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Der Stand der
Sonne
(Leseprobe aus:
Der Stand der Sonne, Roman,
Roman, dtv - Übertragung Stefan
Moser)
Ich schreibe das Haus leer,
die Sehnsucht von mir weg:
Bücher, Dinge
hinaus, fort.
Fort mit dem dunklen Schrank, dem Stuhl, fort mit der Uhr.
Die Uhr oder der Stuhl später, anderswo
nicht mehr dasselbe. Nur ein Klang,
eine Botschaft von irgendwo.
Ich schreibe das Haus leer:
hinaus, fort Lampen Tisch, Menschen Erinnerungen.
Das leere Haus ist leicht zu schließen, aufzugeben
das Leben leer gelebt,
voll geworden.
Lassi Nummi
1.
Es gibt Zeiten, in denen Gott regiert. Dann wird die Vernunft auf Scheiterhaufen
verbrannt und mit den Ratten in feuchte Verließe gesperrt. Es gibt Zeiten, in
denen die Vernunft regiert. Dann wird Gott auf öffentlichen Plätzen verbrannt,
und aus seinen Häusern werden Schulen gemacht. Es gibt Zeiten, in denen man zu
zeigen versucht, dass Gott und die Vernunft am selben Ort leben können und dass
sie im Grunde dasselbe sind, aber das sind sonderbare Zeiten. Und es gibt
Zeiten, in denen Gott und die Vernunft nebeneinander, aber an verschiedenen
Orten leben, wie erwachsene Geschwister, für die kein Platz in derselben
Wohnung ist, die aber trotzdem gut miteinander auskommen. Als mein Vater und
meine Mutter einander liebten, regierte sie Gott, und es war nichts Vernünftiges
daran, gar nichts.
Einmal gab ich Gott auf im Namen der Vernunft. Ich sagte zu meinem Vater: ich
glaube nicht an deinen Gott.
Mein Vater sagte: Gott ist eins, Gott ist groß. Ich rauchte eine Zigarette vor
seinen Augen und ging. Mein Vater packte seine Sachen und irrte tagelang durch
eine fremde Stadt. Die Geschwüre meiner Mutter wuchsen zu doppelter Größe an.
Der Winter begann. Er dauerte viele Jahre, und während all dieser Zeit schien
die Sonne nicht in unsere Zimmer. Während jenes Winters fiel das Licht in Stücke,
und ich musste die Einzelteile selbst zusammenkleben. Wenn ich jetzt die Sonne
sehe, wende ich ihr mein Gesicht zu und sage: geh nicht mehr weg. In meinem Haus
ist ein indischer Mann eingezogen, und er ist mein Bruder geworden. Jetzt ist
August, ich habe die Einzelteile zusammengeklebt und muss mich vor diesem Licht
nicht mehr schützen.
2.
Mein Vater begegnete meiner Mutter im Zug auf der Fahrt von Luxor nach Assuan.
Mein Vater, der Löwe, mein Vater, dessen Augenwinkel voller Furchen waren vom
Lachen und vom Zusammenkneifen, sagte zu meiner Mutter: mein Name ist Ismael,
und das bedeutet, dass Gott all meine Gebete erhört, so ist es immer gewesen
und so wird es immer sein, und mein Vater lächelte verschmitzt mit seinen Augen
und mit seinem Mund, und meine Mutter sagte: mein Name ist Anu, und das bedeutet
gar nichts, und manchmal, wenn meine Mutter vor dem Himmel stand, hatten ihre
Augen und der Himmel die gleiche Farbe. Hinter meinem Vater stand Gott und
hinter meiner Mutter stand gar nichts.
Jetzt ist August. Der Himmel ist voller fliegender Sterne. Manchmal bleiben wir
bis zum Morgen wach, warum sollten wir schlafen? Wir reden über Bücher und
Kinder und fremde Städte. Die Sommerblumen sind verwelkt, bald werden die
Preiselbeeren reif, und der Wald riecht nach Pilzen. Die Äpfel fallen von den Bäumen.
Wir essen Blaubeerkuchen auf der Veranda des Sommerhauses, und wenn unsere
Gedanken sich zu sehr beeilen, stolpern sie übereinander. Nur die wichtigsten Wörter
werden ausgesprochen, oft nicht einmal die. Nachts ist es so dunkel, dass wir
uns nicht sehen. Wir reichen einander die Hand, und wenn wir Wein in den Gläsern
haben, verschütten wir ihn vielleicht. Die Felsen sind warm geworden, wie das
Meer. Nachts lassen wir uns treiben, überlassen uns dem Wasser. Nur unsere
Fingerspitzen berühren einander, und wir sind still, endlich.
Ismael und Anu. Einst bildeten sie meine gesamte Wirklichkeit, und damals konnte
ich nachts schreien, ohne dass ein Ton aus meinem Mund drang. Sie waren so groß,
dass sie alle Ecken ausfüllten, alle Winkel, das Licht war von ihnen entzündet
worden, und als es erlosch, war ich noch nicht groß genug, es wieder anzuzünden,
und da wusste ich, dass ich ihrem Licht ganz und gar ausgesetzt war. Sie waren
so groß, dass ich nicht mit hineinpasste in ihre Welt, keinesfalls. Wenn ich am
Tisch saß, um eine Apfelsine zu schälen, wusste ich, dass ich vier Schnitte in
die Schale machen konnte, damit sie sich leicht ablösen ließ, so machte es
meine Mutter.
Aber ich wusste auch, dass ich die Schale in einer langen Spirale
herunterschneiden und für eine Weile wie einen Schmuck über mein Handgelenk
schieben konnte, so 10 machte es mein Vater. Und wenn meine Mutter sagte,
Trinkwasser ist frischer, wenn man keine Essenzen aus den Blütenblättern von
Rosen hineingibt, dann schob mein Vater die Apfelsinenschale über mein
Handgelenk wie einen Schmuck. Eine Apfelsine kann man auf zwei Arten schälen,
aber ich kann sie nicht auf beide Arten schälen, wenigstens nicht dieselbe
Apfelsine, keinesfalls, und so saß ich lange am Tisch, draußen geschahen
allerlei Dinge, an denen ich nicht teilnahm, und ich konnte auf dieser Welt
nicht mit beiden zusammen sein. Ganz und gar nicht.
Aber jetzt ist August, ich bin gewachsen, und sie sind kleiner geworden, auf
meine Größe geschrumpft, außerdem gibt es so viel anderes auf der Welt, junge
Menschen, die so groß sind wie ich, die so aussehen wie ich, ich suche nicht
mehr nach einer Macht, der ich mich unterwerfen, in deren Schatten ich bleiben könnte,
wohinter ich mich verstecken, in deren Innerem ich mich verlieren und sterben könnte.
Schreie ich jetzt in der Nacht, wache ich auf, und ich habe mein eigenes Leben
und fürchte mich nur selten. Jetzt kann ich die beiden vor mir aufbauen wie die
Puppen, mit denen ich als Kind spielte, und ich weine nur selten, denn Freude
und Trauer haben endlich an ein und denselben Ort gefunden.
Wenn ich nachts aufwache, spüre ich meine Beine unter der Decke, das mag ich,
und ich lächle, und normalerweise ist mir warm genug, und am Morgen erwartet
mich nichts Überraschendes. Und wenn ich schreie im Schlaf, erscheint meine
Mutter an der Tür, im weißen Nachthemd, wie die Fee vor vielen Jahren, in
gespieltem Flug, ich weiß nicht, ob sie lebt, aber sie hört den Schrei, den
ich selbst nicht höre, und der Mond scheint ins Zimmer und macht alles blau,
und ich möchte in die Schränke hineinsehen, kann es aber nicht. Und wenn ich
auch manchmal ins Wasser sinken möchte, zu den Fischen und den Korallen, ich
tue es nicht. Ich spiele am Strand, schaut nur, ich spiele.
Und mein Zuhause hat dicke Wände, und niemand anders besitzt einen Schlüssel,
auch meine Schwester nicht, und meine Wände sind himmelfarben, ich habe sie
selbst gestrichen und betrachte sie in letzter Zeit weniger als früher. Und im
dritten Stock der indische Mann, ich wurde in seinem Land geboren, er war an dem
Ort, an dem ich geboren wurde, als ich geboren wurde, und niemand sonst war in
diesen kalten Straßen, niemand. Er ist ein Löwe. Funken und Hitze, Funken und
Wärme, Funken, und ich bin nicht mehr allein. Der indische Mann sagt zu mir:
wir sind gleich, du und ich, wir gehören nicht hierher und wir gehören auch
sonst nirgendwohin. Manchmal sitze ich ganz still da und esse einen grünen
Apfel, und im dritten Stock macht der indische Mann indisches Essen mit vielen
Gewürzen.
Zimtstangen werden in Öl gedünstet und Nelken, und der Geruch des Essens
verbreitet sich im Treppenhaus und kommt auch durch meine Tür, und wenig später
läuft der indische Mann die Treppe hinunter, und ich denke, er ist ganz wie ein
kleiner Junge, und ich wasche mir einen zweiten grünen Apfel, und selbst wenn
ich ihn schlecht wasche, so macht das überhaupt nichts. Er rennt hinunter,
schneller als jeder andere, und ich bin ganz leise. Und ich sehe ihn vom Fenster
aus, und dann ruft er mich an und bittet mich zu einem Spaziergang, und der
Himmel ist dunkelblau. Er sagt: als ich ein Kind war und es war Morgen und ich
zog die Vorhänge zur Seite, sah ich vor dem Fenster die höchsten Berge der
Welt, und damals rauschte es noch nicht in meinen Ohren.
Und wir gehen im Regen unter Baugerüsten und wir lachen, und er sagt mir nichts
Schönes. Er sagt: einmal auf dem Land hörte ich den Schnee schmelzen und
manchmal nicht einmal das, und ich las dort hunderte Seiten in einem Buch. Ich
sage zu ihm: einmal habe ich ein Gedicht nicht verstanden, aber dann hast du es
mir vorgelesen und dann habe ich es verstanden, aber im Nachhinein wieder nicht
mehr. Doch ich weiß, bevor wir uns trennen, werden wir anfangen, vom Tod zu
reden, und wir werden uns anschreien, damit wir es fertig bringen, auseinander
zu gehen. Ich sage zu ihm: du warst an dem Ort, an dem ich geboren wurde, als
ich geboren wurde, und in der Tat ist es so, dass sich die Einzelteile von
Anfang an auf ihren Platz zubewegt haben. Ich habe keine Angst mehr wie früher,
auch tagsüber nicht.
Und ich nehme eines seiner schwarzen Haare von meinem Sofa und werfe es weg,
denn ich weiß, es werden noch mehr werden.
Mein Zuhause hat dicke Wände, und ich entscheide, wen ich hineinlasse. Der
Winter war lang, ich glaubte, er würde gar nicht enden, im Winter gab es den
Mardermann, der brachte mir seine Katze, und dann wurden die Balkons renoviert,
und Männer kletterten vor meinem Fenster auf und ab, und die Katze zerkratzte
mein Sofa und mein Hemd und sie schnurrte in meinem Schoß, und nachts stieß
sie die Holztiere vom Klavier und löste das Sieb über dem Abfluss, und der
Abfluss war voller Haare in verschiedenen Farben und Längen, und der Mardermann
rief an und fragte, wie es der Katze geht, ich bin auf dem Gipfel eines Berges
und will wissen, wie es der Katze geht, und ich sagte:
Komm her und hol deine Katze und komm richtig herein, wenn du kommst, und damit
war er weg, aber das ist eine Weile her, und meine Freunde wissen, wovon ich
rede, dass man auf seine Grenzen bedacht sein muss, besonders am Anfang, denn
wenn sie da schon verloren gehen, wird es unmöglich, sie wieder zu finden. Und
irgendwann unterließ ich es, meine Tür doppelt zu verriegeln, und manchmal
lasse ich das Fenster offen, wenn ich die Wohnung verlasse, obwohl ich nahe der
Erde wohne, und in dem Zimmer, in das der Mond schien und all meine Sachen blau
färbte, gab es überhaupt keine Tür, nur die Türöffnung, in der meine Mutter
erschien. Der indische Mann ist ein junger Mann, er gleicht einem kleinen
Jungen, und ich bin noch jünger als er, und ich will alles Überflüssige
vergessen und nur aufbewahren, was ich brauche, und vielleicht tue ich das auch
und höre auf, mir Geschwüre in mir vorzustellen, und wenn ich nach Wörtern
suche, suche ich sie in der Luft um mich herum, und alles ist gut, selbst wenn
die Sonnenblume auch kleine Krabbeltiere in meine Wohnung bringt, dann macht das
überhaupt nichts.
Die Fenster des indischen Mannes sind die gleichen wie meine Fenster, durch sie
sehe ich die vertrauten Bäume, aber von weiter oben und weiter weg, und ich
spiele am Strand, seht nur, ich spiele. Irgendwann kehrte die Farbe in die Dinge
zurück, die Farbe, die zu lange gefehlt hatte. Von da an verging die Zeit
langsamer als zuvor. Die Dinge dufteten und glänzten mehr als je zuvor. Es gab
überhaupt mehr Dinge als je zuvor, mehr Bücher, und auch wenn ich einfach
nicht alles schaffe, so macht das nichts. Ich war verzaubert wie ein Kind, ich
war berauscht wie ein Kind, und da wusste ich, dass ich erwachsen war.
Ich schütze meine Schultern nicht vor diesem Licht, und wenn mir von den
Meereswellen etwas in die Nase dringt, so macht das überhaupt nichts. Und wenn
das Meer tote Quallen anspült, wechsle ich den Platz. Die Frauen in ihren
schwarzen Gewändern, sie sitzen im Schatten und trinken Erdbeersaft mit
Trinkhalmen aus Pappe. An ihren dicken Fingern tragen sie große Ringe, und wenn
sie lachen, lachen sie ganz und gar. Ihre dicken Zehen, die hellroten Zehennägel,
sie graben im kühlen Sand. Meine Haare nehmen in der Sonne die Farbe des Sandes
an, und unter all diesen Steinen suche ich mir nur die allerschönsten aus. Ich
schütze mich nicht mehr vor diesem Licht.
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