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Ob wir wollen oder nicht
(Leseprobe aus:
Ob wir wollen oder
nicht, Roman, 2008,
Hoffmann & Campe).
Dass ausgerechnet ich hier sitzen muss, ausgerechnet ich, in diesem Loch mit einem Waschbecken, einer Kloschüssel und kahlen Wänden, Wänden mit Schmierereien, allen voran ein Venceremos mit zehn Ausrufezeichen, und das bei schönstem Wetter, an einem fast hochsommerlichen Herbst morgen, von dem hier drinnen nur ein winziges Viereck zusehen ist, ein wolkenloser Himmelsausschnitt, ausgerechnet heute, an einem Tag, zu dem Regen weit besser passen würde, einem Tag, der an mir hängen bleiben wird wie kein zweiter, weil längst alle wissen, dass ich abgeholt worden bin, zwar anonym, von sogenannten Zivilen, was aber nichts nützt, da den Walter aus dem Nachbardorf jeder kennt und es ihm mehr als peinlich war, ausgerechnet mich zum Mitkommen zwingen zu müssen, mich, von dem jedes Kind weiß, dass ich keinem etwas antun könnte, ausgerechnet ich, der überhaupt keinen Grund hätte, für etwas Vergeltung zu üben, das mir gar nicht angetan wurde. Als könnten diese Beamten nicht auf drei zählen, haben sie mich bloß deshalb festgenommen, weil Lisa und der Pfarrer verschwunden sind und der Maler gesehen haben will, wie ich an diesem Abend aus dem Hof der Wirtschaft gebogen sein soll, was nicht das Geringste bedeutet, weil man mich dort täglich ein- und ausgehen sehen kann, schließlich weiß ja jeder, dass wir etwas miteinander haben, und zwar bereits seit damals, als Bruno noch da war, obwohl Bruno nichts davon bemerkt haben wollte, und sei es, weil er heimlich froh war, entlastet zu sein, was mir zwar nie in den Kopf gehen mochte und ich mir nur sagen konnte, dass es Dinge gibt, die verstehen mag, wer will, Dinge, über die man nur staunen kann und die einem immer fremd bleiben werden. Doch dass ich hier jetzt einsitze, ausgerechnet ich, der nichts getan hat, geht auf keine Kuhhaut, was der Walter genauso sieht, auch wenn er es nicht laut sagen darf, was ihn aber ganz klein werden lässt, als wäre es ihm heute Morgen lieber gewesen, wir würden uns nicht kennen oder wenigstens per Sie miteinander verkehren. Immerhin steckt er, was unsere kleinen Geschäfte anbelangt, mit mir, wenn man so will, unter einer Decke, obwohl diese Geschäfte kaum der Rede wert sind, Geschäfte, die mir nicht viel mehr als eine Geldstrafe einbrächten, ihn jedoch seinen Posten kosten könnten. Und deshalb hätte er diese Fahrt am liebsten einem anderen überlassen, auch um nicht vor mir buckeln und gleichzeitig den Souveränen spielen zu müssen, was Leute wie ihn nur umso erbärmlicher aussehen lässt, Leute, die kein Rückgrat besitzen und sich ständig entschuldigen möchten, anstatt nach außen hin den Schein zu wahren und das Spiel mit Würde mitzuspielen, zumal der andere, der am Steuer saß und wahrscheinlich sein Untergebener war, von unseren Geschichten nichts wissen kann. Allein seinetwegen hätte Walter nicht so kleinlaut auftreten und mir ständig gut zureden dürfen, als wüsste ich nicht selbst, dass das Ganze sich als Missverständnis herausstellen wird, obwohl mir mehr bekannt ist, als ich je zugeben darf, doch das allein kann mich niemals zum Verdächtigen machen, was Ich brauche nur zu erzählen, was an diesem Abend gewesen sei, glaubte er ständig auf mich einreden zu müssen, als könne man sich nicht denken, dass wir entweder zu Abend gegessen oder miteinander geschlafen oder vor dem Fernseher gesessen oder alles zusammen oder Gott weiß was gemacht haben, ohne dass es sich lohnte, darüber auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Genau das gelte es eben zu klären, ich dürfe das nicht falsch verstehen, es sei doch eine Kleinigkeit, darüber Auskunft zu geben, nach einerkurzen Vernehmung sei alles erledigt, außer ich hätte etwas zu verschweigen, was er persönlich nicht im Geringsten glaube, da habe er volles Vertrauen, er habe hier nur seinen Job zu machen, so wie bei jedem anderen auch, da gebe es keine Unterschiede, im Grunde brauche ich keinerlei Angst zu haben, schließlich sei ich in die Sache doch nicht verwickelt, was man aber leider überprüfen müsse, da ich die beiden bestens kenne, so gut wie kein anderer, und an diesem Abend gesehen worden sei, weshalb sich diese Prozedur nicht vermeiden lasse, was jeder halbwegsvernünftige Mensch sicherlich einsehen würde.
Rezension I Buchbestellung I home IV08 LYRIKwelt © Hoffmann und Campe