Jean Paul. Eine Reisebiographie von Dieter Richter, 2012, TransitJean Paul

Briefe
(Leseprobe aus: Jean Paul, Eine Reisebiographie, 2012, Transit Verlag, von Dieter Richter).

»Ich habe die Antiken gesehen, verklärt bei Fackeln nachts 10 Uhr – ferner das Naturalienkabinett – die fürstliche heilige Familie nebst dem plattgedrückten Hoftroß in der katholischen Kirche an der Himmelfahrtsfeier, wo zugleich das Kind einer Prinzessin hineingetragen wurde, das die Trompeter taub bliesen gegen künftige Bitten. Ich habe dabei meine demokratischen Zähne geknirscht, am meisten über das gekrümmte Sklavenvolk von Dresdnern, die nicht schön, nicht edel, nicht lesbegierig, nicht kunstbegierig sind, sondern nur höflich.«
An Christian Otto, Dresden, 21. Mai 1798


»Ich sprach und aß in Sanssouci mit der gekrönten Aphrodite [= Königin Luise], deren Sprache und Umgang ebenso reizend ist als ihre edle Musengestalt. Sie stieg mit mir überall auf der heiligen Stätte herum, wo der große Geist des Erbauers sich und Europa beherrscht hatte. Geheiligt und gerührt stand ich in diesem Tempel des aufgeflognen Adlers. Die Königin selber verehrt Friedrich so sehr, daß sie sagte, durch ihre Gegenwart würde diese Stelle entweiht, was wohl niemand zugibt, der Augen hat für – ihre. Sie nahm meine Dedikation [des ›Titan‹-Romans] und den Brief dabei mit vieler Freude auf. An der Tafel herrschte Unbefangenheit und Scherz.«
An Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Berlin, 14. Juni 1800

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