Meine
Putzfrau
(Leseprobe aus:
Meine
Putzfrau, Roman, 2003, Eichborn - Übertragung Liz Künzli).
Ein erotischer Sommerroman
Ich habe mir eine Putzfrau genommen. Sie trat
eines Tages unversehens in mein Leben, als ich in der Apotheke einen dieser
Papierstreifen mit Telefonnummer abgerissen hatte. Es war der letzte der sechs,
die unter einer Anzeige vorgeschnitten am Schaufenster klebten. Ein kleiner,
vertikaler Streifen aus Papier mit den acht übereinandergereihten Ziffern ihrer
Telefonnummer. Alle anderen, die eventuell mein Interesse hätten erwecken können,
waren bereits weg. So sagte ich mir, es sei höchste Zeit, daß ich einen
Augenblick vor diesem Schaufenster stehenblieb.
Die Anzeige war allgemein gehalten und betraf Putzen und Babysitten. So jemanden
hätte ich natürlich nie als Babysitter genommen, das ist klar. Nicht, daß es
ein richtiger Beruf wäre, das Babysitten, aber trotzdem. Ich konnte mir
schlecht vorstellen, daß man mit dem Staubsauger in der Hand Babys hätschelt.
Ein etwas zweifelhafter Babysitter hingegen, der vielleicht unfähig war, den
Staublappen aus der Hand zu legen, um ein paar Tränen zu verhüten, konnte von
mir aus gerne ein bißchen bei mir saubermachen, ja. Davon werden meine Möbel
keine Kratzer bekommen, sagte ich mir. Und das wird das Kind nicht umbringen,
das ich Constance nicht gemacht habe. Denn das alles war nur wegen Constance.
Ohne sie hätte ich diesen Papierstreifen nie abgerissen. Ich hatte sechs Monate
gewartet. Sechs Monate ohne Saubermachen, sechs Monate ohne Constance. Die Frau,
die unablässig meinen Geist und mein Herz beschäftigt hatte, die ich nur
anzusehen oder an die ich nur zu denken brauchte, damit mein Leben eine Form
besaß. Und darum war es völlig sinnlos, bei mir noch aufzuräumen. Die Ordnung
aufrechtzuerhalten. Staubzusaugen.
Zu Constances Zeiten hatte ich übrigens den Staub gar nicht bemerkt, sie war
es, die mich eines Tages darauf aufmerksam gemacht hat. Mit dem Zeigefinger auf
einer Kommode. Schwer abzustreiten. Na gut, habe ich gesagt. Und habe
staubgesaugt. Immer wieder. Ich haßte es. Constance auch. Wir haßten beide das
Staubsaugen. Wir liebten uns.
Und dann kommt der Tag, wo es zu Ende ist. Wo man nicht mehr an sie denkt. Nicht
mehr auf dieselbe Weise. Es ist eine entrückte Frau jetzt, eine Frau aus der
Vergangenheit, deren Bild langsam, ja. Verblaßt. Und was übrigbleibt, das ist,
ja. Natürlich. Eine Leere. Eine unendlich qualvolle und traurige Leere, aber
doch nur eine Leere. Keine Form, nichts, das weh tut, das sich bewegt und durch
seine Bewegung weh tut, wie ein Körper im Innern eines Körpers, der mit dem
Ellbogen Stöße verabreicht. Nur noch eine Leere, eine Wunde, die sich über
einer Leere schließt. Und man lebt damit. Man findet sich damit ab. Man ist bloß
nicht mehr so stark, nicht mehr so muskulös jetzt. Hat etwas Fett angesetzt um
diese Leere herum. Weil man besser ißt. Mehr. Daher die Krümel in der Küche.
Die man schließlich sogar selber bemerkt. Weil man auf einmal genug hat.
Rezension I Buchbestellung I home III03 LYRIKwelt © Eichborn