Der Blick aus
meinem Fenster
(Leseprobe aus: Der Blick aus meinem
Fenster, Betrachtungen, 2006, Hanser
- Übertragung Cornelius Bischoff, Ingrid Iren, Gerhard Meier, Christoph K.
Neumann, Wolfgang Riemann)
Durch die Bemühungen der hinter mir
tätigen »Flüstermaschine«, des Krämers, der sich vom Aufseher zum
Vermittler entwickelte, und mit der Hilfe echter Makler habe ich in jener
Umgebung noch viel, viel mehr, wahrscheinlich Hunderte von alten Wohnungen
begutachtet, zum Beispiel in einer von Kurden aus Tunceli bewohnten Straße, in
dem von rumänischen Zigeunern bewohnten Viertel in Galata, wo die Frauen und
Kinder auf den Eingangsstufen der Gebäude sitzen und alles Kommen und Gehen
beobachten, oder auch an einer abschüssigen Straße, wo die älteren Frauen
gelangweilt aus dem Fenster hingen und herunterriefen: »Soll er doch kommen und
sich auch unser Haus einmal ansehen!«
Was ich zu sehen bekam, waren halbzerstörte Küchen, mittendurch geteilte
Salons, gänzlich abgetretene Treppenstufen, Zimmer mit Holzböden, deren
Bruchstellen von Teppichen verdeckt waren, alte Wohnräume mit reichem Decken-
und Wandschmuck, die man als Depot, Werkstatt, Lokal oder Lampenschirmgeschäft
benutzte, herrenlose Gebäude, die wegen Eigentumsstreitigkeiten oder weil die
Besitzer ausgewandert waren, verlassen worden waren und nun langsam verrotteten,
Zimmer, wo aus allen Winkeln kleine Kinder hervorquollen wie aus vollgestopften
Schränken, kühle Erdgeschoßwohnungen voller Modergeruch, Kellerräume mit
sorgfältig aufgestapelten Holzstücken, Eisenteilen und anderem Kram, ein
Sammelsurium, das in den Gassen, aus Mülltonnen oder unter irgendwelchen Bäumen
aufgelesen worden war, Treppen, deren Stufen alle unterschiedlich hoch waren,
tropfende Zimmerdecken, nach Schimmel riechende feuchte Wände, dunkle Treppenhäuser,
in denen weder der Fahrstuhl noch die Beleuchtung funktionierte, und Frauen mit
Kopftüchern, die mich in den Aufgängen durch den Türspalt musterten, Leute,
die im Bett lagen, Balkone voll trocknender Wäsche, Mauern mit der Aufschrift:
»Hier keinen Müll abladen!«, spielende Kinder in den Höfen und in den
Schlafzimmern riesige, platzraubende Schränke, die sich alle mehr oder weniger
glichen.
Hätte ich nicht so viele Häuser hintereinander aufgesucht, wäre es mir wohl
kaum möglich gewesen, so klar zu erkennen, womit sich die Menschen in ihren
Behausungen am meisten befassen: Sie strecken sich auf einem Diwan, einem
Sessel, einer Polsterbank, einem Sofa oder einem Bett aus und dösen; und sie
schauen zu jeder Tageszeit fern. Diese beiden Tätigkeiten werden meistens –
ergänzt durch den Konsum von Tee und Zigaretten – gleichzeitig ausgeführt.
Und auf keine andere Art und Weise hätte ich erkennen können, welch unnötig
großer Anteil dieser relativ wertvollen Stadtgrundstücke den Treppen
vorbehalten blieb. Nachdem ich gesehen hatte, wieviel Raum die Treppen in diesen
Gebäuden mit einer Breite von nur fünf oder sechs Metern und einer kaum
nennenswerten Tiefe einnahmen, schloß ich meine Augen, vergaß sämtliche
Fronten, Gebäude und Straßen der Stadt, versuchte nur, mir Hunderttausende von
Treppen und sogenannten Treppenschächten vorzustellen, und begriff, daß in
Istanbul der zerstückelten Immobilien wegen ein heimlicher Wald von Treppen
entstanden war.
Was aber am Ende dieser Expeditionen meine Phantasie am meisten erregte, war die
auf erstaunliche Weise andersartige Nutzung dieser bei aller Stattlichkeit
eigentlich bescheidenen und kleinen Gebäude, die vor hundert Jahren unter ganz
anderen Vorstellungen und Erwartungen von armenischen Architekten und ihren
Gehilfen für die griechische und levantinische Bevölkerung Istanbuls entworfen
worden waren. Während meiner Ausbildung zum Architekten habe ich gelernt, daß
ein Gebäude den Ideen von Architekt und Auftraggeber entsprechend gestaltet
wird. Als die griechische, armenische und levantinische Bevölkerung, die sich
zuerst in den Häusern niedergelassen hatte, im 20. Jahrhundert gezwungen war,
jene Bezirke Istanbuls zu verlassen und abzuwandern, wurde das Vorstellungsvermögen
derer, die nach ihnen kamen, bestimmend für das restliche Dasein der Gebäude.
Ich spreche hier nicht von einem aktiven Vorstellungsvermögen, das die Bauten,
die Straßen gestaltet und der Stadt ihr Aussehen gibt. Es geht vielmehr um ein
passives Vorstellungsvermögen, das jene Menschen, die aus ganz anderen Orten,
aus unglaublich weit entfernten Winkeln hergekommen waren und hier Unterschlupf
fanden, zur Anpassung an die hiesigen Räumlichkeiten entwickelt haben.
Ich kann dieses Vorstellungsvermögen mit der Phantasie eines Kindes
vergleichen, das in einem nächtlich-dunklen Zimmer vor dem Einschlafen die
Schatten an der Wand beobachtet und Traumgebilde schafft. Wenn das Kind in einem
ihm unbekannten, angsterregenden Zimmer schläft, vergleicht es die Schatten mit
vertrauten Dingen und verwandelt damit den Raum in einen wohnlichen Ort.
Befindet es sich in seinem wohlbekannten, sauberen Zimmer, wo es sich geborgen fühlt,
nehmen jene Schatten gruselige, märchenhafte Züge an, und das Kind ist bereit
für die eigene Traumwelt. Die Vorstellungskraft gibt ihm in beiden Fällen die
Möglichkeit, mit dem zusammenhanglosen Zufallsmaterial Phantasien zu
entwickeln, die zu einer Anpassung an seine Umgebung führen. Hier dient die
Imagination nicht irgendwem, der vor einem leeren Stück Papier steht und neue
Welten schaffen will, sondern einem Menschen, der versucht, sich in einer fertig
vorgefundenen, abgenutzten Welt zurechtzufinden. Die Migration, die Verlagerung
der Industrieviertel, die Bildung einer Bourgeoisie türkischer Herkunft in
Istanbul und die Zimmer, die Wohnungen derer, die sich in jenen dem Verfall
preisgegebenen Gebäuden niederließen, die man im Zuge der Verwestlichungsideen
aufgegeben hatte – sie alle sind von den Spuren dieser Imagination und den
folgenden Entscheidungen gezeichnet. Die Absichten der Architekten vor hundert
Jahren, die diese Bauten auf einem leeren Bogen Papier entwarfen, waren all
denen, die später in diesen Gebäuden Unterschlupf fanden, vollkommen fremd.
Sie teilten Räume durch Mauern, kreierten Küchen unter Treppen und auf
Fensterbänken, verwandelten Eingangshallen in Depots oder Wartezimmer, schufen
mit Betten und Schränken in den unmöglichsten Ecken neue kleine Räume,
verschlossen Türen und Fenster mit Ziegelsteinen, ließen irgendwo neue Fenster
oder Türen ein und schlugen dazu einfach Löcher in die Wände, heizten Gebäude,
die Zentralheizung hatten, mit Öfen, deren Rohre sich nach allen Seiten
verzweigten. Nur durch Eingriffe dieser Art konnten die Menschen die
vorgefundenen Bauten in das eigene Zuhause verwandeln.
Meine Situation läßt sich anhand der erwähnten leeren Bogen besser erklären.
Ich war etwas mehr als drei Jahre Student der Architektur an der Technischen
Universität Istanbul. Doch ich habe das Studium nicht abgeschlossen und bin
kein Architekt geworden. Heute glaube ich zu wissen, daß der Grund dafür bei
den grandiosen modernistischen Ideen zu suchen ist, die mir, vor den leeren
Bogen sitzend, einfielen. Mir wurde klar, daß ich keine Architektur schaffen
wollte. So bin ich aufgestanden, habe die großen, leeren Bogen für
Architekturzeichnungen, die mir Schwindel, Angst und Aufregung verursachten,
liegenlassen und mich vor die leeren Blätter des Schreibpapiers hingesetzt, die
mir Schwindel, Angst und Aufregung verursachten. Nun sitze ich seit fünfundzwanzig
Jahren davor. Als ich innerlich Worte zu formen begann, wirkte die Leere des
Papiers, das Gefühl eines ersten Anfangs von allem und die Wunschvorstellung,
daß die Welt zu meinem Entwurf ja sagen würde, genauso auf mich wie in den
Phasen meiner Architekturvisionen. Doch ich konnte mit denselben Vorstellungen
seit fünfundzwanzig Jahren als Schriftsteller arbeiten – und tue es immer
noch.
Dann sollten wir eine Frage stellen, eine Frage, die mir – in den Anfängen
besonders oft – seit fünfundzwanzig Jahren gestellt wird: Warum bin ich nicht
Architekt geworden? Die Antwort: Weil ich vor dem Papier, das meine Visionen
reflektieren sollte, gesessen und geglaubt habe, es sei leer. Doch nach einem
Schriftstellerdasein von fünfundzwanzig Jahren habe ich endlich begriffen, daß
die Bogen niemals leer gewesen sind. Wenn ich am Schreibtisch sitze, weiß ich
sehr gut, daß ich mit der Tradition, mit Menschen, die sich weder den
Vorschriften noch der Geschichte beugen, mit dem Zufall und der Unordnung, dem
Dunkel, dem Schrecken und dem Schmutz, mit der Vergangenheit und den
Gespenstern, mit den Dingen, die der Staat und die offizielle Sprache vergessen
möchten, mit der Furcht und mit den von der Furcht gespeisten Illusionen
zusammensitze.
Um alle diese Merkwürdigkeiten auf das Papier zu übertragen, muß ich Romane
schreiben, die zur einen Hälfte die Geschichte, die Vergangenheit und all das
betrachten, was die moderne Republik und die Verwestlichung vergessen möchten,
die sich aber zur anderen Hälfte der Zukunft und den Visionen zuwenden. Wäre
ich mit zwanzig Jahren imstande gewesen zu begreifen, daß ich das gleiche in
der Architektur hätte verwirklichen können, hätte ich versucht, Architekt zu
werden. Doch damals war ich ein entschlossener Vertreter der Moderne, der davon
überzeugt war, er könnte sich von der Last der Historie und ihrem Schmutz, von
den Gespenstern und dem Halbdunkel befreien, ein optimistischer Anhänger der
Verwestlichung, der daran glaubte, daß für alles noch die Stunde Null
herrschte. Die sich keiner Vorschrift fügenden Menschen, die Geschichte und die
vielfältige Kultur sah ich nicht als Teil meiner Ideen an, sondern als
Hindernis ihrer Verwirklichung. Ich habe sofort begriffen, daß sie mir niemals
erlauben würden, in den Straßen der Stadt die Bauten meiner Vorstellung zu
errichten. Doch sie konnten nicht verhindern, daß ich mich nach Hause zurückzog
und schrieb.
[ ... ]
Wenn man mich damals fragte, warum ich nicht Architekt geworden war, gab ich mit
anderen Worten dieselbe Antwort: »Weil ich keine Mietshäuser bauen wollte!«
Wenn ich von »Mietshaus« rede, so handelt es sich um einen Lebensstil, um eine
Auffassung von Architektur. Das historische Stadtgebiet von Istanbul war nach
1930 weitgehend verlassen worden, die Mittel- und Oberschicht hatte die zwei-
und dreistöckigen, in weitläufigen Gärten liegenden Häuser abreißen lassen,
weitere Grundstücke waren zur Bebauung freigegeben worden, und überall wurden
Wohnblöcke errichtet, so daß die gesamte alte Struktur und das historische
Erscheinungsbild der Stadt verschwanden.
Zu Anfang meiner Schulzeit Ende der fünfziger Jahre lebten sämtliche Schüler
unserer Klasse in Mietshäusern. Die innere Aufteilung der Gebäude, deren
Fassaden zunächst eine Mischung aus bauhausartiger Schlichtheit und Modernität
mit dem traditionell türkischen Erkerhaus und später eine schlechte und wenig
einfallsreiche Imitation des internationalen Stils aufwiesen, war durch die
Besitzverhältnisse und die schmalen Grundstücke bestimmt und überall die
gleiche: in der Mitte eine enge Treppe und ein Lichtschacht – auch »Dunkelschacht«
genannt – für die Belüftung, vorn ein Salon, hinten entsprechend der Breite
des Grundstücks und dem Können des Architekten zwei oder drei Zimmer. Der den
vorderen Raum mit den hinteren Zimmern verbindende lange Korridor – von ihm
gingen auch Bad und Küche ab –, die Fenster zum Lichtschacht und zum
Treppenaufgang sorgten für eine erschreckende Ähnlichkeit zwischen diesen
Wohnungen, in denen überall der gleiche Geruch nach Schimmel, Alter, Bratfett
und Vogeldreck herrschte.
Meine Ängste richteten sich während des Architekturstudiums besonders auf die
schreckliche Aussicht, mich bei zukünftigen Bauaufträgen für solche Häuser
auch im Falle der kleinen, schmalen Grundstücke den Bauvorschriften, dem
halb-westlichen Geschmack der Mittelschicht und vor allem den Profitkriterien
anpassen zu müssen. Viele Verwandte und Bekannte, die sich zu jener Zeit über
die unverschämten Architekten beklagten, sprachen davon, mir die von ihren Vätern
geerbten Grundstücke anzuvertrauen, damit ich, sowie ich Architekt sein würde,
darauf eins dieser Gebäude errichtete.
Ich bin kein Architekt geworden und so der Errichtung von Mietshäusern
entgangen. Ich bin Schriftsteller geworden und habe viel über diese Häuser
geschrieben. Und alles, was ich darüber schrieb, hat mich folgendes gelehrt:
Was ein Gebäude zum Heim, zum Zuhause macht, ist die Einbildungskraft seiner
Bewohner. Sie findet ihre Nahrung genau wie die Gespenster in den ausgedienten,
morschen, dunklen Winkeln voller Schmutz. Ja, wie die Struktur der Fassaden und
Innenwände mancher Gebäude mit zunehmendem Alter sogar geheimnisvoller und schöner
wird, so läßt sich auch aus manchen Spuren ablesen, wie aus einem Bauwerk
durch das ständige Wirken der Phantasie ein Zuhause geworden ist. Lassen Sie
uns die zweigeteilten Zimmer, die durchbrochenen Wände und schadhaften Treppen
unter diesem Blickwinkel betrachten. Die konkreten Beweise und Spuren, die der
Architekt umsonst suchen wird, sind in der Phantasie zu finden, mit der die
ersten Bewohner das durchschnittliche Gebäude – das damals, als finge alles
neu an, voller Begeisterung für die Moderne errichtet worden war – in ihr
Zuhause verwandelt hatten.
Als ich vor drei Monaten die Trümmerstätten des Erdbebens aufsuchte, das dreißigtausend
Menschen den Tod brachte, habe ich unter all den Trümmern aus Beton und Glas,
den Pantoffeln und Lampenständern, den überall eingeklemmten Vorhängen und
Teppichen, den Ziegeln und Mauerresten das Vorhandensein dieser
Vorstellungskraft, die im Grunde genommen jedes von Menschen benutzte Gebäude,
alt oder neu, jede Unterkunft umgibt, einmal mehr sehr stark empfunden. Wie die
Dostojewskischen Helden, die sich dank ihrer Vorstellungskraft in den
hoffnungslosesten Lebenslagen zurechtfinden, so können auch wir ein Gebäude
unter den schwierigsten Bedingungen in ein Zuhause verwandeln.
Wenn aber ein Erdbeben dieses Zuhause zerstört, dann wird uns schmerzlich bewußt,
daß es eigentlich ein Gebäude ist. Mein Vater hat mir erzählt, daß er gleich
nach den todbringenden Erdstößen, als ganz Istanbul ohne Strom war, in
stockfinsterer Nacht von einem Mietshaus zu einem anderen geflüchtet sei, das
zweihundert Meter entfernt lag. Nach dem Grund befragt, sagte er im Hinblick auf
das zweite Gebäude: »Das ist solide, das habe ich gebaut!« Es war das Haus
unserer Familien, in dem ich meine Kindheit verbracht, über das ich – in
meinen Romanen – viel geschrieben habe, in dem Großmutter, Onkel und Tanten
ihre Wohnungen hatten, und wenn Sie mich fragen, war es nicht das solide Gebäude,
in dem mein Vater Zuflucht suchte, sondern sein Zuhause.
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