Der blinde Coriolis
An manchen Orten dreht
die Welt sich anders -
Du, der atemlose Passagier, gleichsam auf
der Durchreise,
wie es scheint. Jedoch:
An diesem Ort schon tausendmal gewesen.
Tausendmal auf die Uhr gestarrt,
wartend, auf die richtige Sekunde
zum Weiterreisen.
Hinter elektrischen Fenstern geht die Sonne
unter.
Fahle Neonfarben kriechen über Deine
beklagenswerte Realität.
Selbst die Museen haben hier geschlossen.
Nur nicht für diejenigen, welche
sich seit einer Ewigkeit
in den staubigen Windungen verstecken;
zähnebleckend
trotzen sie der Ewigkeit Augenblick um
Augenblick ab.
Du starrst durch die geschlossenen
Vorhänge.
Weitergehen, sagt eine Stimme aus dem
Halbdunkel, bitte
gehen Sie weiter, wir haben
nicht geöffnet.
Du lüftest Deinen Hut, im Vorübergehen,
und grinst zurück.
Ganz der Herr alter Schule, bis Du
außer Sicht bist.
Die Schatten schlagen lautlos auf Dich ein.
An manchen Orten dreht die Welt sich anders.
Hier bist Du nie gewesen, dies ist nicht
Dein Platz.
Schwerkraft übt sich in verschiedener
Richtung.
Lächelnde Gesichter in grinsenden
Stundengläsern -
Verschleierte Prozessionen ziehen durch die
schneidende
Stille der Nacht.
Türen öffnen sich und werden geschlossen,
unsichtbare Schritte entfernen sich
entgegen Deiner Richtung.
Du, der wachsame Reisende: Den Mantelkragen
hochgeschlagen,
starrst Du argwöhnisch über den Rand
Deiner Brille,
auf der Suche nach einer Ecke, hinter der
noch niemand steht.
Der Schrecken hat ganz reale Schlafzimmer,
gediegene Räumlichkeiten.
Auf dem Friedhof gähnen die ausgehobenen
Gruben, mit
bunten Lichterketten geschmückt.
Licht in der Farbe von wächsernen Tote
sickert auf
die Nachtwege hinaus,
Du machst große Bögen um diese
namenlosen, hellen Tümpel -
drinnen gehen laufend Züge ab in schwarze
Gebiete.
An manchen Orten dreht die Welt sich anders:
Du, einer von den Verlorenen,
ein Drifter ohne gültigen Fahrschein,
weiter fort von diesem vertrauten, fremden
Ort...
die schwarze Brille, drei Punkte auf gelbem
Grund und
ein weißer Stock.
Schritte ziehen sich hastig von der Straße zurück.
Glasklare Augen sehen ihnen hinterher.
IV01© LYRIKwelt