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Der nächste Halt
(aus: Der
große Roman über Barcelona, Erzählungen, 1999, Frankfurter
Verlagsanstalt - Übertragung Elisabeth Brilke)
Sechs Tage in der Woche, immer um die gleiche Zeit, durchquert die Lokomotive die Ruhe der Landschaft. Weder Bäume noch Berge rühren sich, nur die Kuh, die den vorüberfahrenden Zügen zuschaut. Der Lokführer winkt ihr aus dem Führerhaus zu, und das Tier schwenkt zur Antwort den Schwanz, der dabei dem Euter Luft zufächelt. Diese Szene wiederholen sie seit Jahren, doch der Lokführer weiß, daß es heute das letzte Mal ist. Morgen geht er in Pension. Die Aussicht auf eine Zukunft, die ihn von der Sklaverei befreit, jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen zu müssen, macht ihm den Mund wässerig. Er wird Zeit haben, das kleine Stück Rasen im Vorgarten des Häuschens zu pflegen, das er gerade erst abbezahlt hat. Er kann außerhalb der Saison Reisen buchen, die in den Zeitungen annonciert werden. Um sich aufzuraffen, wird er sich nicht jeden Morgen wieder einreden müssen, daß Arbeit Würde verleiht, und die Anwesenheit seines Assistenten, eines schweigsamen und kleinlichen Individuums, braucht er auch nicht länger zu ertragen. Der Lokführer hat den Bahnhof verlassen, während er in Gedanken bei einer Menge größtenteils realistischer Pläne war. Er hat weder auf die Tunnels geachtet, die ihre Schlangenlinien ziehen, bis sie in einer Reihe komplementärer Vorstädte münden, noch auf die von Leuchtreklamen gekrönten Gebäude an der Strecke. Er hat sich nicht an der Befriedigung über das letzte Mal geweidet, hat auch nicht gedacht, daß er nie wieder den Flügel der Lokomotive oder den Luftdruckmesser kontrollieren würde. Seine Gedanken schweifen durch eine Zukunft voller Mittagsschläfchen, und ohne es zu bemerken, führt er den Zug aus dem städtischen Ballungsgebiet hinaus in eine Landschaft, in der Grüntöne und ein hin und wieder aufkommender Dunggeruch vorherrschen. Als er die Kuh in der Ferne sieht, verringert er instinktiv die Geschwindigkeit unter dem vorwurfsvollen Blick seines Assistenten, den er wohl bemerkt. Je näher er der Kuh kommt, um so mehr hat er den Eindruck, sie nur zu grüßen wäre nicht ausreichend; in Anbetracht der Umstände müsse er etwas Ausgefallenes tun, zum Beispiel, den Zug bei dem Tier anhalten. Er weiß, daß es regelwidrig ist, doch ebenso wie er in dreißig Dienstjahren unfähig gewesen war, die Dienstordnung jemals zu übertreten, fühlt er sich jetzt außerstande, sie zu beachten. Er verringert also die Geschwindigkeit mit Blick auf den Tacho, bis die Nadel auf Null zeigt. Um das chronische Übel nicht zu wecken, das seine Wirbelsäule häufig zum Knirschen bringt, steigt er langsam aufs Gleis hinunter. Unsicheren Schritts, wie jemand, der nicht gewohnt ist, seine Füße beim Laufen nicht zu sehen, geht er querfeldein auf das Tier zu. Die Kuh, die den Halt des Zugs bemerkt hat, unterbricht die pendelnde Bewegung des Schwanzes. Sie dreht den Kopf, um den Lokführer besser beobachten zu können, der mit aller Vorsicht - als wäre sie keine Kuh, sondern ein Löwe - die Hand ausstreckt, um sie zu streicheln. Sie reagiert mit einem »Muh«, das die Fliegenkolonie aufschreckt, die wie gewöhnlich auf ihren Augen sitzt. Sie blickt zur Lokomotive hinüber. Trotz der Entfernung nimmt sie eine aufsteigende Rauchwolke wahr, deren Ursprung die stillschweigende Zigarette des Assistenten ist. An den Zugfenstern fordern schreiende Passagiere, daß der Lokführer auf der Stelle zurückkommen soll. Sie haben es eilig, sagen sie. Das ist unerhört, schimpfen sie. Sie werden sich beschweren, drohen sie. Eine geduldigere Minderheit schaut dagegen zu, wie ein Mann, der seiner Uniform nach der Lokführer sein muß, eine ganze Weile lang die Kuh umarmt und danach mit der Befriedigung, seine Pflicht erfüllt zu haben, zur Lokomotive zurückkehrt.
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