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Schicksal
(Leseprobe aus :
Schicksal,
Roman, 2001, Kunstmann - Übertragung
Ulrike Becker)
Etwa drei Monate nachdem ich nach England
zurückgekehrt
war und endlich – abgesehen von der ärgerlichen Ausnahme des
Andreotti-Interviews – die Materialsammlung für das Buch abgeschlossen
hatte, mit dem ich mir nach einer ansehnlichen Karriere
ein Denkmal zu setzen gedachte – ein erschöpfendes, in sich vollkommen
stimmiges und dadurch unwiderlegbares Werk, so mein
Plan –, erhielt ich eines Morgens, als ich, wie der Zufall es wollte,
gerade an der Rezeption des Hotel Rembrandt in Knightsbridge
stand, einem Ort übrigens, der für mich gewissermaßen sowohl
Erfolg als auch Versagen symbolisiert, den Anruf, der mich vom
Selbstmord meines Sohnes in Kenntnis setzte. »Es tut mir leid«,
sagte die Stimme auf Italienisch. »Es tut mir sehr leid«. Beim Auflegen
des Hörers, noch ehe Trauer oder Schuldgefühle meinen auf
Hochtouren arbeitenden Verstand benebeln konnten, wurde mir
mit geradezu verstörender Deutlichkeit bewußt, daß dies für mich
und meine Frau das Ende bedeutete. Das Ende unseres gemeinsamen
Lebens, meine ich. Es gibt keinen Grund mehr, sagte ich mir,
schockiert von der Klarheit und Schärfe dieser jähen Erkenntnis
und unter Umgehung all jener Gefühle, die man bei einem derartigen
Verlust im ersten Moment erwarten würde, keinen einzigen
Grund, warum du und deine Frau noch zusammenbleiben solltet,
jetzt, wo euer Sohn tot ist. Wo euer Sohn Selbstmord begangen
hat! So daß es mir, während ich stumpfsinnig über den dicken
Teppich und die polierten Holzflächen in der übertrieben prunkvollen
Hotellobby blickte, ähnlich wie ich jetzt, mit zwei Flug-
tickets in der Hand, stumpfsinnig durch die vom Streik lahmgelegte
Abflughalle in Heathrow blicke, so vorkam und noch so vorkommt,
als sei dies im Grunde die einzige Neuigkeit gewesen, die
mir dieser Telefonanruf brachte: nicht die Nachricht vom Tod
meines Sohnes, denn der ist schon vor langer Zeit gestorben, sondern
die Ankündigung der unvermeidlichen und unmittelbar bevorstehenden
Trennung von meiner Frau. Ich konnte plötzlich an
nichts anderes mehr denken.
Nicht nur die Fluglotsen in Frankreich und Italien machten
Dienst nach Vorschrift, auch die U-Bahn stand still. Meine Frau
war wie betäubt. Ich war eilig mit ihr zur South Kensington Station
gelaufen, denn ich wußte, mit der U-Bahn würden wir schneller
sein als mit dem Taxi. Ich empfand tiefes Mitleid mit meiner Frau,
empfand aber gleichzeitig eine wachsende Angst vor der Reaktion,
die irgendwann kommen mußte und die mit Sicherheit vorwurfsvoll
ausfallen würde. Vor den Bahnsteigsperren drängten sich die
Menschen, und alle paar Minuten informierte uns eine Lautsprecherdurchsage
darüber, daß sich in St. James Park eine behinderte
Frau an einen Zug gekettet hatte. Wir müssen doch ein Taxi nehmen,
sagte ich. Ausnahmsweise ließ meine Frau sich von mir
führen wie ein Kind. Natürlich waren alle Taxis besetzt.
Ja, es war wirklich ein Glück, denke ich hier in der Abflughalle,
einer dieser merkwürdigen Fälle von Glück im Unglück, daß ich
gerade unten in der Lobby war und mit der Frau an der Rezeption
sprach, als dieser Anruf kam. Denn sonst wäre er in unser Zimmer
durchgestellt worden und meine Frau hätte die Nachricht mit der
gleichen brutalen Direktheit gehört wie ich. Ihr Sohn hat sich mit
einem Schraubenzieher erstochen, Mr. Burton. Wie? wollte sie
wissen. Ich hatte für den Weg zurück aufs Zimmer eine gute Viertelstunde
gebraucht. Ein Unfall. Die Verbindung war schlecht. Er
hat keine weiteren Einzelheiten erwähnt. Du könntest nochmal
anrufen, sagte sie. Das hat doch keinen Sinn. Wir sollten lieber
aufbrechen. Einen Moment lang wartete ich auf ihre übliche Ent-
gegnung: Immer wenn ich etwas vorschlage, sagst du, es hat keinen
Sinn. Aber sie war wie betäubt. Diese Nachricht hat unseren
zwanghaften Austausch gegenseitiger Anschuldigungen unterbrochen,
dachte ich. Und während sie mir erlaubte, sie an der Hand
die Treppe hinauf und wieder aus dem U-Bahnhof hinaus zu
führen, so wie man einst seine kleinen Kinder an der Hand geführt
und dabei deren Vertrauensseligkeit und Unschuld genossen hat,
dachte ich erneut: Nun ist es wirklich aus zwischen uns, zwischen
meiner Frau und mir. Diese Nachricht hat den Schlußstrich unter
eine Beziehung gezogen, die seit Jahren in der Sackgasse steckt. Ich
war aufgeregt. Und mir fiel ein, daß von der Haltestelle in der
Brompton Road ein Flughafenbus abfuhr.
Ich war in die Hotelhalle gegangen, erinnere ich mich, den
Blick immer noch auf die mit dem Wort ›delayed‹ übersäte Abflugtafel
geheftet, um unser Zimmer im Rembrandt für eine weitere
Woche zu reservieren. Neben den Fahrstühlen hängt eine
Kopie des Selbstporträts von Rembrandt. Ich hatte dem Mädchen
an der Rezeption, eine Deutsche, glaube ich, freundlich zugenickt
und beschlossen, vorher noch die Gelegenheit zu nutzen, um ungestört
das opulente Frühstücksbuffet des Hotels zu genießen.
Deine Frau, dachte ich, findet das Haus, das du kaufen möchtest,
zu teuer, und sie findet dieses opulente Frühstück zu teuer, aber
monatelang in einem gut ausgestatteten Hotel zu leben und
gleichzeitig ein gut ausgestattetes Haus zu unterhalten, in dem wir
gar nicht mehr wohnen, das findet sie nicht zu teuer. Während ich
Spiegeleier, Toast, Tomaten, Bratwürstchen und Speck in mich
hineinschaufelte, dachte ich: Deine Frau hat etwas gegen ein opulentes
Frühstück, weil es dick macht und folglich deiner Gesundheit
schadet. Was natürlich stimmt. Daß andere Dinge deiner
Gesundheit ebenso sehr schaden – zum Beispiel das durch den
Wankelmut deiner Frau erzeugte ständige Hin und Her, ihr unerklärlicher
Groll, ihre besessene Liebe zu eurem unglücklichen
Sohn Marco – und zweifellos Ursache deiner zahlreichen nervösen
Störungen sind, interessiert sie jedoch kein bißchen. Dein Herz
oder deine Gesundheit interessieren deine Frau kein bißchen,
sagte ich mir, während ich entschied, daß ein Räucherhering wohl
doch zu viel des Guten wäre, es sei denn als Ausrede, um Einwände
gegen etwas zu erheben, wogegen sie sowieso Einwände erheben
will, weil sie aus ihren eigenen, abwegigen Gründen etwas
dagegen hat. Obwohl ich Räucherhering, den man in Italien nirgends
bekommt, ausgesprochen gern esse. Und der wichtigste dieser
Gründe ist ihre zunehmende, völlig unnötige Sorge ums Geld.
Warum macht sich meine Frau solche Sorgen ums Geld? fragte ich
mich. Warum will sie das Haus nicht verkaufen? Doch dann,
während ich erneut beschloß, keinen Hering zu essen, fiel mir bei
diesem Gedanken, das heißt bei der nicht gerade neuen Erkenntnis,
daß meine Frau ihre Einwände gegen alles, was ich tat, immer
durch vorgetäuschte edle Motive rechtfertigte, allen voran die
Sorge um meine Gesundheit, um mein Herz oder – noch entscheidender
– um Marcos Gesundheit, falls man von so etwas
überhaupt sprechen konnte, eine Bemerkung ein, die ich am Tag
zuvor auf das Deckblatt meiner gekürzten Ausgabe von Montesquieus
Esprit des Lois gekritzelt hatte: Insoweit, hatte ich dort notiert,
wie die Regierung nicht dem Gemeinwohl dient, darf ich ihr
guten Gewissens den Gehorsam verweigern. Obwohl ich ihr nur
selten aus diesem Grund den Gehorsam verweigere. Man denke
nur an die Steuerhinterziehung. Kaum hatte ich einen Zusammenhang
zwischen diesen beiden Gedankengängen erkannt, nämlich
die ganz natürlich erscheinende und doch zwanghafte Suche
nach dem bequemen Deckmantel edler Motive, war ich bester
Laune und fühlte mich in Hochform. Ich mußte lachen. Dein
Verstand ist hellwach an diesem wunderschönen Morgen, sagte
ich mir und betrachtete lächelnd das reichhaltige Frühstücksbuffet
im Hotel Rembrandt. Ich empfand plötzlich ein tiefes Wohlwollen
gegenüber der ganzen Welt, meine Frau eingeschlossen. Ein
klitzekleiner Hering wird schon nicht schaden, entschied ich.
Wie klug von der Hotelleitung, den Frühstücksraum mit einem
so dicken Teppich auszulegen! Ich breitete meine Zeitung –
eine meiner drei Zeitungen – aus, schob Aschenbecher und Gewürzständer
in Position, lehnte die Zeitung dagegen und las einen
Bericht über Tony Blairs Beschluß, die Taschenrechner aus den
Grundschulen zu verbannen. Nichts ist angenehmer – und nichts
umständlicher zu arrangieren –, als beim Essen zu lesen, Körper
und Geist gleichzeitig zu befriedigen. Und nichts unterscheidet die
englische Mentalität deutlicher von der italienischen, dachte ich
wenige Minuten bevor ich – aber wie hätte ich das ahnen sollen –
vom Selbstmord meines Sohnes erfuhr, als diese außerordentliche
Begeisterung, ja Euphorie über einen neuen Premierminister.
Während ich mir eine Scheibe Toast nahm, um die gebratenen Tomaten
aufzustippen, fiel mir Rousseau ein, der aus der Küche seines
Arbeitgebers Wein stahl und sich aus abgelegenen Bäckereien
Kuchen besorgte, damit er essen und trinken konnte, während er
las. Auf seinem Bett. Manchmal fast so umständlich wie ..,
dachte ich, als der Pfefferstreuer zu wackeln anfing. Troppa carne
sul fuoco. Ich signalisierte der Bedienung, daß ich noch Kaffee
wollte. Nein, nichts zeigte den gesunden, naiven und in gewissem
Sinne auch derben Zug in der angelsächsischen Mentalität deutlicher,
sinnierte ich in seliger Unwissenheit der Tatsache, daß mein
Leben sich schon in wenigen Minuten radikal verändern würde,
als diese unbändige Freude über die Ablösung einer Regierung,
welche die Menschen immerhin dreimal hintereinander selbst gewählt
hatten, durch eine neue Regierung, welche dieselben Menschen
ohne zu zögern wiederum durch eine neue ersetzen würden,
sobald sie genug von ihr hatten. Rechnen muß man können, lautete
eine Unterüberschrift. Der Teppich schluckte alle Geräusche und
erzeugte eine wunderbar gedämpfte Atmosphäre. Ich brach ein frisches
Brötchen durch, um meinen Teller zu säubern. In Italien unvorstellbar.
Dieser Glaube nicht nur an Veränderung, sondern an
eine Veränderung zum Besseren. An nichts Geringeres als den
Fortschritt. Aber wie konnte ich das in meinem Buch unterbringen?
Wie macht man aus einem solchen Wust von Material ein
Denkmal? Die Aussicht, ein Buch zu schreiben, war äußerst aufregend
für mich, denn das hatte ich noch nie gemacht, noch dazu
ein Monumentalwerk, eines, in dem die Dinge ein für allemal und
unwiderlegbar klargestellt würden. Das erforderte ein systematisches
Vorgehen. Aber wie sollte ich je damit beginnen, wenn
meine Frau keines von den Häusern haben wollte, die wir uns anschauten?
Wenn sie sich hartnäckig weigerte, sich endlich für eins
zu entscheiden? Wie soll ein Mensch in der beengten, provisorischen
Atmosphäre eines Hotelzimmers, selbst wenn es ein erstklassiges
Hotelzimmer ist, ein Monumentalwerk verfassen?
Ein sehr großes Foto zeigte einen lächelnden Tony Blair mit seinen
kleinen Kindern. Die Engländer, dachte ich, nachdem ich beschlossen
hatte, mir eine Zigarette zu gönnen, falls ich eine auftreiben
konnte, besitzen die außergewöhnliche Fähigkeit, immer
wieder ganz von vorne anzufangen, oder doch zu glauben, sie würden
noch einmal ganz von vorne anfangen. Jahrelang, dachte ich
und häufte Marmelade auf ein weiteres Brötchen, wählen die
Engländer die Konservativen, sind mit Leib und Seele konservativ,
zeigen der ganzen Welt, was das Wort konservativ bedeutet, verschreiben
sich den engstirnigen Prinzipien von Monetarismus und
Privatisierung und erfinden so fabelhafte Ausdrücke wie ›der
Rückzug des Staates‹, und dann haben sie ganz plötzlich genug
davon, rutschen ungeduldig auf ihren Stühlen herum und können
die zwei, drei Jahre, bis sie endlich Labour wählen dürfen, kaum
noch abwarten. Und was für eine Aufregung, wenn ihr neuer Premierminister
als erste Amtshandlung die Taschenrechner aus den
Grundschulen verbannt! Mit Tony muß man rechnen! lautet die
Bildunterschrift unter den lächelnden Gesichtern. Andreotti hatte
auch eine große Familie, überlege ich, aber er wurde nur selten mit
Frau und Kindern fotografiert. Schon bewundernswert, dachte ich
in der so wunderbar teppichgedämpften Atmosphäre des Früh-
stücksraums im Hotel Rembrandt, wo selbst das Kratzen der Messer
auf dem edlen Porzellan bloß wie ein fernes Klirren klingt,
diese Fähigkeit der Engländer, wie Phönix aus der Asche zu steigen,
oder doch zu glauben, man könne tatsächlich wie Phönix aus
der Asche steigen. Das ging natürlich Hand in Hand mit ihrer
außergewöhnlich hohen Scheidungsrate. Denn in meinem Buch
wollte ich die Untrennbarkeit von privatem und öffentlichem
Leben aufzeigen, ein für allemal die Dynamik der Beziehung zwischen
einem Volk und seiner Regierung, seinem Schicksal festschreiben.
Es war richtig gewesen, dachte ich plötzlich, nach England
zurückzukehren. Schließlich bin ich selber Engländer. Nach
all den Jahren, Jahrzehnten, die ich fort war, bin ich doch immer
noch Engländer. Wärst du in England geblieben, dann hättest du
dich längst von deiner Frau scheiden lassen, überlegte ich selbstzufrieden
im Frühstücksraum des Hotel Rembrandt. Wärst du in
England geblieben, dann hättest du mit Sicherheit drastische und
heilsame Maßnahmen ergriffen. Heilsam für mich und für meine
Frau. Und erst recht für Marco. Andererseits, wenn man in Italien
den Kellner um eine Zigarette bittet, dann gibt er einem auch eine,
und es bleibt einem erspart, sich eine Schachtel zu kaufen und eine
nach der anderen zu rauchen, bis einem übel wird. Das ist Service.
Eine einzelne Zigarette. Eine überschaubare Sünde. Der steife,
weißbejackte Typ im Rembrandt hingegen schien über meine
Bitte nicht nur pikiert, sondern geradezu bestürzt zu sein. Er hielt
mich eindeutig für einen Amerikaner. In Italien, dachte ich, hält
man dich für einen Deutschen, in England für einen Amerikaner.
Und ausgerechnet du willst ein Buch über den Nationalcharakter
schreiben.
Ich mußte lachen. Meine Frau schluchzt in ihr Taschentuch,
während sie neben mir auf einem der Schalensitze in der Abflughalle
von Terminal Eins sitzt, die aus praktischen Gründen zu Zehnerreihen
zusammengeschraubt sind. In einer großen öffentlichen
Halle ist es äußerst wichtig, daß die Leute in Reihen sitzen, denn
man stelle sich nur das Durcheinander vor, wenn es nicht so wäre!
Sie hält sich die Hände und das Taschentuch vors Gesicht und
weint leise vor sich hin, allerdings auf eine Art, die Tröstungen
eher zu verbieten als zu erbitten scheint. Und noch vor zwei oder
vielleicht sogar noch weniger Stunden, denke ich, hast du beim
teppichgedämpften Frühstück im Hotel Rembrandt herzhaft gelacht.
In dich hinein natürlich. Man lacht meistens in sich hinein.
Und der Grund für dieses Lachen war nicht so sehr dein Schicksal,
überall für etwas gehalten zu werden, was du nicht bist, einen
Deutschen hier, einen Amerikaner dort, auch nicht die Ironie, die
darin liegt, daß ein solcher Mann ein Monumentalwerk verfassen
will, ein Buch mit dem Anspruch, ein für allemal das Wesen der
Menschen, oder vielmehr das Wesen der Völker, zu benennen,
nein, der Grund für deine Heiterkeit war dein promptes Erkennen
dieser Ironie. Schnell wie der Blitz heute morgen, hatte ich gedacht,
dort im Frühstücksraum. Warum klammert sich mein Gehirn
an diese inzwischen ganz unpassenden Gedanken, frage ich
mich hier in der Abflughalle. Warum will meine Frau nicht, daß
ich sie tröste? Ein ruhiges Frühstück fördert das Denkvermögen,
dachte ich dort im Frühstücksraum und stellte mir vor, wie Tony
Blair eines Tages bei der Amtsniederlegung fotografiert und ein
neuer Premierminister die britische Öffentlichkeit verblüffen und
begeistern würde, vielleicht indem er die Schulmilch wieder einführte
oder die Roller Blades aus den städtischen Parks verbannte.
Ich würde sie gerne trösten, wenn sie es nur zuließe. Tony zeigt wo’s
langgeht, lautete eine andere Bildunterschrift. Jawohl, du bist in
Hochform, hatte ich gedacht. Und diese Freude, an die ich mich
jetzt, so unpassend es auch sein mag, unwillkürlich erinnere,
während meine Frau sich in ihrem Kummer, ihrem exklusiven
Kummer, auf dem Stuhl hin und her wiegt, dieses Staunen – und
jetzt stößt mir, wie natürlich vorherzusehen war, der Hering auf –
über deine geistige Wendigkeit war und ist Teil eines umfassenderen
Gefühls, das seit einiger Zeit in mir wächst, seit meinem fünf-
zigsten Geburtstag vielleicht, ja, oder seit der langen Genesungsphase
nach meiner Bypass-Operation, des Gefühls nämlich, daß
ich auf den Höhepunkt meiner Kräfte zusteuere, in gewissem
Sinne zu mir selbst komme, zu dem finde, was tief in mir angelegt
ist, endlich die Früchte jahrzehntelanger Erfahrung und Selbsterziehung
ernten kann. Warum sonst hätte ich all meine Posten aufgeben
und mich einem so ehrgeizigen Vorhaben verschreiben sollen?
Persönlichkeit ist das höchste Glück der Erdenkinder, hat
Goethe gesagt. Die Lebendigkeit des Geistes. Ein aktiver Geist.
Ich kann nicht an Marco denken. Ich muß das Eisen schmieden,
solange es heiß ist, sagte ich mir im Frühstücksraum des Rembrandt.
Ich trank meinen Kaffee aus. Ich muß unverzüglich anfangen.
Ich muß meine Frau zur Vernunft bringen, mich für ein
Haus entscheiden, das Haus in Rom verkaufen. Und als ich meinen
Stuhl auf dem dicken Teppich des Frühstücksraums zurückschob,
erschien vor meinem inneren Auge ein geräumiges Arbeitszimmer
mit Blick über Vorstadtgärten, an den Wänden Regale
voller Bücher in dezenten Farben, die ich im Laufe der Jahre angesammelt
habe, meine fleißig zusammengetragenen Notizen in
numerierten Karteikästen geordnet, und auf dem Schreibtisch ein
weißes Blatt Papier und ein schlichter Füllfederhalter, der den ersten
schlichten Satz niederschreibt: Die Existenz des Nationalcharakters
ist eine unbestreitbare Tatsache.
Noch eine Woche ab morgen? fragte die junge Frau an der Rezeption.
Sie griff zum Telefon, um ein Gespräch entgegenzunehmen,
und klemmte sich den Hörer zwischen Schulter und Kinn.
Obwohl ich geteilte Aufmerksamkeit nicht ausstehen kann,
lächelte ich die deutsche Empfangsdame an und tat mein Bestes,
ihr zu zeigen, daß ich mich zwar auf keinen Fall zum Narren machen
würde, sie jedoch äußerst attraktiv fand. Es ist nicht die Unhöflichkeit,
die ich daran nicht ausstehen kann, dachte ich, während
ich zusah, wie das Mädchen den Hörer an ihre zarte Haut
preßte, sondern die Ablenkung, der Mangel an Konzentration, der
unser Leben durchzieht. Meine Frau zum Beispiel, dachte ich, war
jederzeit bereit, ein wichtiges Gespräch oder gar einen Liebesakt zu
unterbrechen, um ans Telefon zu gehen oder an der Haustür mit
einer Nachbarin, einem Pfarrer, Arzt oder Vertreter zu plaudern.
Niemand, dachte ich plötzlich, während ich das entzückende
Doppelkinn, das der eingeklemmte Telefonhörer erzeugt hatte, betrachtete,
war so schnell bereit, einen Liebesakt oder einen Streit
zu unterbrechen wie meine Frau. Sie wendet sich in entscheidenden
Momenten bereitwillig von mir ab. Einmal sogar wegen eines
Zeugen Jehovas. Aber das war in Rom gewesen. Ein testimonio de
Geova. Dann liegt in ihrer Stimme unvermittelt etwas Zuvorkommendes,
Warmherziges oder Salbungsvolles, das vollkommen aufgesetzt
ist. Vollkommen aufgesetzt, dachte ich und bemerkte, wie
sich die Stimme der Deutschen beim Abnehmen des Hörers verändert
hatte. Man kann einen Tonfall aufsetzen wie einen Hut,
dachte ich und nutzte die Gelegenheit, dem Doppelkinn ein vages
Lächeln zu schenken. Der Anruf ist für Sie, Mr. Burton, sagte sie.
Möchten Sie ihn gleich hier entgegennehmen? Dann, immer noch
dem deutschen Mädchen zulächelnd, den Anblick ihres fleischigen,
teutonischen Körpers genießend, und zwar auf ähnlich
unschuldige Weise wie ich den fleischigen Hering, der mir jetzt,
wie vorherzusehen war, aufstößt, genossen hatte, hörte ich eine
Stimme auf italienisch sagen: Ihr Sohn hat sich umgebracht. In der
prunkvollen Lobby des Hotel Rembrandt, wo zwischen den Fahrstühlen
eine Kopie des Selbstporträts von Rembrandt hängt, legte
ich den Hörer auf. Und mit der schrecklichen Klarheit, von der
unsere Wahrnehmung des Allerschlimmsten unweigerlich begleitet
wird, erkannte ich, daß dies das Ende der unmöglichen Verbindung
zwischen meiner Frau und mir bedeutete. Mit uns ist es
aus.
Rezension I Buchbestellung I IV06 LYRIKwelt © Kunstmann