Die Frau in der Streichholzschachtel von Nicki Pawlow, 2007, Dittrich

Nicki Pawlow

Die Frau in der Streichholzschachtel
(Leseprobe aus: Die Frau in der Streichholzschachtel, Roman, 2007, Dittrich Verlag).

PROLOG

Als ich seine Stimme höre, läuft der Film in meinem Kopf rückwärts. Immerhin kenne ich ihn schon seit vielen Jahren. Ich kenne ihn schon, seit ich denken kann. Er und seine Kollegen gehörten so selbstverständlich zu meinem Alltag wie Lassi, Bonanza und Winnetou. Weiter, immer weiter spult der Film zurück.

Da, jetzt stoppt er, der Bildschirm flackert kurz, und ich sehe ihn auf der Mattscheibe unseres Schwarz-Weiß-Fernsehers, Marke RFT. Er steht vor dem Palast der Republik in Ost-Berlin, an dessen Front das Staatswappen der Deutschen Demokratischen Republik prangt. Sein Kopf neben Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Es regnet Bindfäden. Ernst blickt er in die Kamera. Mit hochgezogenen Schultern. Er trägt einen hellen Trenchcoat und, wie es damals modern war, eine Hornbrille. Sein Haar ist feucht, winzige Regentropfen sitzen auf den Brillengläsern. Immer wenn er ins Mikrofon spricht, das er mit der rechten Hand vor den Mund hält, formt sich sein Atem zu weißem Dampf.

Es ist der 17. November 1976. Gestern ist Wolf Biermann ausgebürgert worden. Er darf nach einem Konzert in Köln nicht wieder zurück in die DDR. Ich verfolge das Geschehen auf dem Bildschirm zusammen mit meinen Eltern. Ich bin elf Jahre alt und wohne in Nordhausen am Harz. Bis zu unserer Flucht in den Westen wird nur noch ein knappes Jahr vergehen.

1

"Können Sie denn überhaupt etwas mit meinem Namen anfangen?"

Das Bild vor meinem geistigen Auge zerplatzt wie eine Seifenblase. „Wolfgang Kiefer“, sage ich, „dreiundfünfzig Jahre alt, Fernseh-Korrespondent.“

Er lacht.

Ich sehe mich auf der Straße stehen, an einem nieselgrauen Septembertag in Berlin. Ich bin ihm ohne Mantel nachgelaufen. Er lächelt mich an und berührt mit seinem Daumen die Stelle zwischen meinen Augenbrauen.

Während eines Seminars hatten wir uns kennengelernt. Ich war achtzehn. Und obwohl unsere Begegnung nur kurz war, hat sie sich mir unauslöschlich eingeprägt.

Sieben Jahre ist das nun her. Sieben Jahre, fünf Briefe von mir, drei Anrufe von ihm.

„Ich habe eine Pressemitteilung erhalten, die von Ihnen unterschrieben ist“, sagt er. „Seit wann sind Sie denn bei der Treuhandanstalt?"

Ich lehne am Schreibtisch in dem Büro, das ich mir mit Karola teile, und sehe aus dem Fenster auf das Hotel Stadt Berlin. Es ist ein trüber Novembertag, ein Jahr nach dem Mauerfall.

„Seit ein paar Monaten“, rufe ich und presse den Hörer fester ans Ohr. Das andere halte ich mit der Hand zu.

„Warum brüllen Sie denn so?“, fragt er gutgelaunt.

„Weil es hier zugeht wie in einem Taubenschlag“, rufe ich.

Tatsächlich ist unser Büro voller Menschen, alle reden durcheinander und wollen was von uns: Gehört das Braunkohle-Kombinat in Cottbus schon zur Treuhand, und hast du die Telefonnummer? Ich brauch mal die Liste von allen Unternehmen mit mehr als fünfhundert Beschäftigten! Kennst du jemanden, der früher Dampfkessel hergestellt hat und wo kann ich den jetzt erreichen? Funktioniert Euer Fax? Wo find ich am schnellsten einen Juristen!

„Hört sich an wie auf dem Moskauer Bahnhof“, sagt er.

Dieses Mal lache ich und sage: „Das sind lauter Investoren, Kombinatsleiter und Journalisten. Die einen interessieren sich für einen Betrieb, den sie kaufen wollen, die anderen geben Sanierungskonzepte ab und wieder andere wollen Interviews. Und eine Pressekonferenz jagt die andere. Die nächste ist um elf Uhr.“

Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © Nicki Pawlow