Die flavischen Kaiser
Nicht, dass er ihr besonders aufgefallen wäre.
Ein langes Gesicht wie
viele andere auch. Vielleicht noch ein bisschen griesgrämiger. Eine
Mohnschnitte!, nuschelte er. Riss ihr die Tüte dann fast aus der Hand.
Die zehn Cent Rückgeld blieben auf der Theke liegen. Hastig umgedreht,
Leute angerempelt und weg. Nora war Rüpel gewohnt, kein müdes
Augenbrauenheben hatte sie für ihn übrig. Wäre ja noch schöner, sich
über Krethi und Plethi aufzuregen. Das war im Lohn nicht mit drin. Nicht
bei acht Euro brutto!
Auf dem Zeitungsfoto erkannte sie ihn zwei Tage später sofort wieder,
obwohl es ausgesprochen unscharf war. Ein Foto, das eine
Überwachungskamera eines Sparkassenautomaten gemacht hatte. Aber er war
es. Ganz sicher. Wieso eigentlich? Was war mit diesem Gesicht? Sie las,
er habe einer alten Dame das Geld aus der Hand gerissen. Die Uhrzeit -
Nora stutzte. Kurz nach dem Kauf der Mohnschnitte! Kann man seelenruhig
etwas essen, wenn man so was vorhat? Entweder ist dieser Kerl besonders
hart gesotten oder extrem zart besaitet, dann brauchte er vielleicht
etwas Süßes, um seine Nerven zu stärken. Was zerbrach sie sich
eigentlich den Kopf darüber? Und dann erzählte sie abends auch noch Sven
davon. Vielleicht war zuviel Mohn in der Schnitte, sagte er und lachte,
die eigenen Witze sind immer die besten.
Sie ertappte sich dabei, dass sie nach dem Typ Ausschau hielt. Sie
ärgerte sich darüber. Sie verspürte das dringende Bedürfnis, ihr
Interesse an ihm sich selber zu rechtfertigen. Irgendwoher kannte ihn,
fand sie heraus, zumindest hatte sie ihn schon mal gesehen, früher, vor
langer Zeit. Dieser mürrische Zug um den Mund, dieser scheue, abweisende
Blick, mit dem er sie gestreift hatte. Natürlich war es
unwahrscheinlich, dass er nach dem Überfall noch einmal in die Bäckerei
käme, wäre ja auch blöd.
Die Tage danach vergingen wie immer, endlos scheinend und betäubend.
Acht Stunden im Laden stehen und immer schön freundlich sein: zwei
Stücke Schwarzwälder Kirschtorte bitte ein Apfelstrudel ein
Aprikosenriemchen ist die Sahne auch frisch haben Sie keine helleren
Brötchen und ist das Brot auch nicht mit genmanipuliertem Mehl gebacken?
Die haben Sorgen. In Afrika verhungern die
Kinder, die würden sich drum
schlagen, um welche Gene auch immer.
Aber selbstverständlich bitte danke nein tut mir leid haben wir nicht
mehr darf es noch was sein gerne bitte danke schönen Tag noch.
Die können mich doch alle mal kreuzweise. Für so was hat man nun fünf
Jahre lang studiert. Wo ist der Strick, um sich aufzuhängen?!
Abends vor dem Fernseher. Hauptsache entspannen, schmerzende Beine,
leerer Kopf, wozu noch denken. Das besorgte schon Sven. Wenn man
arbeitslos ist, hat man Zeit dazu. Einer muss sich ja über die unfähige
Regierungskoalition und ungerechten Verhältnisse aufregen. Und über sie.
Wann war sie eigentlich das letzte Mal mit bei seinen Versammlungen der
Umweltaktivisten, um über zu schützende Krötenwanderwege und
Feldhamsterrettungsstrategien zu debattieren, stundenlang, wochenlang,
wenn’s sein muss? Hat sie überhaupt noch den Hauch eines
Verantwortungsgefühls, ist sie noch eine mündige Bürgerin? Aber auch
ohne sie kamen die niemals zu einem mehrheitsfähigen Beschluss, da war
es gut, wenn sich die Probleme irgendwann aus jahreszeitlich bedingten
Gründen von selbst erledigten. Ansonsten wurden, das allerdings
erfolgreich, gemeinsame Fahrten zu allen möglichen Demonstrationen im
Bundesgebiet organisiert. In einer konsum- und terrororientierten Welt
mussten politisch und gesellschaftlich relevante Denkanstöße gesetzt
werden. Im Moment waren Themen wie Korruption in Vorstandsetagen und
Ausbeutung von Angestellten in Billigketten angesagt. Na bitte! Sehr
gut, sagte Nora, endlich mal was Sinnvolles! Schreibe den Namen meines
Arbeitgebers mit auf dein Transparent! Natürlich war das zu
kleinkrämerisch, da musste sie Sven dann doch Recht geben. Hier ging es
um globale Problemstellungen, hier ging es um neoliberale
Abnutzungserscheinungen der Moral und nicht um persönliche
Frustrationen. Dass sie trotzdem keine Lust hatte, mit auf die Demo zu
gehen, bei der gleich beide aktuelle Themen abgearbeitet werden sollten,
nahm er ihr ziemlich übel.
Sie bekam allerdings keine Depressionen deswegen. Ein ganzes, ja sogar
verlängertes Wochenende alleine! War das etwa nichts? Die Demo sollte am
Sonntag in München stattfinden, plus An- und Rückfahrt würde Sven drei
Tage lang weg sein.
Phase eins, sagte Anja, ihre Freundin, durchs Telefon, der Anfang vom
Ende. Wenn du dich darauf freust, drei Tage ohne ihn zu sein, dauert es
maximal noch ein halbes Jahr. Blödsinn, meinte Nora, es ist nur ein
notwendiges Luftholen nach einem anstrengenden Dauerlauf. Oder ein
notwendiges Nachholen von dauernd vernachlässigten Bedürfnissen, sagte
Anja. Sie musste immer das letzte Wort haben.
Es war zufällig und glücklicherweise das Wochenende, an dem Nora
samstags nicht arbeiten musste. Das kam nur einmal im Monat vor, und
dieses Wochenende sollte es in sich haben, beschloss sie, als sie
liebevoll ihr Frühstücksei pellte. Zuerst einmal würde sie mindestens
zwei Stunden lang hier sitzen bleiben und Zeitung lesen, so wie sie das
früher immer gemacht hatte, dann würde sie mindestens fünf Stunden lang
durch die Geschäfte laufen, mindestens hundert Sachen anprobieren, ohne
was zu kaufen, und dann...
Dann klingelte es.
Sie hatte ein komisches Gefühl, als sie zur Türe ging. Und sie war nicht
überrascht, als sie das mürrische Gesicht des Sparkassenräubers sah. Es
gibt so etwas wie Erleuchtungen. Woher weißt du, wo ich wohne, fragte
sie. Es war Andreas, der Bruder ihrer besten Freundin aus der
Grundschule. Sie war seitdem siebenmal umgezogen und hatte schon ewig
keinen Kontakt mehr mit den beiden. Andreas war damals ein ständig
schlecht gelauntes Kind gewesen, das seine einzige Freude darin fand,
andere auf die Palme zu bringen. Auch jetzt sah er sie an, als sei es
schon eine Zumutung, ihm eine Frage gestellt zu haben. Kann ich erst mal
rein?
Während der zwei Tassen Kaffee, die er wortlos trank, hatte Nora
reichlich Zeit, ihn ausgiebig zu begutachten. Bis auf die schwarzen
Bartstoppeln und den Adamsapfel hatte er eigentlich immer noch sein
Jungengesicht. Es war einfach ungerecht, dass man vielen Männern das
Alter nicht ansah! Du hast dich ganz schön verändert, sagte er, als habe
er ihre Gedanken gelesen. Du auch, sagte sie, früher hast du noch keine
Omas überfallen, oder doch? Er grinste herablassend. Und du lässt dich
ausbeuten? Lass mich raten, elf Euro brutto! Falsch, sagte sie, und mein
Chef schickt mir täglich fünfzig rote Rosen und jedes Wochenende den
besten Partyservice ins Haus, nur damit ich bleibe. Schließlich hat
nicht jeder eine promovierte Historikerin hinter seiner Ladentheke!
Er probierte er von dem Lachs, den sie sich zur Feier dieses
außerordentlichen Wochenendes geleistet hatte. Aldi, rief er verächtlich
und warf die Gabel auf den Tisch.
Kann es sein, dass du ein bisschen unverschämt bist? fragte sie, wieso
kommst du überhaupt zu mir, ich kann mich nicht erinnern, dich
eingeladen zu haben!
Ich werde international gesucht! Auf die Idee, dass ich bei dir sein
könnte, kommt garantiert niemand! Er sah aus wie ein Unschuldslamm.
Nora prustete los. International gesucht? Wegen der 100 Euro, die du der
Oma geklaut hast?
Sein blasiertes Gesicht zeigte einen Moment lang ehrliches Erstaunen.
Welche Oma? Spinnst du?
Nora war verwirrt. Sollte sie sich geirrt haben? Das Foto des
Sparkassenautomaten war relativ unscharf gewesen. Vielleicht hatte der
Räuber nur eine starke Ähnlichkeit mit ihm. Aber diese Ähnlichkeit hatte
auf jeden Fall genügt, den Erinnerungsprozess in ihr in Gang zu setzen.
Ich habe ein kleines Problem fuhr er fort. Ich bin im Moment nicht
flüssig. Mein Konto in der Schweiz ist vorläufig zu heiß. Gesucht werde
ich, - er schlug affektiert die Beine übereinander -, weil ich diversen
Leuten größere Gefallen getan habe und dafür entsprechend honoriert
wurde. Ich war ein bisschen unvorsichtig, und meine Vorstandskollegen
haben davon Wind bekommen.
Verstehe, sagte Nora.
Schon damals in der Schule hatte er das Blaue vom Himmel herunter
gelogen, das war eines der wenigen Details, an die sie sich noch
erinnern konnte. Dann sind wir ja beide, fuhr sie fort und nahm sich
geziert eine Lachsscheibe, Kinder unserer Zeit. Du bist die Ursache und
ich bin die Folge des wirtschaftlichen und moralischen Zusammenbruchs
unseres Landes. Bei den flavischen Kaisern, erstes Jahrhundert nach
Christus, war das übrigens ähnlich, da gab es sogar....
Schon gut, sagte Andreas, reich mir mal die Butter!
Im Laufe des verlängerten Wochenendes stellte sich heraus, dass Andreas
nicht nur ein verlogenes Subjekt, sondern außerdem ein Chauvinist, (im
herkömmlichen wie im feministischen Sinne), ein Ignorant, (was Noras
Bildung und gesellschaftliche Stellung betraf), sowie ein verdammt guter
Liebhaber war. Für drei Tage, fand Nora, konnte man deshalb über die
charakterlichen Schwächen hinwegsehen.
Ich schreib dir mal, vielleicht aus Rio, sagte er Montagabend beim
Verabschieden, es muss nur erst ein bisschen Gras über die Sache
wachsen. Klar, sagte Nora.
Als sie ihn eine Woche später in der Tagesschau über den Bildschirm
flimmern sah, gestochen scharf, gut rasiert und im Maßanzug, als
Vorstandsmitglied eines hier besser nicht namentlich genannten
Kreditinstituts, der sich mit Schmiergeldern in ungeahnter Höhe aus dem
Staub gemacht hatte, bekam sie sie: Die ersten Depressionen ihres
Lebens! Sie hätte es niemals für möglich gehalten, dass man sich auch
nachträglich verlieben kann. Andauernd träumte sie jetzt von diesem so
liebenswert mürrischen Zug um seine Mundwinkel, von diesem so umwerfend
herablassenden Lächeln. Hatte sie nicht als Kind schon seine
Überlegenheit bewundert, seine Selbstsicherheit, sein Weigern, sich an
langweilige Spielregeln zu halten? Kann man nicht nur auf diese Weise
überleben in dieser kaputten Welt?
Eins ist klar, sagte Sven, als er wieder mal euphorisiert und
elektrisiert von einer Demo zurückkam und Hunderte von Unterschriften
gegen irgendwas gesammelt hatte, das Entscheidende ist doch, dass man
etwas tut, was wirklich wichtig ist, und dass man sich aktiv an der
Gestaltung des eigenen Lebens beteiligt!.
Du weißt ja nicht, wie wahr das ist!, rief Nora und schloss sich
rechtzeitig vor ihrem nächsten Weinkrampf ins Badezimmer ein.
Post aus Rio kam nie. Wahrscheinlich hatten sie einen dieser
berüchtigten Briefträger, die Briefe und Päckchen meterhoch in ihren
Schlafzimmern stapelten und aus Protest gegen ihre Ausbeutung nicht
austrugen.
(2006)
Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © A.P.