Schnee
(Leseprobe aus: Schnee, Roman,
2005, Hanser - Christoph K.
Neumann)
Ka hatte sich auf sein Bett ausgestreckt und vor sich hin geträumt, da klopfte
es. Er stand, wie er im Mantel dagelegen hatte, auf und öffnete. Cavit, der
Rezeptionist, der den ganzen Tag neben dem Ofen mit Fernsehen zubrachte, stand
an der Tür und sagte: »Das habe ich vorhin vergessen; Serdar Bey erwartet Sie
dringend.«
Gemeinsam stiegen sie in die Hotelhalle hinunter. In dem Augenblick, als Ka das
Hotel verlassen wollte, blieb er stehen: I·pek war eben durch die Tür neben
der Rezeption eingetreten; und sie war viel schöner, als Ka sie in Erinnerung
hatte. Ihm fiel plötzlich wieder ein, wie schön sie in ihren Studentenjahren
gewesen war. Er wurde ganz aufgeregt. Ja, natürlich, so schön war sie gewesen.
Wie zwei verwestlichte Bourgeois aus Istanbul gaben sie sich erst die Hand,
dann, nach kurzer Unentschlossenheit, reckten sie den Kopf vor, umarmten und küßten
sich auf die Wangen, ohne daß die unteren Teile ihrer Leiber sich berührten.
I·pek wich etwas zurück und sagte mit überraschender Offenheit: »Ich wußte,
daß du kommen würdest. Taner hat angerufen und es mir gesagt.« Sie schaute Ka
direkt in die Augen.
»Ich bin wegen der Lokalwahlen und der jungen Selbstmörderinnen hier.«
»Wie lange bleibst du?« fragte I·pek. »Neben dem Hotel Asien ist die
Konditorei Neues Leben. Ich habe jetzt mit meinem Vater zu tun. Um halb zwei könnten
wir uns dort zusammensetzen und reden.«
Ka spürte, daß die ganze Szene etwas merkwürdig war, weil sie sich nicht in
Istanbul – etwa im Viertel Beyog_lu –, sondern in Kars abspielte. Er wurde
sich auch nicht klar, wieviel von seiner Aufregung an I·peks Schönheit lag.
Nachdem er auf die Straße getreten
war und Richtung Zeitungsredaktion ging, während der Schnee fiel, dachte er:
Wie gut, daß ich diesen Mantel gekauft habe.
Unterwegs sagte ihm sein Herz mit der unerschütterlichen Gewißheit der Gefühle
noch zwei Dinge, die sein Verstand nie zugegeben hätte. Erstens: Ka war nicht
nur zum Begräbnis seiner Mutter von Frankfurt nach Istanbul gekommen, sondern
auch, um nach zwölf einsamen Jahren ein türkisches Mädchen zum Heiraten zu
finden. Zweitens: Ka war von Istanbul nach Kars gekommen, weil er insgeheim
glaubte, dieses Mädchen sei I·pek.
Hätte ihm gegenüber ein Freund mit starker Einfühlungsgabe diesen zweiten
Gedanken geäußert, hätte ihm Ka nicht nur nie verziehen, sondern sich wegen
der Richtigkeit dieser Vermutung selbst sein Leben lang geschämt und
beschuldigt. Ka war einer der Moralisten, die sich selbst überzeugt haben, daß
das größte Glück des Menschen sei, nichts für sein persönliches Glück zu
tun. Überdies hätte er es mit seiner elitären westlichen Bildung nicht
vereinbaren können, eine Frau, die er kaum kannte, aufzusuchen, um sie zu
heiraten. Trotzdem war ihm nicht unwohl, als er bei der Grenzstadtzeitung ankam,
denn seine erste Begegnung mit I·pek war besser verlaufen, als er es sich im
Autobus vorgestellt hatte, ohne es sich selbst einzugestehen.
Die Grenzstadtzeitung lag eine Straße unterhalb von Kas Hotel an der
Faikbey-Straße; die Fläche, die Redaktion und Druckerei zusammen einnahmen,
war etwas größer als Kas kleines Hotelzimmer. Der Raum war durch eine Holzwand
zweigeteilt, an der Bilder Atatürks hingen, Kalender, Muster für Visitenkarten
und Hochzeitseinladungen, Fotografien, die Serdar Bey von sich zusammen mit
hochrangigen Inhabern von Staatsämtern und berühmten Türken hatte machen
lassen, die nach Kars gekommen waren, sowie die gerahmte, vierzig Jahre zuvor
erschienene erste Nummer der Zeitung. Im Hintergrund lief mit freundlichem Lärm
eine elektrische Druckmaschine mit Schwungpedal, die vor mehr als hundert Jahren
in Leipzig von der Firma Baumann hergestellt, ein Vierteljahrhundert in Hamburg
benutzt, in der Periode der Pressefreiheit nach Verkündung der Zweiten
Konstitutionellen Periode nach Istanbul verkauft und 1955 nach fünfundvierzigjährigem
Dienst dort kurz vor ihrer Verschrottung von Serdar Beys seligem Vater mit dem
Zug nach Kars gebracht worden war. Mit der rechten Hand, deren einen Finger er
mit Speichel anfeuchtete, fütterte ein Sohn Serdar Beys die Maschine mit leerem
Papier, mit der linken sammelte er die gedruckte Zeitung geschickt ein – denn
der Ablegekorb war vor zehn Jahren bei einem Streit zwischen ihm und seinem
Bruder zerbrochen – und konnte sogar noch Ka mit einem Augenaufschlag begrüßen.
Der zweite Sohn sah nicht wie sein Bruder dem Vater, sondern seiner Mutter ähnlich,
die Ka augenblicklich als schlitzäugig, mondgesichtig, klein und fett vor Augen
hatte. Er saß an einer von Druckfarbe völlig geschwärzten Werkbank vor
kleinen, in Hunderte von Fächern unterteilten Schubladen zwischen bleiernen
Lettern verschiedener Größe, Vignetten und Klischees und setzte, geduldig und
sorgfältig wie ein Kalligraph, der der Welt entsagt hat, mit der Hand Anzeigen
für die in drei Tagen erscheinende Zeitung.
»Sie sehen, unter welchen Bedingungen die Presse in Ostanatolien um ihr Überleben
kämpft«, sagte Serdar Bey.
In dem Moment gab es einen Stromausfall. Während die Druckmaschine stillstand
und die Werkstatt in geheimnisvoller Dunkelheit versank, bemerkte Ka, wie schön
das Weiß des draußen fallenden Schnees war.
»Wie viele sind es bis jetzt?« fragte Serdar Bey. Er zündete eine Kerze an
und ließ Ka auf einem Bürostuhl im vorderen Teil des Raums Platz nehmen.
»Hundertundsechzig, Vater.«
»Wenn der Strom wieder angeht, mach dreihundertundvierzig; heute haben wir den
Besuch von den Theaterleuten.«
Die Grenzstadtzeitung wurde in Kars nur an einem einzigen Ort verkauft, bei
einem Händler gegenüber dem Volkstheater, bei dem am Tag zwanzig Leute
vorbeikamen, um sie zu erwerben, aber wie Serdar Bey stolz erzählte, war wegen
der Abonnements die verkaufte Auflage dreihundertundzwanzig. Zweihundert dieser
Abonnenten waren Ämter und Firmen in Kars, die Serdar Bey ab und an wegen ihrer
Erfolge preisen mußte. Die restlichen achtzig Abonnenten hingegen waren im
Staat angesehene, »wichtige und ehrenhafte« Personen, die zwar Kars verlassen
und sich in Istanbul niedergelassen, aber ihre Verbindung zur Stadt nicht
gekappt hatten.
Der Strom ging wieder an, und Ka sah auf Serdar Beys Stirn eine wütende,
vorstehende Ader.
»Nachdem wir uns getrennt haben, haben Sie mit den falschen Leuten gesprochen
und falsche Informationen über unsere Grenzstadt eingezogen«, sagte Serdar
Bey.
Ka fragte: »Woher wissen Sie, wohin ich gegangen bin?«
»Die Polizei ist Ihnen natürlich gefolgt«, erklärte der Journalist. »Und
wir hören aus beruflichen Gründen mit diesem Funkgerät die Gespräche der
Polizisten ab. Neunzig Prozent der Nachrichten, die in unserer Zeitung
erscheinen, teilen uns das Gouverneursamt und das Polizeipräsidium von Kars
mit. Das ganze Polizeipräsidium weiß, daß Sie jedermann fragen, warum Kars so
zurückgeblieben und arm ist und warum unsere jungen Mädchen sich umgebracht
haben.«
Ka hatte eine Vielzahl von Erklärungen dafür angehört, warum Kars so verarmt
war. Zum Beispiel den Rückgang des Handels mit den Sowjets in den Jahren des
Kalten Kriegs, die Schließung der Zollstationen an der Grenze, die Tatsache, daß
die kommunistischen Banden, die in den siebziger Jahren die Stadt beherrscht
hatten, die Reichen bedroht und vertrieben hatten, daß alle Reichen, die ein
wenig Kapital zusammengebracht hatten, nach Istanbul oder Ankara zogen, daß der
Staat und Allah Kars vergessen hatten, die endlosen Konflikte zwischen der Türkei
und Armenien...
»Ich habe mich entschlossen, Ihnen zu sagen, wie es ist«, sagte Serdar Bey.
Mit einer Klarheit des Verstands und einem Optimismus, wie er sie seit Jahren
nicht mehr empfunden hatte, begriff Ka sofort, daß das eigentliche Thema Scham
war. In Deutschland war das auch für ihn selbst jahrelang das Thema gewesen,
aber er hatte die Scham vor sich selbst verborgen. Weil Ka jetzt eine Hoffnung
auf Glück in sich trug, konnte er sich diese Tatsache eingestehen.
»Wir waren hier früher alle Brüder«, sagte Serdar Bey, als verrate er ein
Geheimnis. »Aber seit ein paar Jahren haben alle angefangen zu sagen ›Ich bin
Aserbaidschaner‹, ›Ich bin Kurde‹, ›Ich bin ein Terekeme‹. Natürlich
gibt es hier Angehörige aller möglichen Völker. Die Terekeme – wir nennen
sie auch Karapapak – sind Brüder der Aserbaidschaner. Die Kurden – wir
sagen ›Stämme‹ zu ihnen – wußten nichts über ihr Kurdentum. Der seit
osmanischer Zeit Ansässige hat nicht geprahlt: ›Ich bin ein
Alteingesessener!‹ Turkmenen, Lasen aus Posof, Deutsche, die der Zar aus Rußland
verbannt hatte, die gab es alle, und keiner bildete sich etwas darauf ein, was
er war. Diesen ganzen Stolz hat das kommunistische Radio Tiflis verbreitet, das
die Spaltung und Vernichtung der Türkei beabsichtigt. Heute ist jeder ärmer
und stolzer als früher.«
Serdar Bey kam zu dem Schluß, daß Ka beeindruckt war, und ging zu einem
anderen Thema über. »Die Islamisten gehen von Tür zu Tür, besuchen die Leute
in Gruppen zu Hause, schenken den Frauen Haushaltswaren, Töpfe, Orangenpressen,
Kartons voller Seife, Weizenschrot und Waschmittel, bauen einen engen Kontakt
von Frau
zu Frau auf, stecken den Kindern mit Stecknadeln Goldstücke an die Schultern.
Sie sagen ›Gebt eure Stimme der Wohlfahrtspartei‹, die sie die Partei Allahs
nennen, sagen, daß diese Armut, dieses Elend, das über uns gekommen ist, daher
kommt, weil wir vom Wege Gottes abgewichen sind. Mit den Männern sprechen Männer,
mit den Frauen Frauen. Sie gewinnen das Vertrauen der Arbeitslosen mit ihrem
geknickten Stolz, ihrem Zorn, sie bereiten den Frauen der Arbeitslosen, die
nicht wissen, was sie abends im Topf zum Kochen haben werden, eine Freude,
versprechen dann mehr Geschenke und lassen sie schwören, für sie zu stimmen.
Sie gewinnen nicht nur den Respekt der von morgens bis abends erniedrigten Ärmsten
und der Arbeitslosen, sondern auch der Studenten, die am Tag nur einmal eine heiße
Suppe in den Magen bekommen, der Arbeiter und sogar der Handwerker und Händler.
Denn sie sind fleißiger, ehrlicher und bescheidener als alle anderen.«
Der Besitzer der Grenzstadtzeitung meinte, daß der frühere Bürgermeister, der
umgebracht worden war, nicht deswegen von jedermann gehaßt worden war, weil er
die Kutschen als »unmodern« hatte abschaffen wollen (diese Maßnahme war bloß
wegen seiner Ermordung nicht durchgesetzt worden), sondern weil er bestechlich
und korrupt war. Aber von den rechten und linken republikanischen Parteien, die
wegen alter Blutfehden, wegen ethnischer Spaltungen und des Nationalismus
miteinander in zerstörerischer Konkurrenz lägen, habe keine einen starken
Kandidaten für das Bürgermeisteramt aufstellen können. »Einzig auf die
Ehrbarkeit des Kandidaten der Partei Allahs wird vertraut«, meinte Serdar Bey.
»Und der ist der frühere Ehemann von I·pek Hanim, der Tochter Turgut Beys,
des Besitzers Ihres Hotels. Er ist nicht besonders klug, aber ein Kurde. Die
Kurden machen hier vierzig Prozent der Bevölkerung aus. Die Bürgermeisterwahl
wird die Partei Allahs gewinnen.«
Der noch dichter fallende Schnee erweckte in Ka wieder ein Ge-fühl von
Einsamkeit; und diese Einsamkeit wurde begleitet von der Angst, daß das Ende
der Verhältnisse, in denen er in Istanbul aufgewachsen war und gelebt hatte, ja
überhaupt des verwestlichten Lebens in der Türkei gekommen sei. In Istanbul
hatte er gesehen, daß die Straßen, auf denen er seine Kindheit verbracht
hatte, entstellt waren, daß man all die alten und eleganten Gebäude vom Anfang
des Jahrhunderts, in denen zum Teil seine Freunde gewohnt hatten, abgerissen
hatte, daß die Bäume seiner Kindheit vertrocknet und gefällt worden waren und
daß die Kinos innerhalb von zehn Jahren zugemacht hatten und in Zeilen enger,
dunkler Bekleidungsgeschäfte verwandelt worden waren. Das bedeutete nicht nur
das Ende seiner ganzen Kindheit, sondern auch seines Traumes, eines Tages wieder
in Istanbul zu leben. Ihm fiel auch ein, daß seine Schwester mit unbedecktem
Kopf nicht einmal mehr auf die Straße würde gehen können, wenn sich in der Türkei
eine starke Scheriatsregierung etablierte. Ka schaute auf den wie in einem Märchen
in riesigen Flocken langsam fallenden Schnee im Licht der Neonlampen der
Grenzstadtzeitung und malte sich aus, daß er mit I·pek nach Frankfurt zurückkehren
würde. Sie machten gemeinsam einen Einkaufsbummel im zweiten Stock bei den
Damenschuhen in dem Kaufhof, in dem er seinen aschgrauen Mantel gekauft hatte,
den er jetzt ganz fest um sich wickelte.
»Das ist alles Teil der internationalen islamistischen Bewegung, die aus der Türkei
so etwas Ähnliches wie den Iran machen möchte...«
»Gehören auch die jungen Selbstmörderinnen dazu?« fragte Ka.
»Uns gehen Hinweise zu, daß leider auch sie verleitet wurden, aber das
schreiben wir nicht, weil die Mädchen sich dann weiter aufregen und die
Selbstmorde noch zunehmen. Man sagt, der bekannte islamistische Terrorist
Lapislazuli sei in der Stadt. Um den Turban-Mädchen und den Selbstmörderinnen
seinen Rat zu geben.«
»Sind die Islamisten nicht gegen Selbstmord?«
Darauf gab Serdar Bey keine Antwort. Als die Druckmaschine stillstand und sich
Stille im Raum ausbreitete, schaute Ka dem unglaublichen Schnee zu, der draußen
fiel. Sich um die Probleme in Kars zu sorgen, war genau das Richtige gegen seine
Unruhe und Furcht, die zunahmen, weil er sich bald mit I·pek treffen würde.
Aber Ka wollte jetzt nur noch an I·pek denken und sich so auf ihre Verabredung
in der Konditorei vorbereiten, denn es war zwanzig nach eins.
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