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NEGERBUSCH
(Leseprobe aus: Mit dem Kofferradio in
der Mählersbeek, Geschichten,
NordPark).
Kurz bevor der Mensch das Sprechen lernte, vertraute ihm Gott das Geheimnis um Leben und Tod an. Aber er versiegelte es sofort wieder: Er legte dem Menschen seinen rechten Zeigefinger auf den Mund und bedeutete ihm damit, über das Gehörte zu schweigen. Der Mensch vergaß das ihm Anvertraute, und nur noch die Furche zwischen Nase und Oberlippe, in der Gottes Zeigefinger geruht hatte, erinnert ihn daran, daß er einmal alles gewußt hat.
Bei den alten Völkern Afrikas und Amerikas
gab es, gibt es Tabu-Gebiete. Landstriche, Berge, Wälder, Flußtäler, in denen
die Ahnen ungestört weiterexistieren. Geister, die uns Lebende in ihrer
Gegenwart nicht dulden, kosten dort von dem Geheimnis um Leben und Tod, dem
Menschen unzugänglich. Nur der Priester scheint das Gebiet betreten zu haben,
wenn er nach einem Monat plötzlichen Verschwundenseins ins Dorf zurückkehrt und
die alte Kraft des Heilens wiedererlangt hat.
Offenbar kennen wir heute das Geheimnis um Leben und Tod. Denn die Tabu-Gebiete,
so erklären wir es uns, sind Gen-Pools: Tier- und Pflanzenarten können sich, vom
Menschen nicht beeinträchtigt, niederlassen, vermehren, weiterentwickeln; von
der Ausrottung bedrohte Arten entfalten hier ihre Schönheit und gehen uns so
nicht verloren. Wir sind aufgeklärt, die Welt ist entmystifiziert, und aus dem
Geheimnis ist ein Nationalpark geworden. Betreten verboten. (Mit dem Wagen kann
man schon mal durch. Aber man sollte die Fenster hochkurbeln.)
Der Teil der Stadt, der nicht im Grund des langgezogenen Tals der Wupper
steckengeblieben ist, klebt auf kleinen, lichten Bergrücken oder ist in die
dunklen Sohlen der Seitentäler gerutscht. An manchen Stellen, über denen sich
Häuser in die Talsohlen zu stürzen scheinen, ist das Gelände zu abschüssig, als
daß es sich unter der Hand erfindungsreicher Stadtplaner und Architekten in
Baugründe verwandeln ließe. Gottlob, solche Stellen gibt's. Betreten verboten,
Eltern haften für ihre Kinder.
Ich war drei Jahre alt, als wir innerhalb Barmens umzogen. Die Gernotstraße, es
gab einen Lebensmittelladen und eine Heißmangel, ein paar schnell hochgezogene
Häuser und neben unzerstörten alten Häusern seltsam unordentliche Lücken, wie
fehlende Zähne im Gebiß: Trümmer.
Für mich damals nicht die traurige Hinterlassenschaft einer schwarz-weißen
Vor-Zeit, sondern ein buntes Freilichttheater mit Ballonrollerrennen und
Lederstrümpfen. Ziegel von zerbombten Häusern, die Menschenkadaver begraben
hatten, wurden Bausteine zu dunklen Buden, in denen wir sichtgeschützt
Kastanienblätter aus Weckmannspfeifen zu rauchen versuchten. Ebensolche Ziegel
verwendete mein Vater, der Maurer, um damit am hastigen Wiederaufbau der
Fünfziger Jahre mitzuarbeiten.
Häuser wuchsen drei, vier Stockwerke hoch, nicht in den Himmel: Der graue Putz
hielt sie fest am Boden. Die Baustellen waren die nächsten Spielplätze: Wer vom
zweiten Stock in den Sandhaufen sprang, gehörte zu den Gewinnern des Tages.
"Eltern haften für ihre Kinder" stand auf den Verbotsschildern. Was hieß das
anders, als daß man unsere Eltern verhaften und einsperren würde, sollte man uns
auf der Baustelle erwischen? Das wollten wir nicht. Wir sprangen trotzdem weiter
in den Sandhaufen. Mein Vater, der Maurer, kehrte den von meiner Generation
verstreuten, in alle Richtungen verteilten Sand wieder zu dem ordentlichen
Haufen zusammen, als den er ihn am Vortag bei Feierabend verlassen hatte. An
meinen Händen sah er abends, wo ich trotz angedrohter Elternhaftung gespielt
hatte: Zement macht rauhe Haut.
Als alle Baustellen behaust, bewohnt waren, gab es immer noch den Negerbusch.
Vom Negerbusch hörte ich von dem Moment an, als meine Eltern mich allein auf die
Straße ließen. Während ich mit Gleichaltrigen Trümmerziegel zu Budenwänden
aufschichtete, während wir von der Mitte der Gernotstraße aus Bälle gegen
blecherne Garagentore schossen, daß es dröhnte, während wir Rollerrennen
veranstalteten und dann auch die ersten vorsichtigen Schritte in die von den
Handwerkern endlich verlassenen Baustellen setzten, geisterte der Negerbusch
schon durch meinen winzigen Wortschatz. Lange Zeit war nicht zu klären gewesen,
ob es dort wirkliche, schwarze, nackte Neger gab, in diesem Wildgelände zwischen
Gernot- und Germanenstraße.
Ich fuhr oft mit meinem Ballonroller bis ans Ende unserer Straße, von wo aus ich
das Tal überblicken konnte: Die Schornsteine des Kraftwerkes am Cleff, die
Silhouette der fahrenden, quietschenden Schwebebahn, wenn sie sich vor dem
großen, grün leuchtendem Fenster der Adler-Brauerei abzeichnete, die Zwiebel auf
dem Wupperfelder Kirchturm. Und, direkt zu meinen Füßen, von der Gernotstraße
aus begehbar, das abschüssige Gelände der Kleingartenanlage. Dahinter ragten ein
paar Bäume hoch - und das sei der Negerbusch, wurde mir gesagt. Da die Zäune der
Kleingartenanlage dicht und viel zu hoch waren, gab es von der Gernotstraße aus
nur eine Möglichkeit des Zugangs: man mußte durch die der Germanenstraße
zugewandten Häuser und deren Hinterhöfe schlüpfen. Ich stand da, einen Fuß auf
dem Roller, blickte hinunter und meinte die dumpfen Trommeln zu hören. Ich
traute mich lange nicht dort hin - die größeren Kinder hüteten das Geheimnis,
machten uns Angst, nach dem Muster der Erwachsenen.
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