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Erzähl mir nichts vom Wundern
(Leseprobe aus: Erzähl mir nichts vom
Wundern, Roman, 2006, Piper
- Übertragung Christiane Buchner)
1
»Deine Eltern versauen dir die erste Hälfte des Lebens«, hatte ihre Mutter
gesagt, als Cat elf war, »und deine Kinder die zweite.«
Mit einem dünnen Lächeln hatte sie das gesagt, als würde sie einen schlechten
Witz erzählen.
Cat war ein außergewöhnlich intelligentes Kind und wollte diese Behauptung näher
ergründen. Wodurch genau hatte sie ihrer Mutter das Leben versaut? Doch dazu
blieb keine Zeit. Ihre Mutter hatte es eilig. Draußen wartete das Taxi.
Eine von Cats Schwestern heulte, vielleicht sogar alle beide. Cats Mutter kümmerte
das wenig. In dem wartenden Taxi saß nämlich ein Mann, der sie liebte, der ihr
hübsche Dinge sagte und ganz gewiß das Gefühl gab, irgendwo da draußen warte
ein unversautes Leben auf sie, vermutlich irgendwo hinter der Tür seiner
gemieteten Luxuswohnung in St. John’s Wood.
Das Kinderschluchzen wurde lauter, als Cats Mutter ihre Koffer und Taschen nahm
und zur Tür ging. Im Nachhinein war Cat sich sicher, daß ihre beiden
Schwestern geheult hatten, während sie selbst knochentrockene Augen gehabt und
vor Schock wie versteinert dagestanden hatte.
Als die Tür hinter ihrer Mutter zukrachte und nur noch der Hauch ihres Parfums
zurückblieb – Chanel Nº 5, denn ihre Mutter hatte sowohl bei Männern als
auch bei Düften einen berechenbaren Geschmack –, wurde Cat mit einemmal klar,
daß sie nun die Älteste im Haushalt war.
Elf Jahre – und plötzlich lastete die ganze Verantwortung auf ihr.
Sie starrte auf das alltägliche Chaos, dem ihre Mutter soeben entflohen war.
Spielsachen, Essensreste und Kleider lagen auf dem Wohnzimmerfußboden
verstreut, Baby Megan, ein kleiner mondgesichtiger Buddha, die mit ihren drei
Jahren eigentlich gar kein Baby mehr war, saß mitten im Zimmer und brüllte,
weil sie sich bei der Bearbeitung eines Kekses auf die Finger gebissen hatte. Wo
war bloß das Kindermädchen? Megan sollte vor dem Essen doch gar keine Kekse
essen.
Jessica, eine blasse, melancholische Siebenjährige, die Cat schwer im Verdacht
hatte, Papas Liebling zu sein, lag zusammengerollt auf dem Sofa, lutschte am
Daumen und heulte, weil – ja weil das die Lieblingsbeschäftigung von Heulsuse
Jessica war. Weil Baby Megan ihre Barbie-Stewardeß durchs Zimmer gepfeffert und
dabei deren Getränkewägelchen kaputtgemacht hatte. Und vielleicht vor allem
deswegen, weil ihrer Mutter das Fortgehen so leicht gefallen war.
Cat hob Megan hoch und kletterte mit ihr aufs Sofa, wo Jessica an ihrem Daumen
lutschte, als wäre sie hier das Baby im Haus. Dann hievte sich Cat ihre jüngste
Schwester auf die Hüfte und sagte zur anderen: »Komm schon, du Knalltüte«.
Sie schafften es gerade noch.
Kaum drückten die drei Schwestern ihre Nasen an das Wohnzimmerfenster ihres
frisch ruinierten Zuhauses, fuhr das Taxi auch schon an. Cat sah noch die
Silhouette des Mannes im Profil: ein ziemlich gewöhnlich aussehender Mann, der
dieses ganze Chaos eigentlich gar nicht wert war. Und dann drehte sich ihre
Mutter ein letztes Mal um.
Sie war sehr schön.
Und sie war fort.
Mit dem Abschied ihrer Mutter ging Cats Kindheit stillschweigend zu Ende – für
diesen Tag und für den Rest ihres Lebens.
Der Vater der drei Kinder tat, was er konnte – »Für den besten Papa der Welt«
schrieben Cat, Jessica und Megan alljährlich auf ihre Vatertagskarten, die
jungen Herzen übervoll vor Zuneigung –, und die Kindermädchen waren meistens
viel netter, als sie es hätten sein müssen. Noch Jahre später kamen
Weihnachtsgrüße vom ehemaligen Au-pair-Mädchen aus Helsinki und der
Kinderfrau aus Manila. Aber irgendwann kehrten selbst die innigst geliebten
Kinderbetreuerinnen wieder in ihr richtiges Leben zurück, und auch der beste
Papa der Welt mußte sich viel mit seiner Arbeit beschäftigen und die übrige
Zeit damit, einigermaßen zu verkraften, was ihm da widerfahren war. Hinter
seiner zurückhaltenden, galanten Fassade, hinter all seiner Freundlichkeit und
seinem Charme – »Er sieht doch echt aus wie David Niven«, zwitscherten
fremde Teenager den Kindern zu, als diese älter wurden –, hinter all dem
witterte Cat innere Aufruhr, Panik und eine unendliche Traurigkeit. Kein Mensch
wird absichtlich zum alleinerziehenden Elternteil. Natürlich liebte ihr Vater
seine drei Mädchen auf seine ruhige, liebe, unspektakuläre Art, daran hatten
Cat, Jessica und Megan nie den geringsten Zweifel, aber anscheinend war er noch
weniger auf die Situation vorbereitet gewesen als die meisten anderen.
Als Älteste lernte Cat, die Lücken zu schließen, die sich in der langen
Parade der Kindermädchen und Au-pairs immer wieder auftaten. Sie kochte und paßte
auf die Kleinen auf, putzte flüchtig und räumte ständig auf (die Kindermädchen
weigerten sich zum Großteil, auch nur einen Staublappen anzufassen, als verstieße
dies gegen irgendwelche ominösen Gewerkschaftsregeln). Cat lernte, wie man das
richtige Programm an der Waschmaschine einstellt oder die Alarmanlage abstellt
und brachte sich nach ein paar von Tiefkühlkost und Schnellimbiß geprägten
Monaten selber das Kochen bei. Etwas aber lernte sie schnell und ganz von
allein: Noch bevor sie ein Teenager wurde, hatte Cat Jewell eine ziemlich genaue
Ahnung davon, wie allein man sich auf dieser Welt fühlen kann.
Und so wuchsen die drei Schwestern heran.
Megan: hübsch und rundlich – kurvenreich nannten es ihre Schwestern –, die
einzige der drei, die immer auf ihr Gewicht achten mußte; ausgerechnet sie ein
kleines Genie in der Schule und mit der ganzen Unerschrockenheit des jüngsten
Geschwisterkinds gesegnet.
Jessica: die rehäugige Träumerin, das Sensibelchen, das ebensoschnell lachte
wie weinte, und erstaunlicherweise diejenige, die den größten Verehrerkreis
hatte; hinter den Fahrradschuppen und in den Bushäuschen des Londoner Vororts
fahndete sie nach der großen Liebe, immer die Sehnsucht nach dem intakten
Bilderbuchzuhause im Herzen.
Und Cat: die bald so groß war wie ihr Vater, aber nie aus dem schmalbrüstigen,
langgliedrigen Tänzerinnenkörper herauswuchs, und nie aus der unsäglichen Wut
über das Verlassenwerden, auch wenn sie lernte, ihre Narben hinter dem
Kommandoton des ältesten Geschwisterkinds zu verstecken.
Sie hingen wie die Kletten aneinander und an einem Vater, der kaum da war, und
vermißten ihre Mutter, selbst wenn sie im Chaos versanken und eine gehörige
Wut auf sie hatten. Und nach einer Weile gehörte die Tatsache, daß Cat auf
ihre Kindheit verzichten mußte, zu den geringsten familiären Sorgen.
Cat liebte ihren Vater und ihre Schwestern, obwohl sie sie oft wahnsinnig
machten, doch als es dann soweit war, flüchtete sie mit einem Seufzer der
Erleichterung nach Manchester an die Uni. »Sobald die Tür nur einen Spalt
offengestanden hatte«, erklärte sie ihren neuen Freundinnen gern. Und während
Jessica ihren ersten ernstzunehmenden Freund heiratete und Megan mit ihrem
allerersten Freund zusammenzog, widmete sich Cat voll und ganz ihrem Studium und
später ihrer Arbeit, ohne es eilig zu haben, sich ein Zuhause zu schaffen, eine
Familie zu gründen und in die Tyrannei des häuslichen Lebens zurückzukehren.
Damit kannte sie sich nämlich aus. Familienleben hieß: ein leerer Kühlschrank,
eine Mutter, die sich aus dem Staub gemacht hatte, eine heulende Jessica und
eine kleine Megan, die ständig »Keh-kse! Kehk-se!« krähte.
Familienleben hieß: ein Vater, der immer gerade irgendwo arbeitete, ein
Au-pair-Mädchen, das im Gartenhäuschen mit irgendeinem Boyfriend zugange war,
und die Tatsache, daß im ganzen Haus kein einziger verdammter »Kehks« zu
finden war.
Mehr als ihre beiden Schwestern hatte Cat den ganz normalen Frauenalltag hautnah
mitbekommen: das schwere Schuften, die undankbare Plackerei, den ewigen Kampf,
bis alle Bäuche voll, alle Gesichter sauber, alle Hintern abgeputzt, alle Tränen
getrocknet und alle Wäscheberge abgetragen waren.
Sollten Jessica und Megan sich doch ihr Nest bauen, Cat wollte davonfliegen und
so lange wie möglich in der Luft herumsegeln. Dennoch war ihr klar, daß das
nicht als Lebenseinstellung taugte, sondern aus einer Verletzung herrührte, und
nach dem ersten Semester faßte sie sich ein Herz und schleuderte der Mutter
ihre Wut über die geraubte Kindheit entgegen.
»Was warst du überhaupt für eine Mutter? Was für ein Mensch?«
»Deine Eltern versauen…«
»Ach, leg ’ne neue Platte auf.« Cat dachte gar nicht daran ihre Lautstärke
zu dämpfen.
Megan starrte ihre große Schwester verblüfft an, Jessicas Kinn zitterte
bedenklich. Sie saßen in einer eleganten Patisserie in St. John’s Wood, wo
man hinter der Theke Französisch parlierte und auf echt gallische Art mit den
Achseln zuckte.
»Du warst schließlich unsere Mutter«, sagte Cat. »Ein bißchen Bemuttern hätte
uns zugestanden. Ich rede hier nicht von Liebe, Mutterherz, sondern schlicht von
menschlichem Anstand. War das zuviel verlangt?«
Mittlerweile brüllte Cat fast.
»Keine Bange, meine Liebe«, sagte ihre Mutter, zog ungerührt an einer
Lightzigarette und beäugte den jungen Kellner, der ihr ein noch warmes
Schokocroissant hinstellte. »Irgendwann wirst du selbst mal mißratene Blagen
haben.«
Nie, dachte Cat.
Nie im Leben.
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