Bryant Park von Ulrich Peltzer, 2002, Ammann

Ulrich Peltzer

Bryant Park
(Leseprobe aus: Bryant Park, Erzählung, 2002,
Ammann)

Von zahllosen Fenstern in rechtwinkligen Mustern durchbrochene Fassaden aus Granit und Sandstein und Marmor, die steil aufragend die Rasenfläche hinter der Public Library an der fünften Avenue umschließen. Gedämpft nur noch dringt das Verkehrsgeräusch der großen Straße durch die Sträucher und Büsche am Rand des Areals, auch Bäume sind da, deren hellgrünes, leicht milchig schimmerndes Blattwerk einen umlaufenden Kiesweg mit dunklen Flecken tupft; die langsam ineinander fließen, wenn sich während des Nachmittags schon die Schatten der Häuser über den kleinen Park senken und ihn in eine zeitige Dämmerung tauchen. Auf dem festgestampften Kies, oder Schotter, wie heißt das?, stehen altmodische Klappstühle mit aufgeschraubten Holzleisten als Sitzfläche und Rückenlehne, mancher Besucher stellt zwei davon zusammen, um in der Mittagspause kurz die Beine hochzulegen, sein Lunchpaket verzehrend.

Nahebei in der vierzigsten Straße, die hier von Apartmentblöcken gesäumt wird, gibt es ein Schnellrestaurant, das asiatische Sandwiches verkauft, Tofu mit scharfen Saucen und Bambussprossen, bloß ein paar Schritte vom Haupteingang der Bibliothek entfernt: zwischen den hohen Säulen ihres Vorbaus auf die breite Freitreppe tretend, die zur fünften Avenue hinunterführt, blendet einen gleißendes Licht, am dunstigen Himmel zerschmelzen die Umrisse der Sonne, und zugleich ergreift den Körper die Schwüle der Stadt, heiße feuchte Luft, die unbewegt in den Straßen hängt, so dicht, dass man versucht ist, sie beim Gehen wie einen Schleier vor dem Gesicht zu teilen. Als würde sie auch den Schall schwerer und langsamer machen, als sei man in ein Bassin geworfen worden, scheint das, was man hört, um Bruchteile dem Bild hinterherzulaufen, verzögert das heulende Geflacker von Polizeisirenen und der in langen Wellen auf- und abschwellende Ton der Ambulanzfahrzeuge, nachdem man längst schon das dumpf blitzende, rote und blaue Signal auf den Wagendächern gesehen hat. Irgendwo in der sechsunddreißigsten sei ein Gerüst eingestürzt, wird gesagt, nein, ein Lastenaufzug, seitlich eingeknickt, so dass die Gefahr bestehe, dass Tonnen von Stahl, die ganze Einrüstung des Gebäudes zusammenbreche, alle Anwohner müssen evakuiert werden – behauptet mit Nachdruck (eine prall gefüllte Tüte von Macy’s in der Hand) einer der am Fuß der Stufen Stehenden, sonst könne das Gleiche wie letztens geschehen, ob man sich nicht erinnere, beständig wiederholt im lokalen Fernsehen die Aufnahme eines Krans, der das ebene Dach einer Seniorenresidenz durchschlagen hatte, vor wenigen Wochen erst, zwei alte Leute im darunterliegenden Zimmer tötend.

Elektronisch weißgerahmte Porträtfotos der beiden wurden eingeblendet, dann aufs Neue in flimmernden Pixeln ein gelbliches Gestänge, das schräg in der Luft zu hängen schien, als die Kamera es abtastete, über die verkreuzten, mehrfach gestauchten Stahlsprossen fuhr, bis schließlich der Krater ins Bild kam, ein ausgefranstes Loch mit zerfetzten Armierungseisen, wo vorher die Betondecke des Raumes gewesen war. Währenddessen schilderte eine Frauenstimme aus dem Off den Hergang des Unglücks, ein statisches Problem, wie so oft eine vermeidbare Nachlässigkeit, der heute nun, hier in Chelsea, zwei betagte Mitbürger zum Opfer gefallen seien, Teresa Ibanez und Walter Vanbiesbruck, nichtsahnend eine Partie Karten spielend. Der Kopf eines Augen- oder eher eines Ohrenzeugen füllte jetzt den Monitor vor den Fenstern der untergemieteten Wohnung aus, er sprach von donnerndem Krach, den man überall im Viertel gehört haben müsste, wie die Detonation einer Bombe, würde er mal sagen, wirklich ziemlich laut. Auf dem Schild, das vorne am Mikrofon der Reporterin befestigt war, stand Fox News (ja?), und immer, wenn sie sich vom Schauplatz des Geschehens meldete, nannte sie am Ende des Berichts ihren Namen und noch einmal den ihrer Station: als sei das Programm in eine sich selbst erzeugende Schlaufe geraten, folgten jeder Serie (das Fernsehen lief einfach so vor sich hin), jeder Talkshow an diesem Abend die Bilder des im Dach eines städtischen Altersheims steckenden Baukrans, die Fotografien, der Zeuge, indessen der Ton des Geräts, die Stimmen, von draußen eindringender nächtlicher Lärm sich vermischten mit dem vibrierenden Rauschen der Klimaanlage, die Sarah später doch eingestöpselt hatte, weil es sonst gar nicht auszuhalten gewesen wäre (frisst extrem Strom – ein handgeschriebener Zettel, der damals beim Einzug seitlich an dem rappligen Kasten klebte).

Der Verkehr staut sich, sinnlos drücken Fahrer ihre Hupen, weiter unten scheint die Straße gesperrt worden zu sein. Einige der vorbeieilenden Passanten halten sich die Ohren zu, eine junge Frau, die einen schwarzen Lederrucksack trägt, mit einem schmerzerfüllten Ausdruck auf ihrem blassen Gesicht. In der offenen Schiebetüre seines kastenförmigen Lieferwagens steht ein Mann in einem blauen Overall und blickt, sich an der Dachkante festhaltend, über die Autos nach vorne, ob man etwas erkennen kann, was ist da los?, die Augen brennen ein wenig von der Arbeit an einem der Lesegeräte im ersten Stock der Bücherei, auf Mikrofiches gespeicherte Taufregister neuenglischer Gemeinden nach bestimmten Namen durchsuchend, Variationen von Schreibweisen, fehlenden oder plötzlich dazugekommenen Buchstaben, die sich in die Worte einschmuggeln von einer Spalte zur nächsten; scheinbar vorsätzlich, könnte man meinen, und nicht nur, weil die Beamten, die Pfarrer, zu ungenau hinsahen, was in den Büchern schon stand, von ihren Vorgängern aufgeschrieben wurde mit Feder und Tinte, wie jemand heißen soll, Vater und Mutter.

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