Halbschwimmer von Katja Oskamp, 2003, Ammann

Katja Oskamp

Halbschwimmer
(Leseprobe aus: Halbschwimmer, 2003, Ammann)

Vati hat mir beigebracht, mit offenen Augen zu tauchen. Er hat mich überredet. Hab dich nicht so, hat er gesagt, und ich hab mich getraut.
Hier unten ist es trüb, der Boden ist aufgewühlt von den strampelnden Urlaubern. Vati und ich, wir glotzen uns an, machen Fratzen. Ich kann dumpf mein Lachen hören, aber Vati sieht mich bestimmt bloß blubbern. Die Blasen fahren mir aus dem Mund in die Höhe, und wenn ich keine Blasen mehr übrig habe, dann fahre ich selbst hoch und japse an der Oberfläche nach Luft.
Vor dem Strich zwischen Himmel und Meer verbiegen sich Surfer an bunten Dreiecken. Auf dem Festland häufen sich Strandburgen, in denen hausen die Familien. Sonnenschirme! Kühltaschen! Luftmatratzen! Und Kinder in allen Größen! Die machen Lärm! Ferien an der Ostsee!
Vati kommt angeschwommen, wieder mit diesem Blick: er tut so, als ob er so tut, als wenn gar nichts los wär. Ich wechsle die Richtung, nichts wie weg, aber ich kann nicht mehr schwimmen, nur noch hundepaddeln, und dazu muß ich gackern. Ich bin ein einziges Gezappel, komme nur schlecht von der Stelle, werde wohl ewig Halbschwimmer bleiben. Die Oberarme und der Bauch tun weh, wie ein Krampf, ich gackere und zappele und paddle.
In ruhigen, überlegten Zügen kommt Vati auf mich zu und hat noch die Kraft, fortwährend dieses scheinheilige Gesicht zu machen. Ich höre auf zu kämpfen. Aufgeben ist wie eine Erlösung. Jetzt zeigt er seine Zähne, aber es ist kein Lachen. Er beißt sie zusammen wie ein Sprinter über der Ziellinie. Mit der ausgebreiteten Hand drückt er meinen Kopf unter Wasser. Ich sinke, er steigt. Unten sind die Augen zu. Er packt mich am Handgelenk, an der Fessel, wo er mich auch zu fassen kriegt. Ich trete und schlage um mich, ohne Besinnen. Ich entwinde meinen Kopf seinen Händen. Da drückt er mich an der Schulter in die Tiefe; irgendein Teil von mir erwischt er immer. Mein Knie knallt gegen etwas Hartes. Jetzt hört er auf. Nichts wie hoch. Er hat aufgehört! Ich huste, keuche, spucke. Luft! Bis jetzt hat er immer irgendwann aufgehört. Meine Lunge pumpt. Das Herz rast. Er ist neben mir, außer Atem, und meckert wie ein Ziegenbock. Seine Unterlippe blutet. Meine Augen brennen vom Salz. Unsere Zähne schlagen schnell und hart aufeinander; er preßt seine zusammen, ich lasse meine klappern.
Du blutest, sage ich.
Ach was, sagt er und fährt sich mit der Zunge über die Wunde, los, komm raus.
Er dreht sich weg von mir, schüttelt das Wasser aus dem Haarschnitt; die Muskeln wölben seine Oberschenkel, als er durch die Wellen steigt.
Ich übe noch mal, rufe ich. Aber meine Stimme ist zu dünn wegen der ganzen Luft, die rein und raus will.
Unten sind keine Fische, bloß Menschenbeine, die in Zeitlupe im Meeresboden quirlen, und Quallen, die schlaff in jeden Strudel geraten. Die muß ich unbedingt sehen durch den Wasserstaub, diese willenlosen Schleimkörper. Ich halte die Augen aufgerissen, bis die Sandkörner sich mir in die Netzhaut graben und das Salz mich blind macht. Hoch mit mir! Druckausgleich!

Ich wache auf. Das Nachthemd klebt mir auf der Haut, der Schlafsand in den Augen. Ein Quietschen und Knarren, unaufhörlich; das hat mich geweckt, nicht die Hitze, nicht die Sonne. Es ist ganz gleichmäßig, wie das Ticken meines Weckers, im Sekundenabstand. Halb neun. Warum steht die Tür meines Zimmers offen?
Sanft trete ich die Decke ans Fußende, rolle mich langsam an die Kante, nicht plumpsen lassen, ich habe alle Zeit der Welt und Muskeln, die mich halten. Behutsam fange ich mich ab, auf allen vieren auf dem Teppich angekommen.
Das Quietschen und Knarren bleibt, gleich schnell, gleich laut. Die hören nichts. Los geht’s! Hier in der Ferienwohnung haben die Wände Ohren, aber die Wege sind schön kurz. Jede Hand, die ich aufstütze, jedes Knie, das ich nachsetze, trägt mich lautlos aus dem Zimmer. Ich schaue um die Ecke durch die geöffnete Schlafzimmertür. Stop! Das Ehebett ist schon in Sicht!
Die Unterarme mit Bedacht auf den Flurteppich, den Kopf absenken in Bodennähe, dahin, wo ihn niemand erwartet. Nur der Hintern ragt in die Höhe, doch der ist in Sicherheit. Auf meinem durchgebogenen Rücken könnten Kleinkinder ins flache Becken rutschen. Ich verlagere das Gewicht nach vorn, bis der Bauch auf dem Teppich liegt, die Unterarme müssen bleiben, wo sie waren, und quetschen meine Brust. Der Schmerz läßt sich aushalten, er ist mir nicht neu.
Nur Vatis Schulterblätter kann ich sehen. In weißen, wuchernden Wellen wippen ein paar schwarze Büschel, das muß Muttis Kopf sein. Weiter unten ragen zwei spitze Knie aus dem Schaum, im rechten Winkel aufgestellt. Zwei Haifischflossen! Die haben’s auf Vati abgesehen! Die lassen nicht locker! Konzentrier dich, Vati, bündle deine Kräfte! Die keilen dich schon ein! Mit seitlich abgewandtem Kopf schnappst du alle paar Züge an der Oberfläche nach Luft, die Augen zugekniffen, die Wange schief ins Kissen gedrückt, die Härchen zerzaust, verklebt vom Schweiß. Jetzt bloß nicht aus dem Rhythmus kommen! Hundert Meter Kraul, deine stärkste Disziplin! Zieh, Vati, zieh!
Starker Seegang, Gischtkronen aus Daunen. Das Meer peitscht gegen die Schlafzimmerwand. Keine Hände zu sehen, die verkrampft ins Leere greifen, Mutti ist schon ersoffen, nur die beiden Dreiecke stehen gefährlich still, Vati ist der einzige, der es schaffen kann. Er setzt zum Schlußspurt an. Das Quietschen und Knarren wird ein Lärmen und Rasen. Es gibt kein Zurück mehr.
Ich schiebe den Hintern in die Höhe, damit ich zuerst den Kopf in Sicherheit bringen kann. Mir und Vati den gegenseitigen Anblick ersparen. Es war höchste Zeit. Die Kleinkindrutsche wandert los. Nur keine Panik, nichts anstoßen, nichts einreißen; noch ist Vati nicht im Ziel. Rückwärts biege ich in mein Zimmer ein, das ist beschwerlicher, als herauszukommen.
Ich bleibe mit dem Nagel vom kleinen Zeh am Teppich hängen, daß es schlarzt. Stillhalten! Ein Gefühl, als wenn der kleine Zeh bloß die Schwachstelle ist, von der aus sie mir die ganze Haut abstreifen, über beide Ohren. Drüben haben sie nichts davon gehört, und wenn, kann Vati es höchstens als Ansporn nehmen. Sachte hebe ich mich über die Kante auf das Bett. Drei nach halb neun. Ich bin gerettet; ich bin erschöpft.
Ich ziehe die Bettdecke über mich, bis über den Kopf. Einen kleinen Spalt zum Atmen lasse ich, und zum Lauschen. Das Quietschen und Knarren stockt, der Rhythmus ist verlorengegangen. Ruhe. Ende. Aus. Kein Ton mehr, kein Hauch. Die sagen nichts. Kein Wort. Nichts.
Vati räuspert sich. Es quietscht einmal, es knarrt einmal. Jetzt steht er auf. Ich kann die Augen nicht mehr schließen.

Sie liegt neben mir in der Strandburg, aalglatt, bis auf ein Knie, das sie leicht angewinkelt hat. Das Gesicht ist von einer Zeitschrift abgedeckt. Mutti ist gleichmäßig braun, von Hals bis Fuß, nur die Brustwarzen, der Bauchnabel, das schwarze Schamhaar unterbrechen den Fluß. Mutti will noch brauner werden, immer noch brauner. Sie schmiert sich mit Sonnenöl ein, mehrmals während eines Urlaubstages. Das macht die Haut glänzend, fast golden.
Ich sitze mit angezogenen Beinen und krummem Rücken, auf dem trocken die Hitze liegt. Sonnenbrand habe ich, fange an, mich zu schälen.
Mit dem Fingernagel kratze ich ein Bläschen auf, unten am Schienbein. Wenn sich die milchgraue Haut löst, nehme ich den Daumennagel dazu und ziehe vorsichtig an dem Fetzchen, bis es fransig abreißt. Dann kratze ich das nächste Bläschen auf. Am Schienbein gibt es schnell keine Stellen mehr, die etwas hergeben. Die Grenzen sind erreicht. Sie machen keinen Halt vor Poren, Leberflecken, kleinen Narben.
Ich wende mich der Schulter zu, die ist ergiebiger. Ich ziehe größere Fetzen ab. Sie sind alles andere als glatt; ein unendliches Muster ist jedem Stück Haut eingeprägt, ein wirres Netz aus tausend Linien. Jede Schicht, von der ich mich erlöse, trägt dieselben Spuren, da kann ich mich häuten, so oft ich will. Wie Pergament lasse ich die Fetzen im Seewind flattern, bevor meine Fingerkuppen sie freigeben und sie davonfliegen. Sie verfangen sich in den Gipfeln der Strandburg und verkleben mit dem Zuckersand; nur wenige schaffen es, darüber hinauszukommen. Ich möchte Riesenfetzen abziehen, richtige Fladen sollen es sein, so wie andere Menschen Kaugummiblasen machen. Die allergrößten geben, wenn ich ganz behutsam bin, ein Geräusch von sich, das klingt so schön wie Pelle von der Salami ziehen, nur viel leiser.
Auch an der Schulter finde ich nichts mehr, was sich schon lösen ließe; ich muß geduldig sein. Den Rücken erreiche ich nicht, sosehr ich mich auch verrenke. Er juckt. Er juckt von loser Haut, die entfernt werden will, ich weiß es, ich sehe sie vor mir, aber ich komme nicht ran.
Hör auf zu pulen, sagt Mutti.
Schäl mir den Rücken, sage ich.
Sie streicht zweimal halbherzig mit der Handfläche darüber und kratzt mich aus Versehen, mit einem spitzen Fingernagel oder einem ihrer Ringe.
Blutet es, sage ich.
So wirst du nie braun, sagt sie und deckt ihr Gesicht wieder mit der Zeitschrift zu. Mit gekreuzten Armen kralle ich meine Hände in die Schultern. Mach mir die alte Haut ab, die tote, mach sie endlich ab!
Wenn das Wasser verdunstet ist, bleibt weißer Salzstaub auf der Haut übrig, bildet Spuren wie rissige Erde. Den lecke ich mir vom Oberarm wie eine Ziege.
Mutti steht auf. Sie geht nicht gern ins Wasser. Nur einmal am Tag, dann muß es sein. Flüchtig titscht sie in die Ostsee ein, spreizt die Hände. Ein paar hektische Schwimmzüge mit gestrecktem Hals und wippenden Haarbüscheln, die sollen nicht naß werden; schon ist sie wieder draußen. Sie tupft das Gesicht mit dem Handtuch ab, alles andere muß luftrocknen, damit das goldene Kunstwerk nicht beschädigt wird.
Schmier dich ein und zieh endlich den Badeanzug aus, hab dich nicht so, sagt Mutti.
Ich gehe ins Wasser.

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