Kümmernisse von Judith Perrignon, 2011, Wagenbach

Judith Perrignon

Kümmernisse
(Leseprobe aus: Kümmernisse, Roman, 2011, Wagenbach - Übertragung Karin Uttendörfer).

Das Schweigen der Mutter

Paris, 1967. Im Frauengefängnis La Roquette kommt Angèle zur Welt. Noch als erwachsene Frau wird sie versuchen, das Schweigen ihrer Mutter zu ergründen. Von der Großmutter hat sie gelernt, zu tanzen ohne zu fallen, von der Mutter erhält sie nur eine rätselhafte Warnung und einen Zeitungsartikel.

››Sie hatte Angst vor dem Schweigen, Mila, sie versprach immer zu viel. Sie las mir Geschichten vor, die einer rosaroten Bibliothek entstammten, und ließ mich Jazzmusik hören. Am Ende glaubte ich, meine Mutter werde auf einer Burg gefangen gehalten, und hielt mich für die Tochter von Charlie Parker, weil Mila mir ins Ohr flüsterte, dass mein Vater Saxophon spiele, sich vermutlich irgendwo in Amerika aufhalte, ein Held dieser verführerischen Musik. Sie würfelte alles aus unseren beiden Traurigkeiten zusammen.

Sonntagmorgens rollte sie den Wohnzimmerteppich zusammen, stellte Musik an und ich tanzte. Ich versuchte mich als Ballettratte, die Arme grazil wie eine Blütenkrone über dem Kopf, während Mila sich für meine Lehrerin hielt und mir die Drehungen beibrachte, Fixiere einen Punkt, lass ihn nicht los, und du wirst nicht fallen, dann, sehr schnell ließ ich mich gehen und beschränkte mich darauf, mit dem Hintern hin- und herzuwackeln, während Mila, von ihrem Sessel aus, vergnügt lachte und sagte: Wenn man bedenkt, unterdessen sind die andern in der Messe!

Sie war Varieté- Tänzerin gewesen, es gab da ein Foto, oder vielmehr eine Trophäe, die auf dem Wohnzimmerbuffet prangte: eine Schar wohlgenährter Mädchen, in Miedern und Strapsen, funkelnd und glitzernd, die aus einem vergoldeten Rahmen lächelten. Die Dunkelhaarige mit den Netzstrümpfen in der zweiten Reihe von rechts, das war Mila.

Ich hörte ihr aufmerksam zu. Ich verstand nicht alles. Nur, dass Tänzerinnen glückliche Mädchen sind. Seit meine Augen über den Rand des Buffets blicken konnten, wurde ich nicht müde, sie zu betrachten, ich fixierte sie, als erwartete ich, dass sie zu tanzen anfingen. Ich brauchte Beweise. Warum hatten sich Milas Beine so derartig verändert? Warum, wenn sie doch getanzt hatten, steckten sie nun dick angeschwollen unter festen Verbänden? Im Grunde war ich wie alle Kinder, die sehr wohl die Wahrheit wissen, aber sie nicht wissen wollen. Ich irrte mich nur in der Lüge. Mir war es lieber, an Milas Vergangenheit zu zweifeln als an ihrem Versprechen, Helena wird kommen … ‹‹

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