Die Dinge von Georges Perec, Manholt-VerlagGeorges Perec

Die Dinge
(Leseprobe aus: Die Dinge, Roman, Manholt - Übertragung
Eugen Helmlé).

Vielleicht waren sie von Anfang an zu gierig: sie wollten zu schnell vorankommen. Es hätten ihnen die Welt, die Dinge von jeher gehören müssen, und sie hätten damit die äußeren Merkmale ihres Besitztums vermehrt. Aber sie waren zur Eroberung verurteilt: sie konnten noch so reich werden; sie konnten nicht so tun, als seien sie es schon immer gewesen. Sie hätten gern im Komfort, in der Schönheit gelebt. Aber sie schrien auf vor Begeisterung, brachen in Bewunderung aus, der sicherste Beweis dafür, daß sie nicht darin lebten. Es fehlte ihnen ­ vielleicht im negativsten Sinn des Wortes ­ die Tradition, die Gewißheit, der wahre, innewohnende und selbstverständliche Genußsinn, der einhergeht mit körperlichem Glück, während ihr Vergnügen geistig war. Zu oft liebten sie an dem, was sie Luxus nannten, nur das Geld, das dahinter stand. Sie erlagen den Merkmalen des Reichtums; sie liebten den Reichtum, bevor sie das Leben liebten. Ihre ersten Ausbrüche aus der Studentenwelt, ihre ersten Streifzüge in das Universum der Luxusläden, das bald ihr gelobtes Land werden sollte, waren in dieser Hinsicht besonders aufschlußreich. Ihr noch unsicherer Geschmack, ihre kleinlichen Bedenken, ihre mangelnde Erfahrung, ihr etwas bornierter Respekt vor dem, was sie für die Norm des wirklich guten Geschmacks hielten, brachten ihnen einige gemeine Bemerkungen, einige Demütigungen ein. Es konnte einen Augenblick scheinen, daß das Vorbild, nach dem sich Jérôme und seine Freunde in Fragen der Kleidung richteten, nicht der englische Gentleman, sondern dessen sehr kontinentale Karikatur war, die einen kürzlich Eingewanderten mit bescheidenem Einkommen darstellt. Und an dem Tag, als Jérôme sich seine ersten britischen Schuhe kaufte, achtete er darauf, nachdem er sie lange mit einem Wollappen und Schuhcreme von bester Qualität in kleinen, behutsamen, kreisförmigen Bewegungen eingerieben hatte, sie der Sonne auszusetzen, was ihnen ganz schnell eine außergewöhnliche Patina verleihen würde. Leider waren dies, neben einem Paar Mokassins mit steifem Oberleder und Kreppsohlen, die zu tragen, er sich hartnäckig weigerte, seine einzigen Schuhe: er überstrapazierte sie, lief damit über unebene Wege und richtete sie in weniger als sieben Monaten zugrunde. Dann, mit zunehmenden Alter, dank der gemachten Erfahrungen, schien es, als ob sie etwas Abstand von ihren überzogenen Wünschen gewonnen hätten. Sie konnten warten, sich gewöhnen. Ihr Geschmack formte sich langsam, wurde sicherer, ausgewogener. Ihre Wünsche hatten Zeit zu reifen; ihr Begehren wurde weniger heftig. Wenn sie in der Umgebung von Paris spazierengingen und bei den dörflichen Antiquitätenläden stehenblieben, stürzten sie sich nicht mehr auf die Fayenceteller, die Kirchenstühle, die großen, mundgeblasenen Bonbonnieren, die Messingleuchter. Sicher, in dem ein wenig statischen Bild, das sie sich vom Traumhaus, vom vollendeten Komfort, vom glücklichen Leben machten, gab es noch viele Albernheiten, viele Gefälligkeiten: sie liebten leidenschaftlich diese Gegenstände, die allein der Tagesgeschmack für schön erklärt: die Imitationen von Bilderbogen aus Epinal, die englischen Stiche, die Achate, die Fadengläser, den neobarbarischen Ramsch, den parawissenschaftlichen Trödel, was sich schon sehr rasch in sämtlichen Schaufenstern der Rue Jacob oder der Rue Visconti wiederfand. Noch träumten sie davon, all das zu besitzen; sie hätten ihr unmittelbares, offensichtliches Bedürfnis befriedigt, auf der Höhe der Zeit zu sein, als Kenner zu gelten. Aber diese anpasserische Überspitztheit verlor immer mehr an Bedeutung, und sie fanden Gefallen daran, sich zu sagen, daß das Bild, das sie sich vom Leben machten, sich allmählich von dem befreite, was es an Aggressivem, Auffallendem, manchmal Kindischem haben mochte. Sie hatten verbrannt, was sie bewundert hatten: die Zauberspiegel, die Holzklötze, die dummen kleinen Mobiles, die Radiometer, die bunten Kiesel, die mit Schnörkeln à la Mathieu versehenen Jutevorhänge. Es schien ihnen, daß sie ihre Wünsche immer mehr beherrschten: sie wußten, was sie wollten; sie hatten klare Vorstellungen. Sie wußten, was ihr Glück, ihre Freiheit sein würden. Und doch täuschten sie sich; sie waren im Begriff, sich zu verirren. Schon spürten sie, wie sie auf einen Weg gedrängt wurden, von dem sie weder den Verlauf noch das Ende kannten. Es kam vor, daß sie Angst hatten. Meist aber waren sie nur ungeduldig: sie fühlten sich bereit, sie waren verfügbar: sie warteten darauf zu leben, sie warteten auf das Geld. Jérôme war vierundzwanzig Jahre alt, Sylvie zweiundzwanzig. Beide waren Psychosoziologen. Ihre Arbeit, kein Beruf oder Metier im eigentlichen Sinn, bestand darin, Menschen mit Hilfe diverser Methoden über verschiedene Themen zu befragen. Es war eine schwierige Arbeit, die zumindest starke nervliche Konzentration erforderte, aber sie war nicht uninteressant, verhältnismäßig gut bezahlt und ließ ihnen beachtlich viel frei verfügbare Zeit. Wie fast alle ihre Kollegen waren Jérôme und Sylvie aus Notwendigkeit, nicht aus Hingabe Psychosoziologen geworden. Im übrigen weiß keiner, wohin die freie Entfaltung unbewußter Neigungen sie geführt hätte. Auch hier hatte die Geschichte für sie die Wahl getroffen. Gewiß hätten auch sie, wie alle Welt, sich gern einer Aufgabe gewidmet, gern in sich einen starken Drang verspürt, den sie Berufung genannt hätten, einen Ehrgeiz, der sie geadelt, eine Passion, die sie glücklich gemacht hätte. Leider kannten sie nur eine einzige: die, besser zu leben, und die beschäftigte sie völlig. Sie waren Studenten, und die Aussicht auf ein dürftiges Diplom und eine schlecht bezahlte Stelle in Nogent-sur-Seine, Chateaux-Thierry oder Etampes erschreckte sie so sehr, daß sie, kaum hatten sie sich kennengelernt ­ Jérôme war damals einundzwanzig und Sylvie neunzehn ­, fast ohne sich darüber verständigen zu müssen, ihr Studium abbrachen, das sie noch gar nicht richtig begonnen hatten. Das Verlangen nach Wissen verschlang sie nicht; in aller Bescheidenheit und ohne sich darüber hinwegzutäuschen, daß sie einen Fehler begangen hatten und ihre Entscheidung früher oder später bereuen würden, wünschten sie sich ein etwas größeres Zimmer, fließend Wasser, eine Dusche, abwechslungsreichere oder schlicht reichlichere Mahlzeiten als in der Mensa, ein Auto vielleicht, Schallplatten, Urlaub, Kleidung. Schon seit mehreren Jahren betrieb man in Frankreich Marktforschung,. Dieses Jahr expandierte sie nach wie vor sehr stark. Jeden Monat wurden neue Agenturen gegründet, ohne Grundlage oder fast ohne. Hier fand man leicht Arbeit. Meistens bestand sie darin, in Parks, vor Schulen oder in Vorstadtsiedlungen Familienmütter zu fragen, ob ihnen irgendeine neue Werbung aufgefallen sei und was sie davon hielten. Für diese schnellen Erhebungen, auch Testings oder Kurzbefragungen genannt, wurden hundert Francs gezahlt. Das war nicht viel, aber besser als Babysitting, Nachtwachen, Tellerwaschen oder all jene lächerlichen Jobs, die üblicherweise an Studenten vergeben werden: Prospektverteilung, Schreibarbeiten, Abfassen von Werbetexten, Straßenverkauf, Nachhilfeunterricht. Und dann konnte man bei diesen jungen Agenturen, die noch in den handwerklichen Anfängen steckten, wegen der neuen Methoden und dem gravierenden Mangel an geeigneten Mitarbeitern, auf baldige Beförderung und einen schwindelerregenden Aufstieg hoffen.

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