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Schatten ohne Namen
(Leseprobe
aus: Schatten ohne
Namen, Roman, 2006, Tropen
Verlag - Übertragung Frank Wegner)
Mein Vater behauptete immer, sein Name sei Viktor Kretzschmar. Er war
Weichensteller auf der Strecke München-Wien und nicht der Typ, der spontan
beschloss, ein Verbrechen zu begehen. Seine ungeschickte hastige Art verbarg
einen äußerst kühl berechnenden Verstand, der Jahre auf geeignete Umstände
warten konnte, um einen langgehegten Stoß auszuführen. Nach außen hin war er
schweigsam, neigte privat jedoch zu jähen Wutausbrüchen, was ihn zu einer
tickenden Zeitbombe machte. Das waren keine impulsiven Ausbrüche, sondern eher
die Folgen des endlosen Selbstgesprächs, das er mit seinem geschlagenen Selbst
führte, als jemand, der zweifelsohne einen Tunnel durch Basaltgestein hätte
graben können, einzig von der Hoffnung getrieben, eines Tages das Licht
wiederzuerlangen, das ihm in seiner Jugend geraubt worden war. Einmal war ich
dabei, als er sich über zehn Stunden lang versteckt hielt und darauf wartete,
dass ein ausgehungerter Hase, den er mit den ersten paar Schüssen nicht erlegt
hatte, wieder aus seinem Bau herauskam. Es war schon Nacht, als das Tier sich
schließlich dem Feuer des gekränkten Schützen auslieferte und als Dreingabe
ein paar Tritte erhielt, die es rasch in einen ungenießbaren Klumpen aus Blut
und Schneematsch verwandelten.
Jahre später, während mein Vater halbherzig die Anklage des Gerichts zurückwies,
fragte ich meine Mutter, ob sie sich an die Geschichte mit dem Hasen erinnere,
aber sie konnte oder wollte mir nicht antworten. Seit dem Unfall hatte sie sich
in ein undurchdringliches Schweigen zurückgezogen, das ich anfangs für
Solidarität mit der Familie hielt. Später, als sie den Urteilsspruch des
Richters hörte, stieß meine Mutter indessen einen tiefen Seufzer aus, ließ
den Kopf sinken und weinte vor Erleichterung, endlich von der Last befreit, die
ihr jede Sekunde ihres Lebens vergällt hatte. Meine Trostworte, aus tiefster
Verwirrung geboren, halfen kaum, sie zu beruhigen. Als würde sie verschlüsselt
auf meine Frage mit dem Hasen antworten, deutete sie auf meinen Vater und
murmelte: »Dieser Mann, mein Sohn, heißt Thadeus Dreyer, und er hasst Züge
aus tiefstem Herzen.«
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