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Espenlaub
(Leseprobe aus: Espenlaub, Roman, 2003, Piper)
Sollte Billi später einmal von Lorenz gefragt
werden, auf welche Weise sie Ariel kennengelernt habe, wird sie es mit großer
Wahrscheinlichkeit nicht mehr wissen. Ihre Erinnerungen werden sich ineinander
verschieben, und das Bild, das sie dann vor Augen hat, wird mit der Wirklichkeit
nichts mehr zu tun haben. Jetzt ist das etwas anderes. Billi vergißt nichts,
hat nichts vergessen und bringt auch nichts durcheinander.
Zum erstenmal sieht sie ihn auf dem Markt. Er sitzt in der Sonne am Brunnen, die
Dreifaltigkeitskirche hinter sich, und hat eine Rose in der Hand. Das sieht
ungewöhnlich aus. Billi fällt nicht nur die Rose in der Hand des jungen Mannes
auf, sondern auch sein Haar. Schwarz wie Schuhwichse. Locken wie auf einem
Puppenkopf hängen unordentlich in das weißhäutige Gesicht, aus dem sie Augen,
schwarz wie die Haare, anlächeln. Der Mund, wenn auch etwas schief und mit viel
zu roten Lippen, lächelt ebenfalls. Billi muß an Tomaten denken. Auch die Rose
ist rot. T-Shirt, Hose, Socken und Schuhe sind wiederum schwarz. Um den Hals trägt
er eine froschgrüne Kette, deren Perlen unregelmäßig sind und auf kein
Material schließen lassen.
Billi hat den jungen Mann noch nie in Worms gesehen. Ein Typ wie der wäre ihr
sofort aufgefallen. Hier kennt jeder jeden. Sie weiß nicht, warum, aber sie
bleibt vor ihm stehen und starrt ihn an.
Hast du Rosen gern? fragt er und zeigt Zähne, weiß wie Kreide.
Billi nickt, ohne es zu wollen. Vom Obststand sehen ein paar Frauen neugierig
herüber und grinsen sich vielsagend an.
Hier, sagt der junge Mann mit den Puppenjungenlocken, drückt ihr die Blume in
die Hand, steht auf und geht weg, ohne sich umzusehen. Billi dreht die Rose
zwischen den Fingern, sieht ihm nach und findet seinen Gang affig.
Die zweite Begegnung findet im Buchladen statt. Hier, in der Kämmererstraße,
ist Billi seit dem Abschluß ihrer Buchhändlerlehre angestellt. Es ist noch früh,
gerade erst Ladenöffnungszeit, als der Puppenjungenlockenkopf in der Tür
steht. Eigentlich muß Billi Bücherkartons auspacken, die Bücher auszeichnen
und einsortieren. Für Kundschaft ist um diese Zeit ihre Kollegin und Freundin
Linda zuständig. Als sie zur Tür sieht, steigt ihr leichte Röte ins Gesicht.
Alle können das sehen, die Chefin, Linda und der Puppenjungenlockenkopf. Der
reißt seine schwarzen Augen pflaumengroß auf, staunt und sagt:
Hi Rosenfee, was machst du denn hier?
Billi schluckt, kann nicht antworten und nicht atmen. Wieso nennt er sie
Rosenfee? Weiß er vielleicht, daß sie seine Rose mit der Blüte nach unten mit
Tesafilm an ihren Spiegel im Badezimmer geklebt hat? Unmöglich. Nichts weiß
er, kann gar nichts wissen. Billi bekommt wieder Luft, das Blut fließt zurück,
nur ihre Stimme klingt rissig, als habe sie seit Tagen nichts getrunken.
Kann ich Ihnen behilflich sein? ist alles, was sie herausbringt. Linda, die den
jungen Mann eigentlich bedienen müßte, schnieft hörbar durch die Nase und
grinst.
Wie du willst, sagt sie ein wenig spöttisch, dann mußt du eben später
auspacken, und geht mit wackelndem Po nach hinten. Es sind nur Bruchteile von
Sekunden, aber die reichen dem Puppenjungenlockenkopf, um Lindas Gang
nachzuahmen. Das ist zum Lachen. Nur Billi lacht nicht. Sie fragt auch nicht ein
zweites Mal nach den Wünschen des Kunden. Billi muß, ob sie will oder nicht,
an Lorenz denken. Nein, der würde sich bestimmt nicht so ohne weiteres über
Linda lustig machen, und schon gar nicht würde Lorenz eine Buchhändlerin
duzen, auch wenn er sie schon mal gesehen hat.
Also was ist, sagt der Puppenjungenlockenkopf, hast du Zeit für mich oder
nicht?
Die Frage ist im ganzen Laden zu hören. Die Chefin guckt. Der
Puppenjungenlockenkopf lacht, zeigt seine kreideweißen Zähne und hebt
Schultern und Hände.
Natürlich. Bitte, was kann ich für Sie tun?
Ich suche alte türkische Märchen für Kinder, sagt er.
Billi führt ihn in die Kinderabteilung, zeigt ihm, was da ist, und das ist
nicht viel. Das sind keine alten Märchen, sagt er ungeduldig, die kenn ich
alle.
Billi geht zum Computer, sucht und nennt die Titel, die sie findet. Aber der
Puppenjungenlockenkopf ist nicht zufrieden. Er will historische Märchen, sagt
er, alles andere interessiere ihn nicht.
Ganz dicht steht er hinter ihr. Sie kann ihn riechen, riecht Leim, Farbe und
Terpentin, kann aber auf seinem schwarzen T-Shirt und seiner schwarzen Hose
keine Farbkleckse sehen.
Sind Sie Türke? fragt sie schließlich genervt.
Nein, Jude.
Oh, entschuldigen Sie, entfährt es Billi, und sie merkt, wie sie zum zweitenmal
rot wird.
Wieso entschuldigst du dich, wenn ich dir sage, daß ich Jude bin?
Sie gibt keine Antwort, weiß keine und vertippt sich obendrein im Computer.
Wenn sie weiter suchen wollte, müßte sie wieder von vorn anfangen.
Laß es, sagt er, ich geh ins Antiquariat nach Heidelberg. Vielleicht finde ich
da, was ich suche.
Er hat seine Hand auf ihren Arm gelegt und dreht sie zu sich herum, wie
Erwachsene Kinder zu sich herumdrehen, wenn sie ihnen etwas Wichtiges mitteilen
wollen.
Ich heiße Ariel und wohne in der Judengasse. Wenn du Lust hast, Rosenfee,
kannst du am Samstagnachmittag zusehen, wie ich den Türkenkindern auf dem Platz
vor der Synagoge mit meinen Marionetten Märchen vorspiele.
Mehr sagt er nicht, wartet auch auf keine Antwort, sondern geht ohne Abschied,
als gebe es sie gar nicht. Billi hätte ihm gern etwas nachgerufen, aber es fällt
ihr nichts ein. Sie ist wütend und ärgert sich, daß sie diesen Ariel nicht
lieber ihrer Kollegin überlassen hat. Als sie mit einem Messer die Kartons
aufreißt, schneidet sie sich in den Finger und beschmiert eins der Bücher mit
Blut, und die Chefin sagt: Können Sie nicht aufpassen.
Drei Tage später ist Samstag. Die Sonne scheint, und es ist für den Monat
April zu warm. Wer still im Park sitzt, kann hören, wie die Knospen der
Kastanien schmatzend aufplatzen. Billi sitzt nicht im Park. Sie ist auf dem Weg
in die Judengasse im Norden der Altstadt. Normalerweise kommt sie hier nicht
hin, höchstens mal bis zur Martinspforte. Rechts davon beginnt die Judengasse,
die entlang der Stadtmauer bis zur Friesenspitze führt. Hier wohnen hauptsächlich
Türken, Jugoslawen, Albaner, eben Ausländer, die in den engen, uralten und
einfach renovierten Häusern ihr Unterkommen gefunden haben. Die Straße, mit
Kopfsteinen gepflastert, ist schmal, die Bürgersteige nicht breiter als eine
Armlänge zwingen den Fußgänger, in der Mitte zu gehen. Sonnenlicht gibt es
hier nur am Spätnachmittag. Es riecht, wie es in der ganzen Stadt nicht riecht.
Nach Wäsche, nach fremdartigen Gerichten, nach Gewürzen, Knoblauch,
Katzenscheiße, vor allem aber nach Feuchtigkeit, die im Gemäuer sitzt. So alt
wie die Häuser ist auch der Mief, der die Gasse bis zu den Dächern
durchdringt. In der Mitte der Judengasse steht die Synagoge, die nach dem Krieg
wiederaufgebaut wurde. Mehr weiß Billi nicht über dieses Viertel ihrer Stadt.
Schon von weitem hört sie Kinderlachen. Wie ein Schwall dringt es durch die
Gasse, wird von den Häuserwänden zurückgeworfen und paßt so gar nicht zu dem
Mief, der Billi in der Nase hängt und ihr leichte Übelkeit verursacht. Dem
Lachen folgt Stille, dann eine Stimme, Ariels Stimme, und wieder das Lachen.
Billi will nicht gesehen werden. Sie drückt sich in einen der Hauseingänge,
gerade mal so nah an das Geschehen heran, daß sie Ariel sehen und seine Worte
verstehen kann. Was für ein Bild. Zwanzig, vielleicht dreißig Kinder aller
Altersstufen umringen ihn. Sie sitzen auf Steinen, Kissen und mitgebrachten Fußbänkchen.
Einigen läuft der Rotz von der Nase in den offenen Mund, andere kauen an ihren
Fingernägeln. Wieder andere wirken vor lauter Neugier und Aufmerksamkeit wie
ausgestopft, unbeweglich und stumm, die Gesichter Ariel zugewandt.
Der sitzt auf einer der Treppenstufen vom Sonnenhaus, neben der Synagoge, in den
Händen zwei Marionetten, groß wie Säuglinge. Rechts bewegt er einen finsteren
Piraten, links eine Prinzessin, lieblich und zart, wie man sie sich schöner
nicht vorstellen kann. Sie weint, weil der Pirat sie vom Schiff des Königs
geraubt hat und als Geisel bei sich behält. Der König, so schreit der Pirat über
den Platz hinweg, der das Meer darstellt, soll nicht nur sein Schiff dem Piraten
übergeben, sondern auch sein Reich, sonst würde der König seine Tochter nie
wiedersehen. Der Pirat droht, springt auf und ab und hält der Prinzessin zum
Entsetzen der Kinder eine Pistole an den Kopf.
Nicht schießen, schreit ein kleiner Junge, und Ariel nickt. Hängt den Piraten
an ein dünnes Seil, das er über sich gespannt hat, und nimmt den König von
der Stange, an der eine Figur neben der anderen aufgereiht hängt. Der König
ist alt, hat einen weißen Bart, weiße Haare, auf denen eine goldene Krone
sitzt. Er hebt die Hände zum Mund und ruft zurück, daß der Pirat alles haben
könne, wenn er nur die Prinzessin wieder freilasse.
Ariels Stimme, mit der er eben noch gewaltig und drohend den Piraten sprechen
ließ, ist plötzlich gebrechlich wie die eines alten Mannes. Billi ist
fasziniert, achtet nicht auf ihr Versteck, sieht nur Ariels Hände, die
geschickt und blitzschnell die Fäden bewegen. Sie beugt sich weit vor und hört
wie die Kinder den Worten des Königs zu. Und während der alte Mann mit der
Krone auf dem Kopf fast auf den Knien liegt, auf alles, was er hat, verzichtet,
nur um seine Tochter wieder in die Arme schließen zu können, springt ein Prinz
von der Stange. Er sieht Ariel geradezu lächerlich ähnlich, hat schwarze
Locken, auf denen ein winziges Käppchen sitzt. Auch Ariel hat so eins auf dem
Kopf. Es ist aus weißer Seide und mit silbernen Fäden bestickt. Weder die
Kinder noch Billi zweifeln daran, daß es sich hier um einen Prinzen handelt.
Denn er hat ein Schwert in der Hand, mit dem er den Piraten hinterrücks
erdolcht, und alles ist gut. Die Kinder klatschen und rufen nach mehr.
Da setzt sich Ariel den Prinzen auf die eigene Schulter, läßt ihn zu Billi
sehen und ruft: Hi Rosenfee, da bist du ja, komm her und spiel mit.
Auf einen Ruck drehen sich alle Kinder um und starren sie an. Der Prinz läßt
sein Schwert fallen und winkt ihr zu.
Kommst du? fragt er, und Ariel lacht.
Billi kommt nicht, schüttelt den Kopf und läuft davon, während die Kinder
hinter ihr herschreien, sie soll bleiben, der Prinz wolle es so. Je schneller
sie rennt, um so lauter dröhnt seine Frage in ihren Ohren, obwohl sie schon längst
viel zu weit weg ist. Erst als sie sich auf der Kämmererstraße befindet, hört
der Spuk auf. Sie geht wieder normal und hört weder die Stimme des Prinzen noch
die von Ariel. Sie sieht auf die Uhr. Höchste Zeit für Lorenz. Pünktlich, wie
er ist, wird er schon ungeduldig auf sie warten.
Lorenz ist das ganze Gegenteil von Ariel. Sie weiß selbst nicht so genau, warum
sie die beiden plötzlich miteinander vergleicht. Allein äußerlich haben sie
nichts miteinander gemein. Lorenz ist groß und breitschultrig, Ariel eher klein
und schmal. Die Augen von Lorenz sind blau, seine Haare blond, auch die Wimpern
und Brauen. Wenn er lacht, ist auf seiner linken Wange ein Grübchen zu sehen,
das Billi von Anfang an süß fand, wie sie sagt. Weil Lorenz mehr zur
Ernsthaftigkeit neigt, liebt er Billis Heiterkeit. Dann kann es passieren, daß
er sie plötzlich, egal, wo sie sind, hochhebt und küßt und sagt, sie sei das
Liebste, was es für ihn auf der Welt gebe.
Lorenz ist Tierarzt und assistiert seit einem Jahr dem alten Dr. Seiters, dessen
Praxis er in absehbarer Zeit übernehmen soll.
Billi kennt Lorenz seit der gemeinsamen Tanzstunde. Er war und ist ein
schlechter Tänzer, konnte sich nie die Schritte merken und war dafür bekannt,
den Mädchen auf den Füßen herumzutreten. Besonders schlimm war es, wenn ein
Walzer angesagt war, vom Tango ganz zu schweigen. Bei Damenwahl war er immer der
letzte, der aufgefordert wurde, und meistens entschuldigte er sich schon, bevor
es überhaupt losging.
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