Andreas Parschat

Der blinde Coriolis

An manchen Orten dreht die Welt sich anders -

Du, der atemlose Passagier, gleichsam auf der Durchreise,

wie es scheint. Jedoch:

An diesem Ort schon tausendmal gewesen.

Tausendmal auf die Uhr gestarrt,

wartend, auf die richtige Sekunde

zum Weiterreisen.

Hinter elektrischen Fenstern geht die Sonne unter.

Fahle Neonfarben kriechen über Deine

beklagenswerte Realität.

Selbst die Museen haben hier geschlossen.

Nur nicht für diejenigen, welche

sich seit einer Ewigkeit

in den staubigen Windungen verstecken;

zähnebleckend

trotzen sie der Ewigkeit Augenblick um

Augenblick ab.

Du starrst durch die geschlossenen Vorhänge.

Weitergehen, sagt eine Stimme aus dem Halbdunkel, bitte

gehen Sie weiter, wir haben

nicht geöffnet.

Du lüftest Deinen Hut, im Vorübergehen, und grinst zurück.

Ganz der Herr alter Schule, bis Du

außer Sicht bist.

Die Schatten schlagen lautlos auf Dich ein.

An manchen Orten dreht die Welt sich anders.

Hier bist Du nie gewesen, dies ist nicht

Dein Platz.

Schwerkraft übt sich in verschiedener Richtung.

Lächelnde Gesichter in grinsenden Stundengläsern -

Verschleierte Prozessionen ziehen durch die schneidende

Stille der Nacht.

Türen öffnen sich und werden geschlossen,

unsichtbare Schritte entfernen sich

entgegen Deiner Richtung.

Du, der wachsame Reisende: Den Mantelkragen hochgeschlagen,

starrst Du argwöhnisch über den Rand Deiner Brille,

auf der Suche nach einer Ecke, hinter der

noch niemand steht.

Der Schrecken hat ganz reale Schlafzimmer,

gediegene Räumlichkeiten.

Auf dem Friedhof gähnen die ausgehobenen Gruben, mit

bunten Lichterketten geschmückt.

Licht in der Farbe von wächsernen Tote sickert auf

die Nachtwege hinaus,

Du machst große Bögen um diese

namenlosen, hellen Tümpel -

drinnen gehen laufend Züge ab in schwarze Gebiete.

An manchen Orten dreht die Welt sich anders:

Du, einer von den Verlorenen,

ein Drifter ohne gültigen Fahrschein,

weiter fort von diesem vertrauten, fremden Ort...

die schwarze Brille, drei Punkte auf gelbem Grund und

ein weißer Stock.

Schritte ziehen sich hastig von der Straße zurück.

Glasklare Augen sehen ihnen hinterher.

IV01© LYRIKwelt