Rot ist mein Name
(Leseprobe aus: Rot
ist mein Name, Roman, 2001, Hanser/2006,
S. Fischer)
Ein Toter bin ich nun,
eine Leiche auf dem Grund eines Brunnens. Schon längst tat ich meinen letzten Atemzug,
schlug mein Herz ein letztes Mal, doch niemand weiß, was mir geschah, nur mein ruchloser
Mörder. Der aber, widerlicher Schuft, hat auf meinen Atem gehorcht und mir den Puls
gefühlt, um sicherzugehen, daß ich wirklich tot war, dann hat er mir einen Tritt in die
Weiche versetzt, mich zum Brunnen geschleppt, hochgezerrt und hineinfallen lassen. Mein
Schädel, eingeschlagen von einem Stein, wurde beim Sturz in den Brunnen gänzlich
zertrümmert, meine Stirn, meine Wangen wurden zerdrückt und waren hin, meine Knochen
brachen, mein Mund füllte sich mit Blut.
Vor vier Tagen schon hätte ich heimkommen müssen - meine Frau und die Kinder sind auf
der Suche nach mir. Meine Tochter, ganz erschöpft vom Weinen, blickt zum Gartentor; aller
Augen sind auf die Straße, auf das Tor gerichtet.
Sind die Augen wirklich auf das Tor gerichtet? Auch das weiß ich nicht. Vielleicht haben
sich alle mit der Lage schon abgefunden, wie schrecklich! Hat man doch an diesem Ort
einfach das Gefühl, jenes Leben, das man hinter sich ließ, ginge weiter wie bisher. Eine
unendliche Zeit war vergangen bis zu meiner Geburt. Und jetzt nach meinem Tod kommt wieder
eine unendlich währende Zeit! Nie habe
ich darüber nachgedacht, als ich noch am Leben war; ich ging meiner Wege und weilte im
Licht zwischen den beiden Zeiten der Dunkelheit.
Ich war glücklich, muß glücklich gewesen sein, das begreife ich jetzt. Meine
Goldverzierungen waren die besten in der Werkstatt unseres Padischahs, und keiner der
anderen Vergolder konnte es mit mir aufnehmen in dieser Meisterschaft. Zusammen mit
solchen Arbeiten, die man mir noch außerhalb der Werkstatt gab, bekam ich hundert Asper
im Monat auf die Hand. Dies alles macht meinen Tod natürlich noch unerträglicher.
Mir oblag nur das Ornamentieren und das Vergolden. Ich schmückte die Seitenränder,
setzte Farbiges in den Rahmen, zeichnete bunte Blätter, Blüten, Zweige, Rosen und Vögel
ein. Wolkenkringel im chinesischen Stil, dicht deckendes Blattwerk, bunte Wälder mit
darin verborgenen Antilopen, Galeeren, Sultane, Bäume, Paläste, Pferde, Jäger...
Früher hatte ich hin und wieder das Innere eines Tellers ausgeschmückt, manchmal die
Rückseite eines Spiegels oder die Hohlseite eines Löffels, manchmal die Zimmerdecke
einer Villa am Ufer des Bosporus oder auch die eines Landhauses, manchmal auch eine
Truhe... In den letzten Jahren jedoch habe ich nur an Buchseiten gearbeitet, weil unser
Sultan für Bücher mit Bildern viel Geld bezahlte. Daß ich begriffen hätte, als mir der
Tod begegnete, wie unwichtig das Geld im Leben ist, kann ich nicht sagen. Die Bedeutung
des Geldes ist dem Menschen auch dann noch bewußt, wenn er das Leben verloren hat.
Was ihr jetzt erlebt, ist ein Wunder, denn ihr könnt meine Stimme trotz meines Zustandes
vernehmen, und ich weiß, ihr werdet nun folgendes denken: Laß das im Leben erworbene
Geld! Beschreibe, was dir dort widerfährt. Was kommt nach dem Tod, wo ist deine Seele,
wie sind sie, Paradies und Hölle, was siehst du dort? Wie ist das Sterben, hast du
Schmerzen? Ihr habt recht. Ich weiß ja, daß der Mensch im Leben nur allzugern erfahren
möchte, was im Jenseits vor sich geht. Erzählt man doch eine Geschichte von einem, der
nur dieser Wißbegier wegen auf blutigen Schlachtfeldern zwischen den Leichen
umhergewandert ist... Dieser Mann, der meinte, unter den sterbenden Kriegern vielleicht
einen zu finden, der nach dem Hinscheiden wieder zum Leben erwacht war und ihm die
Geheimnisse der anderen Welt verraten könnte, wurde von Timurs Soldaten als Feind
betrachtet und deswegen mit einem Schwerthieb in zwei Teile gespalten, so daß er am Ende
glaubte, die Menschen seien zweigeteilt in der anderen Welt.
Nichts dergleichen.Mehr noch, ich kann euch sagen, daß hier sogar die im Diesseits
zwiegespaltenen Seelen wieder eins geworden sind. Im Gegensatz zu dem aber, was die
Gottlosen, Ungläubigen, Ketzer und dem Teufel ergebenen Lästermäuler behaupten, gibt es
ein Jenseits, Allah sei Dank. Daß ich von dort zu euch spreche, ist der Beweis dafür.
Gestorben bin ich, doch nicht verschwunden, wie ihr seht. Andererseits muß ich zugeben,
daß mir nirgendwo eins der goldenen oder silbernen Paradiesschlößchen über fließenden
Wassern oder die Bäume mit riesigen Blättern und prallen Früchten oder die schönen
Jungfrauen begegnet sind, von denen der Koran spricht. Indessen erinnere ich mich jetzt
sehr wohl daran, wie oft und mit welchem Vergnügen ich die großäugigen Huris im
Paradies gezeichnet habe, welche die Sure Al-Wakiah beschreibt. Natürlich konnte ich
ebensowenig irgendwo jene vier Flüsse aus Milch, Wein, süßem Wasser und Honig
ausmachen, die so große Phantasiebegabte wie Ibn Arabi in den verlockendsten Farben
geschildert haben. Da ich die vielen Menschen, die zu Recht in ihren hoffnungsvollen
Vorstellungen von der anderen Welt leben, nicht zum Unglauben verleiten will, muß ich
sofort darauf verweisen, daß all diese Dinge mit meiner besonderen Lage zusammenhängen:
Jeder gläubige Moslem, der ein wenig Wissen über das Leben nach dem Tode besitzt, wird
mir zustimmen, daß ein Friedloser wie ich in meinem Zustand sich schwertut, die Ströme
des Paradieses zu gewahren.
(...)
Wer ist mein Mörder, gegen den ich eine solche Wut empfinde, und warum hat er mich auf
diese gänzlich unerwartete Weise umgebracht? Versucht es herauszufinden! Die Welt ist
voller gemeiner Mörder, die alle nichts taugen, der eine wie der andere, was soll's, sagt
ihr? Dann will ich euch sogleich warnen: Hinter meinem Tod steht eine widerwärtige
Verschwörung gegen unseren Glauben, unsere Tradition und unsere Art, die Welt zu sehen.
Öffnet eure Augen, erkundet, warum die Feinde des Islam, die Feinde jenes Lebens, an das
ihr glaubt, mich umbrachten und eines Tages auch euch umbringen könnten. All die Worte
des großen Predigers und Hodschas, Nusret von Erzurum, denen ich mit Tränen in den Augen
gelauscht habe, bewahrheiten sich eins nach dem anderen. Selbst die größten Meister
unter den Illustratoren würden nicht einmal in Bildern wiedergeben können, was uns
geschieht, wenn man es als Geschichte in einem Buch niederschriebe, das laßt euch gesagt
sein. Die erschütternde Kraft eines solchen Buches kommt genau wie beim Koran - Allah
bewahre uns vor einem Mißverständnis! - aus der Art seiner Entstehung, die niemals in
Bildern wiedergegeben werden kann. Ich zweifle, ob ihr imstande seid, das zu begreifen.
Seht ihr, auch ich fürchtete mich in der Zeit meiner Lehre vor der Stimme, die aus den
Tiefen der Wahrheit, aus dem Jenseits kam, achtete aber nicht darauf, machte mich lustig
darüber. Ich fand mein Ende am Boden dieses elenden Brunnens. Das gleiche kann auch euch
geschehen, seid wachsam! Nun kann ich nichts weiter tun als hoffen, daß man mich
vielleicht durch den eklen Geruch der Fäulnis findet, wenn ich so recht in Verwesung
übergehe; und mir außerdem die Foltern vorzustellen, die ein Wohlmeinender an meinem
gemeinen Mörder vornehmen wird, wenn man ihn gefunden hat.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Hanser/S.Fischer