Die weiße Festung von Orhan Pmuk, 2008, S. Fischer TBOrhan Pamuk

Die weiße Festung
(Leseprobe aus: Die weiße Festung, Roman,1985/1990, Suhrkamp/2008, S. Fischer TB)

I.
Von Venedig nach Neapel ging unsere Fahrt, als wir von
türkischen Schiffen aufgebracht wurden. Wir hatten nur
drei Schiffe, bei ihren aus dem Nebel auftauchenden Galeeren
aber war kein Ende abzusehen. Sogleich herrschten
Furcht und Verwirrung an Bord, unsere Ruderer, Türken
und Maghrebiner zumeist, stießen Freudenschreie aus,
unser Gleichmut versagte. Wie die anderen beiden, so
wandte auch unser Schiff den Bug landwärts nach Westen,
doch beschleunigten wir nicht, wie sie, unsere Fahrt. Unser
Kapitän fürchtete die Bestrafung, sollte er sich ergeben
müssen, und so zögerte er, die Rudersklaven mit der Peitsche
antreiben zu lassen.

Viele Male dachte ich später daran,
daß die Feigheit unseres Kapitäns mein ganzes Leben
verändert hatte.
Heute aber meine ich, in Wirklichkeit hätte sich mein
Leben wohl damals verändert, wenn unser Kapitän nicht
von dieser kurzwährenden Feigheit befallen worden wäre.
Die meisten Menschen wissen, daß nichts im Leben vorherbestimmt
ist, daß in der Tat alle Begebenheiten nichts
weiter sind als eine Kette von Zufällen. Dennoch beurteilen
auch die Wissenden jene wie zufällig erlebten Dinge
als notwendige Fügung, wenn sie Rückschau halten
in einer Phase ihres Lebens. Auch für mich trifft das zu:
Jetzt, während ich versuche, hier an einem alten Tisch
mein Buch zu schreiben und mir die Farben der im Nebel
so gespenstisch auftauchenden türkischen Schiffe vorzustellen,
jetzt, denke ich, ist die rechte Zeit gekommen,
um meine Geschichte von Anfang bis Ende aufzuzeichnen.
Als unser Kapitän erkannte, daß unsere beiden anderen
Schiffe zwischen denen der Türken hindurch entkommen
und im Nebel verschwunden waren, schöpfte er Hoffnung
und brachte endlich, auch von uns dazu gezwungen, den
Mut auf, die Galeerensklaven schärfer antreiben zu lassen,
doch es war zu spät, zumal die Peitschenhiebe bei den von
heftigem Freiheitsdurst erregten Sklaven nichts mehr auszurichten
vermochten. Buntschillernd durchstießen plötzlich
mehr als zehn türkische Galeeren die unheimliche
Nebelwand und kamen auf uns zu. Jetzt entschloß sich
unser Kapitän zum Gefecht, nicht, um den Feind, sondern
die eigene Furcht und Schande zu besiegen, nehme ich an.
Erbarmungslos ließ er die Sklaven peitschen und befahl,
die Geschütze zu laden, doch die spät erwachte Kampfeslust
erlosch sehr schnell. Uns traf eine heftige Breitseite,
und hätten wir uns nicht sofort ergeben, wäre unser Schiff
versenkt worden, weshalb wir beschlossen, die weiße Fahne
zu hissen.
Während wir draußen auf ruhiger See das Kommen der
türkischen Schiffe erwarteten, stieg ich in meine Kabine
hinab und ordnete meine Sachen, als kämen einige Freunde
zu Gast und nicht der Feind, der mein ganzes Dasein
verändern sollte. Ich öffnete die kleine Truhe und kramte
gedankenverloren zwischen meinen Büchern herum. Als
ich einen Band aufschlug, den ich für recht viel Geld in
Florenz erstanden hatte, wurden mir die Augen feucht.
Von draußen hörte man hastige Schritte und Lärm, ich
wußte, sehr bald würde ich mich von diesem Buch trennen
müssen, doch daran wollte ich nicht denken, sondern
vielmehr an das, was auf den Seiten stand. Als befände
sich unter den Gedanken, Sätzen, Gleichungen des Buches
meine ganze Vergangenheit, die ich nicht aufgeben wollte,
als wollte ich, die mir ins Auge springenden Zeilen im Lesen
wie ein Gebet vor mich hin murmelnd, das ganze Buch
in mein Gedächtnis eingraben, damit ich, wenn sie kamen,
nicht sie und das, was sie mir antun würden, in Erinnerung
behielte, sondern die liebevoll auswendig gelernten,
mir so teuren Worte dieses Buches, als wären sie die bunten
Töne meiner Vergangenheit.
Zu jener Zeit war ich ein anderer Mensch, den seine
Mutter, seine Verlobte und seine Freunde mit anderem
Namen riefen. Hin und wieder sehe ich jene Person, die
ich einst war oder jetzt meine, gewesen zu sein, noch in
meinen Träumen und wache schweißgebadet auf. Dieser
Mensch, der sich heute an die traumhaften Farben von
Ländern erinnert, die es nie gegeben hat, an Fabeltiere oder
an unglaubliche Waffen, die wir jahrelang ersonnen hatten,
dieser Mensch war damals dreiundzwanzig Jahre alt.
Er hatte in Florenz und Venedig Wissenschaft und Kunst
studiert und glaubte, etwas von Astronomie, Mathematik,
Physik und Malerei zu verstehen; er war natürlich sehr
von sich eingenommen, meinte, fast alles, was vor seiner
Zeit gemacht worden war, bis ins kleinste zu begreifen,
und fand das alles nicht so bedeutend, denn er war zweifellos
imstande, es viel besser zu machen, er war einmalig,
wußte, daß er klüger und erfindungsreicher war als jeder
andere, kurz, er war ein ganz gewöhnlicher junger Mann.
Jedesmal, wenn ich Vergangenes mit meinem Selbst in
Einklang bringen muß, widerstrebt es mir zu glauben, daß
ich dieser junge Mensch gewesen sein soll, der mit seiner
Geliebten über seine Leidenschaften, seine Pläne, die Welt
und das Wissen sprach und es nur recht fand, von ihr an-
gebetet zu werden. Doch es tröstet mich, daß einige der
Leute, die eines Tages meinen Aufzeichnungen geduldig
bis zum Ende folgen, verstehen werden, daß ich jener junge
Mann nicht gewesen bin. Vielleicht auch werden diese
geduldigen Leser – gleich mir jetzt – meinen, daß jener
junge Mensch seine Geschichte dort, wo sie unterbrochen
wurde, als er seine geliebten Bücher durchblätterte, eines
Tages wiederaufnahm.
Als die Enterer an Bord kamen, legte ich meine Bücher
in die Truhe zurück und trat hinaus. Chaos herrschte auf
dem Schiff. Man hatte alle an Deck geholt und riß ihnen
jedes Stück vom Leibe. Mir kam der Gedanke, den Wirrwarr
zu nutzen und ins Meer zu springen, dann aber dachte
ich an die Pfeile, die sie mir nachsenden würden, um
mich wieder einzufangen und sogleich zu töten, zumal ich
nicht wußte, wie nahe wir der Küste waren. Mich ließ man
zunächst in Ruhe. Die von ihren Ketten befreiten moslemischen
Sklaven schrien vor Freude, manche von ihnen
waren jetzt schon dabei, Rache zu nehmen an ihren peitscheschwingenden
Antreibern.
Wenig später dann fanden sie mich in meiner Kabine,
drangen ein und plünderten meine Sachen. Sie durchwühlten meine
Truhe nach Gold, nahmen einige meiner Bücher und alles übrige, als einer
kam, der diesen und jenen der mir verbliebenen Bände
nachdenklich durchblätterte, mich dann ergriff und zu einem
der Kommandanten brachte.
Dieser Kapitän, ein genuesischer Renegat, wie ich später
erfuhr, behandelte mich gut. Auf was ich mich verstünde,
fragte er. Um nicht auf die Ruderbank zu kommen,
erwähnte ich meine astronomischen Kenntnisse, sagte, ich
könne des Nachts die Richtung weisen, doch niemand war
beeindruckt davon. Im Vertrauen auf das mir verbliebene
Anatomiebuch behauptete ich daraufhin, Arzt zu sein. Ein
Chirurg aber sei ich nicht, mußte ich einschränken, als sie
mir gleich darauf jemanden brachten, der den Arm verloren
hatte. Das machte sie zornig, und sie waren drauf
und dran, mich in Ketten zu legen, als der Kapitän nach einem
Blick auf meine Bücher fragte, ob ich etwas vom
Harn und vom Puls verstünde, und ich antwortete ja, womit
ich vor der Ruderbank bewahrt blieb und auch einige
meiner Bücher retten konnte.
Doch dieses Absondern kam mich auch teuer zu stehen.
Die übrigen zum Rudern verurteilten Christen ließen
mich ihren Haß sogleich spüren. Wär’s ihnen möglich gewesen,
sie hätten mich umgebracht dort im Lagerraum, in
den wir nachts zusammen eingesperrt wurden, doch weil
ich gleich mit den Türken ins Gespräch gekommen war,
fürchteten sie mich auch wieder. Unser kleinmütiger Kapitän
war gepfählt worden, den peitscheschwingenden
Antreibern aber hatte man Nase und Ohren abgehackt
und sie als warnendes Beispiel auf einem Floß ausgesetzt.
Nachdem ich, weniger meine anatomischen Kenntnisse
als vielmehr meinen Verstand gebrauchend, einige Türken
behandelt hatte und sich ihre Wunden von selber schlossen,
glaubte jeder an meine ärztliche Kunst. Selbst einige
meiner eifersüchtigen Feinde, die den Türken einreden
wollten, daß ich kein Heilkundiger sei, kamen nachts im
Laderaum mit ihren Verletzungen zu mir.
Wir kamen mit großem Gepränge in Istanbul an. Der
Padischah, ein Kind noch, schaue uns zu, so hieß es. Banner
wurden hoch an allen Masten gehißt, darunter befanden
sich unsere Fahnen, Marienbilder und Kreuze, das
oberste zuunterst aufgehängt, und man ließ das gemeine
Gesindel mit Pfeilen darauf schießen – da begannen auf
einmal die Kanonen zu donnern. Sehr lange dauerte diese
Festlichkeit, wie ich sie später noch oft voller Trauer, Überdruß
und Freude vom Lande aus mit ansehen sollte, und
die Sonnenhitze ließ so manchen in Ohnmacht sinken.
Gegen Abend warfen wir Anker vor Kasimpascha. Man
fesselte uns mit Ketten, da wir dem Herrscher vorgeführt
werden sollten, unseren Soldaten aber wurden, damit sie
recht lächerlich wirkten, die Panzer verkehrt herum angelegt,
Kapitänen und Offizieren legte man Eisenringe um
den Hals, und während voll spöttischer Lust unsere auf
dem Schiff gefundenen Hörner geblasen und die Trommeln
geschlagen wurden, brachte man uns in übermütiger
Laune zum Serail. Das Volk am Straßenrand betrachtete
uns neugierig und heiter. Der Sultan wählte sich, ohne daß
wir ihn sahen, den ihm zustehenden Anteil an Sklaven
aus, dann brachte man uns hinüber nach Galata und warf
uns in die Verliese des Sadik Pascha.
Ein entsetzlicher Ort war dieser Kerker, in den winzigen,
feuchten und finsteren Zellen verkamen Hunderte
von Gefangenen im Dreck. Dort fand ich Menschen in
Hülle und Fülle, um meine neue Profession auszuüben,
konnte auch manchem zur Heilung verhelfen. Den Wärtern
verschrieb ich Arzneien für ihre Schmerzen im Rücken
und an den Beinen. Daher sonderten sie mich wieder
ab von den übrigen und gaben mir eine ordentliche Zelle,
in die das Sonnenlicht fiel. Die Lage der anderen bedenkend,
versuchte ich, dankbar zu sein für die meine, als sie
mich eines frühen Morgens wie die übrigen weckten und
sagten, ich würde jetzt zur Arbeit gebracht. Mein Einwand,
ich sei doch Arzt, verstünde mich aufs Heilen, auf
die Wissenschaft, brachte sie nur zum Lachen: Die Mauern
um des Paschas Garten würden erhöht, dazu brauche
man Leute. So wurden wir morgens vor Sonnenaufgang
in Ketten gefesselt aus der Stadt geführt. Wenn wir des
Abends nach einem ganzen Tag voll Steineschlepperei
wieder aneinandergefesselt zu unserem Kerker zurückgebracht
wurden, kam mir stets der Gedanke, wie schön die
Stadt Istanbul sei, doch man sollte hier Herr und nicht
Sklave sein.
Gleichwohl war ich kein gewöhnlicher Sklave. Ich betreute
nicht nur die in den Verliesen dahinsiechenden Gefangenen,
sondern auch andere Patienten, die von meinem
Ruf als Heilkundiger gehört hatten. Einen großen
Teil des Geldes, das ich für die Behandlungen einnahm,
mußte ich an die Sklavenaufseher und Wächter abgeben,
die mich heimlich aus dem Gefängnis schafften. Mit dem
Geld, das ich vor ihnen retten konnte, bezahlte ich Lektionen
im Türkischen. Mein Lehrer war ein gutherziger
alter Mann, der für den Pascha kleine Geschäfte erledigte.
Er freute sich über meine raschen Fortschritte und glaubte,
ich würde bald ein Moslem werden. Das Honorar für
den Unterricht nahm er jedesmal recht verlegen an. Ich
gab ihm außerdem Geld, damit er mir Nahrungsmittel
brachte, denn ich hatte mir vorgenommen, auf meine Gesundheit
zu achten.
An einem nebligen Abend kam der Vorsteher in meine
Zelle: Der Pascha wolle mich sehen. Ich staunte, geriet in
helle Aufregung, machte mich sogleich zum Gehen fertig.
Vielleicht, dachte ich, ist es jemand aus meiner Heimat gelungen,
ein Lösegeld zu schicken, womöglich meinem Vater
oder meinem zukünftigen Schwiegervater. Während
wir durch das Gewirr der engen Gassen liefen, glaubte ich,
wir würden auf einmal vor unserem Haus ankommen, und
ich würde, wie aus einem Traum erwachend, den Meinigen
gegenüberstehen. Dann wieder dachte ich, sie hätten einen
Vermittler gefunden und hergeschickt, und man werde
mich jetzt zu einem Schiff bringen und in mein Vaterland
zurückschicken, doch als wir des Paschas Residenz
betraten, begriff ich, so leicht gäbe es kein Entkommen.
Die Leute dort bewegten sich auf Zehenspitzen.
Man brachte mich zunächst in eine Vorhalle, und nach
einigem Warten wurde ich in ein Gemach geführt. Ein liebenswürdig
aussehender, kleiner Mann lag ausgestreckt
unter einer wollenen Decke auf einer Polsterbank. Bei ihm
war ein großer, kräftiger Mensch. Der Ruhende – er war
der Pascha – rief mich zu sich heran. Wir sprachen miteinander
über dies und das. Eigentlich hätte ich Astronomie,
Mathematik und ein wenig auch Ingenieurwesen
studiert, sagte ich, doch verstünde ich mich auch auf die
Medizin und hätte schon so manchen geheilt. Er fragte
weiter, und ich hätte noch mehr erzählt, als er einwarf, ich
müsse wohl ein kluger Mensch sein, da ich das Türkische
so schnell gelernt hätte. Er habe ein Leiden, keinem der
anderen Ärzte sei es gelungen, Abhilfe zu schaffen, und da
er von mir gehört habe, wolle er es mit mir versuchen.
Der Pascha begann, sein Leiden auf eine solche Weise
zu schildern, daß ich denken mußte, nur ihn allein auf
dem ganzen Erdenrund habe eine ganz besondere Krankheit
befallen, weil es seinen Feinden gelungen war, ihn vor
Allah zu verleumden. Dabei war, was ihm zusetzte, nichts
weiter als das uns gut bekannte Asthma. Ich erkundigte
mich genau, horchte ihn ab und stieg dann hinunter in die
Küche, wo ich mit dem, was ich vorfand, und Pfefferminze
grüne Pillen anfertigte, außerdem bereitete ich noch einen
Hustensirup zu. Da der Pascha sich vor dem Vergiftetwerden
fürchtete, trank ich vor seinen Augen einen Schluck
von dem Sirup und schluckte auch eine der Pillen. Ich solle,
so trug er mir auf, sehr vorsichtig und ohne daß ein
Auge mich erblickte, die Residenz verlassen und in den
Kerker zurückkehren. Wie ich dann von dem Vorsteher
erfuhr, wollte der Pascha vermeiden, daß die anderen Ärzte
eifersüchtig würden. Auch am nächsten Tag besuchte
ich ihn, horchte ihn wieder ab und gab ihm die gleiche
Medizin. Er freute sich wie ein Kind über die bunten Pillen,
die ich ihm in die Hand drückte. Nach der Rückkehr in
meine Zelle betete ich um seine Genesung. Der Nordwind
wehte am nächsten Tag, eine kühle, leichte Brise. Bei solchem
Wetter muß es wohl jedem von alleine bessergehen,
dachte ich, und niemand fragte nach mir.
Als ich nach einem Monat wieder um Mitternacht gerufen
wurde, war der Pascha auf, munter und beweglich.
Mit Freude hörte ich ihm zu, wie er, ohne Atemnot, lauthals
irgend jemanden ausschalt. Er war zufrieden, als er
mich erblickte, und sagte, ich hätte seine Krankheit geheilt
und sei ein guter Arzt.

Was ich mir von ihm wünschte? Ich
wußte, daß er mich nicht sofort freilassen und nach Hause
schicken würde, so beklagte ich mich über meine Zelle und
meine Fesseln, betonte, ich könnte doch in der Medizin,
der Astronomie, also in den Wissenschaften tätig und damit
von Nutzen sein, und wies darauf hin, daß man mich
für nichts und wieder nichts mit schweren Arbeiten ermüde.
Wieviel er von alldem verstand, weiß ich nicht. Den
größten Teil des Geldes aber, das er mir in einem Beutel
überließ, nahmen mir die Wächter wieder ab.
Eine Woche darauf kam eines Nachts der Vorsteher und
löste meine Ketten, nachdem ich hatte schwören müssen,
nicht zu entfliehen.

Wieder wurde ich zur Arbeit geholt,
doch nunmehr begünstigten mich die Aufseher. Als mir
der Vorsteher drei Tage später neue Kleider brachte, begriff
ich, daß der Pascha mich in seine Obhut genommen
hatte.
Und nach wie vor rief man mich nachts in die Residenz.
Alten, vom Rheumatismus geplagten Korsaren, jungen
Soldaten mit Magenbrennen gab ich Heilmittel, denen
mit Hautjucken, Bleichsucht oder Kopfweh zapfte ich Blut
ab. Als der stotternde Sohn eines Dieners eine Woche nach
dem Einnehmen meiner Arznei flüssig zu sprechen begann,
sagte er mir ein Gedicht auf.
So verging der Winter. Zu Beginn des Frühjahrs erfuhr
ich, daß der Pascha, der mich seit Monaten nicht
mehr hatte rufen lassen, mit seiner Flotte ins Mittelmeer
abgesegelt war. Einige Leute, die im Laufe der heißen
Sommerzeit Zeuge meiner Hoffnungslosigkeit und meines
Zornes wurden, erklärten mir rundheraus, ich hätte
gute Einnahmen als Heilkundiger und damit kein Recht,
mich über mein Schicksal zu beschweren. Und ein ehemaliger,
vor vielen Jahren zum Islam konvertierter und hier
verheirateter Sklave riet mir davon ab zu fliehen. Nützliche
Sklaven würde man hinhalten, wie es mit mir geschehe,
und ihnen niemals die Rückkehr in die Heimat erlauben.
Wenn ich Moslem würde, wie er selbst, könne ich
meine Freilassung erreichen und nichts weiter. Da ich es
für möglich hielt, daß er mir das alles nur erzählte, um
mich auszuhorchen, versicherte ich, an eine Flucht nicht
zu denken. Nein, nicht an der Absicht fehlte es mir, es
fehlte mir an Mut. Alle, die zu fliehen versuchten, wurden
wieder eingefangen, ohne weit gekommen zu sein.
Die Wunden dieser Unglückseligen, die man stets ausprügelte,
pflegte ich dann des Nachts in den Kerkerzellen mit
Balsam.

Vor Anbruch des Herbstes kehrte der Pascha mit seiner
Flotte zurück, er grüßte den Padischah mit Kanonendonner,
versuchte, Frohsinn und Lustbarkeiten in die Stadt zu
bringen wie im Vorjahr, doch es stand fest, daß der Feldzug
diesmal nicht gut verlaufen war. Sie brachten auch
nur wenige Gefangene in den Kerker.

Wir hörten später,
die Venezianer hätten sechs ihrer Schiffe verbrannt. Ich
wollte unbedingt mit den Gefangenen sprechen, vielleicht
konnte ich etwas aus der Heimat erfahren, doch es zeigte
sich, daß die meisten von ihnen Spanier waren, stille, unwissende,
schüchterne Wesen in einem Zustand, der ihnen
gerade erlaubte, um Hilfe und um Nahrung zu bitten. Nur
einer ließ mich aufmerken. Obwohl er seinen Arm eingebüßt
hatte, war er guter Dinge. Einem seiner Vorfahren
seien die gleichen Abenteuer zugestoßen, er sei aber freigekommen
und habe dann mit der ihm verbliebenen Hand
einen Ritterroman geschrieben. Er selbst sei, wie er sagte,
ganz fest von seiner Befreiung überzeugt, um später das
gleiche tun zu können.

Wenn ich in den folgenden Jahren
Geschichten erfand, um zu überleben, erinnerte ich mich
an jenen Mann, der zu leben wünschte, um Geschichten
zu erfinden. Nicht lange danach brach in den Verliesen
eine ansteckende Krankheit aus. Diese unheilvolle Seuche,
vor der mich nur eine über alle Maßen reiche Bestechung
der Wärter bewahrte, tötete mehr als die Hälfte der Gefangenen.
Die sie heil überstanden hatten, wurden bald wieder
zu neuen Arbeiten fortgeschickt. Ich aber ging nicht mit
ihnen. Abends berichteten sie dann von ihren Erlebnissen.
Bis ganz zum Ende des Goldenen Horns wurden
sie gebracht, dort wurden sie Schreinermeistern, Schneidern
und Färbern übergeben und mußten ihnen zur Hand
gehen, um aus Pappkarton Schiffe, Festungen, Türme zu
bauen.

Wir hörten alsbald, daß der Pascha seinen Sohn mit
der Tochter des Großwesirs verheiraten und ein prächtiges
Hochzeitsfest ausrichten lassen wollte.
Eines Morgens rief man mich zu des Paschas Residenz.
Ich dachte an seine Atemnot, die wieder begonnen haben
mochte, und begab mich auf den Weg. Der Pascha sei beschäftigt,
ich müsse warten, sagte man und führte mich in
ein Zimmer, wo ich mich niederließ. Kurz darauf öffnete
sich eine andere Tür, ein Mann, fünf, sechs Jahre älter als
ich, trat ein – ich schaute in sein Gesicht und war verblüfft,
ja, sogar verängstigt.

Rezension I Buchbestellung 0I08 LYRIKwelt © S. Fischer