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Insel 34
(Leseprobe aus: Insel
34, Roman, 2003, Piper)
In der Schulbibliothek fand ich einen Bildband mit historischen Aufnahmen aller vierunddreißig Inseln vor unserer Küste. Weil die anderen mich hänselten, na gehst du wieder pauken, traute ich mich selten in die Bibliothek und achtete darauf, daß mich niemand auf den mit grünem Teppich beklebten Stufen erwischte. Der Teppich, den sie nirgendwo anders im ganzen Gebäude verlegt hatten, war fleckig und aus Kunststoff, und wenn ich mit den Schuhen darüberschabte, lud ich mich elektrisch auf und knisterte an den Fingerspitzen. Weil ich das Gefühl mochte, schlurfte ich über die Stufen und entlud mich mit einem wohligen Schreck am Türgriff der Bibliothek. Vielleicht könnte ich Bibliothekarin werden, dachte ich und horchte in mich hinein, aber mein Herz schlug nicht schneller. Die Bibliothekarin hielt mich wohl für einen Bücherwurm, aber ich war genauso oft in der Turnhalle, wo ich an Tauen bis zur Decke kletterte, am Reck die Beine spreizte und Medizinbälle auf dem Kopf balancierte, oder im Musikraum, wo ich mich zwischen Flöten, Klavier und Bongos nicht entscheiden konnte und stundenlang herumzupfte und in die Tasten griff, bis man mich auf den Schulhof schickte, schön, daß du dich so interessierst, aber jetzt geh mal an die frische Luft zu deinen Freunden. Die Lehrer ermüdeten oft schneller als ich, sie hatten sich ja auch schon entschieden und mußten nicht alles gleichzeitig machen und dazu noch gemocht werden.
Zwischen den Bildbänden stieß ich auf einen
abgestoßenen Lederrücken mit kaum leserlicher Goldschrift: Die Inseln damals
und heute. Das Heute war lange her, auf den neueren Inselfotos hatten die Autos
noch gerundete Kühlerhauben, und Eselskarren verstopften die schlammigen
Dorfstraßen, aber vielleicht ist es ja dort immer noch so, dachte ich,
blätterte zurück und kam zu den älteren Aufnahmen, bräunlichen, leicht
verwischten Bildern, auf denen sich Leute mit strengen Mienen zu ordentlichen
Grüppchen aufgestellt hatten. Manche hielten feuchte Fische in die Kamera,
andere hatten Ziegen oder Schafe neben sich in die Reihe gezerrt und legten ihre
Hände besitzergreifend auf Tierhälse und Hörner. Einer hielt eine Art
sperrigen Dudelsack mit krummen Pfeifen unter dem Ellbogen. Die Kinder waren
glattgebürstet und hatten eckige Köpfe.
Ich wendete langsam die Seiten um, nicht ganz bei der Sache, weil gerade die
Klimaanlage der Schule anfing zu brausen, wie immer um Viertel nach vier, als
mich von einer halb herausgelösten Seite ein Kind direkt anschaute. Es hatte
weit aufgerissene Augen, Grübchen in den Backen, obwohl es nicht lächelte, und
geradegewachsene Augenbrauen, die sich über seiner Nase trafen, noch nie hatte
ich bei einem Kind solche Augenbrauen gesehen. Die Augen schaute ich mir genauer
an, beugte mich dicht über das wolkige Papier, bis sich der beharrliche,
versunkene Blick auflöste in Kratzer und Punkte. So will ich auch aussehen,
dachte ich und zog meine Augenbrauen zusammen, aber sie berührten sich nicht.
Der macht, was er will.
Dann suchte ich nach anderen Bildern von Insel Vierunddreißig, fand eine
einzige neuere Aufnahme vom Meer aus, auf der Vierunddreißig aussah wie ein
aufgeschwemmter Pfannkuchen in einer riesigen Pfütze, und blätterte zurück zu
dem Kind. Wenn ich jemals so aussähe, dachte ich, nähme mein Vater mich sofort
in die Mangel. Ich starrte auf seine Stirn, den geraden Strich seiner
Augenbrauen und sein verwaschenes Kinn, bis der Fünfuhrgong ertönte, ein
unsauberer elektronischer C-Dur-Dreiklang, das absolute Gehör hat sie auch,
sagte der Musiklehrer oft, was meinen Vater zu großen Hoffnungen bewegte, und
die Bibliothekarin schaute verständnisvoll, aber entschlossen zu mir herüber.
Ich wandte mich ab und riß mit einer lautlosen Bewegung das Bild aus dem Buch,
faltete es und schob es in die Hosentasche. Dann stellte ich den Bildband
zurück zwischen Antarktis und Beduinen, er hätte dort gar nicht stehen
dürfen, und schlurfte über den grünen Teppich nach draußen, bis ich die
elektrische Ladung unter den Fingernägeln spürte.
Warum waren wir eigentlich nie auf den Inseln,
fragte ich meine Eltern am Abendbrottisch, der wie immer sehr aufwendig gedeckt
war mit Tonkrügen voller Saft, frisch aufgeschnittenem Brot und Vaters
Lieblingskäse, einem pelzig verschimmelten Ziegenweichkäse, der mich
anwiderte. Die Inseln, wieso, sagte mein Vater, kennst du etwa irgend jemanden,
der schon einmal dort war. Die Antwort war meines Vaters nicht würdig, er tat
nie Dinge, bloß weil irgend jemand sie tat oder nicht tat, und das sagte ich
auch. Er stutzte und nickte mir dann anerkennend zu, vielleicht ahnte er schon
die ersten Vorläufer meiner neugeborenen Leidenschaft, dafür hat er ein
Gespür wie ein Bluthund. Die Inseln, sagte mein Vater und überlegte, die
Inseln sind teuer, trist und klimatisch benachteiligt. Ich nahm mir vor, etwas
über das Klima auf den Inseln herauszufinden. Man schläft dort nicht gut,
sagte meine Mutter. Es gibt dort nichts, was eine Reise wert wäre, sagte mein
Vater, ganz und gar nichts, was sollte das auch sein, die Fischer sind doch
längst ausgestorben. Nehme ich jedenfalls an. Das ist ein komisches Völkchen
dort draußen, sagte meine Mutter, die kommen ja nie da weg, die braten im
eigenen Saft, und das schon seit Jahrhunderten. Jahrtausenden. Plötzlich fiel
ihnen immer mehr ein, die Unterhaltung wurde ungewöhnlich lebendig. Ich trank
Kirschsaft und sagte nichts mehr, sie hatten meine Frage vergessen und tauschten
Inselgeschichten aus, aber woher wissen die das alles, dachte ich.
Bald begann die Leidenschaft aufzukeimen und unübersehbar zu werden. Mein Vater
merkte es als erster. Du siehst anders aus, sagte er, als ich drei Stunden zu
spät aus der Schule kam, weil ich in der Bibliothek Studien über das Leben in
ländlichen Gemeinschaften gelesen und mich mit der Bibliothekarin über die
Insel Achtundzwanzig unterhalten hatte, auf die sie beinahe früher einmal
gereist wäre, ich war drauf und dran, sagte sie mit einer bangen, leicht
schwankenden Stimme, drauf und dran. Ganz erhitzt siehst du aus, sagte mein
Vater mißtrauisch und hoffnungsvoll, wo hast du denn gesteckt. Ich beschloß,
ihm und mir von nun an das Leben zu erleichtern, und sagte so abweisend wie
möglich, ich mußte etwas nachsehen. Nachsehen, sagte mein Vater, was denn
nachsehen, wenn man fragen darf. Ich wandte mich ab, holte den Spiralblock aus
der Tasche, in dem ich von nun an alle Inselnotizen sammelte, und vertiefte mich
in mein Gekritzel. Was hast du denn da, sagte mein Vater und stellte sich hinter
mich, was denn nachsehen. Über die Inseln, murmelte ich, da gibt es so einiges.
Aha, sagte mein Vater laut und trat einen Schritt zurück, die Inseln also. Halt
mich auf dem laufenden.
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