht dein Dad?«
»Ihm geht’s blendend.«
»Und Harvard?«
»Schön.«
»Gut, das bringt mich gleich zum Anlass meines Anrufs – es ist eine Entschuldigung,
vor der ich mich nicht drücken will und die nicht unglaubwürdig
klingen soll«, sagte sie förmlich, was mich irgendwie traurig machte, weil
es überhaupt nicht zur richtigen Jade passte. Die Jade, die ich kannte,
drückte sich eigentlich immer vor Entschuldigungen, und wenn sie trotzdem
gezwungen war, sich zu entschuldigen, klang sie nie überzeugend, aber
sie war ja jetzt die Jaderanke (Strongylodon macrobotrys), die zur Familie der
Leguminosea gehörte, entfernt verwandt mit der bescheidenen Gartenerbse.
»Ich möchte mich für mein Verhalten entschuldigen. Ich weiß, was passiert
ist, hatte nichts mit dir zu tun. Sie ist einfach durchgedreht. So was passiert
immer wieder, und jeder hat seine eigenen Gründe. Bitte, nimm meine
Bitte um Verzeihung an.«
Ich überlegte mir, ob ich sie unterbrechen sollte mit meinem kleinen
Cliffhanger, meiner Kehrtwendung, meinem Tritt zwischen die Zähne,
meinem Kleingedruckten: »Na ja, um die Sache mal rein technisch zu betrachten,
ähm . . .« Aber ich brachte es nicht über mich. Zum einen hatte ich
nicht den Mut, zum andern fand ich es auch nicht sinnvoll, ihr die Wahrheit
zu sagen – jedenfalls jetzt nicht. Jade blühte und gedieh, sie bekam genau die
richtige Menge Sonne und Wasser, es gab viel versprechende Anzeichen dafür,
dass sie ihre Maximalhöhe von zwanzig Metern erreichen würde, und
nach und nach würde sie sich vermehren, durch Samen, durch Beschneidung
des Stamms im Sommer, durch Ableger im Frühjahr, um schließlich
die ganze Breite einer Steinmauer zu bedecken. Meine Worte würden sich
auswirken wie hundert Tage Trockenheit.
Der Rest des Telefongesprächs bestand aus einem hitzigen Austausch von
»Dann gib mir doch mal deine E-Mail-Adresse« und »Wir müssen unbedingt
ein großes Treffen planen« – Papierpuppensprüche, die nicht vertuschen
konnten, dass wir uns nie wieder sehen und nur ganz selten miteinander
reden würden. Ich wusste schon immer, dass sie, und vielleicht die
anderen auch, gelegentlich zu mir herübergeweht kommen würden, wie die
Samen eines verblühten Löwenzahns, mit Nachrichten von zuckersüßen
Eheschließungen, klebrigen Scheidungen, Umzügen nach Florida, einem
neuen Job im Immobiliengeschäft, aber es hielt sie nichts, und sie würden
wieder entschweben, genauso beliebig, wie sie gekommen waren.
Und wie es das Schicksal wollte, hatte ich später an diesem Tag noch
meine Vorlesung über Griechische und Römische Epen bei Professor Zolo
Kydd, einem emeritierten Professor der Klassischen Philologie. Die Studenten
nannten Zolo »Rolo«, weil er, wenn auch nur von der Statur und Hautfarbe
her, an diese weichen Schokokaramellbonbons erinnerte. Er war klein,
braun gebrannt und rund, trug knallig karierte Weihnachtshosen, ohne
Rücksicht auf die Jahreszeit, und seine dichten weißgelben Haare klebten
verkrustet auf der schimmernden Sommersprossenstirn, als hätte ihm vor
Ewigkeiten jemand Hidden Valley Ranch-Salatsoße über den Kopf gekippt.
Für gewöhnlich waren gegen Schluss der Vorlesung über »Götter und Gottlosigkeit
« oder »Der Anfang und das Ende« die meisten Studenten eingeschlafen.
Das lag an seinen Endlossätzen sowie an seiner Angewohnheit, irgendein
Wort, in der Regel eine Präposition oder ein Adjektiv, mehrmals zu
wiederholen, was an einen kleinen grünen Frosch erinnerte, der von einem
schwimmenden Seerosenblatt zum nächsten hüpft.
Und doch war an diesem Nachmittag bei mir alles anders. Ich hing regelrecht
an seinen Lippen.
»Bin neulich auf, auf, auf einen unterhaltsamen kleinen Aufsatz über Homer
gestoßen«, sagte Zolo, schaute mit gerunzelter Stirn auf sein Manuskript
und schnüffelte (Zolo schnüffelte immer, wenn er nervös wurde, weil
er den tapferen Entschluss gefasst hatte, das sichere Terrain seiner Vorlesungsnotizen
zu verlassen und einen riskanten Umweg zu wagen.) »Er stand
in einer kleinen Zeitschrift – ich empfehle Ihnen allen, in der Bibliothek mal
einen Blick hineinzuwerfen, es ist die, die, die kaum bekannte Classic Epic
and Modern America. Winterausgabe, glaube ich. Vor einem Jahr haben ein
paar verrückte Gräzisten und Latinisten wie ich ein Experiment durchgeführt,
mit dem sie die Macht des Epischen testen wollten. Sie schickten die
Odyssee an, an, an hundert der schlimmsten, abgefeimtesten Kriminellen in
einem Hochsicherheitsgefängnis – Riverbend, wenn ich mich recht entsinne
–, und ob Sie’s glauben oder nicht, zwanzig der Insassen lasen den Text von
Anfang bis Ende, und drei haben sich hingesetzt und ihr eigenes Epos verfasst.
Eins davon wird nächstes Jahr von der Oxford University Press veröffentlicht.
Der Artikel vertrat die These, epische Dichtung sei eine durchaus
praktikable Form, selbst die, die die hartgesottensten Verbrecher auf der
Welt zu erreichen und zu resozialisieren. Auch wenn es lustig klingt, aber es
sieht so aus, als gäbe es etwas in dieser Kunstform, was die Wut, den, den
Stress, den Schmerz abmildert und selbst bei, bei Menschen, die ganz, ganz
weit weg sind, ein Gefühl der Hoffnung auslöst – denn heutzutage gibt es ja
eigentlich kein echtes Heldentum mehr. Wo sind die wahren Helden? Die
großen Taten? Wo sind die Götter, die Musen, die Krieger? Wo ist das alte
Rom? Nun ja, sie, sie, sie müssen irgendwo sein, nicht wahr, denn laut Plutarch
wiederholt sich ja die Geschichte. Hätten wir nur den Mut, danach in,
in uns selbst zu suchen, dann, dann könnte vielleicht –«
Ich weiß nicht, was über mich kam.
Vielleicht war es Zolos schwitzendes Gesicht, in dem sich festlich die Neonröhren
an der Decke widerspiegelten, wie Jahrmarktslichter in einem
Fluss, oder die Art, wie er sich an seinem Rednerpult festhielt, als würde er
sonst in sich zusammensacken zu einem Bündel bunter Klamotten – ein
krasser Gegensatz zu Dads Haltung auf Bühnen oder erhöhten Plattformen.
Wenn Dad über die Reformen in der Dritten Welt dozierte (oder worüber er
sonst dozieren wollte; Dad hatte keine Scheu vor Abschweifungen in Randgebiete
oder vor Ausflügen ins Apropos), stand er immer ganz aufrecht,
ohne auch nur im Geringsten zu wanken oder sich zu krümmen. (»Wenn ich
einen Vortrag halte, sehe ich mich immer als eine der dorischen Säulen des
Parthenons«, sagte er.)
Ohne zu überlegen stand ich auf. Mein Herz wummerte gegen die Rippen.
Zolo unterbrach sich mitten im Satz, und gemeinsam mit den dreihundert
schläfrigen Studenten im Hörsaal starrte er mich an, während ich mich
mit gesenktem Kopf zwischen Rucksäcken, ausgestreckten Beinen, Jacken,
Turnschuhen und Büchern zum nächsten Gang durchkämpfte. Ich torkelte
zur Schwingtür, zum AUSGANG.
»Da geht Achilles«, scherzte Zolo ins Mikrophon. Er erntete ein paar
müde Lacher.
Ich rannte ins Wohnheim. Dort setzte ich mich an meinen Schreibtisch,
nahm einen zehn Zentimeter dicken Papierstapel und begann hastig, diese
Einleitung zu kritzeln, die ursprünglich mit Charles begann und mit dem,
was mit ihm passiert war, als er sich an drei Stellen das Bein gebrochen hatte
und von der Nationalgarde gerettet wurde. Angeblich hatte er so wahnsinnige
Schmerzen, dass er immer wieder »Lieber Gott, hilf mir!« schrie und
gar nicht aufhören konnte. Charles hatte eine furchtbare Stimme, wenn er
außer sich war, und ich musste mir immer vorstellen, dass diese Wörter ein
Eigenleben besaßen und wie Heliumballons durch die sterilen Gänge des
Burns County Hospital schwebten, bis zur Entbindungsstation, sodass jedes
Kind, das an diesem Morgen auf die Welt kam, seine Schreie hörte.
Natürlich kann man »Es war einmal ein hübscher, trauriger kleiner Junge
namens Charles« nicht gerade als fair bezeichnen. Charles war das Traumschiff
von St. Gallway, er war Doktor Schiwago und Tom Destry aus Der
große Bluff. Er war der Goldjunge, den Fitzgerald aus jedem Klassenbild herausgefischt
und mit sonnengetränkten Begriffen wie »aristokratisch patrizisch
« und »mit unendlichem Selbstbewusstsein gesegnet« tituliert hätte.
Charles würde sich heftig dagegen wehren, wenn ich eine Geschichte mit
seinem Moment der Niederlage beginnen würde.
Ich kam nicht weiter (und fragte mich, wie diese Gefangenen es geschafft
hatten, trotz allem und mit so viel Schwung das leere Blatt zu besiegen), aber
als ich die zerknüllten Seiten in den Papierkorb unter Einstein warf (der an
der Wand neben Soo-Jins planloser Pinnwand »Tun oder nicht tun« als
Geisel gehalten wurde), fiel mir plötzlich etwas ein, was Dad in Enid, Oklahoma,
gesagt hatte. Er blätterte in dem verblüffend attraktiven Vorlesungsverzeichnis
der University of Utah in Rockwell, die ihm, wenn mein Gedächtnis
mich nicht im Stich lässt, gerade eine Gastprofessur angeboten
hatte.
»Es gibt nichts Faszinierenderes als einen gut strukturierten Lehrplan«,
verkündete er unvermittelt.
Ich muss die Augen verdreht oder eine Grimasse gezogen haben, denn er
schüttelte den Kopf, stand auf und drückte mir das Ding – das beeindruckende
fünf Zentimeter dick war – in die Hand.
»Ich meine es ernst. Gibt es etwas Glorioseres als einen Professor? Vergiss,
dass er das Denken der Jugend und so die Zukunft der Nation formt –
ohnehin ein zweifelhaftes Konzept; man kann bei Leuten nur sehr wenig
bewirken, wenn sie schon bei der Geburt für Autodiebstahl-City bestimmt
sind. Nein. Was ich meine, ist Folgendes: Ein Professor ist der einzige
Mensch auf Erden, der die Macht besitzt, dem Leben einen Rahmen zu geben
– nicht dem ganzen, um Gottes willen, nein – nur einem Fragment,
einem kleinen Ausschnitt. Er strukturiert das Unstrukturierbare. Teilt es ein
in Moderne und Postmoderne, Renaissance, Barock, Primitivismus, Imperialismus
und so weiter. Und der Vorgang wird in Referate, Semesterferien
und Prüfungen gegliedert. So viel Ordnung – einfach göttlich. Die Symmetrie
eines Semesters. Sieh dir doch nur die Wörter an: Seminar, Tutorium,
Kolloquium in Was-weiß-ich, nur für fortgeschrittene Semester, für Dokto-
randen, das Praktikum – was für ein herrliches Wort: Praktikum! Du findest,
ich bin verrückt. Denk mal an Kandinsky. Das große Chaos, aber dann
rahmst du ihn ein, und voilà – sieht doch sehr hübsch aus über dem Kamin.
Und so ist es auch mit dem Curriculum. Dieses himmlische, beglückende
System aus Vorschriften, das im Schreckensmirakel des Abschlussexamens
kulminiert. Und was ist das Abschlussexamen? Ein Test, bei dem das Verständnis
gigantischer Konzepte geprüft wird. Kein Wunder, dass so viele Erwachsene
am liebsten wieder auf die Universität gehen würden, mit all den
Abgabeterminen – aaah, diese Struktur! Ein Gerüst, an dem wir uns festhalten
können! Auch wenn es beliebig ist – ohne dieses Gerüst sind wir verloren,
völlig unfähig, in unserem traurigen, wirren kleinen Leben die Romantik
und das Viktorianische Zeitalter auseinanderzuhalten . . .«
Ich sagte zu Dad, er habe den Verstand verloren. Er lachte.
»Eines Tages wirst du es begreifen«, sagte er mit einem Augenzwinkern.
»Und vergiss nicht – du musst alles, was du sagst, mit erstklassigen Anmerkungen
versehen, und am besten noch mit Anschauungsmaterial, mit Abbildungen,
denn glaub mir, es gibt immer irgendeinen Komiker hinten in
der letzten Bank, irgendwo bei der Heizung, der seine flache Flosse hebt und
sich beschwert: ›Nein, Sie haben das alles falsch verstanden.‹«
Ich schluckte und starrte auf das leere Blatt. Während ich den Stift zwischen
meinen Fingern einen dreifachen Lutz vollführen ließ, schaute ich aus
dem Fenster hinaus auf den Harvard Yard, wo die feierlichen Studenten,
ihre Winterschals fest um den Hals geschlungen, die Wege entlang und über
die Rasenflächen rannten. »›Singen will ich von Kämpfen und von dem
Mann, der zuerst von Trojas Gestade, / vom Schicksal verbannt, zu Laviniums
Küste, nach Italien kam‹«, hatte Zolo uns erst vor ein paar Wochen
vorgetragen und bei jedem zweiten Wort mit dem Fuß auf den Boden gestampft,
völlig bizarr, sodass seine karierten Hosenbeine nach oben rutschten
und man, ob man wollte oder nicht, seine zahnstocherdünnen Knöchel
und die feinen weißen Söckchen zu sehen bekam. Ich schrieb in meiner
schönsten Schönschrift: »Curriculum« und dann »Lektüreliste«.
So hat Dad auch immer angefangen.
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © S. Fischer