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Was Dunkelheit war
(Leseprobe aus:
Was Dunkelheit war, Roman, 2005, Schöffling&Co.)
Die Nacht schien endlos. Der alte Mann fühlte
sich hellwach. Er versuchte zu verstehen, was Dunkelheit war, wie unerbittlich
und absolut sie war, nichts konnte sie vertreiben. Man konnte immer nur sehr
kleine Teile von so einer Dunkelheit erleuchten, jede Lichtquelle war lächerlich
im Vergleich zur Sonne. Lampen, auch sehr starke, hatten einen Schein, der
begrenzt war, mit bloßem Auge absehbar.
Er war jetzt durstig. Draußen fuhr wieder eine Straßenbahn, er hörte sie an
der Stelle, wo die Straße vorm Haus eine Biegung machte, um die Ecke rumpeln,
ein einzelner Wagen, der Richtung Depot fuhr. Zwischen dem Nachttisch und seinem
Bett war ein handbreiter Spalt, in den er mit seiner Schulter glitt. Er streckte
seinen Arm aus, schob ihn hinter dem Nachttisch an der Wand entlang und bekam
den seitlichen Rand des Waschbeckens zu fassen. Das laute Klingeln, mit dem die
Bahn sich tagsüber immer ankündigte, bevor sie in die Kurve fuhr, fehlte, auch
das Kreischen der Bremse war schwach. Er reckte sich noch ein Stück weiter,
dehnte den Arm, so weit es ging, und spürte, wie sein Kiefer vor Anstrengung
knackte. Unsagbar langsam bog die Bahn vorm Haus um die Ecke. Der Wagen mußte
leer sein, er glaubte, es an der Art der Erschütterung, der sie beim Umbiegen
ausgesetzt war, zu erkennen, einem hohlen, blechernen Rütteln.
Er biß die Zähne fester aufeinander und fühlte den Drehknauf des Hahns an
einem seiner Finger, aber er schaffte es nicht, ihn in Bewegung zu bringen. Auf
der Ablage am Waschbecken stand ein leeres Wasserglas, noch fleckig vom Morgen.
Er atmete aus, bekam den Wasserhahn zu fassen, schwenkte ihn zu sich herüber,
drehte am Griff und hörte eine Weile zu, wie das Wasser in den Abfluß rann und
die Straßenbahn sich entfernte.
Und dann dachte er plötzlich, morgens kann ich den Fremden noch gar nicht
gesehen haben, Hotelgäste kommen immer erst nachmittags an und verschwinden am
nächsten Tag wieder. Rödelheim ist nur ein Vorort, zwischen Autobahnbrücken
und Schrebergärten, freiwillig bleibt hier niemand.
Er hustete.
Er überlegte.
Was war mit ihm, war er freiwillig hier?
Er dachte darüber nach, was Freiwilligkeit war. Er kam zu keinem Entschluß.
War sie eine Folge von Umständen? Etwas, das einem die Möglichkeit gab, den
eigenen Willen, die eigene Urteilskraft einzusetzen, ohne daß der Zwang
entstand, auf jeden Fall falsch oder, noch schlimmer, auf jeden Fall sinnlos zu
handeln? Oder war sie das Gegenteil, die innere Freiheit, sich in jedem
Augenblick selbst zu entscheiden, auch in Situationen, in denen man scheinbar überhaupt
keine Wahl hatte?
Die frühere Besitzerin hatte ihm das Haus auf Wunsch ihres Mannes vermacht,
sein Name war Müller, Vorname Karl, er war 43 an der Ostfront verschollen.
Er trank jetzt, endlich. Das Wasser lief ihm durch die Finger, lief seinen Hals
entlang, versickerte im Hemd.
Es war sinnlos, daß er der Erbe war. Er hatte keine Nachfahren, und er würde
bald ebenfalls tot sein.
Und ausgerechnet Müller, davon gab es Unzählige. Er ahnte höchstens, wer der
Mann war, war sich aber nicht sicher.
Der Erhalt des Testaments hatte ein Loch in sein Leben gerissen. Manchmal kam es
ihm auch vor wie eine Öffnung, in die er hineinsehen konnte, aber immer nur für
einen kurzen Moment. Nur um die Tiefe und Unergründlichkeit zu ahnen, die es für
ihn bereithielt.
Die Wochen danach waren eine Phase ungeheurer Verlangsamung gewesen. Er hatte
stundenlang in seiner Wohnung gesessen, auf der Kante eines Küchenstuhls, unfähig,
sich zu rühren. Er hatte zum ersten Mal begriffen, was der Ausdruck starr vor
Angst eigentlich bedeutete, daß Starre das Wesen der Angst war, ein Gefühl
innerer Beschleunigung, um genau zu sein, während alles andere um einen herum
langsam, unerträglich langsam verging.
Er hatte ein Wehrmachtsarchiv besucht. Er war dort unter Mühen lange Reihen mit
Hängeakten abgeschritten, Papiere, in denen Orte, Einsätze und tatsächliche
oder mutmaßliche Todesumstände von Männern dokumentiert waren, die den Namen
trugen, der auf dem Testament stand, aber das hatte keine Sicherheit gebracht.
Nur weitere Vermutungen und unlösbare Fragen.
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