Das näöchste große Ding von Kathrin Passig, 2006, Verbrecher Verlag

Kathrin Passig

Die Luftschlossmakler
(Lesprobe aus: Das nächste große Ding, 2005, Verbrecher Verlag, gemeinsam mit Holm Friebe)

Die Vision vom Ende der Wegwerfgesellschaft gehört spätestens seit den 70ern zum Standardinventar alternativ-utopischen Denkens. Zuletzt hat sie Claus Leggewie in „Die 89er“ aktualisiert; als Projektionsfläche dient ihm dabei – das Buch erschien 1995, und vom Internet war in Soziologenkreisen noch keine Rede – das kleine Land Uruguay mit seiner Bastlerkultur: „Uruguay hat noch ein Gedächtnis und die Werkzeuge, um so wenig wie möglich kaputt gehen zu lassen. Wohlgemerkt: Dieses konservative Wissen hat sich eine relativ reiche Gesellschaft bewahrt, die freiwillig auf den vollständigen Anschluss ans Weltniveau verzichtet. Die Bastler von Montevideo handeln aus freiem Entschluss, anders als die Müllsammler der Mega-Metropolen der Dritten Welt, die das Recycling aus blanker Not betreiben.“
Wir können weder beurteilen, inwieweit dieses idyllische Bild den Tatsachen entsprach, noch wissen wir, was aus den ominösen 89ern wurde. Wohl aber können wir feststellen, dass heute selbst der Westen dem Übergang von der linearen in die zirkulare Ökonomie ein gutes Stück näher gekommen ist. Und zwar dank eBay. Mit weltweit über 100 Millionen registrierten Usern und einem Handelsvolumen von über 30 Milliarden US $ – das entspricht knapp dem Dreifachen der Wirtschaftsleistung Uruguays – ist über die Internet-Auktionsplattform eine prosperierende weltweite Sekundärökonomie entstanden. Es liegt auf der Hand, dass eBay den Wohlstand der Volkswirtschaft mehrt, indem es – wie es im Vokabular der VWL heißt – eine optimale Allokation der Ressourcen erzielt. Nur taucht dieser Effekt, sofern es sich um private Verkäufe handelt, nicht in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf und schlägt sich daher nicht in Bruttoinlandsprodukt und Wirtschaftswachstum nieder, wie das Statistische Bundesamt auf Anfrage bestätigt.
Im Klartext: Gäbe es eBay nicht, ginge es vielen Haushalten tatsächlich so schlecht, wie es die Wirtschaftsdaten ausdrücken – in Deutschland verdienen nach Schätzungen des eBay-Geschäftsführers Philip Justus mehr als 10.000 Menschen ihren Lebensunterhalt durch Onlineauktionen. Die volkswirtschaftliche Aktivierung des Altbestandes an Schrott und Gerümpel hilft jenen, die über mehr Zeit als Geld verfügen, einen Teil dieser Zeit fernab vom Arbeitsmarkt wieder in Geld einzuwechseln. Nach Hartz IV sieht Passig/Friebe I die Umschulung von Langzeitarbeitslosen zu eBay-Powersellern vor. Haushalte zu Produktionsstätten! Das meinte übrigens auch Zukunftsforscher Alvin Toffler, als er den Begriff „Prosuming“ in Umlauf brachte: Konsumenten werden gleichzeitig zu Produzenten, die Produktionssphäre und die – marxistisch gesprochen – Reproduktionssphäre verschmelzen. Und damit ist nicht nur das Zusammenstecken von Kugelschreiberhülsen gemeint.
Die nächsthöhere Stufe dieser Schattenproduktion und -wertschöpfung findet im virtuellen Raum selbst statt, wo
immaterielle Erzeugnisse gegen reales Geld den Besitzer wechseln. So hat der Wirtschaftswissenschaftler Edward Castronova Anfang 2002 in einer Studie ermittelt, dass die Spieler des Online-Rollenspiels „Everquest“ zusammen durch den eBay-Verkauf virtueller Devisen, Grundstücke, Waffen und anderer begehrter Waren ein reales Handelsvolumen von über fünf Millionen US $ erwirtschaften. Die Everquest-Währung „Platinum Piece“ wurde zum Zeitpunkt der Untersuchung zu etwa einem US-Cent gehandelt und war damit wertvoller als etwa Yen oder Lira. Das Pro-Kopf-Sozialprodukt von Norrath, so heißt das virtuelle Land in Everquest, lag an 77. Stelle in der Welt zwischen Russland und Bulgarien. Ein Jahr später schätzte der Kolumnist Julian Dibbell in „Wired“ die Gesamtwertschöpfung der größeren Online-Rollenspiele auf über 300 Millionen Dollar. Von diesem Kuchen wollte Dibbell ein Stück abhaben, wie sein „Play Money“-Weblog dokumentiert: Ein Jahr lang kaufte und verkaufte er virtuelle Güter, zuerst auf eBay, später über spezialisierte Broker-Kanäle. Dibbells Fazit: „Spielend Geld verdienen war Arbeit, harte Arbeit, und vor allem Arbeit, an der alle traditionellen Definitionen des Spielens versagten. Das Spiel war keine Ablenkung vom richtigen Leben, vorübergehend war es mein richtiges Leben – mit allen existenziellen Bürden, die das Leben so mit sich bringt.“
Ob Unterhaltung oder Unterhalt, die Geschäfte liefen gar nicht schlecht. Lohnt sich also die Umschulung zum Luftschlossmakler? Eher nicht. Wie Dibbell – der den Job inzwischen wieder an den Nagel gehängt hat – herausfand, ist eine herkömmliche Kolumnistenkarriere immer noch genauso einträglich.

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