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Hellersdorfer Perle
(Leseprobe aus:
Hellersdorfer Perle,
Roman, 2010,
Eichborn).
1.
Ich wuchtete den Reisekoffer über die Schwelle und zog die
Tür hinter mir zu. Mit dem Gepäck stieg ichdie vier Stockwerke hinab. Draußen
nieselte es. Jeder Atemzug entschwand als weißes Wölkchen in die Berliner
Novembernacht. Ich stellte mich in den fahlen Schein einer Straßenlaterne und
wartete.
Ab in den Urlaub, was?, sagte der Taxifahrer, das machen Sie richtig bei dem
Scheißwetter!
Nach Prenzlauer Berg, sagte ich. Meine Freundin Tina lachte mich überrascht an.
Als sie den Koffer sah, wich die Freude dem Schrecken. Es war Sonntagabend.
Ist was passiert?, sagte Tina.
Kann ich paar Tage bei euch wohnen?, sagte ich.
Komm erst mal rein, sagte sie. In der Küche saß Peter, Tinas Mann. Er stocherte
in einer Salatschüssel. Tina rückte mir einen Stuhl an den Tisch.
Wie findest Du unseren neuen Kaffeeautomaten?, sagte Peter. Er ließ die Gabel in
die Schüssel fallen und sprang zu einem Gerät, das in der Mitte der
Arbeitsfläche stand.
Nicht so laut!, zischte Tina, der Junge schläft!
Toll, sagte ich, schürzte die Lippen und betrachtete den Kaffeeautomaten, über
dessen metallisch glänzendes Gehäuse Peter mit den Fingerspitzen strich.
Das Feinste vom Feinsten, sagte Peter, dieser Billigschrott von Tchibo kommt mir
nicht ins Haus.
Ich bin ausgezogen, sagte ich.
Wie bitte?, sagte Tina. Sie füllte mir ein Rotweinglas.
Ich hab' s nicht mehr ausgehalten, sagte ich.
Habt Ihr Euch gestritten?, sagte Tina. Ihre großen braunen Augen drückten Sorge
aus. Peter nestelte in stummer, liebevoller Versunkenheit am Kaffeeautomaten.
Dann nahm er sich ein Bier aus dem Kühlschrank und verschwand. Ich sah auf die
Küchenuhr. Es war zehn nach acht.
Nicht gestritten, sagte ich, jedenfalls nicht richtig.
Tina legte ihre Hand auf meine und entließ mich nicht aus ihrem Blick. Meine
Freundin wartete auf einen Redeschwall, auf Kurzatmigkeit und Hysterie, auf
lautes Schluchzen und Tränenbäche. Vor fünfzehn Minuten hatte ich Micha
verlassen und vermutlich eine Lebensweiche umgelegt. Aber ich spürte nichts. Ich
fand Worte unpassend. Statt in meine stieg das Wasser in Tinas Augen.
Es hat mich angekotzt, sagte ich, um Tina von ihren Gefühlen abzulenken.
Der Trott?, sagte sie, die verdammte Routine?
Alles, sagte ich, der Mann, unsere Wohnung, mein Leben.
Und Paula?, sagte Tina.
Paula hab ich vorhin ins Bett gebracht, sagte ich, wie immer.
Ach, sagte Tina, und jetzt verlässt du mal schwuppdiwupp Mann und Kind. Sie zog
einen Mundwinkel in die Höhe, als habe sie einen schlechten Witz gehört. Ich
zuckte mit den Schultern.
Was ist denn vorgefallen?, sagte Tina.
Nichts, sagte ich.
Das glaube ich dir nicht, sagte Tina, man trennt sich nicht ohne Grund.
Meine Freundin reckte das Kinn und legte den Kopf schräg.
Das renkt sich wieder ein, sagte sie, ihr habt doch wohl einiges zu verteidigen.
Was denn?, sagte ich.
Die gemeinsamen Jahre, die ganzen Erlebnisse, die Vertrautheit, sagte sie, kann
ja sein, das alles liegt verschüttet unter banalen Alltagsproblemen. Tinas Blick
huschte unruhig auf meinem Gesicht herum.
Verschüttet, sagte ich.
Ja, sagte Tina, eine Beziehung bleibt eben Arbeit.
Wieso willst du meine Beziehung retten?, sagte ich.
Tina suchte meine Augen nach einer Regung ab.Weil es sich lohnt, sagte sie,
Peter und ich ringen täglich um Respekt voreinander.
Ich habe keine Lust auf Respekt, sagte ich.
Sei nicht kindisch, sagte Tina, worauf hast du denn Lust?
Ich musste kichern.
Du darfst jetzt auf keinen Fall alles zerstören, sagte sie.
Dazu hätte ich Lust, sagte ich.
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