Der schwedische Reiter
(Leseprobe aus: Der schwedische Reiter,
Roman, 2002, Zsolnay)
Zwischen zwei
Dragonern, die Wachslichter trugen, stieg der Dieb mit gebundenen Händen hinter dem
Malefizbaron die Treppe hinauf, und nun, da die Sache so weit gediehen war, daß er
endlich den Herrn von Krechwitz sehen sollte, plagte ihn die Neugierde noch mehr als
zuvor, denn da war ein neues Rätsel: Warum hatte der Malefizbaron, den er als seinen
Todfeind und Erzverfolger in die Türkei hinein verwünschte, warum hatte dieser
Malefizbaron so wüst gelacht, als er, der Dieb, sagte, er käme von der Herrschaft ihrem
Patenkind? Und die Magd, die mit dem Malefizbaron im Bett gelegen war: "Du armer
Mann, die Herrschaft hat nirgends in der Welt ein Patenkind!" - Warum? Wie mußt' ein
Mensch beschaffen sein, der nirgends in der Welt ein Patenkind hatte? Hat doch der ärmste
Tagwerker eines. War dieser Herr von Krechwitz so wüst und ungeschaffen, daß keine
Mutter ihr Kind von ihm wollt' aus der Tauf heben lassen? Oder war er am Ende kein Christ?
Saß ein Türke, ein Tatar, ein Mohr als Herr auf diesem Gut? Oder war er so geizig, daß
es ihm leid war um den Tauftaler, oder
?
Der Dieb blieb vor Überraschung einen Augenblick lang stehen. Jetzt hatt' er es, jetzt
wußte er es, und wären ihm nicht die Hände hinter dem Rücken gebunden gewesen, so
hätte er sich mit ihnen vor den Kopf geschlagen. Jetzt war ihm alles klar. Und nun
verstand er auch, warum auf diesem Gut niemand ehrlich war und keine Zucht und Ordnung
unter den Knechten, und die Acker verdorben und im Stall die Milzseuch' - und er schalt
sich einen Dummkopf und einen Narren, weil er das nicht schon langst erraten hatte.
"Ein kleines, armes Lämmchen, von dem nimmt jedermann leicht Wolle", sagte er
zu sich mit einem grimmigen Lachen und ballte die Fäuste, und da stand er auch schon vor
einer halb geöffneten Tür, der Malefizbaron klopfte an und trat dann mit dem Anstand und
der Sicherheit des Edelmannes in das Zimmer der Herrschaft, und hinter ihm stießen die
beiden Dragoner den Dieb hinein.
Ja, es war so, wie er es vermutet hatte. Ein Kind stand im Zimmer, ein junges Kind, ein
Mädchen von nicht mehr als siebzehn Jahren, schmal und zart und wie die heilig
erschaffenen Engel so schön - das war die Herrschaft auf dem Gut Kleinroop. Sie hatte
Tränen in den Augen, das sah der Dieb sogleich, und ihr gegenüber stand, an den Kamin
gelehnt, der Knebelbart, der adelige Wucherer, der Freiherr von Saltza auf Düsterloh und
Pencke, dem der Rentmeister den Jagdhund und das Reitpferd der jungen Herrschaft verkauft
hatte.
Der Malefizbaron stand, mit dem Federhut in der Hand, breitbeinig da und grüßte.
"Komm' ich zur Unzeit?" begann er. "Ich hoff' Entschuldigung zu finden,
daß ich die hochgeborene Demoiselle zu dieser späten Stunde inkommodier', muß aber
morgen schon mit dem allerfrühesten zu Pferd und fort, hätt's für eine Schand'
erachtet, wenn ich der Demoiselle nicht zuvor noch meine Aufwartung gemacht hätt', hoff'
auch für mich auf ein kleines Plätzchen in der Demoiselle ihrer Erinnerung."
Das Mädchen lächelte und beugte ein wenig den Kopf.
"Der Herr erweist mir große Ehr', es ist zu viel", sagte sie mit einer zarten
und leisen Stimme. "Hab' mit Leid vernommen, daß der Herr will fort. War der Herr
nicht zu seiner Zufriedenheit logiert?"
Der Dieb sah sie unverwandt an. Alle seine Pläne waren zunichte geworden.
"Es ist ein Jammer", sagte er leise zu sich selbst. "So jung ist sie, wenn
ich ihr sag', daß ich hinter ihrer Knechte Diebsgriffe und Schelmenstücke gekommen bin,
sie wird's nicht glauben, sie ist ein Kind, sie meint, die Welt wär' ehrlich. Und wenn
ich ihr die Rechnung mach', daß sie könnt' sich und ihre Leut' von der Milch und dem
Federvieh allein ernähren und noch einen Überschuß auf den Markt bringen, sie wird's
nicht glauben, ihr Rentmeister hat ihr's anders gesagt, da wär' jedes Wort vergeblich
gesprochen. Aber schön ist sie, ich mein', ich hab' all meine Tage nichts Schöneres
gesehen."
"Ich bin exzellent logiert gewesen, konnt's mir nicht besser wünschen", sagte
indessen der Malefizbaron mit einer Verbeugung. "Es war alles aufs beste geordnet und
à point. Muß aber dennoch fort, denen Malefizgesellen incontro und auf den Pelz. Wir
haben den schwarzen Ibitz und seine Bande umstellt im Fuchsengrund, ich muß zu meinen
Leuten, denn morgen, wenn der Tag anbricht, da geht das große Hetzen und Jagen an."
"So geht's in der Welt zu", murmelte der Dieb, der zwischen den beiden Dragonern
bei der Türe stand. "Den Räubern im Fuchsenloch, denen rückt er mit Strick und
Beil auf den Leib, und sind doch nur arme Leut', die Räuber aber hier im Haus, die in
ihrem Übermut das Gut der Herrschaft verprassen, die sieht er nicht, die läßt er
ungeplagt."
"Ich wünsch' dem Herrn Hauptmann, daß er die Sach', dieu aidant, zu einem guten
Ende bringt", sagte das Mädchen. "Sie haben es arg getrieben, der Ibitz und
seine Bande, hier im Land und drüben im Polnischen, Fuhrleut' überfallen, den Bauern
ihre Kühe weggetrieben - alle Tage hat man davon reden gehört. Der Herr Hauptmann ist
wahrhaftig ein anderer Ritter Georg."
"Sind doch nur arme Leut'", murmelte der Dieb, während sich der Hauptmann,
stolz über dieses Lob, seinen buschigen Schnurrbart strich. "Hätten sie zur rechten
Zeit jeder einen Bissen Brot alle Tage gehabt und ein Strohdach über dem Kopf, so wären
sie ehrlich geblieben. Aber so geht's in der Welt zu! Das Gesinde hier im Haus
"
"Ich bitt' die Demoiselle um Urlaub", sagte jetzt der Knebelbart mit knarrender
Stimme. "Ich muß dazusehen, daß ich zu guter Zeit nach Hause komm'. Und wenn die
Demoiselle ihre Opinions sollt' ändern, so wird sie mich auch morgen noch parat und zu
ihrer Disposition finden."
"Wenn mir nur der Herr Pate wollt' den Jason und die Diana lassen", sagte das
Mädchen, und wiederum traten ihr die Tränen in die Augen.
"Die Demoiselle könnt' haben Reitpferd' genug", meinte der Knebelbart.
"Steht nur bei ihr. Auch schöne Kleider, Ketten, Ringe, alle Tage Gäste und in der
Gesellschaft groß mitspielen - steht alles nur bei ihr."
"Ich bin betrübt, daß ich dem Herrn Paten seinen Willen nicht kann tun", sagte
das Mädchen und ihre Stimme bekam jetzt einen festen Klang. "Der Herr Pate weiß,
daß es nicht sein kann. Da müßt' eher die Sonne ihren Lauf verlassen. Hab' einem
anderen mit dem Herzen und der Hand die Treu' versprochen, auf den will ich warten und,
wenn es sein müßt', bis zum Jüngsten Tag."
"Ich wünsch' der Demoiselle viel Glück zu diesem Entschluß", sagte der
Knebelbart kurz und in trockenem Ton. "Bis dahin halt' ich mich der Demoiselle
empfohlen. Ist angespannt?"
"Mögen alle Engel sie behüten!" flüsterte der Dieb entsetzt. "Will
dieser lose alte Bube sie zur Liebsten haben? Er paßt zu ihr wie der Kienruß zum weißen
Schnee."
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Zsolnay