Das halbe Brot der Vögel von Angelika Overath, 2004, Wallstein

Angelika Overath

Das halbe Brot der Vögel
(Leseprobe aus: Das halbe Brot der Vögel, Portraits und Passagen, 2004, Wallstein-Verlag)

»Wer einen Stein aufhebt, verändert den Stein. Er belädt ihn mit seiner Aufmerksamkeit. Sammler sind Menschen, die Dinge aufheben. Sie gehören in die Gattung der Liebenden. Für sie ist schön, was zu sammeln sie sich entschlossen haben. Bruce Chatwin hat Wellblechhütten photographiert, als seien es avantgardistische Paläste. In einem chinesischen Billigteller aus maschinell bedrucktem Emaille konnte er Anklänge an den russischen Futurismus entdecken. Der in seiner Krankheit schon von Visionen gehetzte Chatwin benannte das Material eines kultischen Messers der australischen Aborigines als »eine Art Wüstenopal« von wunderbarer Farbe, »fast die Farbe von Chartreuse«. Es war die kunstvoll zurechtgeschliffene Scherbe einer Bierflasche. Unter seinem Blick wurden übersehene Dinge kostbar. Wie ein Liebender veränderte er das Objekt seines Begehrens. Seine Texte sind ein großangelegter Flirt mit der Welt. Das Tröstliche, das Versöhnliche, das noch von seinen krudesten Beschreibungen ausgeht, ist das große Trotzdem des Bräutigams, der - und wäre es nur als ein Gegenzauber - verspricht, daß, wie es auch sei, das Leben schön ist.«

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